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• Mündliche Überlieferung • Mündliche Überlieferung über Kanryō Higaonna, überliefert von Schülern von Seiko Higa.
► Aus dem japanischen Original übersetzt von Sanzinsoo unter dem Titel "Oral History about Kanryō Higaonna handed down by disciples of Seiko Higa." Siehe: http://uk.geocities.com/sanzinsoo/ ► Deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sanzinsoo. ► Anmerkungen vom deutschen Übersetzer in eckigen Klammern [...].
Bemerkungen: Dies ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Karate Denshinroku“ (Wahre Geschichte des Karate) von Hr. Akio Kinjo, einem Karate-Forscher und Kungfu-Lehrer in Okinawa. Seiten 35-40 (Okinawa Tosho Center, 1999)
Ich begann mit meiner Forschung über Karate, als ich mich 1955 in die Universität von Ryūkyū einschrieb. Doch bald merkte ich, daß dies wegen der geringen Anzahl an Büchern oder schriftlichen Materialien über Karate sehr schwer oder geradezu unmöglich ist. Um wertvolle Bücher über Karate zu finden, besuchte ich die Universitätsbücherei und viele andere große Büchereien, doch ich konnte keine Bücher finden. Selbst wenn ich einen historischen Artikel über die Herkunft des Karate fand, waren diese immer sehr einfach und kurz und bestanden nur aus fünf oder sechs Zeilen. Auch ihr Inhalt war nichts Neues für mich. Deshalb begann ich, mündliche Überlieferungen zum Karate zu sammeln. Die wertvollsten und anschaulichsten mündlichen Überlieferungen bezog ich von Großmeister Seiko Higa vom Gōjū-ryū. Zur selben Zeit eröffnete Sensei Higa ein Karate Dōjō (Trainingshalle) an der Vorderseite der Grundschule von Itoman. Ich trainierte dort Karate. Nach dem Training pflegte ich mich mit Sensei Higa über Karate zu unterhalten. Wir vertieften uns so sehr in unsere Unterhaltung, daß wir darüber die Zeit vergaßen. Seine Geschichten waren nicht nur interessant, sondern auch sehr wichtig als Forschungsmaterial zum Karate. Seiko Higas Vater ist Seishu Higa. Seishu Higa ist ein entfernter Verwandter von Kanryō Higaonna, der aus der Stadt Fuzhou in der Provinz Fujian, China, Karate im Naha-Stil nach Okinawa brachte. Da Seishu Higa und Kanryō Higaonna gute Freunde waren, unterhielten sie sich bei Sake (Reislikör) üblicherweise über Kanryōs Erinnerungen an Fuzhou, China und sein dortiges Karatetraining. Zu dieser Zeit war Seiko Higa noch immer ein Junge und er saß neben seinem Vater und lauschte mit großem Interesse der Unterhaltung. Aus diesem Grund kannte er eine so reichhaltige und anschauliche mündliche Überlieferung über Kanryō Higaonna. Es gibt zwei Schüler Seiko Higas, denen von ihm die mündliche Überlieferung vermittelt wurde und die mehr Details kennen, als ich. Einer von ihnen ist der verstorbene Chōshin Ishimine und der andere ist Saburō Higa, ein Akupunkteur. Sensei Chōshin Ishimine war der beste unter den Schülern von Sensei Seiko Higa. Als er jung war, widmete er all seine Zeit und Energie dem Karatetraining mit Sensei Higa. Seine Ausführung der Suparinpe ist so hervorragend, daß niemand dies besser als er machen konnte. Ich glaube 1953 gab es nur fünf oder sechs Karateka, die Suparinpe gut ausführen konnten. Sensei