| Geschichte Historische Protagonisten Training Lesestoff Waffen |
|
手拳 |
|
• Noma Seiji • Noma Seiji: Kōdansha. ► "..., meine Vorlesungen waren weit gefaßt und beschäftigten sich eher mit dem Geist als mit dem Buchstaben der Literatur." Noma Seiji. Noma Seiji (1878-1938) gründete 1909 den Verlag Kōdansha 講談社, der unter anderem durch zahlreiche Budō-Bücher bekannt wurde.
Seit seiner Schulzeit praktizierte er Kendō und
1925 eröffnete er hinter dem Haupthaus seines Verlages in Koishikawa, Tōkyō, sein privates "Noma-Dōjō." Welchen Einfluß dieses Dōjō hatte,
zeigt folgendes: Der zweite Teil des Buches "Būdō" von Ueshiba Morihei
[1] besteht aus einer umfangreichen Sammlung von
Bildsequenzen, die 1936 im "Noma-Dōjō" aufgenommen wurden.
Kendō im Noma-Dōjō, um 1930.
Besonders interessant ist, das seine Biografie die wahrscheinlich erste Erwähnung des Karate auf Okinawa in westlicher Sprache enthält. Er nennt es "tekobushi" 手拳.
Noma Seiji 野間清治 Nachdem Noma Seiji sein Lehramtstudium "dank der ganz besonderen Nachsicht und Freundlichkeit der guten Professoren" im März 1904 bestanden hatte, stellte sich die Frage nach dem beruflichen Werdegang. Herr Matsunaga, der Obersekretär der Schule, lagen fünfzehn Stellenangebote vor, und ersuchte die Absolventen, ihre Vorstellungen und Wünsche zu äußern. Noma erklärte, er wünsche sich die Stellung mit dem höchsten Gehalt und fügte hinzu, dass es ihm einerlei wäre, wo er hinkäme, wenn er nur möglichst viel Geld verdienen würde. Hr. Matsunaga bot ihm eine Stellung als Mittelschullehre in Okinawa an, welche Noma annahm. So kam er 1904 nach Okinawa, wo er bis 1908 blieb. Auf den Seiten 91-134 beschreibt Noma Seiji in drei Kapiteln seine Zeit in Okinawa, die er den "Sommer des Lebens" nennt. Er beschreibt Land und Sitten als "fast ausländisch" und anerkennt, dass Sitten und Gebräuche einzigartig und "in keiner anderen Gegend des Kaiserreiches zu sehen waren." Seinen Bericht über Okinawa schließt er mit den Worten: "Ach, viele dieser alten vertrauten Gesichter sind jetzt für immer entschwunden. Ich habe seitdem etwas an irdischem Besitz zugenommen, aber ich würde all meine Besitzungen ohne die kostbaren Erinnerungen an diese glücklichen Tage auf den Inseln Okinawas für nichts erachten." Die Schilderungen Noma's sind so lebendig und voller Lebensfreude, dass man sich dem Charme des von ihm beschriebenen Okinawa kaum entziehen kann. Seine fast schon beschämten Rückblicke auf seine ausgedehnten Trinkgelage in okinawanischen Kneipen sind irgendwie unglaublich sympathisch: "In der Nähe von Tsuji gab es ein Restaurant zweiten Rangs, Iroha genannt, dort kehrte ich jetzt immer auf dem Hin- und Rückweg vom Besuch der Kurtisanen ein. Es war viel billiger als Fugetsu, für dasselbe Geld konnte ich mir viel mehr Vergnügen leisten. Also setzte ich meine wollustreichen Schwelgereien mit geringeren Unkosten fort. So sah meine eigenartige Besserung aus. Eines Nachmittags saß ich in Iroha allein vor einem Glas Bier, als ich laute Heiterkeit im Nebenzimmer hörte. Ich schob die Tür auf und trat ein. 'Tag, Jungens', sagte ich, 'ich weiß nicht, wer ihr seid, aber ich möchte mit dabei sein.' 