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• Balduin Groller: Dschiu-Dschitsu. In: Das große illustrierte Sportbuch Herausgegeben unter Mitwirkung zahlreicher Autoren.
Verlag J. J. Arndt, Leipzig ,
schätzungsweise 1908-1910.
Darin: Kapitel Dschiu-Dschitsu von
Balduin Groller.
Von Balduin Groller
Dschiu-Dschitsu ist für uns Europäer der jüngste aller Sports. Es
ist eine Frucht der merkwürdigen Überraschungen und Offenbarungen, die uns der
russisch-japanische Krieg über die Japaner gebracht hat. Ja, das hat kein
Mensch gewußt, kein Mensch wissen können! Früher haben wir nur ihre
Lackarbeiten bewundert, die auf hoher See getrocknet werden, wo kein
Staubkörnchen ihren Glanz trüben kann. Wir fanden ein künstlerisches Behagen an
ihren reizvollen Farbenholzschnitten, an ihren leuchtenden, schmiegsamen
Seidenstoffen, an ihren Grotesken aus Bronze. Wir staunten ihre Jongleure und
Akrobaten an ob ihrer enormen Geschicklichkeit und nie versagender Sicherheit.
Das war so ziemlich alles. Es war ein naives und harmloses Interesse an zierliche
kleinen Leuten, die in ihrer absonderlichen Beschaffenheit unter Lebensgröße
sich durch die Welt schlagen mußten. Dann kamen die Schriften Lafcadio Hearns
über Japan und die Japaner. Die machten uns stutzig. Ist’s die Möglichkeit? Er
starb vor Ausbruch des Krieges, aber als ein wahrer Prophet verkündet er es im
voraus: sollte es jemals zwischen Rußland und Japan zu einem Kriege kommen, so
sei es ganz ausgeschlossen, daß die Russen auch nur eine einzige Schlacht gewinnen
könnten. Er begründete das aus der Psychologie des japanischen Volkes heraus.
Nun begann Europa näher hinzusehen. Wirklich ein merkwürdiges Volk. Ein Volk
des Lächelns und der guten Lebensart, das niemals unmutig sich gebärdet,
niemals schimpft und flucht, das einen Kultus mit dem Kinde und mit den Blumen
treibt. Ein Volk, gekennzeichnet durch einen Zug an Liebenswürdigkeit und den
Drang nach Schönheit und Harmonie. Und sonderbar, gerade diesem Volke sind zwei
Gnadengeschenke der Natur versagt: Vogelsang und Blumenduft sind unbekannt auf
seiner Insel.
Gleich zu Beginn des Krieges ereignete sich ein Vorfall, der
Lafcadio Hearns Voraussage ins Gedächtnis rief und darüber nachdenken ließ. Ein
japanisches Kriegsschiff erlitt auf hoher See eine Havarie, und die gesamte Mannschaft
mußte sich auf ein großes, völlig wehrloses Holzschiff retten. Da kam eine
gigantische russische Panzerfregatte herangeschossen. Die wehrlosen Leute wurden
aufgefordert, sich zu ergeben. Da – ein gemeinsames brausendes „Banzai!“, und
die ganze Besatzung, achthundert Mann, stürzte sich ins Meer und ging da zugrunde.
So lautet der Bericht, den alle Zeitungen brachten und der niemals irgendwie
berichtigt oder dementiert worden ist. Das gab nun allerdings zu denken, und
man begann zu begreifen, daß – mit solchen Leuten in der Tat recht schwer
fertig zu werden sein müsse. Dann der weitere Verlauf des Krieges. Die
unerhörten Strapazen in der sengenden Glut und in den furchtbaren eiligen
Winterstürmen der mandschurischen Wüstenei – wie sie von den japanischen
Truppen ertragen wurden, und wie sie marschierten und wie sie kämpften! Niemals
sind schier übermenschliche Anstrengungen und Leiden heroischer erduldet und überdauert
worden. Da war die ganze Welt einig in der Bewunderung, und da stellte sich der
tiefe Respekt ein vor allem und jedem, was aus Japan kam. Vielleicht – die Zeit
wird darüber Aufklärung bringen – ist man darin auch im Schwung der
Begeisterung um einen Schritt zu weit gegangen. Möglich, aber Tatsache bleibt
es, daß im ersten Ansturm alles, was japanische Provenienz war, als ganz vor-,
ja unübertrefflich befunden wurde.
