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武術の歴史 |
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• von Janson • von Janson Jahrbuch für Volks- und Jugendspiele
In Gemeinschaft mit E. v. Schenckendorff u. Prof. Dr.
med. F. H. Schmidt Herausgegeben von Professor H. Wickenhagen B. G. Teubner, Berlin und Leipzig 1906.
Hinweis: Diese
Untersuchung der militärausbilderischen Zustände in Japan durch Alexander von
Janson wurd erstmals abgedruckt: "Wehrkraft Japans, begründet in der Eigenart
von Land und Leuten", E. S. Mittler & Sohn. Berlin 1904. Kapitel 6. Ritterliche
Leibesübungen der Japaner
Von Generalleutnant z. D. Alexander von Janson in
Berlin-Grunewald
Die
Kriegerkaste der Japaner, die die Gefolgschaft der Daimyos bildenden "Samurai",
hörte naturgemäß mit dem Falle des Feudalsystems auf, in alter Weise zu
bestehen, und verlor im Jahre 1878 sogar den Namen, der nun durch das
chinesische Wort Shisoku ersetzt wurde. Schon zwei Jahre vorher hatte die
Umwandlung des in einer für die Familie auskömmlichen Reisration bestehenden
Einkommens in eine kärgliche Geldentschädigung den Samurai die
Existenzmöglichkeit geraubt; das Verbot des Tragens der zwei Schwerter gab
ihnen moralisch den Todesstoß.
Der
ungeschrieben Ehrencodex der Samurai, "Bushido" genannt, war das Zeugnis eines fein ausgebildeten ritterlichen
Sinnes, europäischer Ritterschaft würdig. Bildung, Wohlwollen und Mut waren die
Devise; den romantischen Frauendienst unserer Vorfahren kannten sie nicht, aber
in der Praxis kam noch zweierlei dazu, was uns Deutsche besonders symphatisch
anmutet: unentwegte Gefolgstreue und ein hochgetriebenes, von Jugend auf
anerzogenes Ehrgefühl. Man sollte meinen, daß eine auf solchen Grundlagen beruhende
Genossenschaft der gegebene Kern für das Offizierskorps des neuen, nach europäischem
Muster gebildeten Heeres sein müßte. Zum Teil ist das wohl auch der Fall
gewesen, indessen ist es ganz verständlich, daß die Regierung eine solche
Umwandlung nicht durch einen offiziellen Akt vornehmen, sondern sie von der
Neigung und Eignung des einzelnen abhängig machen mußte. So ist es denn
gekommen, daß so mancher Samurai in der Not einen ganz anderen Beruf ergirff;
viele nahmen als Polizeibeamte Dienst (vgl. Totsuka, der Polizeilehrer im
Jiu-jitsu), und man behauptet, daß auch heute noch die Schutzleute sich
vielfach aus ehemaligen Samuraifamilien rekrutieren. Es ist nicht leicht,
hierüber genaue Auskunft zu erhalten.- Im übrigen wird
erzählt, daß immer noch jene Familien das meiste Material für höhere Stellungen
liefern. Ohne irgendein politisches Vorrecht zu haben, werden sie doch selbst
statistisch noch neben den höheren Adel (Kwazoku), der 1898 4551 Köpfe zählte,
und den Heimin ("simples particuliers") geführt und mit 2.105.698 Köpfen angegeben.
Das wesentlichste bleibt, daß die Ethik des Bushido mit dem äußeren Verschwinden
jener Gesellschaftsklasse nicht ausgelöscht ist; ohne dies würde die japanische
Armee sich nicht so vortrefflich vor dem Feinde bewährt haben und nicht eine so
tadellose Disziplin zeigen. Auch die Samurai kannten den Gehorsam, den Schiller
nur den christlichen Rittern zuschreibt; den großartigen Beweis dafür gaben sie
im Augenblicke ihrer Auflösung: als sie auf des Mikado Befehl das Schwert ablegen
sollten, "die lebende Seele des Samurai", geschah es ohne Widerspruch. Selbstverständlich
legte ein solcher Stand besonderen Wert auf Leibes- und Waffenübungen.
Lehrgegenstände waren nach dem "Bushido": Fechten, Bogenschießen, Jujutsu
(Ringen), Reiten, der Gebrauch des Speeres, Taktik, Kalligraphie, Ethik,
Literatur und Geschichte. Eine besondere Fürsorge wurde dem eigenartigen Ringen,
dem Jujutsu, zuteil, das früher eine überlieferte Geheimlehre war, jetzt aber,
obwohl die Leistungen an das Wunderbare grenzen, ohne allzu mystische Zutat in
der Kadettenschule, den Adels- und anderen höheren Schulen und bei der Polizei
gelehrt wird. Schon aus dieser Zusammenstellung nimmt man einerseits wahr, daß
es sich um eine eines wohlerzogenen Mannes würdige Übung handelt, andererseits,
daß die Polizei etwas von der Erbschaft des Samuraitismus angetreten hat.