'Sind Sie nicht Herr Noma?' rief einer aus. Es war kein anderer als der Schulinspektor des Bezirksamts. Er stellte mich dem anderen vor und wir blieben dort zu dritt, bis spät in die Nacht, ungeheure Mengen von Bier in uns hineinschüttend. Wir sangen und tanzten wie Wilde, schwatzten, lachten und hatte weder vor Mensch noch Teufel Angst." Fortfahrend gibt er uns seinen Eindruck des Karate aus dieser frühen Zeit irgendwann zwischen 1904 und 1908: "Die Verwerflichkeit meiner Lebensweise beschränkte sich nicht auf Trinken und Kurtisanen. Ich raufte mich mit wilden Burschen und prügelte Männer wegen eingebildeter Beleidigungen. Die Luchuaner [Anm.: Bewohner von Ryūkyū] sind ein friedliches Volk, aber, wie alle Leute von primitiver Lebensart, die auch zum Trinken neigen, konnten sie taten unmenschlicher Grausamkeit begehen, wenn sie in Hitze gerieten. Durch jahrhundertelange Übung hatten die Luchuaner die eigentümliche Kunst der Selbstverteidigung und des Angriffs, die wir 'tekobushi' nennen, außerordentlich entwickelt. Sie besteht darin, ähnlich wie beim Jiu-jitsu oder sogar beim Boxen mit unvorstellbarer Geschicklichkeit und Wucht mit der bloßen Faust Schläge auszuteilen. Keine andere Methode der Selbstverteidigung blieb den Luchuanern übrig, nachdem ihre zwei Mitherrscher, China und Japan, ihnen den Gebrauch aller Waffen untersagt hatten. Ein Luchuaner, der in dieser tödlichen Kunst einige Fertigkeiten besaß, war imstande, mit Stößen seines Armes sämtliche Knochen im Körper seines Opfers so zu zermalmen, als ob er ihn mit einem Riesenhammer zerschlagen hätte. Nicht selten fand man solch arme Verstümmelte tot am Wegrand liegend. Nachts in der Nähe von Tsuji trieben sich Raufbanden herum, von denen man behauptete, sie verständen sich auf 'tekobushi', und die immer bereit waren, unvorsichtige Fremde zu überrrumpeln. In einer Sommernacht - in Luchu [Anm.: Ryūkyū] schien es immer Sommer zu sein - fuhr ich in einer Rikscha unter dem strahlenden Sternenhimmel, der sich lächelnd über dem silbernen Meer ausbreitete, von einem gemeinen Ort zu einem anderen, als mein schon verschleierter Blick vier oder fünf mächtige Kerle erspähte, die sich wie Kletten an mein Gefährt gehängt hatten. Mit dem maßlosen Optimismus des Eingebildeten dachte ich, daß diese leute meiner hehren Person irgendwelche Huldigung darbrachten, denn sie riefen: 'Wassho! Wassho!' - den Ausruf der Sänftenträger bei festlichen Gelegenheiten. Ich saß bequem in meinem Sitz und hielt, geschmeichelt und selbstzufrieden, die AUgen halb geschlossen. Dann fiel es mir ein, mich umzusehen und mein Blut erstarrte. Die Männer waren dabei, die Rikscha in der offenbaren Absicht gegen den Rand des Dammes zu schieben, mich, Fahrzeug und alles ins Meer zu werfen. Nach der Art, wie sie systematisch und ohne Eile ans Werk gingen, war nicht daran zu zweifeln, daß sie es ernst meinten. Erschrocken sprang ich über die Köpfe der Bande hinweg aus der Rikscha. Der plötzlichen Eingebung des Augenblicks gehorchend, stieß ich ein Wutgebrüll aus, hob den großen Stock, den ich immer bei mir trug und drohte sie sämtlich zu erschlagen. Die Männer flüchteten, schon durch die Gewalt meiner Stimme verscheucht, denn dank meiner Fechtausbildung vermochte ich, was kriegerisches Geschrei betrifft, einiges zu leisten. Hätten sie den