Die deutschen
Leibesübungen
Großes Handbuch
für Turnen, Spiel und Sport
Wilhelm
Andermann Verlag, Berlin-Schmargendorf ca. 1927
von
Dr. Edmund
Neuendorff (Hrsg.)
Darin:
Jiu-Jitsu
von
Fritz Strube
S. 630-635
Hinweis: Neuendorff war Direktor der Peussischen
Hochschule für Leibesübungen.
In letzter Zeit ist neben allen anderen
Arten der Leibesübungen auch der Jiu Jitsu-Sport stark in den Vordergrund
getreten und nimmt heute eine beachtliche Stellung im deutschen Sportleben ein.
Seine Geschichte reicht Jahrhunderte weit zurück. Jiu Jitsu wurde zuerst von
den Chinesen betrieben und dann von den Japanern übernommen, die es bald zu
einem Volkssport machten, welcher heute noch in höchster Blüte steht. Es ist
kaum zu bezweifeln, daß die Erfolge, die die Japaner im
russisch-japanische Kriege aufzuweisen hatten, auf die vielseitige
körperliche Durchbildung des ganzen Volkes zurückzuführen sind. Gerade die
Leistungen des kleinen japanischen Volkes gegenüber dem bedeutend größeren
Rußland haben die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf Japan gelenkt, das heute
im Osten eine führende Stellung in der Geschichte der Völker einnimmt.
Nach dem Kriege wurde der Wert des Jiu
Jitsu-Sportes auch bei uns erkannt und nach eingehendem Studium erlebte er bald
seine Einführung bei der Schutzpolizei, den Hochschulen für Leibesübungen und
vielen Vereinen. Die allerorts stattfindenden Jiu Jitsu-Kurse begegnen dem
lebhaften Interesse der Allgemeinheit und sind stets stark besucht. Vor kurzem
wurde ein Reichsverband für Jiu Jitsu gegründet, dem sich die meisten
bestehenden Vereinigungen angeschlossen haben.
Jiu Jitsu ist neben dem Boxen die
Sportart, die die feinste Zusammenarbeit des Körpers mit dem Geiste verlangt,
ja man kann sagen, daß die geistige Arbeit von größerer Bedeutung ist. Im allgemeinen ist das Wesen des Jiu Jitsu noch zu wenig
erkannt, ja man brachte ihm vor nicht allzulanger Zeit starke Abneigung
entgegen, wahrscheinlich, weil die ersten Erfolge bei der Einführung falsch
ausgenützt wurden. Außerdem galt Jiu Jitsu als überaus gefährlich und
körperverletzend. Da die Entwicklung sich aber heute ganz anders gestaltet hat,
so hat er seinen Aufstieg begonnen und wird, da er von jung und alt betrieben
werden kann, bald über eine große Anhängerschaft verfügen.
Jiu Jitsu ist eine Art der
Selbstverteidigung. Es steht im Gegensatz zum Boxen, bei dem der gegner durch
Stöße und Schläge kampfunfähig gemacht werden soll[1]. Jiu Jitsu ist eine
Art freier Ringkampf, wobei der Gegner durch bestimmte Griffe (Bild Nr. 332,
333) und Schläge an die empfindlichen Körperstellen zum Aufhören gezwungen
werden soll, ohne daß man ihn auch nur im geringsten
verletzt. Er hat es jederzeit in der Hand, durch Ruf oder dreimaliges Klopfen
den Kampf abzubrechen. Im Notfall, in der Notwehr wird man keine Rücksicht
nehmen, sondern den Gegner schnellstens kampfunfähig machen und ihn durch
bestimmte Griffe abführen. Der sportliche Jiu Jitsu-Kampf ist genauen Regeln
unterworfen, die den Unterlegenen schützen und eine Niederlage nur soweit
zulassen, als sie ohne Gefahr ermöglicht werden kann.

Nr. 332.
Glückliche Abwehr.
Der
Angegriffene hat sich rückwärts auf den Boden fallen lassen und wirft dann den
Angreifer durch Griff an den Schultern und Beinstoß über sich hinweg.

