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武術の歴史

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 Lafcadio Hearn


Lafcadio Hearn

 

Kyūshū – Träume und Studien aus dem neuen Japan

 

 

Einzig autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Berta Franzos.

 

Buchschmuck von Emil Orlik.

 

Frankfurt am Main, Literarische Anstalt Rütten & Loening, 1923.

 

Original 1890.


Kapitel „Jū-jitsu“

„Bei seiner Geburt ist der Mensch weich und schwach; bei seinem Tode fest und stark. So ist es mit allen Dingen... Festigkeit und Stärke sind die Begleiter des Todes, Weichheit und Schwäche die Begleiter des Lebens. Weshalb der, der sich auf seine eigene Kraft verlässt, nicht siegen wird.“

Tao-Te-King.

 

Lafcadio Hearn (1850-1905)

 

Unter den Gebäuden, die das Staatsgymnasium umgeben, befindet sich eines, das in seiner Bauart völlig von den übrigen abweicht. Hätte es nicht die großen Glasschiebefenster statt der üblichen aus Papier, man könnte es ohne weiteres für ein gewöhnliches japanisches Gebäude halten. Es ist lang, breit, einstöckig und enthält bloß einen einzigen, sehr großen Raum, dessen erhöhter Fußboden mit hundert Matten weich gepolstert ist. Es hat auch einen japanische Namen – Zuihôkwan -, was „die Halle unseres heiligen Landes“ bedeutet, und die chinesischen Schriftzeichen, die diesen Namen bilden, wurden von der Hand eines kaiserlichen Prinzen auf das schmale Täfelchen über dem Eingang gemalt. Der Innenraum zeigt keinerlei Einrichtungsstücke. Nichts weiter als noch ein Täfelchen und zwei Bilder hängen an der Wand. Eines der Bilder stellt den berühmten „Weißer-Tiger-Bund“ der siebzehn tapferen Jünglinge vor, die aus Vaterlandsliebe im Bürgerkriege freiwillig in den Tod gingen. Das andere ist ein Ölbild des beliebten greisen Professors der chinesischen Sprache, Akizuki von Aidzu, der in seiner Jugend ein hervorragender Krieger war, damals, da es noch weit mehr als heutzutage heißen wollte, ein Gentleman und zugleich ein Krieger zu sein. Das Täfelchen trägt chinesische Schriftzeichen von der Hand des Grafen Katsu, die bedeuten: „Tiefes Wissen ist das beste aller Besitztümer.“

Aber was ist das für ein Wissen, das in diesem ungeheuren kahlen Raum gelehrt wird? Es ist Etwas, das Jū-jitsu genannt wird. Und was ist Jū-jitsu?

Hier muß ich vorausschicken, daß ich selbst praktisch vom Jū-jitsu nichts weiß. Um es auch nur halbwegs zu erlernen, muß man schon in früher Jugend mit seinem Studium beginnen und es lange Jahre fortsetzen. Es darin zu einer höheren Stufe zu bringen, bedarf einer siebenjährigen unablässigen Übung, selbst vorausgesetzt, daß man ungewöhnliche, natürliche Anlagen dazu mitbringt. Ich kann keine detaillierte Erklärung des Jū-jitsu geben, nur einige allgemeine Andeutungen über sein Prinzip.

Jū-jitsu ist die alte Samuraikunst des Fechtens ohne Waffen. Dem Uneingeweihten scheint der Kampf ein „Ringen“. Kommt man während einer Jū-jitsu-Übung rein zufällig in das Zuihôkwan, so sieht man eine Schar Studenten, die zusehen, wie zehn oder zwölf schlanke, barfüßige und nacktgliedrige junge Kameraden sich gegenseitig über die Matten schleudern. Das lautlose Schweigen berührt den Fremden ganz eigentümlich. Kein Wort wird gesprochen, kein zeichen kündet Beifall oder Parteinahme an. Keines der Gesichter lächelt. Absolute passive Neutralität wird von den Regeln der Jū-jitsuschule strengstens gefordert. Aber wahrscheinlich würde den fremden Besucher gerade diese äußere Beherrschtheit aller, diese regungslose Totenstille der Zuschauer besonders frappieren.