In dieser Stimmung erhielt Europa zum ersten Mal auch Kenntnis von
dem durch Jahrhunderte gepflegten, aber stets geheim gehaltenen autochthonen
japanischen Nationalsport Dschiu-Dschitsu. Es klingt wie eine contradictio in
adjecto: ein Nationalsport, der geheim gehalten wurde. Der scheinbare
Widerspruch löst sich bei Betrachtung der japanischen Sonderverhältnisse. Von
alters her bestand in Japan eine Kriegerkaste, der eigentliche Militäradel, die
Samurai. Erst unter der epochemachenden Regierung des jetzigen Mikado wurde die
Kaste als solche aufgehoben, aber ihre Traditionen bestehen fort, und die von
ihr gepflegten Künste und Fertigkeiten verallgemeinern sich. Eines ihrer
wertvollsten Geheimnisse war das Dschiu-Dschitsu, und als die Kunde davon nach
Europa drang, da ward viel Aufhebens davon gemacht. Es entstand sofort eine
umfängliche Literatur darüber, und alles war einig darin: das muß auch bei uns
eingeführt werden. Wir werden im Verlaufe unserer Untersuchung sehen, ob jene Begeisterung
begründet war, ob die Sache auch für unsere europäischen Verhältnisse paßt und
ob es wirklich geboten ist, daß wir hier auch diese Mode mitmachen.
Dschiu-Dschitsu ist Sport. Das unterliegt gar keinem Zweifel. Es
ist Kampf zweier Menschen unter vollkommen ausgeglichenen Bedingungen, und zwar
Kampf ohne Werkzeug, ohne Waffen und ohne Schutzvorrichtung. Es ist die
einfachste und dabei doch komplizierteste Form der Raufkunst. Man wird sofort
sehen, daß darin kein Widerspruch steckt. Die einfachste nicht nur deshalb, weil
sie keinerlei künstliche Wehr und Waffen erfordert, und die komplizierteste
eigentlich aus demselben Grunde und dann, weil sie an keinerlei Regel gebunden
ist. Es ist einfach alles erlaubt, und weil nun alles erlaubt ist, muß man,
wenn man sich in die Austragung einer solchen Angelegenheit einläßt, auch alles
wissen und alles können, was bei der Affäre notwendig ist, sonst ist man geliefert.
Wie es Propositionen gibt, die die Bestimmung enthalten: „frei für alle“, so
heißt es hier „frei für alles“.
Der Vergleich mit dem Fechten, das auch eine Raufkunst ist, kommt
hier gar nicht in Betracht. Da gelangt ja eine Waffe zur Verwendung. Zufällig
wäre nur eine Vergleichung mit dem Boxen, mit der Savate, wie die „boxe
francaise“ genannt wird, und mit dem Ringkampf. Bei dieser Vergleichung stellt
es sich erst zur Evidenz heraus, daß Dschiu-Dschitsu in der Tat die einfachste
und zugleich die universellste Kunst des Raufens vorstellt. Der Boxer darf
seinen Gegner niederschlagen, er hat die vollste Freiheit, ihm die Zähne
einzuschlagen und das Nasenbein zu zerschmettern, aber er darf die Faust nicht
öffnen. Auch die sanfteste Ohrfeige würde schon ein grobes Vergehen bedeuten.
Er darf seinen Gegner nur mit der Faust bearbeiten. Bei der „savate“ muß
gleichfalls mit den Fäusten manipuliert werden, aber man hat wenigstens die Befriedigung,
seinen Gefühlen auch durch Fußtritte Ausdruck geben zu dürfen. Das ist aber
auch alles. Zugreifen darf man doch nicht. Für den Ringkampf gibt es ebenfalls
zwei gebräuchliche Methoden. Erstens die ganz unsinnig als
„griechisch-römischer Stil“ bezeichnete, bei der der Gegner nicht tiefer als
bis zum Gürtel angefaßt werden darf, und dann die catch as catch can-Methode,
bei der mit gewissen genau präzisierten Ausnahmen jeder Griff und jeder Trick
zulässig ist. Bei alledem aber auch da entscheidende Einschränkungen: kein
Ringer darf sich das Vergnügen gestatten – und sollte die Versuchung noch so
stark sein – seinem Herrn Gegner die Zähne herauszuschlagen.
