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• The Secrets of Wudang Boxing • The Secrets of Wudang Boxing.
Erst die schlechte Nachricht: ein großer Teil der hier enthaltenen Informationen ist schon in Patrick McCarthys Bubishi enthalten, wo sich schon ein Kapitel mit den „Geheimnissen des Wudang-Boxens“ beschäftigt; allerdings streng im Zusammenhang mit dem Bubishi und in gekürzter Form. Die gute Nachricht ist, daß hier einige für die eigene Vitalpunktforschung sehr hilfreichen Informationen enthalten sind, wovon die wichtigste nicht im Bubishi erscheint: der Autor Jin Yiming gibt in seiner Analyse Beispiele dafür, daß Vitalpunkttechniken im Zusammenhang mit den Zeitintervallen (Shichen) wahrscheinlich jeglicher Grundlage entbehren. Dieser wichtige Hinweis, der im folgenden auch beschrieben werden soll, bedeutet, daß es nach Jin Yimings Analyse zwar historische Quellen gibt, die einen Zusammenhang zwischen den Vitalpunkten und den Zeitintervallen (Shichen) herzustellen versuchen, daß es aber keine Hinweise auf eine Wirkung außerhalb allgemeinbekannter und medizinisch nachgewiesener Körperfunktionen gibt. Dazu später mehr.
Das Anwendungsgebiet der „Vitalpunkttreffer“ ist es, die Kommunikationswege im Körper zu „schließen“, indem deren Transportfunktion gestört wird. Diese Kommunikationswege sind im allgemeinen Nerven, Blutbahnen, Luftwege der Atmung und die Verbindungen dieser mit und zwischen den Organen. Daraus geht hervor, daß auch die Sinne dazuzuzählen sind.
Der menschliche Körper wird bestehend aus „Kopf, Glieder, die fünf Zang- und sechs Fu-Organe“ beschrieben. Damit ist der Körper genauso wie wir ihn sehen beschrieben. Der „Kopf“ ist Träger des Gehirns; über die Nerven geschieht die Steuerung des gesamten Körpers; er enthält wichtige Sinne wie Hören und Sehen. „Glieder“ sind Arme und Beine mit ihren Knochen, Muskeln, Sehnen, Tastsinn usw. Die „fünf Zang- und sechs Fu-Organe“ sind die Organe wie Herz, Leber, Nieren, Lunge usw. sowie die Eingeweide. Dies kann eigentlich als Torso interpretiert werden. „Der Körper ist durch Sehnen und Kollaterales verbunden“. Das bedeutet, das neben den Sehnen alle anderen zur Verbindung bedeutsamen Körperteile mitgezählt werden, und deshalb ist damit gemeint: Sehnen, Muskeln, Bänder, Gelenke und Knochen. Dieses sind „von Arterien und Venen durchzogen. Sind Sehnen, Muskeln und Bänder usw. verletzt, kann sich der Mensch nicht mehr richtig bewegen.“ Natürlich, bei gerissenen Bändern oder Muskeln, bei gebrochenen Knochen ist der Mensch in seiner Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt, und dies abhängig von der Schwere der Verletzung. Ich hatte schon einmal das Schlüsselbein gebrochen; da ging gar nichts mehr.
„...wenn der Blutkreislauf – Herz, Arterien oder Venen – seine Aufgabe nicht mehr erfüllt, wird er (der Mensch) das Bewußtsein verlieren.“ Auch dies ist einleuchtend; gelangt kein Blut mehr in das Gehirn, wird der Mensch ohnmächtig. Schlägt das Herz nicht mehr wird er ohnmächtig und stirbt.