Ein Berufsringer würde mehr bemerken; er würde wahrnehmen, daß die jungen Leute sehr auf ihrer Hut sind, ihre Kräfte zu entfalten, und daß ihre Griffe, Stöße und Hiebe ebenso eigenartig als verwegen sind. Er würde aber die ganze Produktion trotz der angewendeten Vorsicht als ein sehr waghalsiges Spiel bezeichnen und wäre vielleicht versucht, die Einführung abendländischer „wissenschaftlicher“ Regeln anzuraten.

Doch die wirkliche Sache – wohlgemerkt, nicht das Spiel – ist weit gefährlicher, als ein abendländischer Ringer es sich nach dem bloßen Augenschein vorstellt. Der Lehrer dort, leicht gebaut und biegsam, wie er scheint, vermöchte wahrscheinlich einen gewöhnlichen Ringer in zei Minuten kampfunfähig zu machen. Das Jū-jitsu ist überhaupt keine Kunstproduktion. Es ist kein Sport für jene Sorte Athleten, die sich vor einer Zuschauermenge sehen lassen. Es ist eine Kunst der Selbstverteidigung in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, es ist eine Kriegskunst. Der Meister dieser Kunst ist imstande, einen ungeschulten Gegner in einem Moment kampfunfähig zu machen. Durch irgend ein schreckliches léger de main verrenkt er unversehens dem Gegenr eine Schulter, hebt ihm ein Gelenk aus der Pfanne, zerrt ihm eine Sehne oder bricht ihm einen Knochen – alles scheinbar ohne die allermindeste Anstrengung. Er ist weit mehr als ein Athlet, er ist ein Anatom, und er kennt auch Griffe, die töten wie der Blitz. Aber er ist eidlich verpflichtet, diese verhängnisvolle Kenntnis nur unter bestimmten Umständen mitzuteilen, die jeden Mißbrauch so gut wie ausschließen. Die Sitte fordert, daß die Wissenschaft nur Männern von vollkommener Selbstbeherrschung und tadellosem Charakter anvertraut werden. Was mir aber als besonders bemerkenswert erscheint, ist, daß der Meister des Jū-jitsu niemals auf seine eigene Kraft baut, ja, daß er selbst in der größten Bedrängnis kaum Gebrauch davon macht. Was wendet er also an? Einfach die Kraft seines Gegners. Die Kraft des Feindes ist das einzige Mittel. Durch das dieser Feind überwältigt werden muß. Die Kunst des Jū-jitsu lehrt, ausschließlich die Kraft des Gegners zum eigenen Siege auszunutzen, und je größer die Kraft, desto schlimmer für ihn und desto besser für dich. Ich entsinne mich, wie erstaunt ich war, als einer der größten Lehrer des Jū-jitsu mir sagte, wie schwer ihm die Unterweisung eines jungen kräftigen Schülers fiele, den ich in meiner Einfalt für den besten der Klasse gehalten hatte. Als ich ihn nach dem Grund fragte, sagte er: „Weil er sich auf seine ungeheure Muskelkraft verläßt und sie benutzt.“ Das Wort Jū-jitsu bedeutet: „Durch Nachgeben siegen“.