Nr. 333.
Ein Griff, und der Angreifer liegt am Boden.
Wir können dadurch die Werte des Jiu
Jitsu-Sports für die Selbstverteidigung der Allgemeinheit sehr leicht zunutze
machen, indem wir den sportlichen Kampf pflegen und die dazu notwendige
vielseitige körperliche und geistige Schulung damit verbinden. Insbesondere ist
diese Art der Leibesübungen dazu angetan, dem körperlich Schwachen und
besonders auch den Frauen (Bild Nr. 334, 335) eine bewußte Überlegeneheit zu
geben. Durch vollkommene Beherrschung verschiedener Griffe und Schläge ist es
auch in den meisten Fällen dem Schwächsten möglich, sich bei einem eventuellen
Überfall des stärkeren und vielliecht bewaffneten Gegners zu entledigen. Man
nennt Jiu Jitsu die „unsichtbare Waffe der Selbstverteidigung“und kommt damit
dem Wesen sehr nahe. Jiu Jitsu verzichtet auf irgendwelche Geräte oder
Verteidigungswaffen. Jiu Jitsu ist jeder selbst, wenn er die Griffe und Schläge
beherrscht, die ihm die unendliche Überlegenheit gegenüber seinem Gegner geben.
Jiu Jitsu ist kein hartes Brechen eines Widerstandes, sondern ein weiches
Nachgeben, Mitgehen. Dadurch wird dem Angriff zunächst die Kraft genommen, bis
der Angegriffene seinerseits durch den Griff zum Angriff übergeht. Heute ist
derjenige Sieger, der mit klarem Geist die Bewegungen seines gegners übersieht,
durch die Kenntnis des menschlichen Körpers die empfindlichen Stellen erfaßt
und sich so zum Vorteil durchringen kann. Jiu Jitsu sind die einfachsten und
notwendigsten Gegenmaßnahmen, die natürlichsten Griffe und Schläge, aber trotz
seiner Einfachheit ist es eine große Kunst, die nur die wenigsten beherrschen.
Die vielseitige und tiefgründliche Vorbildung des Körpers gibt die notwendige
Kraft, Ausdauer und Geschmeidigkeit. Die Kenntnisse des menschlichen Körpers,
das Reagieren desselben auf Druck und Schlag, besonders an empfindlichen
Stellen, verleihen die geistige Überlegenheit. Beides zusammen gibt dem Jiu
Jitsu-Kämpfer die Möglichkeit, sich durch die verschiedensten Hebel- und
Drehgriffe, durch Würfe und Schwünge sogar mehrerer Gegner (Bild Nr. 336) zu
erwehren. Allerdings erfordert die vollständige Beherrschung eine jahrelange
Übung. Die größte Wirkung liegt dann in der Schnelligkeit der Ausführung.
Während der Angreifer seinen Gegner noch beim Abwehren glaubt, ist diese
Bewegung schon eine Vorbereitung für den in diesem Falle günstigsten Griff, der
dann auch blitzshnell und überraschend kommt. Und gerade darum ist der Jiu
Jitsu-Sport so wertvoll für die Allgemeinheit, weil es jedem möglich ist, durch
Übung sich eine gewisse Fertigkeit und körperliche Gewandtheit zu erwerben, die
ihm die Überlegenheit über den Ungeübten gibt.

Nr. 334.
Mit Jiu Jitsu kann sich auch eine Frau
Eines
Mannes leicht erwehren.

Nr. 335.
Eine Jiu Jitsu beflissene Dame wehrt sich
Mit Erfolg
gegen Überfall.

Nr. 336.
Abwehr zweier Angreifer.
Die Unsicherheit ist in allen Ländern
von jahr zu Jahr gestiegen. Der Verkehr in den Straßen ist kaum zu übersehen.