Jin Yiming’s Aussage, „Ich verstehe jedoch nicht vollständig, welche Punkte lähmen und welche Punkte auf das Atmungssystem wirken,“ zeigt neben der Gesamterscheinung des Werkes, daß es sich hierbei mehr um eine Untersuchung als um eine Anleitung handelt; es handelt sich weniger um Feststellungen als um eine Zusammenstellung und Analyse der ihm zur Verfügung gestandenen Quellen. Daß die üblichen Diagramme eingefügt sind - Vitalpunkte in Zusammenhang mit den Zeitintervallen (Shichen) usw. -, liegt nur daran, daß sie für Jin Yiming’s Analyse mit herangezogen werden mußten, da sie als Bestandteil der Vitalpunktlehre der Meister angesehen wurde. Diesbezüglich weise ich jedoch auf einen offensichtlichen Hauptgrund von Jin Yiming’s Analyse hin, daß „Vitalpunkttreffer in Verbindung mit den Shizhen völlig absurd“ sein könnten. So schreibt Jin Yiming: „Meister He Yushan erklärte seinem Schüler Wang Shaozuo, daß Vitalpunkttreffer in Verbindung mit den Shizhen völlig absurd seien. In alten Zeiten erweckten erfahrene Meister oft bewußt den Eindruck, als seien ihre Fähigkeiten von Geheimnissen umwoben. Der Grund dafür war Sicherheit, da sie nur daran interessiert waren, ihr eigenes Können zu kultivieren, und niemand anderes ihre Geheimnisse erfahren sollte. Deshalb wurden viele Menschen von ihnen getäuscht.“ Dies ist die Aussage eines fachlich kompetenten Zeitzeugen. Es ist nicht anzuzweifeln, daß Meister He Yushan damit seinem Schüler Wang Shaozuo eine wichtige Information offenbarte, nämlich weshalb die Vitalpunkttheorie in Zusammenhang mit den Zeitintervallen (Shichen) erfunden worden sein mag und auch, wie eine Form der vielbeschriebenen Geheimhaltung der Kampfkünste praktisch aussah: Es wurde ein System gewählt, welches unmöglich erfolgreich studiert werden konnte. Möglicherweise wurde dieses System ja tatsächlich einst von irgendjemandem „erfunden“ oder erdacht, und sicher glaubte der eine oder andere an seine Wirksamkeit, und versucht dessen Geheimnisse zu ergründen. Die Shichen-Theorie hängt mit den chinesischen Tierkreiszeichen zusammen. Ich selbst glaube noch nicht mal an Horoskope, weder westliche noch östliche, obwohl ich natürlich auch gern mal reingucke und auch besonders stolz darauf bin, eine Feuerpferd (1966) zu sein. Aber auf gar keinen Fall würde ich in irgendeiner Form meine Handlungsweise danach ausrichten.
Die Leute wurden mit diesen Theorien und Wundergeschichten „auf eine falsche Fährte gelockt“, die beim Studium nur in einem enden konnte: Unverständnis und Frustration. Eine solche Anwendungsweise von Vitalpunkttechniken ist völlig unpraktikabel und führte dazu, daß die Menschen sich nicht mit den häufig eigentlich offensichtlichen Vitalpunkttechniken auseinandersetzten, sondern sich in eine komplizierte Theorie verstrickten, deren mutmaßlicher Erfolg in der Anwendung mehr als nur fragwürdig ist. Desweiteren führte dies natürlich zu einer Mystifizierung der Fähigkeiten der „alten Meister“, was ihnen im Volke eine besondere Stellung ermöglichte.
Einige Textauszüge sollen weiter zeigen, daß die Vitalpunkttechniken wenig geheimnisvoll oder verwunderlich sind.