Ishimine lehrte mich voller Begeisterung Karate, da er nicht nur mein Karate-Lehrer war, sondern auch mein Cousin. Er besaß auch das Bubishi, das geheime Buch des Karate, überliefert durch Kopieren von Generation zu Generation unter den hochrangigen Schülern des Gōjū-ryū. Zu dieser Zeit war ich Schüler in der High School und konnte den Inhalt des Buches überhaupt nicht verstehen, doch [trotzdem] fertigte ich eine sorgfältige Kopie des Bubishi an. Ich habe es noch heute immer bei der Hand. Dieses wertvolle Buch ist sehr hilfreich dabei, die Geheimnisse des Karate zu lüften. Die Schüler von Sensei Chōshin Ishimine sind Hr. Yasuichi Ishimine, der Chefausbilder des Kobukan, Hr. Riki Uechi, der auf der Insel Miyako lebt, Hr. Tsuneo Kashima, der Chefausbilder des Miyako-Kobukan, und Hr. Atsushi Kuwae, der Chefausbilder des Shumyokan in Yonabaru. Ihnen wurde dieselbe mündliche Überlieferung vermittelt wie mir. Bezüglich des Karatestils von Shuri gelang es mir, wertvolle mündliche Überlieferungen zu sammeln: von Sensei Chōshin Chibana vom Kobayashi-ryū, von Sensei Chozo Nakama und Sensei Hohan Soken vom Shōrin-ryū Matsumura Seito-ha. Kürzlich gelang es mir auch, mündliche Überlieferungen von Sensei Seikichi Higa (Seiko Higas Sohn) zu sammeln, dem Präsidenten der Gōjū-ryū International Karate Kobudō Federation, von Sensei Shinpō Matayoshi, dem Präsident er All Okinawa Kobudō Federation, und von Sensei Eiichi Miyazato, dem Präsidenten der Gōjū-ryū Karatedō Association. Basierend auf oben erwähntem Material aus Okinawa sowie den Informationen, die ich in der Provinz Fujian, China, erhielt, als ich dort Kungfu studierte, habe ich versucht, die Geheimnisse des Karate zu lösen. Die mündlichen Überlieferungen, die ich von Sensei Seiko Higa, Sensei Chōshin Ishimine und Hr. Saburō Higa sammelte, sind die Folgenden.
(1) Der Name des chinesischen Meisters von Kanryō Higaonna lautet phonetisch wiedergegeben To Ru Ko oder To Lu Ko oder Ru Ru oder Lu Lu oder Ka Chin Ga Ru Ru oder Ka Chin Ga Lu Lu oder Ru Ru Ko oder Lu Lu Ko. Niemand kennt seinen exakten Namen. Es ist alles ein solches Durcheinander, daß niemand weiß, welcher sein richtiger, welcher sein Nachname und welcher sein Vorname ist. Auch sind keine chinesischen Schriftzeichen für seinen Namen verfügbar. (2) Wai Shin Zan und To Ru Ko waren beide als große Kungfu-Meister in der Provinz Fujian bekannt. (3) Wai Shin Zan war Militäroffizier. To Ru Ko betrieb als Chefausbilder seine eigene Kungfu-Schule. (4) To Ru Ko stammte nicht aus Fuzhou. Er immigrierte aus einer anderen Stadt oder einem anderen Dorf nach Fuzhou. Sein Haus befand sich in der Nähe des Meeres oder eines (des?) Flusses. (5) To Ru Ko kam zusammen mit Wai Shin Zan als Militärattache des Sappushi (eine Art Ambassador des chinesischen Kaisers) nach Ryūkyū (Okinawa). Anm.: Laut Seikichi Higa ist To Ru Kos Besuch von Ryūkyū fragwürdig. (6) Keinen kennt Kanryō Higaonnas chinesischen Spitznamen oder wie er von den Chinesen genannt wurde. (7) Nachdem Kanryō Higaonna in Fuzhou, China, ankam, besuchte er Wai Shin Zan um diesen um Kungfu-Unterricht zu bitten. Doch Wai Shin Zan nahm ihn nicht an, da es Militäroffizieren nicht