Das Vertrauen auf den Schutz durch den Staat ist geringer geworden, da es nicht
möglich ist, überall zu wachen. Diebe, Räuber und Verbrecher treten immer
zahlreicher und rücksichtsloser auf und gefährden tagtäglich viele
Menschenleben. Vielfach sind gerade die Verbrecher mit diesen Arten der
Selbstverteidigung vertraut, so daß es hier das gegebenste wäre, ihnen mit gleichen
Waffen, mit entsprechenden Abwehrarten zu begegnen. Die Schußwaffen dienen dem
Gesindel nur im Notfalle, da durch zu frühes Schießen die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit erregt wird. So kommt es zumeist zu einem Ringkampf zwischen
Angreifer und dem Angegriffenen. Wenn es diesem nicht gelingt, sich durch die
erlernten Griffe zu wehren, so wird er wohl bald das Opfer des im allgemeinen körperlich kräftigeren Verbrechers werden, der
noch den Vorteil der Überraschung für sich hat (Bild Nr. 337).

Nr. 337.
Messerabwehr.
So ist die Kenntnis der
Selbstverteidigungsmethoden, das Vertrauen auf die eigene Körperkraft und
geistige Überlegenheit der beste Schutz. Es genügt sehr oft die Kenntnis
einiger leicht erlernbaren Griffe und Abwehrarten, die jeder sich aneignen
kann, um auch dem Stärksten gegenüber sich behaupten zu können. Der geschulte
Geist, der gestählte Wille, unbedingtes Selbstvertrauen sind die geistigen
Waffen, die über rohe Körperkraft triumphieren können. Und darum ist es zu
wünschen, daß auch bei uns der Jiu Jitsu-Sport eine größere Verbreitung
annehmen möge, denn nur zu schnell ist die Gelegenheit geboten, von dieser
Selbstverteidigungsart Gebrauch zu machen (Bild Nr. 338.)

Nr. 338.
Die Zähmung des Widerspenstigen
Wenn wir uns im folgenden
kurz über die Erlernung des Jiu Jitsu unterhalten wollen, so müssen wir vor
allen Dingen den Wert einer vielseitigen und systematischen Körperausbildung
erkannt haben. Wie bei den anderen Arten der Leibesübungen die körperliche
Beschaffenheit eine große Rolle spielt, so ist dieses in weit höherem Maße im
Jiu Jitsu der Fall. Hier kommt es vor allen Dingen auf die feinste
Körperbeherrschung an. Geschmeidigkeit und Gewandtheit stehen
dabei and er Spitze. Neben der Ausbildung der Muskeln, Bänder usw. muß in
gleicher Weise die Stärkung der Organe, vor allem Herz und Lunge, beachtet
werden, da an die Ausdauer große Anforderungen gestellt werden. Schwache
Körperstellen müssen einer besonderen Ausbildung unterzogen werden, denn auch
die geringste Lücke in der Körperausbildung bringt Nachteile mit sich und wirkt
hemmend. Die vielen Arten der allgemeinen und speziellen Körpergymnastik bieten
uns die Möglichkeiten, unsern Körper in jeder gewünschten Weise vorzubereiten
und zu stärken. Dehn-, Schnellkraft-, Kraft-, Widerstands-, Ausdauer- und
Gewandtheitsübungen verleihen dem Körper Spannkraft und Geschmeidigkeit. Dann
kommen die Spezialübungen an die Reihe, die sich hauptsächlich aus
Widerstandsübungen mit einem Partner zusammensetzen, damit man sich an die
Überwindung des gegnerischen Widerstandes gewöhnt. Wichtig ist auch noch die
Ausbildung und Abhärtung der Handkanten an den Kleinfingerseiten, da mit dieser
Stelle viele Schläge ausgeführt werden, die besonders im Notfall ausgezeichnete
Wirkung besitzen. Auch als Abwehr bieten sie Gelegenheit, einen stoßenden Arm
oder Fuß für einige Zeit zu lähmen, wenn der Muskel richtig kurz und hart
getroffen wird.