- „Um den Fluß des Blutes und die Vitalpunkte besser zu verstehen , stelle Dir das Blut als fließendes Wasser vor und die Vitalpunkte als dessen Quelle oder Ursprung. Ohne Hinderung ist der Fluß leicht und frei. Ist er jedoch gehemmt, ergibt sich daraus eine Stockung.“ Ist doch klar, oder? - „Wird ein Vitalpunkt getroffen, fühlt sich dies an wie der Stich eines Skorpions oder der Biß einer Schlange: die Wirkung ist unmittelbar.“ - „Werden die Vitalpunkte des vorderen Konzeptionsgefäßes oder des hinteren Leitergefäßes getroffen, tritt der Effekt mit sofortiger Wirkung ein.“ Dies sind die im „Geheimnisse des Wudang-Boxens“ angeführten „zeitunabhängigen Vitalpunkte“, die sich auf die Meridiane beziehen. Die beiden genannten Meridiane verlaufen komplett um die Symmetrielinie des Körpers, auch wenn in Abb. 15 das Gesicht und in Abb. 16der Po ausgespart ist. Die Vitalpunkte auf der Symmetrielinie des Körpers sind immer gefährdet, wie auch Dr. Tamesue 1999 in Nara-ken erklärte, auch ohne einen Zusammenhang zu einem Meridian. Gehen wir der Einfachheit halber deshalb von der Symmetrieachse des Köpers aus, ohne dabei einen bestimmten Meridian und dessen Punkte zu berücksichtigen. Da haben wir dann z.B.: Stirn, Nase, Mund, Kinn, Kehlkopf, Luftröhre, Brustbein, Solarplexus, Blase, Geschlechtsteile, das gesamte Rückgrat von Lenden- über Brust- bis zur Halswirbelsäule sowie der Hinterkopf. Die vitale Bedeutung und damit die potentielle Gefahr durch äußere Krafteinwirkung bezüglich dieser Stellen zu beschreiben, ist, denke ich, überflüssig. Ich möchte bezweifeln, daß auf den Meridianen auch nur eine gefährlichere Stelle liegt als die hier angeführten. - „Ich weiß, daß ein Mann durch einen leichten Schlag auf eine Vitalpunkt betäubt werden kann. Ein schwerer Schlag kann tödlich sein.“ Auch dies ist nicht weiter geheimnisvoll und erklärt sich aus der Anatomie. Die verkomplizierte chinesische Vitalpunktlehre verschleiert die Einfachheit dieser Tatsache. - „Ich habe meine Finger jahrelang abgehärtet, sie aber nur selten benutzt. Meine eigene Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, daß Vitalpunkttreffer am Kopf einen Mann labil (instabil) machen; Treffer an der Kehle können paralysieren; Treffer auf den Oberkörper beeinträchtigen die Atmung, was zu Husten führt; und Treffer auf dem unteren Teil des Körpers verletzten die Taille, was ein kribbelndes Gefühl hervorruft.“ Welch großartige Erfahrung! Vitalpunkttreffer am Kopf machen einen Mann labil; jeder Boxer denkt beim Training an nichts anderes als seinen Gegner mit einem anständigen Kinnhaken „labil“ zu machen. Treffer an der Kehle können paralysieren; wenn man nicht mehr Atmen kann, treten weniger wichtige Probleme schnell in den Hintergrund. Auch schön: „Treffer auf den Oberkörper beeinträchtigen die Atmung“ und „Treffer auf dem unteren Teil des Körpers verletzten die Taille.“ - „Huang Baijia jedoch war ein Mann, der diese Wissenschaft kultivierte, obwohl dies nur begrenzt möglich ist.“ Nur begrenzt möglich bedeutet, daß diese zur eigenständigen Wissenschaft erkorene Kombination von Vitalpunkten, den mit den chinesischen Tierkreiszeichen zusammenhängenden System der Zeitintervalle (Shichen) und dem Blutkreislauf nicht wirksam erlernt werden kann, selbst wenn etwas wahres dran sein sollte. Die Einflußgrößen sind zu vielfältig bezüglich der Variablen Blutkreislauf und Zeitintervall (Shichen).
Vitalpunkttechniken Die 36 hauptsächlichen Vitalpunkte sind wie folgt angeordnet: 22 auf der Körpervorderseite, 14 auf der Körperrückseite. Der Überlieferung nach lernte Zhang Sanfeng (13. Jahrhundert) seine Kenntnisse über Vitalpunkttechniken bei dem Taoisten Feng Yiyuan. Dessen 36 Vitalpunkte setzten sich zusammen aus 1. tödliche, 2. lähmende, 3. die Nervenbahnen unterbrechende Punkte sowie 4. Atmungspunkte. Huang Baijia fügte diesen Kategorien noch eine 5. hinzu, die „gefürchteten“ Harnpunkte[1]. Der Chinese Wang, genannt die „Adlerklaue“, lernte später von Zhang Sanfeng, entwickelte dessen System weiter und soll auf diese Weise in seinem Repertoire schließlich 108 Schlag- und Grifftechniken gekannt haben, die den 108 Vitalpunkten der menschlichen Anatomie entsprachen. Jin Yiming beriet sich bezüglich der Überlieferung von Vitalpunkttechniken mit einem Meister des chinesischen Boxens: „Ich ließ mich von Meister He Fengming zu Vitalpunkttreffern beraten. Er sagte, daß er schon seit vielen Jahren nichts mehr von Vitalpunkttreffern gehört habe, doch einst einem Mann namens ‚Adlerklaue Wang’ kannte.“ Nach dem Boxeraufstand im Jahre 1900 und dem Niedergang der Qing-Dynastie 1911 war das chinesische Boxen wahrscheinlich in einer großen Krise. Doch auch in den Zeiten davor scheint es laut der oben gemachten Aussage unwahrscheinlich, daß tatsächlich ein großer Teil der chinesischen Boxer eine umfangreiche Theorie über Vitalpunkte lernte und verstand. Dies wird dadurch angezeigt, daß der erwähnte „Adlerklaue Wang“ bei Zhang Sanfeng lernte, also etwa im 13. Jahrhundert gelebt haben muß. Eher ist anzunehmen, daß die chinesischen Boxer im allgemeinen die üblichen bekannten, schmerzhaften und verletzungsträchtigen Stellen kannten und nutzten.