erlaubt war, die Kampfkünste an Zivilisten zu unterrichten. Deshalb empfahl er Higaonna, in die Kungfu-Schule von Meister To Ru Ko zu gehen. (8) Im vorderen Altar von To Ru Kos Dojo (Trainingshalle) fanden sich zahlreiche abgebrannte Räucherkerzen. (9) In seiner frühen Zeit in China arbeite Kanryō Higaonna als Fährmann. (10) Nachdem Kanryō Higaonna der Kungfu-Schule beitrat, lehrte ihn To Ru Ko für einige Zeit ersteinmal gar nichts. Stattdessen mußte Kanryō die Hausarbeit von To Ru Kos Familie verrichten. Er trainierte nur mit Werkzeugen oder Gegenständen. (11) Als der Fluss über die Ufer trat, kam Kanryō Higaonna mit einem Boot zum Haus von To Ru Ko und rettete dessen Familie. Unter Einsatz seines Lebens rettete Higaonna die Tochter To Ru Kos vor dem Ertrinken, als diese von der schweren Flut hinweggerissen wurde. Seinen Schülern auf Okinawa erzählte er oft von seinen Erinnerungen an diesen riskanten Vorfall. (12) Nachdem die Flut abgelaufen war, sagte Meister To Ru Ko zu Kanryō Higaonna, „Ich danke dir für deine mutige Tat, wir wurden vor der Flut gerettet. Du hast unser Leben gerettet. Wir sind dir sehr dankbar für deine Hilfe. Als Belohnung übernehme ich die Reisekosten für deine Rückkehr in deine Heimat, Ryūkyū (Okinawa). Sag mir, wieviel du benötigst.“ Darauf antwortete Kanryō Higaonna, „Meister, Ich kam den ganzen Weg von Ryūkyū nach Fuzhou, um Kungfu zu lernen. Ich habe geduldig abgewartet, bis das du mich Kungfu lehrst. Wegen der Ausgaben für die Rückkehr nach Ryūkyū; ich denke, dies kann ich selbst regeln. Meister, bitte lehre mich Kungfu!“ So wurde Kanryō Higaonna formeller Schüler von Meister To Ru Ko. Hart lernte und studierte er viele Kungfu-Geheimnisse und detaillierte Techniken des Kungfu seines Meisters. (13) In der Nacht des 15. August des alten Mondkalenders, hielten die Schüler von To Ru Ko und von Wai Shin Zan eine Feier auf einem Boot ab, um den wunderschönen Mond zu betrachten. Auf dieser Feier kam es zu einem Kampf zwischen Kanryō Higaonna und dem stärksten Schüler von Wai Shin Zan. (14) Um zu entscheiden, wer den Kampf gewonnen oder verloren hat, ließen die Meister zwischen den beiden Schülern einen Wettkampf von Kraft und Kata (Kungfu-Formen) durchführen. Kanryō Higaonna führte die Kata sehr gut aus, mit blitzschnellen Fauststößen und Tritten und sehr schnellen Körperbewegungen. In Anbetracht Kanryō Higaonnas großartiger und prächtiger Kataausführung, nahm sein Konkurrent den Rat seines Meisters Wai Shi Zan an, und versöhnte sich mit Kanryō Higaonna. (15) Kanryō Higaonna meisterte das Kungfu dermaßen gut, daß er schließlich als Assistantausbilder im Dojo tätig wurde. (16) Eines Tages fragte Kanryō Higaonna den Meister um Erlaubnis, nach Ryūkyū (Okinawa) zurückkehren zu dürfen. Der Meister antwortete ihm, „Ich bin so alt, daß ich nicht länger Kungfu lehren kann. Wenn du in deine Heimat zurückkehren möchtest, mußt du hier noch einige Jahre lang Kungfu an meine Schüler lehren, damit einige von ihnen meine Nachfolge antreten können.