Alle hier erwähnten Raufkünste sind gut für Sport und Spiel; sie
sind aber bei strenger Befolgung aller Kunstregeln unzulänglich für den
Ernstfall. Es wird einer von einem Strolche überfallen und hat nun für sein
leben zu kämpfen. Der Überfallen ist zufällig ein vortrefflicher Ringer. Es gelingt
ihm, den rüden Angreifer mit einem eleganten Halb-Nelson hinzulegen, daß er mit
beiden Schultern den Boden berührt. Der Mann wäre besiegt und hätte jetzt von
Rechts wegen abzutreten. Es ist nun die Frage, ob er dazu das hinreichende
Zartgefühl und die entsprechende sportliche und ritterliche Gesinnung haben
wird. Zweifel sind gestattet. Er wird vielleicht undelikat genug sein, seinem
„siegreichen“ Gegner von unten herauf einen Tritt in den Bauch zu versetzen
oder ihm an die Gurgel zu fahren, um ihn zu erwürgen.
Bei all diesen sportlichen Künsten werden die letzten Konsequenzen
nicht gezogen. Immer sind Schranken aufgerichtet. Das sind die Regeln, die es
nicht gestatten, diese Konsequenzen zu ziehen. Das hat ja seine gute Begründung.
Der Gegner soll besiegt, aber nicht vernichtet werden. Sport ist ja doch Spiel,
oft genug blutiges Spiel, aber doch nicht blutiger Ernst. Selbst bei
Anerkennung dieser Tatsache muß ich bekennen, daß gewisse sportliche
Beschränkungen mir keinen rechten Sinn zu haben scheinen. So beim
„römisch-griechischen“ Ringkampf. Auch beim Ringkampf soll es sich zeigen, wer
der bessere Mann ist. Nicht nur wer der stärkere, sondern auch wer der gewandtere,
der geschmeidigere, der findigere ist. Käme es lediglich auf die Probe der
reinen Kraft an, dann würde für die Entscheidung die Arbeit mit dem Schwergewicht
ausreichen. Gerungen wird ja gerade deshalb, weil nicht lediglich über die
reine Kraft, sondern auch über die Geschicklichkeit und über die allseitige
körperliche Durchbildung entschieden werden soll. Wozu aber dann die sinnlosen
Einschränkungen, die die Entfaltung gerade der besten und schätzenswertesten
Eigenschaften verhindern? Der catch as catch can-Stil hat da entschieden mehr
Sinn. Da kann doch die ganze Persönlichkeit zur Geltung kommen, nicht nur die
rohe Kraft, sondern auch die Gewandtheit und nicht nur die körperliche
Gewandtheit. Es gibt einen Kampf Körper an Körper; der bedrängte Kämpfer hätte
ein vortreffliches Mittel, sich zu retten und den Gegner zu Fall zu bringen, -
er brauchte ihm nur ein Bein zu stellen. Er darf es nicht. Warum nicht? Es wäre
ein tückisches Mittel. Aber alle Finten sind tückisch, und Finten sind doch sonst
nicht verboten und können nicht verboten werden. Es muß eben trainiert werden,
ihnen Wirksam zu begegnen und die Bedingungen bleiben ausgeglichen, wenn sie
beiden Teilen zugebilligt werden.
Beim Dschiu-Dschitsu gibt es keinerlei Einschränkungen, und
deshalb ist er auch ein lebensgefährlicher Sport. Weil er aber so gefährlich
ist, erscheint die Frage berechtigt, ob das überhaupt noch Sport ist. Im
Prinzip haben wir die Frage schon beantwortet. Es ist Kampf unter ausgeglichenen
Bedingungen, es ist Sport, aber es ist ein Sport für Gladiatoren, nicht für zivilisierte
Menschen. Das gilt ja schon vom Preisboxen bis zu einem finish mit Handschuhen
von wenigen Unzen im Gewicht, im weit höheren Maße aber vom Dschiu-Dschitsu.