Die Vitalpunkttheorie der Kampfkünstler ist eine eigenständige Kategorie, die zwar ähnliche Grundlagen wie die chinesische Medizin hat, sich jedoch an ihrem völlig anderen kämpferischen Ziel orientiert. Dieses Ziel brachte auch den Zwang der berühmt-berüchtigten Geheimhaltung mit sich. Vitalpunkttreffer sind laut dem Text nie zum unabhängigen Gebrauch gedacht gewesen, sondern standen ausschließlich in Verbindung mit den chinesischen Boxstilen. Zum erfolgreichen Einbau der Vitalpunkttheorie in das chinesische Boxen mußte man bereits ein erfahrener Meister sein, und „Die meisten bekannten chinesischen Boxer legten keinen besonderen Nachdruck auf das Erlernen der Vitalpunkttreffer. Deshalb wurde diese Überlieferung vor langer Zeit immer unklarer und undeutlicher.“ Dies ist etwas schwer zu verstehen, dachten wir doch immer, daß gerade die chinesischen Meister sich besonders gut darin auskannten. Dies jedoch klingt so, als ob die meisten dazu nicht in der Lage gewesen wären.
Angriffstechniken für Vitalpunkttreffer sind: Schläge/Stöße auf Vitalpunkte mit der „Ein-Finger“- oder „Zwei-Finger“-Technik, dem Knie, Ellenbogen, der Handfläche etc. (Greifen). An anderer Stelle im Text wurde auch die Fünf-Finger-Technik erwähnt. Dazu kommen noch die fünf erwähnten Arten der Vitalpunkttechniken: 1. „Hackschlag“ (mit der Seite der Handfläche), 2. Stoßen (mit den Fingern), 3. „Klatschen“ (mit der Handfläche), 4. Schlagen/Stoßen (mit der Hand/Faust) und 5. Ergreifen (mit den Fingern greifen). An anderer Stelle werden noch Reiben und Drücken genannt. Nach allem gesagten sollte man sich diese Angriffsmethoden nicht zu starr und formell denken. Das Ergreifen einer vitalen Stelle bspw. kann drücken, drehen, reißen, kneifen usw., sowie Kombinationen daraus beinhalten. Alles in allem kann man sagen, daß prinzipiell jede Waffe des Körpers für einen Angriff auf vitale Gebiete denkbar ist. Vitalpunkttreffer mit den Fingern erfordern eine große Kraft. Bei Vitalpunkttechniken mit Knie, Ellenbogen oder Handfläche etc. ist keine übertriebene Kraft nötig.
Die auf den Meridianen beruhende, berühmte Theorie der Wirksamkeit einer Technik an einer gänzlich anderer Stelle findet in diesem Buche keine herausragende Erwähnung, außer vielleicht: „Die 36 Vitalpunkte beziehen sich auf 36 entsprechende Lokationen.“ Doch fährt der Autor sogleich fort und stellt klar: „Obwohl ich keine detaillierte Kenntnis dieser Kunst besitze, denke ich, daß dies im allgemeinen Stellen sind, an denen Hauptmeridiane zusammenlaufen oder sich nähern.“ Obwohl er, wie an anderer Stelle beschrieben, Erfahrungen mit Vitalpunkttechniken hatte, scheint ihm die „Theorie der Wirkung eines Vitalpunkttreffers an einer anderen Stelle“ nur vom Hörensagen bekannt, und wird von ihm zu der Vermutung ausformuliert, daß es sich dabei um Annährungs- oder Kreuzungspunkte von Hauptmeridianen handelt. Bestätigt wird dies jedoch nicht.