Von großer Wichtigkeit für jedermann,
nicht nur für den Jiu Jitsu-Kämpfer, sind die Fallübungen. Richtiges Fallen, ohne
sich zu verletzen, ist ohne Schwierigkeit zu erlernen. Es gehört eben ein wenig
Übung dazu, weiter nichts. Wie oft kommen Fälle von den verschiedensten Arten
im täglichen Leben vor, wobei ein steifer und
ungeschickter Körper viel eher zu Schaden kommen kann. Ein richtiges
Hinfallen schützt Körper und Leben. Jeder Sturz, im Haus, auf der Straße,
überall, ist doppelt gefährlich, wenn er überraschend kommt. Ist der Körper
gewöhnt, sich auf solche Momente einzustellen, so wird der richtige Fall dem
gefährlichen Sturz die Schwere und Wirkung nehmen. Aus diesem Grunde ist es nur
zu wünschen, daß in Schulen und Vereinen recht oft diese Fall- und
Geschicklichkeitsübungen im Übungsprogramm Aufnahme fänden, da sie zweifellos
praktische Bedeutung haben. Da die Übungen auch im Jiu Jitsu eine große Rolle
spielen, sind sie bei der Ausbildung mit an die Spitze zu stellen und in jeder
Übungsstunde zu üben.
Dann wird der Lehrer langsam zu den
einzelnen Griffen und der betreffenden Abwehrart übergehen. Die meißten Griffe sind
Abwehr gegen Angriffe, z.B. Abwehr gegen den Würgegriff, Untergriff usw. Wenn
der gegner angreift, wird er sich gewöhnlich eine Blöße geben. Diesen Moment
auszunutzen, muß der Angegriffene in der Lage sein. Aus diesem Grunde erwartet
man gewöhnlich den Angriff des Gegners. Man wird auch an wenigen Bewegungen des
Angreifers erkennen können, ob er geschickt oder ungeschickt, schwach oder
stark ist, überlegt oder unüberlegt handelt, und danach seine Absichten
einstellen können. Die Auswahk der Griffe und Abwehrarten ist unendlich reich,
so daß alle Angriffsmöglichkeiten auch eine Abwehrmöglichkeit bieten.
Da dieser Unterrichtsstoff unendlich
ergiebig ist, wird es dem Leiter nicht allzu schwer fallen, seine Schüler von
der Bedeutung der „Kunst der Selbstverteidigung“ zu überzeugen und den
Unterricht interessant und anregend zu gestalten. Das ist unbedingt notwendig,
denn die Zeit der Ausbildung ist ungeheuer schwer und hart und anstrengend. Für
den Laien mit einem wenig ausgebildeten Körper gehört ein geraumes Maß an Übung
und Stählung des Körpers dazu, ehe er mit den anstrengenden Griffen, Würfen und
Schwüngen sich intensiver befassen kann. Dann aber wächst die Freude am Können
von tag zu Tag. Herrlich ist das Gefühl, einen widerstandsfähigen, starken und dabei
doch willigen und gehorsamen Körper zu besitzen, der höchste Kraft und
Anspannung ohne Schaden zu ertragen vermag. Besonders die Übungen zur
Ausbildung des Geistes, die Übungen also, die Konzentration, schnelles Erfassen
irgendeiner Lage, schnelles, blitzschnelles Denken und handeln verlangen,
stärken das Selbstbewußtsein in selten gekannter Art. Übungen und Abwehr von
Stock- und Messerangriffen, natürlich bei stumpfen und ungefährlichen
Holzwaffen, dienen dazu ebenso wie die Übungen und Spiele mit dem Medizinball.
Nur so ist es möglich dem Körper eine Sicherheit für Angriff und Verteidigung
zu geben, wie sie allerhöchstens durch Boxen noch erreicht werden kann.
(Fechten kommt hierbei nicht in Frage, da eine praktische Anwendung eine
Ausnahme wäre.)