Wir haben gesehen, welche Beschränkungen dem Boxer auferlegt sind; wir wissen,
daß der catch as catch can-Ringer, dem fast jeder Griff erlaubt ist, nicht schlagen
und sich beispielsweise nicht an den Geschlechtsteilen seines Gegners vergreifen
darf. Der Dschiu-Dschitsu-Kämpfer darf schlagen, und wenn es ihm gelingt, die Geschlechtsteile
seines Gegners zu erwischen, dann Gnade Gott dem Gegner!
Die Japaner besorgen alles gründlich, was sie in die hand nehmen.
Sie haben das Dschiu-Dschitsu fast bis zur Vollkommenheit entwickelt. Das
System wenigstens ist vollkommen und wohl kaum noch einer Erweiterung oder
Steigerung fähig. Eins sei aber vorweg bemerkt. Sport ist ihnen Dschiu-Dschitsu
nie gewesen. Dazu haben es erst die Europäer gemacht, und die Japaner haben
sich mit ihrer bekannten Anpassungsfähigkeit auch darein gefunden. Sie stellen
nun auch ihre Sportsmen, meist Professionals, auf diesem Gebiete. Trotz der jäh
aufschießenden Dschiu-Dschitsu-Literatur und der allerdings nicht ganz uninteressierten
Betriebsamkeit der Bücherschreiber, Trainer und Lehrer wird das Dschiu-Dschitsu
weder in Europa, noch in Amerika, noch sonst irgendwo in der abendländischen
Kulturwelt wirklich Sport werden. Das scheint mir unmöglich, obschon es alle
Elemente des Sports in sich schließt. Endlich und schließlich könnte auch ein
Kampf mit Repetiergewehren allen sportlichen Anforderungen genügen, und er wird
doch schwerlich jemals den wirklichen Sports eingereiht werden.
Abb. 1. Griff zur Lähmung des Oberarmes.
Bei den Japanern hatte die Übung im Dschiu-Dschitsu einen sehr
ernsten Hintergrund. Es wurden damit rein militärische und kriegerische Zwecke
verfolgt. Die Angehörigen der Kriegerkaste sollten durch diese Übungen nach
zwei Richtungen hin bis zur äußersten Grenze menschlicher Fähigkeit gebildet
und entwickelt werden; erstens in der Ertragung und Verachtung körperlicher
Schmerzen bis zu einem Grade, der den nervösen Geschlechtern abendländischer
Kultur kaum noch recht verständlich erscheint, und dann in der Wissenschaft, im
Ernstfalle auch unbewaffnet noch einen furchtbaren Gegner vorzustellen. Diese japanische
Kunst des Angriffes und der Selbstwehr ohne Waffen ist auf durchaus
wissenschaftlicher und systematischer Grundlage aufgebaut. Bau und Anatomie des
menschlichen Körpers wurde auf das sorgsamste studiert und dabei ein besonderes
Augenmerk auf die Kunstfehler im Bau gerichtet. Die schwachen Stellen, die
verwundbaren Stellen, die Stellen, wo der Stärkste sterblich ist, die sogenannten
Achillesfersen und die Küraßfehler in der natürlichen Ausrüstung wurden
herausgesucht und mit peinlicher Genauigkeit erforscht. Dann gingen sie logisch
weiter, indem sie nach den schärfsten und wirksamsten Angriffsmitteln gegen die
schwachen Stellen forschten. Und so entwickelte sich ihre besondere nationale
Raufkunst, die, wie bereits erwähnt, durch die jahrhunderte als ein Geheimnis
der Kriegerkaste bewahrt worden ist. „Dschiu-Dschitsu“ soll in wörtlicher
Übersetzung heißen: „Der Sieg des Schwachen über den Starken.“ Ich verstehe
nicht Japanisch (ich verstehe es so wenig, wie ein ehemaliger, sogar in den
Ritterstand erhobener Zeitungsherausgeber eine andere Sprache verstand. Als er
einmal einen Berichterstatter nach Belgien entsandte, wo gerade eine große
Sache los war, fragte er zuvor besorgt: „Aber, Löwy, können sie auch Belgisch?“).