Bei den im Text beschriebenen Experimenten mit Tieren wurden Vitalpunkte attackiert, die denen des Menschen entsprechen. Dies ist dadurch erklärlich, daß natürlich auch die Säugetiere übereinstimmende Körperteile mit dem Menschen besitzen, wie Lunge, Herz, Gehirn, Leber, Nieren usw., und somit auch eine weitgehend übereinstimmende Wirkung bei ihrer „negativen Stimulation“.
Jin Yiming nennt drei Voraussetzung für die erfolgreiche Anwendung von Vitalpunkttechniken: 1. die Konditionierung der Finger, 2. die exakte Kenntnis der Position des Punktes, und 3. die Beachtung der Einzelheiten des Blutkreislaufs.
1. Die Konditionierung der Finger
Zur Konditionierung mit der Fünf-Finger-Methode wird die Vorbereitungsübung „Des Gelben Drachen eindringenden Klauen“ empfohlen. Die Vorgehensweise dazu wird wie folgt beschrieben: „Vor dem eigentlichen Training konzentriert man sich voll auf seine Fingerspitzen, die langsam vor- und zurückbewegt werden, während man 36 mal greift und stößt.“ Man stößt also 36 nach vorne und greift 36 mit Heranziehen der Finger zu. Das eigentliche Abhärtungstraining beginnt man, indem man „die Finger mäßig in einen mit grünen Bohnen und schwarzen Sojabohnen gefüllten Kessel stößt.“ Mit steigender Übung und Abhärtung „erhöht man Geschwindigkeit und Intensität der Fingerstöße.“ Es wird ein dreimaliges Training pro Tag empfohlen, was jedesmal bis zur Erschöpfung vollführt wird, oder besser gesagt solange, wie die Finger dies mitmachen. Nach dieser alten chinesischen Anleitung stärkt dieses Training nicht nur die Finger, sondern die ganze Hand, und weiters auch die gesamte Muskelkraft. Dieses Training scheint trotz vollständiger Konditionierung auch nicht unbedingt zu den gefürchteten Verkrüppelungen und zur Einbuße der Fingerbeweglichkeit geführt zu haben: „Werden die Finger nicht benutzt, sehen sie aus wie die eines jeden anderen: doch wenn sie eingesetzt werden, können sie ein Loch in den Bauch eines Ochsen stechen, oder gar Holz oder Stein zerbrechen.“
„Adlerklaue Wang“ führte eine weitere Innovation in das Abhärtungstraining ein: „Er begann damit, seine Finger in Bohnen zu stoßen. Später wurden kleine runde Steine aus dem Fluß den Bohnen beigemischt. Nachdem er lange Zeit auf diese Weise geübt hatte, wurden seine Haut, Muskeln, Adern und die umliegenden Partien gewaltig konditioniert. Wang weichte seine Hände (vor dem Training) in einem besonderen Gebräu ein, welches in einem Eisentopf zubereitet wurde; dazu wurden fünf Paar Adlerklauen und 14 medizinische Kräuter bzw. Bestandteile (darunter Elefantenhaut und Fischgräten) zusammen in Ingwerbier gebraten. Das Gebräu wurde dann mit 7 jin gereiftem Essig und 7 jin Flußwasser gemischt und einen Monat ziehengelassen.“ Ob Wangs Spitzname von seinen Grifftechniken herstammte, ob er ihn wegen der in dem Gebräu verwendeten fünf Paar Adlerklauen zukam, oder die Adlerklauen im Gebräu eben seine „adlerklauenmäßigen Grifftechniken“ zu vitalen Gebieten verbesserten, bleibt wohl sein Geheimnis.