Auf die hauptsächlichen Angriffspunkte
am menschlichen Körper wird nachfolgend hingewiesen. Es gehört unbedingt zum
richtigen Jiu Jitsu, daß diese Stellen mit größter Schnelligkeit und
Genauigkeit aufgefunden und bearbeitet werden, da davon die sichere Wirkung
abhängt. Am Kopf sind es hauptsächlich die beiden Gruben hinter den
Ohrläppchen, in die die Daumen drücken und so ein sehr schmerzhaftes Gefühl
erzeugen. Am Halss sind es die Halsschlagadern, die durch Handkantenschläge zu
treffen sind, und der Kehlkopf, der gegen Druck und Schlag sehr empfindlich
ist. An den Armen haben wir die Mitte des Oberarms, Ellbogen und Handgelenk.
Ein Handkantenschlag gegen den Oberschenkel, dicht über dem Knie, erzeugt auch
eine lähmende Wirkung, desgleichen solche Schläge gegen die Nieren, die gegen
Druck sehr empfindlich sind.

Nr. 339.
Zwangfesselung.
Für die Selbstverteidigung in der
Notwehr gebraucht man selbstverständlich auch die gefährlichen Griffe und
Stöße, die für den sportlichen Wettkampf verboten sind. Es sind im allgemeinen
folgende Schläge und Griffe: Schlag gegen die Nase und Oberlippe, Eindrücken
der Augen, Schlag und Druck gegen den Kehlkopf, die Schlagadern, den
Solarplexus, dicht oberhalb des Magens, da wo die Rippen auseinandergehen,
Nierenschläge, Tritt gegen die Schienbeine und auf die Zehen des Gegners.
Selbstverständlich sind diese Schläge
und Griffe nur dann richtig wirksam, wenn die Stellen genau getroffen werden.
Eine geringe Unsicherheit führt schon eine Abschwächung der Wirkung herbei,
deshalb ist stets Üben unbedingt notwendig unter ständiger Aufsicht eines
fachmännisch geschulen Lehrers. Ohne Anwesenheit des Lehrersdürfte überhaupt
kein Kampf ausgetragen werden, da zu leicht bei einem Kämpfer im Eifer des
Gefechtes eine Übertretung einer Regel vorkommen kann. Doch sei dies nur als
wohlgemeinte Warnung hier niedergeschrieben, im allgemeinen
sind solche Übertretungen sehr selten, da die Regeln sehr strenge Vorschriften
enthalten, die die Kämpfer zur Selbstbeherrschung und vornehmen Kampfesweise
erziehen. Gerade dieses Moment ist eines der wichtigsten, denn die
Gefährlichkeit des Jiu Jitsu verlangt äußerste Selbstdisziplin und gute
moralische Eigenschaften, die im sportlichen Wettkampf stets an erster Stelle
stehen.
Neben all diesen angeführten Vorzügen ist
der Jiu Jitsu-Sport eines der besten Mittel, den Körper gegen äußere Einflüsse,
hier hauptsächlich gegen Schlag, Druck usw., widerstandsfähig und unempfindlich
zu machen. Die durchgreifende Gymnastik stärkt die Muskulatur, das stete Üben
mit dem gegner gewöhnt den Körper an die äußerlichen Rauheiten, so daß der
sportlich gestählte Jiu Jitsu-Kämpfer seinen Mitmenschen um vieles voraus ist.
Während sich der Laie vielleicht durch einen feindlichen Schlag vor Schmerzen
kaum noch aufrecht zu halten vermag, hat der abgehärtete Körper viel eher
diesen Angriff überwunden und geht sogar seinerseits, trotz des erhaltenen
Treffers, zum Angriff über. Der Angreifer wird solches im allgemeinen nicht
erwartet haben und nun erkennen müssen, daß er an den Falschen gekommen ist und
einen sprtlich gestählten und kampferfahrenen Gegner vor sich hat.
