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 Erinnerung an meinen Sensei, Chōjun Miyagi


Erinnerung an meinen Sensei, Chōjun Miyagi. Von Genkai Nakaima.

 

 Aus dem japanischen Original übersetzt von Sanzinsoo unter dem Titel "Chōjun Miyagi the Karate Master. His kindness is infinite. He preaches morality." Siehe: http://uk.geocities.com/sanzinsoo/

 Deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sanzinsoo.

 Anmerkungen vom deutschen Übersetzer in eckigen Klammern [...].

 

Anmerkungen: Dies ist ein Ausschnitt aus dem Artikel „Der Karate-Meister Chōjun Miyagi“ von Hr. Genkai Nakaima. Der Artikel erschien im Monatsmagazin „Aoi Umi,“ Nr.70 vom Februar 1978 (Seiten 99-100), herausgegeben von Aoi Umi Shuppansha. Diese besondere Ausgabe beschäftigte sich mit den Karatemeistern von Okinawa. Das Magazin war bereits eingestellt. Ich übersetzte nur einen Teil des Artikels.


 

Es war Frühling im Jahr 1923. Ich war 15 Jahre alt, als ich zu meinem Vater sagte, dass ich Karate von Miyagi Sensei (Meister Chōjun Miyagi) lernen werde. Er sagte zu mir „Es ist großartig, wenn du von Bushi Miyagushiku (Miyagi, der Karatemeister) lernst!“ und erteilte mir die Erlaubnis dazu. Da Miyagi Sensei zu dieser Zeit bereits für sein Karate berühmt war, dachte mein Vater sich, daß er der ideale Lehrer für mich sei.

Wir, die Gemeinschaft der Leute aus Kumemura in Okinawa, waren stolz auf unsere chinesische Abstammung. Unsere Vorfahren kamen aus China nach Okinawa, deshalb betrachteten wir nicht nur die literarischen Künste Chinas voller Hochachtung, sondern auch die [chinesischen] Kämpfkünste. In bezug auf die literarischen Künste, gründeten wir eine Schule namens „Meirindo,“ welche in etwa den heutigen Fachoberschulen [auch Hochschule] gleichkam und wo die Jugend ausgebildet wurde. Bezüglich der Kampfkünste wie Karate und Bō (Stockkampf) glaube ich, daß wir individuell übten, entsprechend der jeweiligen Körperkraft und anderen Gegebenheiten.

Laut einem Programm des Kulturfests in der „Meirindo,“ gab es dort Vorführungen des Bō (Stockkampf), Tesshaku oder Tiechi (Sai), „Sesan“, „Chishokin“, „Tohai“ und „Suparinpe“. Die meisten Vorführungen des Karate stimmten mit dem überein, was uns Miyagi Sensei lehrte.

Nun, der Unterricht durch Miyagi Sensei begann. Dreimal die Woche hatten wir nach der Schule Unterricht in Miyagi Senseis Haus, nicht in einem Dōjō (Trainingshalle), so wie heutzutage. Das Training fand Montags, Mittwochs und Freitags jeweils von 15 Uhr bis 20 Uhr statt. Einige Zeit später hörte mein Klassenkamerad Bunshun Tamagusuku - dessen Onkel der berühmte Karate-ka Jin‘an Shinzato war - mit dem Training auf. So blieben nur noch drei Mitglieder übrig: Tatsutoku Sakiyama, dessen Familienname derzeit Senaha lautete, Kiju Nanjo, dessen Familienname zu der Zeit Azama lautete, und ich selbst.

Der Trainingsablauf bestand aus den Vorbereitungsübungen, den ergänzenden Übungen und den Fußbewegungen der Sanchin.

Laut Miyagi Senseis Erklärungen über die Vorbereitungsübungen, können wir uns uns durch [diese] Körperübungen auf das formelle Karatetraining wie Sanchin und andere Kata vorbereiten. Gleichzeitig dient es auch dem Aufwärmen.

Eine weitere Bedeutung der Vorbereitungsübungen liegt im Aufbau unserer Körperkraft durch die Ausbildung aller notwendigen Muskeln, so dass diese Muskeln in jeder Situation einsetzbar sind. Kurz gesagt, mit den Vorbereitungsübungen entwickeln wir einen „Karate-Körper“.

Die ergänzenden Übungen sind eine Art des Trainings, die hauptsächlich dem Erlernen der grundlegenden technischen Komponenten der Kata dient. Diese Übungen helfen uns, die Wissenschaft und Logik des Karate zu verstehen, und gleichzeitig - mit der Entwicklung unserer Athletik und Körperkraft - unsere Geschicklichkeit im Karate zu begründen.

Auf diese Weise können wir mittels der Vorbereitungsübungen und ergänzenden Übungen die Grundlage für Karate schaffen.

Nach Beendigung des Trainings erzählte uns Miyagi Sensei zwei bis drei Stunden lang verschiedene Geschichten.