Auch Wang nutzte die Übung „Des Gelben Drachen eindringende Klauen“: „Bevor die Hände in die Bohnen-Stein-Mischung gestoßen werden, sollen sie mittels der Übung ‚Des Gelben Drachen eindringende Klauen’ vorbereitet werden. Strecke und beuge die Finger langsam, bevor du sie in den eisernen Kessel über dem Feuer legst. Laß die Hände so lange in dem Gebräu aus medizinischen Kräutern ziehen, bis das Gebräu zu heiß wird. Laß die Hände dann an der Luft trocknen. Wische die Medizin nicht ab bevor du damit beginnst, deine Finger in die Bohnen und Steine zu stoßen.“ Das heißt, das die Medizin während der eigentlichen Abhärtung draufbleibt. Ich kann mir gut vorstellen, daß dieses gleichzeitig als Schutzfilm oder eine Art „Schutzhandschuh“ funktionierte, der die Finger vor mechanischer Verletzung schützte. Es werden zwei Methoden des Fingertrainings mittels dem Bohnen- und Steinekesseltraining genannt: 1. Training aller fünf Finger gleichzeitig und 2. nur Zeige- und Mittelfinger.
2. die exakte Kenntnis der Position des Punktes Dieser Voraussetzung bedarf der geringsten oder gar keiner Erklärung, denn es ist klar, daß für eine angestrebte Wirkung der entsprechende Vitalpunkt getroffen werden und dazu die entsprechende Lokation bekannt sein muß. Wie schwierig es ist, in einer tatsächlichen Auseinandersetzung auch den anvisierten Punkt zu treffen, ist eine andere Geschichte. Die Anzahl der vorhandenen Haupt-Vitalpunkte (36) zeigt jedoch, daß ein erfolgreicher Treffer an einer anderen Position – wenn das anvisierte Ziel verfehlt wird – auch wahrscheinlich ist. Dies gilt besonders dann, wenn wir gar von 108 Vitalpunkten ausgehen.
3. die Beachtung der Einzelheiten des Blutkreislaufs
Der Blutkreislauf wird in diesem Buch immer als wichtiges Angriffsziel von vitaler Bedeutung genannt und hervorgehoben. „Andererseits konnte Wang durch Manipulation dieser Vitalpunkte auch Opfer wiederbeleben, deren Vitalpunkte verletzt worden waren. Diese Methode basiert auf der Behandlung der Bahnen verschiedener Vitalpunkte, an denen die Blutzirkulation unterbrochen war. Den Körper wieder in den Normalzustand zurückzuversetzen, bedeutete, die Zirkulation an den Punkten wieder anzuregen, wo der Blutfluß herstammt. Daher also den Blutkreislauf so anzuregen, daß das Blut wieder durch die vormals unterbrochenen Bahnen fließt.“
Vitalpunkte, die mit dem Kreislauf zusammenhängen, wie Halsschlagader oder innerer Oberschenkel, brauchen nicht erklärt zu werden. An deren erfolgreicher Anwendbarkeit besteht kein Zweifel. Zweifel bestehen jedoch bezüglich der Vitalpunkte in ihrem gleichzeitigen Zusammenhang mit der „Blutfluß-Theorie“, also dem Blutkreislauf im Zusammenhang mit den Zeitintervallen (Shichen). Jin Yiming schrieb: „Es ist inkonsequent, Vitalpunkttechniken an Stellen (und zu Zeiten) anzubringen, an denen der Blutfluß nicht ausgeprägt ist.“ Da die gleichzeitige Beachtung von Vitalpunkt, Blutkreislauf und Zeitintervall (Shichen) aber unüberwindbar komplex wäre, „ist diese Methode unflexibel.“ Jin Yiming stellt fest, daß diese unüberwindbare und nicht praktikable Komplexität darin begründet liegt, daß 1. das Kreislaufsystem von den anatomischen Ausprägungen des Einzelnen abhängt, 2. der Kreislauf nicht von bestimmten Zeitintervalle geregelt wird (damit weist er im Prinzip die „Blufluß-Theorie“ zurück), 3. bestimmte äußere Kräfte den Blutkreislauf beeinflussen; wobei dieser Einfluß abhängig von der jeweiligen Kraft variiert, und 4. der Kreislauf vom Zustand der Ruhe oder der Aktivität abhängt. Seine Erkenntnisse begründet er damit, daß der „größte Teil der wissenschaftlichen Literatur über die Physiologie ... sich mit den Details der Blutzirkulation“ beschäftigt. Er hat also die Vitalpunktlehren der alten Kampfkunstmeister mit den Aussagen der dazumal gängigen medizinischen Literatur abgeglichen.