Selbstverständlich sind die Gründe für die Einführung dieses Ausbildungszweiges
bei ihr sehr praktischer Art gewesen. Bei den Truppen hat man ihn wohl mit
Rücksicht auf die beschränkte Ausbildungszeit und die schwerlich genügende
Eignung des Durchschnittsmaterials für eine mit so außerordentlichen Feinheiten
ausgestattete Kampfweise nicht einführen wollen.
In der
Tat ist das Jujutsu, das ich in der Hauptkadettenanstalt in Tokyo sowie bei der
Polizei in Yokohama zu sehen Gelegenheit hatte, etwas höchst Eigenartiges und hat
namentlich mit den Produktionen der gewerbsmäßigen japanischen Ringer gar
nichts gemein. Um den Gegensatz hervortreten zu lassen, möchte ich zunächst
eine Vorstellung der letzteren schildern.
…
Für
den Fremden, der die Auszeichnung genießt, einen besonders hohen Eintrittspreis
bezahlen zu dürfen, wird ein wiederholtes Sehen dieses allerdings eigenartigen
Schauspiels, dem vom Standpunkt der Gymnastik kein Wert beigemessen werden
kann, schwerlich Reiz haben.
Um so interessanter
und fesselnder ist das Jujutsu, bei dem weder rohe Kraft noch das Gewicht den
Sieg davontragen, sondern die Gewandtheit und eine genaue Kenntnis des
menschlichen Körpers. Es kommt darauf an, die Bewegungen des Angreifers für
sich selbst auszunutzen, und durch Nachgeben jenen zu schädigen, selbst den
schwachen Punkt beim Angriff zu erkennen und auszunutzen und beim Werfen die
Hebelkraft in Anwendung zu bringen. Das Ziel dieses Kampfes ohne Waffe ist
nicht ein Herausdrängen aus einem bestimmten Kreise wie bei den gewerbsmäßigen
Ringern, sondern das Unschädlichmachen des Gegners – für die Polizei von
größter Bedeutung. Infolgedessen finden die Übungen in größeren Räumen auf mit
dicken Binsenmatten, wie sie sich in jedem japanische Wohnraum finden, bedecktem
Boden statt. Die Kämpfer sind nur mit einer Art Schwimmhose und einer leichten
Jacke bekleidet, auch die Füße nackt. Unzählige Kunstgriffe und Tricks kommen
zur Anwendung; nicht nur mit den Armen und das geschickte Stellen der Beine
wird gerungen, man sieht sehr oft sogar mit den Beinen Schläge ausführen, um
einen Nerv oder eine schmerzhafte Stelle zu treffen und den Gegner dadurch zu
Fall zu bringen oder wenigstens für den Augenblick unsicher zu machen. Die
Beingewandtheit der Japaner erweist sich hierbei als ganz außerordentlich; sie
hängt zweifellos mit der allgemeinen großen Geschmeidigkeit der Gelenke und
Knochen zusammen, die, wohl infolge der Kalkarmut des japanischen Wassers,
weniger starr und spröde sind als bei uns. Man sieht das am besten, wenn ein
Kämpferpaar auf Verabredung liegend, nur mit den Füßen ringt, die dann ganz wie
Arme gebraucht werden. Dabei kommt den Ringern zugute, daß die nationale Fußbekleidung
eine naturgemäße Entwicklung des Fußes gestattet; wahrscheinlich wird mit der
europäischen Fußbekleidung sich mit der Zeit auch unser verbildeter Fuß
einstellen. Das merkwürdige aber bleibt das Fortschleudern des Gegners durch
die Luft mit einem Arm. Das ist natürlich nur möglich durch das erwähnte
Nachgeben und durch die Biegsamkeit der Knochen und Gelenke; andernfalls müßte
der Versuch zu Knochenbrüchen und schweren Verrenkungen führen. So aber fällt
der Geworfene unbeschädigt auf den gekrümmten Rücken, in der Regel sich auf
eine Hand stützend, um sofort elastisch wieder aufzuspringen, - auf hartem
Boden würde das schwerlich der Fall sein; hier aber ist damit der Kampf
keineswegs entschieden, er wird fortgesetzt, bis der eine nicht mehr Widerstand
zu leisten vermag, und hierzu bedient
man sich sogar des Mittels des Würgens und zwar auch mit Hilfe der geringen
Bekleidung und noch ganz bestimmten Methoden. Dabei kommt es vor, daß der
Gewürgte die Besinnung verliert, worauf der Gegner ihn, ohne daß es einer Anregung
dazu bedarf, sofort auf vorschriftsmäßigem Wege zur künstlichen Atmung bringt.