“ (17) Einige Jahre später, als Kanryō Higaonna kurz davor stand nach Ryūkyū zurückzukehren, gab ihm der Meister einen abgeschlagenen Speerschaft [einen Speerschaft mit abgehauener Spitze]. Er sagte zu Kanryō Higaonna, „Dies ist für dich. Dieser Speerschaft wurde abgeschlagen [die Speerspitze wurde abgehauen] als ich mit einem hartnäckigen Gegner kämpfte, der in der Schwertkunst sehr bewandert war. Obwohl mein Speer abgehauen wurde, gewann ich den Kampf. Es ist meine schwerste Erinnerung. Ich gebe dir diesen Speerschaft als Andenken. Bewahre ihn gut bei dir auf.“ (18) Als Kanryō Higaonna nach Ryūkyū zurückkehrte, war Meister To Ru Ko sehr alt. Auch sein Augenlicht war schlecht. (Dies ist eine mündliche Überlieferung von Sensei Eiichi Miyazato, einem der rangältesten Schüler von Großmeister Chōjun Miyagis.) (19) Kanryō Higaonnas Karate vom Naha-Stil wurde von Meister To Ru Ko geschaffen. Er schuf ihn indem er sein eigenes Kungfu mit Techniken verschiedener Stile kombinierte. (20) Der Prototyp der Sanchin, die Kanryō Higaonna in den frühen Tagen [nach seiner Rückkehr] auf Okinawa lehrte, geht wie folgt. 1- Anders als bei der heutigen Sanchin, sind die Hände immer offene Hände (Nukite oder Speerhand), nicht geschlossene Fäuste. 2- Du stößt sehr schnell mit Nukite (Speerhand) und bringst dann deine Hand in die grundlegende Sanchin-Position zurück. 3- Das Atemgeräusch ist kaum hörbar. Wenn dein Nukite in die grundlegende Sanchin-Position zurückgebracht wird, machst du das kurze und scharfe Atemgeräusch. 4- In den späteren Tagen [nach seiner Rückkehr nach Okinawa] modifizierte Kanryō Higaonna die Stoßgeschwindigkeit der Sanchin; indem er die sehr schnelle Stoßgeschwindigkeit in langsame Bewegung änderte. (21) Chōjun Miyagi ging nach Fuzhou, China um dort Handel mit Tee zu treiben. Nach seiner Rückkehr nach Okinawa fragte er Sensei Kanryō Higaonna über Sanchin in China, „In Fuzhou, China, atmeten sie bei der Ausführung der Sanchin mit dem Geräusch ‚Haa Haa‘ oder ‚Fuu Fuu‘, wie eine ‚brüllende‘, riesige Schlange. Weshalb haben wir nicht eine solche Art zu atmen?“ Sensei Higaonna antwortete, „Ihre [Arten zu atmen] sind authentisch. Und unsere sind auch authentisch.“ Dann fragte Chōjun Miyagi wieder, „Wenn dem so ist, wirst du mir ihre Atemmethode mit dem Klang [Atemgeräusch] beibringen?“ Sensei Higaonna antwortete sogleich, „Du bist zu jung um dies zu lernen.“ (22) Nachdem Sensei Higaonna verstorben war, begann Chōjun Miyagi Karate an einer Handelsschule in Naha zu lehren. Etwa zu dieser Zeit begann er, Sanchin allmählich zu modifizieren. Er änderte die offenen Hände beim Stoßen und zurückziehen in geschlossene Hände, oder Fäuste. Später machte er beim Ein- und Ausatmen Geräusche. Schließlich machte er die Sanchin des Gōjū-ryū, so wie wir sie heute machen. (23) Kanryō Higaonna war Analphabet, deshalb existieren keine von ihm angefertigten Aufzeichnungen. (24) Wenn man in China Kungfu studieren will, muß man eine Stange Geld an seinen Kungfu-Meister bezahlen. Sensei Higaonna bezeichnete ein solches Kungfu als Hanchinti (Geschäfts-Karate oder Geld-mach-Karate.) (25) Sensei Seiko Higa sagte, „Sensei Kanryō Higaonna hat so viele Kungfu-Techniken gemeistert, weil er ein formeller direkter Schüler war, und kein gewöhnlicher Schüler.“ |
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