Aus diesem allen und einer weiteren praktischen Betrachtung des Kreislaufs (siehe „Zeiten für den Angriff auf Vitalpunkte“) leitet er wie oben unter 2. beschrieben ab, daß der Kreislauf nicht von bestimmten Zeitintervallen geregelt wird:
„... Entsprechend dieser Tatsachen können wir feststellen, das der Blutfluß nicht in 12 gleich lange Zeitintervalle (Shichen) eingeteilt werden kann und daß es nicht gemäß einer bestimmten Zeitzone durch die 12 Kanäle fließt,“ und endet mit der Feststellung; „Man kann wichtige Vitalpunkte zu jeder Zeit drücken oder stoßen. Deshalb wird diese Methode nicht durch eine bestimmten Zeitpunkt oder Lokation beschränkt.“
An anderer Stelle schreibt er: „Werden die Vitalpunkte in Verbindung mit der ‚Blut-Fluß-Theorie’ angegriffen, kann die Traumatisierung eines kleinen Vitalpunktes die Gesundheit eines Menschen schädigen, und die Verletzung eines großen Vitalpunktes wird ihn töten.“ Diese Beschreibung ist jedoch lediglich eine Darstellung der unbestätigten und in dieser Arbeit untersuchten Theorie der Wirkung der Vitalpunkte im Zusammenhang mit den Zeitintervallen (Shichen). Da sie keine eindeutig abgegrenzte, abschließende Beurteilung erfährt, muß davon ausgegangen werden, daß diese Theorie keine Bestätigung fand, und der Autor wahrscheinlich weitergeforscht hat, um dieses Rätsel zu lösen. Denn eine diesem Gebiet immanente Problematik ist Grundlage für den Mythos, der mehr zu Frustration als zu ernsthaftem Studium führen muß: Die Methoden sind so kompliziert, daß eine Meisterung nur denen vorbehalten ist, welche diese Methoden sorgfältigst studieren. Dies bedeutet, daß man selber Schuld ist, wenn man Theorie und Umsetzung der Vitalpunkttechniken in Zusammenhang mit den Zeitintervallen nicht versteht und dies nur durch weiteres Studium erreichen kann. Zu welchem Schluß er dann endlich gekommen ist, ist nicht bekannt. Doch nehme ich an, daß er zum selben Schluß kam wie Meister He Yushan, der seinem Schüler Wang Shaozuo – der mit dem Autor dieses Buches diese Problematik diskutierte - einst erzählte, daß „Vitalpunkttreffer in Verbindung mit den Shizhen (Zeitintervalle) völlig absurd“ seien und die alten Meister diese lediglich erfanden, um die Menschen damit an der Nase herumzuführen und ihre eigentliche, in Wirklichkeit viel offensichtlichere Kunst, geheim zu halten. Somit beruht in diesem Zusammenhang die Geheimhaltung in der Verschleierung des Offensichtlichen.
Die im Text erwähnte und auch aus dem Bubishi bekannte „Blutfluß-Theorie“ ist nichts anderes als der Versuch, eine Verbindung zwischen dem mit den chinesischen Tierkreiszeichen zusammenhängenden System der Zeitintervalle (Shichen) und dem Blutkreislauf des Menschen herzustellen. Diesem mutmaßliche Zusammenhang zwischen Zeitintervall und Blutkreislauf – eine Art chinesischer Biorythmus – wird in der Vitalpunkttheorie eine besondere Rolle zugemessen. Die verschiedenen Einflußgrößen auf Zeitintervall und Blutkreislauf sind jedoch so vielfältig, daß man sie als Variable bezeichnen muß. Entsprechend ist die „Berechnung“ eines Vitalpunktes mit Hilfe dieser zwei Variablen (Zeitintervall und Blutkreislauf) praktisch eine Rechnung mit zwei Unbekannten.