Aber ich nehme die Verdeutlichung auf Treu und Glauben hin. Sie könnte richtig sein und entspricht durchaus
dem Wesen der Sache. Tatsächlich wird selbst ein Schwächling, sofern er die
Geheimnisse des Dschiu-Dschitsu kennt und ordentlich trainiert ist, auch einen
sehr starken Athleten besiegen und wehrlos machen können, wenn dieser mit den
Künsten des Dschiu-Dschitsu nicht vertraut ist.
Die ostasiatische Kultur ist durch Jahrtausende sehr langsam
gewesen. Der Sturmschritt der Japaner während des letzten Menschenalters ist
eine ganz ausnahmsweise und gerade darum eine so kolossal verblüffende Erscheinung.
Die Leute ließen sich Zeit und hatten Geduld, und diese Geduld brachte sie dann
zu Leistungen, die wir Rascherlebenden wohl bewundern, aber nicht nachahmen
können. Ein Beispiel. Auch in China kennt man Zahnschmerzen; auch dort gibt es
kariöse Zähne, abgebrochene Zahnkronen und schmerzhafte Zahnwurzeln. Die chinesischen
Zahnärzte arbeiten ohne Apparate. Sie entfernen kranke Zähne und selbst noch
kaum „faßbare“ Zahnwurzeln mit den Fingerspitzen. Das sollte mal ein
europäischer Zahnarzt oder einer der vielgerühmten American dentists versuchen!
Wie wird nun so ein chinesischer Zahnarzt herangebildet? Er wird systematisch
heraustrainiert. Zuerst kriegt er ein weichholzenes Brett, in das eine große
Anzahl Löcher gebohrt werden. In die Löcher werden weichholzene Stifte
hineingehämmert, daß sie für nichtchinesische Finger überhaupt nicht mehr zu fassen
sind. Der Jünger der Wissenschaft muß nun diese Stifte mit den Fingerspitzen
herausziehen, einerlei wie lange es dauert. Ist dieses Problem gelöst, dann
kommt die Steigerung: Brett Weichholz, Stifte Hartholz. Noch später Brett Hartholz,
Stifte Weichholz, und zum Schluß als Krönung des Gebäudes: Brett und Stifte Hartholz.
Über die Lösung dieser Probleme vergehen vielleicht Jahre; ist aber auch das
letzte Pensum erledigt, dann ist der Jünger ein Meister geworden, ein diplomierter
Zahnarzt, der nun die Befugnis und die Fähigkeit hat, seinen Nebenmenschen die
Zähne auszureißen.
Mit ähnlichem Aufwand von Geduld betreiben die Japaner das
Training für Dschiu-Dschitsu. Fassen wir zunächst nur das Training der Hand ins
Auge. Da ich hier nicht die Gelegenheit und überhaupt nicht den Ehrgeiz habe,
ein ganzes Buch über das Dschiu-Dschitsu zu schreiben, wollen wir uns auch
nicht in allzuviele Einzelheiten einlassen. Also nur die Hand. Der kleine
Japaner hält nicht viel vom Faustschlag. Nicht mit Unrecht. Ein Faustschlag
gibt nicht genug aus. Der durch ihn zufügbare Schmerz ist nicht erheblich. Er
bedeutet für den Gegner mehr eine Behelligung als einen Schmerz. Jedenfalls ist
dieser fast niemals so arg, daß er den Gegner sofort wehrlos machte.
Erfahrungsgemäß ist auch ein gebrochenes Nasenbein nicht ein ausreichender
Grund, den Kampf aufzugeben. Es macht nicht wehrlos und erhöht vielleicht nur
die Gefahr des Angreifers, weil der Gegner zur äußersten Wut aufgereizt wird,
ohne daß er wesentlich geschwächt worden wäre. Auf den Gegner aber so lange mit
den Fäusten loszudreschen, bis ihn die Betäubung wehrlos macht, das wäre zu
langwierig und zu – unsicher. Es wäre auch zu kunstlos, und vor allen Dingen –
es wäre auch nicht mehr Dschiu-Dschitsu, die Kunst des Kampfes, die selbst dem
Schwächeren die große Siegeschance einräumt.