So bringt uns Jiu Jitsu zwei Arten, den
sportlichen Wettkampf für diejenigen, die sich damit befassen und zu besseren
Leistungen auflaufen wollen, und die Selbstverteidigung für die breite Masse,
die sich einiger Schläge und Griffe bedienen will, um die persönliche
Sicherheit zu erhöhen. Für den sportlichen Wettkampf ist ein hartes,
ausdauerndes und vielseitiges Training unbedingt nötig. Nur tägliches Üben, und
das mehrere Jahre hindurch, wird dem Körper all die Fähigkeiten geben, die er
zum Wettkampf in vielseitigster Weise anzuwenden hat und die guten Leistungen
zur Folge haben.
Für den, der wenig Wert auf diese Art
des Zweikampfes legt, hat Jiu Jitsu die Bedeutung der praktischen Anwendung zur
Selbstverteidigung. Zweierlei Nutzen und Wirkungen werden erzeilt. Erstens wird
der Körper durch die intensive Vorbereitung und Ausbildung in eine gute
gesundheitliche Verfassung gebracht, und zweitens ist man im Notfalle in der
Lage, durch geübte Griffe und Stöße sich seiner Gegner zu erwehren. Auch
diejenigen, die sich sonst wegen irgendeines Gebrechens, das sie an der vollen
körperlichen Entfaltung hindert, den Leibesübungen fernhalten, könne durch die
Ausbildung im Jiu Jitsu durch stärkere Betonung anderer Bewegungsmöglichkeiten
Ausgleiche erzielen und sich so stärken und wehrhaft machen.
In unserer Schutzpolizei (Bild Nr. 339)
gehört Jiu Jitsu zum amtlichen Ausbildungsdienst, wodurch sein Wert besonders
festgelegt ist. Auch ist bekannt, daß viele Wach- und Schließgesellschaften
ihre Leute in der Selbstverteidigungsmethode ausbilden ließen, desgleichen
haben die großen Fabriken, Warenhäuser usw. Unterrichtskurse für ihre
Wachangestellten eingerichtet. Auszudehnen wäre die Ausbildung auf alle Arten
von Aufsichtsbeamten als da sind: Förster, Feldhüter, Eisenbahner (bei Abgehen
der Strecken, an Bahnübergängen ist erhöhter persönlicher Schutz unbedingt
notwendig), Kassenboten, Geldbriefträger, militärische Wachposten, Kuriere mit
wichtigen Dokumenten, Bankbeamte usw. Nur dann, wenn wir durch solche Maßnahmen
den Schutz der einzelnen Persönlichkeit erhöhen, können wir dem Staate und dem
Volke so manches wertvolle Menschenleben erhalten, auf das die Verbrecher so
wenig Rücksicht nehmen. Nur erhöhter Selbstschutz für j e d e r m a n n hilft hier, dem Gesindel das Handwerk zu
legen (Bild Nr. 340).
Zum Schlusse möchte ich noch darauf
hinweisen, daß nicht die Meinung aufkommen darf, die einfache Beherrschung der
versciedenen Griffe genüge, um alle Angriffe abzuwehren. Nein, das macht es
nicht allein, daß der Körper allen Anforderungen genügt. Hier, wie überall in
den Leibesübungen, ist die geistige Mitwirkung von ausschlaggebender Bedeutung.
Erst diese geistige Mitarbeit, die innige Verschmelzung von Körper und Gesit,
von Willen und Können, verleiht dem Jiu Jitsu-Sport die Bedeutung und Macht.
Nur dann ist eine Leibesübung als vollwertig anzuerkennen, wenn sie nicht
einseitig ist und vielleicht nur den Körper ausbildet, sondern wenn der ganze
Mensch, und dazu gehört Körper und Geist, eine Ausbildung erfährt, die beiden
teilen gerecht wird. Dann erst haben wir die Harmonie, die wir uns in allen
Arten der Leibesübungen zum Ziel gesetzt haben, die mithilft, ganze Menschen zu
schaffen, ganze Menschen zu erziehen.

Nr. 340. Abwehr eines Stockangriffes.
Ende
Copyright © Katherine Loukopoulos und Andreas
Quast
[1] Tatsächlich ist dies beim Jiu-jitsu auch der Fall, zumindest werden solche Techniken dort auch zu gewissen Zwecken angewendet..