Meister Wang Shaozuos Worte enthüllen, das die „Alten“ den Menschen mit ihrer geheimnisvollen Theorie über die Verbindung der Vitalpunkte mit Zeitintervallen (Shichen) und Blutfluß (Kreislauf) etwas vorgemacht haben. Dies unterstreicht die Untersuchung dieses Büchleins. Daß Geheimnis ist, das wir bei einigermaßen gut ausgeprägten anatomischen Kenntnissen längst wissen, was wirklich gefährlich ist und welche Technik auf welche Weise wirkt. Im Endeffekt bedeutet dies, das unsere Sicht der Vitalpunkte etwas nüchterner werden muß, natürlich nur, falls sie dies nicht schon vorher war. Es scheint sich dabei tatsächlich „nur“ um die Beeinträchtigung der Funktion von Nerven, Luftzufuhr, Blutkreislauf und „Pumpe“, Organen und der mechanischen Funktion der Körperteile zu handeln, ohne daß dabei Geheimnisse zu entdecken sind; abgesehen von den Funktionsweisen des menschlichen Körper als solches.
Ich möchte nicht verheimlichen, das ich eine persönliche Erfahrung mit einem Vitalpunkt habe. Vor zwei Jahren schlug mir ein bis dahin völlig unauffälliger Bekannter während ich am Tisch saß zum Spaß und ohne ersichtlichen Grund von hinten in den Nacken – einmal links, einmal rechts. Dies waren kräftige Schläge. Die Position an der Halswirbelsäule wird im Bubishi als eine der „Sieben verbotenen Lokationen“ angegeben, die ein „ritterlicher Kampfkünstler“ unbedingt vermeiden sollte, da es ungefährlichere Wege gibt, einen Angreifer auszuschalten. Die direkte momentane Folge war lokaler Schmerz. Am Folgetag hatte ich stärkste Kopfschmerzen. Eine längerfristige Wirkung beinhaltete verschwommene Sicht, „Schielgefühl“, Kribbeln in Zehen, Händen und Nacken. Verschlechterung der Atmung, Herzrythmusprobleme, Durchblutungsstörungen usw. Zweimal wurde ich von einem Orthopäden wieder eingerenkt; Probleme bereitet mir dies jedoch immer noch. Auch wenn ich nicht mit Sicherheit sagen kann, daß dies alles ausschließlich an den erwähnten beiden Schlägen lag, halte ich dies doch für an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit.
Wie wenig spektakulär und geheimnisvoll dies ist, liegt auf der Hand. Weder ein bestimmter Zeitintervall, noch Biorythmus noch mein damaliger Blutdruck hatten einen besonderen Einfluß auf die Wirkung. Der Halswirbel war ausgerenkt; Nerven waren durch Einklemmen oder Beschädigung in Mitleidenschaft gezogen; dies hatte Auswirkung in beide Nervenrichtungen, einmal zum Gehirn, und einmal entlang der Wirbelsäule hinab, wo über die Nervenstränge die Steuerung der Organe stattfindet.
Was ich damit sagen will, und worin mich die Lektüre von „Die Geheimnisse des Wudang-Boxens“ bestärkt hat, ist, daß es für die Wirkung der meisten Vitalpunkttreffer nur allzu einleuchtende Erklärungen gibt. Betrachten wir diesbezüglich die Theorie, daß Vitalpunkte bei Gewalteinfluß von außen an ganz anderer Stelle im Körper ihre Wirkung zeigen, hängt dies bei oben beschriebenem Fall alleinig mit den Nervenfunktion und –verlauf zusammen.
Die meisten Vitalpunkte sind aus einem solchen Verständnis heraus zu erklären und oft einfach durch Versuch nachweisbar. Vitalpunkte sind bei allen Menschen gleich vorhanden und rationell erklärbar. Die lähmenden, schmerzenden, oder wirklich gefährlichen Positionen und ihre Funktion sowie die Tatsache, daß bei ausreichender Schlagkraft nahezu jeder Punkt am Körper vital wird, sind die entscheidenden Erkenntnisse.
[1] Über diese sagte ein bekannter Karateka einst, „Was interessiert es mich, ob ein Angreifer sich irgendwann in die Hose pieselt.“
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