Mut gehabt, zu bleiben und mich anzugreifen, wäre diese Geschichte nie geschrieben worden. Ein andermal hatte ich weniger Glück. Als ich um eine Ecke kam, wurde ich von einer Bande überfallen und hatte kaum eine Verteidigungsstellung einnehmen können, als mich etwas zugleich Weiches und Hartes dicht über dem Auge traf. Das Geschoß - es war ein in ein Handtuch eingewickelter Stein - war von einer unbekannten hand geschleudert worden. Es schnitt mir die Stirn über der Augenbraue häßlich auf, daß Blut lief mir über das Gesicht. Ich hob meinen Stock und nahm sofort die Verfolgung meines Angreifers auf, die eine hand über das linke Auge drückend, aber er entkam in der Menge." Noma berichtet von weiteren, "geringeren Zusammenstößen" und davon, dass er unermüdlich "auf dem Spielplatz und im Fechthof" und auf dem Fechtboden als Lehrer tätig war. Auf S. 114 findet sich eine weitere interessante Beschreibung: "Meine Kollegen und ich wären ebenfalls [in den russisch-japanischen Krieg] eingezogen worden, wenn wir nicht Lehrer gewesen wären. Die Luft war von Krieg und Kriegsgesprächen erfüllt; oft hielt ich über Krieg und andere vaterländische Themata inner- und außerhalb der Schule Vorträge; nicht nur Jungens, sondern auch Erwachsene waren in gefährlicher Stimmung. Auf den geringsten Anlaß hin schlugen die Fäuste los und wurden Stöcke [!!!] geschwungen." Fast tragikomisch sind seine Selbstdarstellungen, in denen er viele seiner Taten und auch Handgreiflichkeiten auf seine Überheblichkeit und eingebildete Beleidigungen zurückführt: "Ich meinerseits hielt mich für einen Mann von großer Bedeutung und stapfte, mit dem Kopf in den Wolken, in der steif leinenen Würde eines eingebildeten Riesen über die Erde. Dies erinnert mich an eine Impertinenz, die ich einmal dem Baron Narahara gegenüber beging, dem Gouverneur von Okinawa, einem ausgezeichneten Mann, dessen herrliche Eigenschaften und Fähigkeiten ich erst später, nachdem er lange tot war, richtig einzuschätzen imstande war. Wie alle Männer von Okinawa neigte auch er zum Trinken und war nicht selten in Gesellschaft sehr animierter Zecher zu sehen, die er oft in seinem Palast bewirtete. Bei einer solchen Gelegenheit wendete er sich mir zu und sagt, wie ich meinte, in einem Ton gemischter Verachtung und Mitleids: 'Sehen Sie, Noma, Sie glauben, daß Sie ein Fechter sind! Aber ich sage Ihnen, was Sie können ist Kinderspiel, nicht Fechten. Sie haben keineswegs genug Geschicklichkeit, um einen Gegner zu töten. Sie sollten sich in dieser Kunst einmal ernstlich üben, damit Sie richtiges Fechten und Schläge zu machen lernen, die im Kampf auf Leben und Tod etwas ausrichten können.' Ich hielt die für eine Beleidigung und fing an, aus tief verletztem Ehrgefühl heraus zu widersprechen. Zum Schluß machte ich eine schimpfliche Bemerkung, die des Gouverneurs angebliches Können äußerst kraß in Zweifel stellte. Mehr als zwanzig Jahre sind seitdem vorbeigegangen und ich habe inzwischen vom Fechten genug gelernt, um zu begreifen, wie wahr der Gouverneur damals gesprochen hat."
Noma Seiji, hintere Reihe sitzend, zweiter von links.
[1] Ueshiba Morihei: Būdō. Teachings of the Founder of Aikido. Kōdansha International, Tōkyō - New York - London, 1991, 132 S. |