Die Themen seiner Geschichten handelten nicht nur von technischen Aspekten des Karate, sondern auch von allgemeinen Angelegenheiten, der gegenwärtigen Situation der Karatekreise, der Herkunft des Karate, seine [Miyagis] Einstellung zum Lernen von Karate und Buddhismus, Karate und traditionelle darstellende Künste Okinawas, etc.

Damals waren wir bloß Schuljungen der Mittelstufe [etwa 7. – 9. Klasse], doch Miyagi Sensei „predigte“ zu uns über die Wahrheit des Karate, die Seele der Karatemeister, den „Weg“ des Karate, genauer gesagt den „Weg“ der Menschen oder der Moral.

Ich erinnere mich noch an sein intelligentes, freundliches Gesicht mit den scharfen Augen, in denen ich die Liebenswürdigkeit, die Güte und Menschenliebe des wahren Karatemeisters entdeckte.

Nun werde ich ihnen einige der Aussagen Miyagi Senseis erzählen. „Wenn du dein ganzes Leben lang nur Sanchin übst, dann brauchst du keinerlei andere Kata. So wesentlich und wichtig ist Sanchin.“ Eines Tages fragte ich ihn, „Wie oft hast du Sanchin so gemacht, dass du sagen kannst, du hast sie gut gemacht?“ Er antwortete, „Ich denke, ich habe Sanchin nur bei einer von dreißig Ausführungen gut gemacht.“ Zu dieser Zeit war er jung, 34 oder 35 Jahre alt. Seine Worte beeindrucken mich noch heute.

„Die Position der Hände am Ende von Sanchin ist dieselbe, wie die einer Buddha-Statue.“ Miyagi Sensei erzählte uns diese Geschichte oft. Ich finde, die Position der Hände am Ende der Sanchin ist der schönste Ausdruck des Betens. Tatsächlich sah ich dieselbe Position der Hände bei den Buddha-Statuen einiger Tempel.

„Gōjū ist die im starken Winde stehende Weide,“ sagte Miyagi Sensei. Der starke Wind weht gegen die Weide. Die Weide stellt sich dem Wind niemals entgegen, verbleibt einfach passiv, doch wird sie nie vom Wind abgebrochen. Auf diese Weise ziehen wir einen Vorteil aus des Gegners Kraftfluss. Dies ist ein Geheimnis der Künste, die wir durch Übung zu meistern haben.

Ich glaube, es war 1926, als das landesweite Sportfest im äußeren Garten des Meiji-Schrein in Tōkyō abgehalten wurde. Miyagi Senseis Schüler, Hr. Jin‘an Shinzato, nahm an diesem Treffen teil, um Karate dort als klassische Kampfkunst [Budō/Bujutsu] vorzuführen. Damals wurde er von einem Offiziellen der Festivität unerwartet gefragt, „Wie ist der Name Ihres Stils?,“ worauf er antwortete „Gōjū-ryū.“ Später erzählte er Miyagi Sensei von diesem Vorfall und Miyagi Sensei genehmigte dies. Seitdem nennen wir uns[eren Stil] Gōjū-ryū.

Ich fragte, „Sensei, hast du Augen in deinem Hinterkopf? Die Leute sagen, dass – selbst wenn wir dir heimlich und geräuschlos folgen würden – du uns sofort bemerken und dich schnell umdrehen würdest, um uns zu finden.“ Miyagi Sensei antwortete, „Es gibt niemanden, der Augen im Hinterkopf hat. Wenn ich jedoch allein die Straße entlang gehe, dann fühle ich in manchen Situationen etwas seltsames. Ich glaube, dies ist der so genannte Sechste Sinn.“

Wir sollten immer vorsichtig sein, wenn wir um eine Straßenecke gehen, einer verregneten Straße folgen, eine Leiter herauf- oder herunterklettern, etc. Diese Haltung wird in der Selbstverteidigung von Nutzen sein, wenn wir Karate ausreichend hart trainiert haben und gewohnt sind, Vorsicht walten zu lassen. Als Resultat einer langen Zeit des Karate Trainings können wir den Sechsten Sinn erlangen und so auch merken, wenn uns jemand folgt.

„Heutzutage Karate zu studieren ist wie ohne Laterne in der Dunkelheit zu spazieren. Wir müssen uns den Weg durch die Dunkelheit ertasten“ sagte Miyagi Sensei. Auch erklärte er mir, „Es gibt so viele Dinge im Karate, die keinen Sinn machen und es gibt viele Dinge, die ich nicht verstehe. Deshalb müssen wir unsere Großmeister besuchen und ihnen viele Fragen stellen, solange sie noch leben. Und selbst wenn wir dies tun, ist es glaube ich immer noch sehr schwer, die Antworten zu finden.“ Ich begleitete ihn immer zu den Großmeistern, Chomo Hanashiro Sensei und Itosu-no-Tanmee (Itosu, der alte Meister), um deren Geschichten über Karate zu lauschen.