Wer hiernach annehmen wollte, daß der Kampf in roher Weise geführt wird, ist im
Irrtum: die Kämpfer begrüßen sich nicht nur vor und nach dem Ringen mit althergebrachtem
Zeremoniell, sondern sie bewahren, was das Wesentliche ist, beim Kampfe selbst
trotz aller Leidenschaftlichkeit und trotz der zahlreichen zulässigen
Kunstgriffe vollkommenen Anstand, und ich muß bekennen, daß ich nie einen
häßlichen Zug bemerkt habe. Wie sehr diese Gymnastik der Eigenart des
japanischen Körperbaues angepaßt ist, wurde klar, als ein in ihr regelrecht
ausgebildeter, sehr gewandter Amerikaner als Gegner japanischer Polizisten auftrat. Zuerst gelang es ihm, infolge seiner
überlegenen Körperkraft und großer Zähigkeit zu siegen, dann aber unterlag er
und empfand, wie er selbst sagte, die unmittelbare Gefahr schwerer Arm- und
Schulterverletzung. So fesselnd und aufregend für den Zuschauer der eigentliche
Kampf ist, so interessiert mindestens ebenso die Vorführung der höchst
komplizierten Schule, wodurch die außerordentliche Feinheit dieser Gymnastik
erst klar wird, ohne daß das Staunen über das anscheinend Unerklärliche geringer
würde, eine Empfindung, die auch von anwesenden Ärzten geteilt wurde. Es war
ein ganz wunderbares Bild, als gleichzeitig mehrere Paare Kadetten schulmäßig
miteinander rangen; - wie diese geschmeidigen, jugendlichen Körer bald auf den
Füßen standen, bald in der Luft schwebten, bald den Boden berührten, um sofort
wieder in die Höhe zu schnellen – das war wirklich schön und elegant. Natürlich
sieht man bei Vorführung der Schule durch Lehrer noch ganz andere Dinge; so
wurde z.B. (bei der Polizei) die Abwehr des Angriffs gezeigt: ein
Vorbeigehender greift nach dem Griff des Schwertes des Polizisten[1], dieser benutzt das, um, das Schwert als Hebel gebrauchend,
jenen über seine Schulter fortzuschleudern! Eine andere Übung, die in erster Linie die Bezeichnung einer ritterlichen verdient, ist das Schwertfechten, das auf der Hauptkadettenanstalt und der Kriegsschule gelehrt, bei der Truppe aber nur von den Offizieren betrieben wird. Die Mannschaften fechten nach unserer Art mit dem Bajonett. Ich sah zwei verschiedene Arten, das Fechten mit dem zweihändigen und das mit dem einhändigen Schwert, jenes ganz altjapanisch, daher mit Begrüßung und Niederknien eingeleitet, dieses ein Übergang zu unserem Säbelfechten, was auch durch den bei uns üblichen Salut angedeutet wird. Die Schwerter sind von Bambus, so daß offenbar eine sehr genaue Beobachtung dazu gehört, um festzustellen, ob der Hieb als ein scharfer anzusehen ist. Es erscheint sogar zweifelhaft, ob das überhaupt möglich ist. Die Schutzstücke sind ähnlich den unsrigen, gleichen aber auch der alten nationalen Rüstung. Der Kampf wird mit Geschrei und großer Lebhaftigkeit geführt, mit Wechsel des Standpunktes, wie beim Bajonettfechten. Bei der Polizei existiert außerdem noch das alte Lanzenfechten, obwohl es nicht obligatorisch ist. Bei der Kaiserlichen Palastpolizei in Tokyo werden noch andere Waffenübungen getrieben und sollen dort einen besonders hohen Grad der Vollendung erreicht haben. Selbst mit scharfen Schwertern wird dort gekämpft, offenbar natürlich nach Verabredung.
In der Kadettenanstalt, in der mir mit größter Leibenswürdigkeit Einblick in den ganzen Betrieb gestattet wurde....
... Man hat wohl die Absicht gehabt, durch die Zentralisation die Einwirkung nicht nur auf die Vorbildung, sondern auch auf die Auswahl in bezug auf die soziale Stellung der Familien, die den Offiziersrang liefern, merh in der Hand zu behalten. Sicherlich würde eine solche Maßnahme der Armee zugute kommen, wenn die Kadettenanstalten, wie angenommen werden darf, auch abgesehen von den Leibesübungen die geistige Erbschaft des Samuraitums pflegen....
[1] Die Polizeiwaffe ist ein Schwert in moderner Scheide und an einem modernen Koppel. Für diese Übung wurde ein hölzernes Schwert benutzt. Ende |