Aber ich fürchte, ich kann die Methode überhaupt nicht erklären, ich kann nur einen beiläufigen Begriff davon geben. Jedermann weiß, was eine Parade im Boxen ist. Ich kann aber eigentlich diesen Vorgang insofern nicht ganz zu einem genauen Vergleich heranziehen, weil der Boxer, der pariert, dem Anprall seines Feindes seine ganze Kraft entgegensetzt, während ein Jū-jitsu-Champion das gerade gegenteil tut. Dennoch besteht die Analogie zwischen einer Parade beim Boxen und dem Nachgeben beim Jū-jitsu insofern, als in beiden Fällen die unberechenbare Heftigkeit des Anpralls die Schädigung dessen bewirkt, der ihn unversehens erleidet. Im allgemeinen darf ich also wohl sagen, daß im Jū-jitsu für jeden Stoß, Schlag, Ruck eine Parade existiert, daß aber der Jū-jitsukundige solchen Ausfällen überhaupt nicht opponiert, - nein, er gibt ihnen nach, ja mehr noch, er unterstützt sie mit einer tückischen Arglist, die den Angreifer unter Umständen dazu bringt, seine eigene Schulter aus den Angeln zu heben, seinen eigenen Arm zu knicken oder – in einem verzweifelten Falle – sogar seinen eigenen Hals zu brechen.

Aber selbst aus dieser mehr als vagen Erklärung wird der Leser vielleicht im Stande sein, zu verstehen, daß das Wunderbare des Jū-jitsu nicht in der möglichst hohen Geschicklichkeit des Ringers liegt, sondern in der ganz einzigen orientalischen Idee, die in dieser ganzen Kunst zum Ausdruck kommt. Welches abendländische Gehirn hätte die seltsame Lehre ausbilden können, der Gewalt niemals Gewalt entgegenzusetzen, sondern die Kraft des Angreifers bloß zu dirigieren und für sich selbst nutzbar zu machen, den Feind durch seine eigene Kraft zu Falle zu bringen, ihn einzig durch seine eigene Anstrengung zu vernichten! Sicherlich würde niemals ein Europäer auf diesen Gedanken gekommen sein! Der abendländische Geist scheint in geraden Linien zu arbeiten, der orientalische in wunderbaren Kurven und Kreisen. Doch welch feines Symbol, der Intellekt als Mittel, die brutale Kraft zu überlisten! Das Jū-jitsu ist weit mehr als eine Wissenschaft der Verteidigung, es ist ein philosophisches System (ja richtig, ich vergaß zu sagen, daß ein großer Teil des Jū-jitsu-Unterrichts rein moralisch ist), und es ist vor allem der Ausdruck eines Rasengenius, den jene Mächte, die von weiteren Eroberungen im Osten träumen, kaum richtig erkant haben.

Vor fünfundzwanzig Jahren, ja vielleicht vor noch kürzerer Zeit hätten Fremde nach demäußeren Anschein mit gutem Grunde prophezeien können, daß Japan nicht nur die abendländische Kleidung, sondern auch die Gebräuche des Abendlandes annehmen würde, - nicht nur unsere schnellen Verkehrsmittel, sondern auch unsere Prinzipien der Architektur, nicht nur unsere Industrien und unsere angewandte Wissenschaft, sondern ebenso unsere Metaphysik und unsere Dogmen. Manche, die Japan bereisten, glaubten wirklich, das Land würde sich abendländischen Ansiedlungen erschließen, und abendländisches Kapital, durch außerordentliche Privilegien angelockt, würde die ökonomische Entwicklung des Landes fördern, - ja man versteig isch sogar zu dem Glauben, die Nation würde vielleicht ihre plötzliche Bekehrung zu dem, was wir Christentum nennen, durch ein kaiserliches Edikt proklamieren.

Doch solche Vermutungen beruhten auf einer ebenso unvermeidlichen, wie absoluten Unkenntnis des Rassencharakters, - auf einem vollkommenen Verkennen der tieferen Fähigkeiten dieses Volkes – seiner Voraussicht, seine stiefwurzelnden Unabhängigkeitsgefühls. Keinem fiel ein, daß Japan, bei allem, was es tat, nur Jū-jitsu übe, - und tatsächlich hatte dazumal im Abendlande noch niemand etwas vom Jū-jitsu auch nur gehört!

Und doch war all dies im Grunde nur Jū-jitsu! …