Das mußte also anders angepackt werden. Es stecken noch mehr der
Angriffsmöglichkeiten in der menschlichen Hand, als bis dahin aus ihr
herausgebracht worden waren. Die offene hand mit ihre ausgestreckten Fingern –
natürlich die trainierte Hand mit den trainierten Fingern – ist eine viel
gefährlichere Angriffswaffe als die faust. Es ging ganz logisch zu. Die Erforschung
der schwachen Stellen führte zur Entdeckung der wirksamsten und zweckmäßigsten
Angriffsmethoden. Sogar der muskulöseste Oberarm weist zwei nur schwach
geschützte Stellen auf. Die mächtigsten Muskellagerungen, die jedem Schlag genügend
Widerstand entgegensetzen können, finden sich am Oberarm vorne und hinten. An
den beiden Seiten aber außen und innen ist je eine Stelle, an welcher der
Oberarmknochen weitaus weniger geschützt ist. Ein entsprechend kräftiger Schlag
gegen diese Stellen muß den Knochen brechen und damit die Kampfunfähigkeit
herbeiführen. Mit einem Faustschlag ist diese Wirkung nicht zu erzielen, dazu
ist die Faust zu groß, und er kann der Lage der schwachen Stelle nach auch
nicht die erforderliche volle Wucht haben. Zu groß deshalb, weil sie auch die nächste
Umgebung der schwachen Stelle treffen, also nicht unmittelbar auf diese
auffallen würde. Dorthin gehört, um den Knochen u brechen, etwas wie ein Hieb
mit einem stumpfen Beil. Da aber nun die künstliche Waffe ausgeschlossen ist,
muß eben die Hand zu so einem stumpfen Beil heraustrainiert werden. Diese
seltsame Kunst haben die Japaner in ganz erstaunlicher Weise entwickelt durch
das Training der beiden äußeren Handkanten. Das Training erinnert an die
Vorübung der chinesischen Zahnärzte. Die Handkanten werden gehärtet und
unempfindlich gemacht durch starke Schläge auf Holz und Stein. Das ist für den
Anfang eine sehr Schmerzhafte Übung, sie wird aber durch lange Zeit mit unsäglicher
Geduld und Ausdauer fortgesetzt, bis das gewünschte Resultat erreicht ist, und
es wird umso sicherer erreicht, als es seit der zeit der alten Spartaner kein
zweites Volk gegeben hat, noch gibt, bei welchem die Verachtung körperlicher
Schmerzen einen so wichtigen Punkt im Erziehungsprogramm gebildet hätte, wie
bei den Japanern. Nur bei einem solchen Volke konnte sich aber auch die Kunst
des Dschiu-Dschitsu entwickeln, das ja lediglich für den Ernstfall aufgerichtet
worden ist, das aber, um im entscheidenden Moment wirksam werden zu können,
schon vorher geübt und trainiert worden sein muß. Mit bloßem „Markieren“ ist
jedoch beim Training nichts getan, und so ist denn dieses schon an sich so
schmerzhaft und gefahrvoll, daß es außerhalb Japans ganz gewiß nirgends sich
jemals einbürgern kann.
Ein starker seitlicher Schlag mit einer also präparierten
Handkante direkt auf die schwach beschützte äußere Stelle des gegnerischen Oberarms
kann daher nur allzu leicht die angestrebte Wirkung herbeiführen. Nicht auf
dieselbe Weise kann der Angriff auf die innere Stelle erfolgen. Für diese gibt
es aber eine nicht minder wirkungsvolle Methode, zu deren Anwendung sich die Gelegenheit
immer leicht ergibt. Der Gegner hat den Arm ausgestreckt, sei es aus Abwehr,
sei es, weil er zum Schlage ausholt oder schon geschlagen hat. Nun erfolgt blitzschnell
der Schlag von unten herauf gegen die schwache Stelle, - analog der Sekonde
beim Säbelfechten – und trifft er richtig auf, dann ist der Arm aus dem
Kugellager gehoben und die vollständige Wehrlosigkeit herbeigeführt. Dammi8t
sind die Aufgaben der Handkante aber noch bei weitem nicht erschöpft. Ein
glücklicher Schlag – er ist wie ein Beil- oder Schwerthieb – gegen die Nasenwurzel,
und es gehen dabei nicht nur das Nasenbein, sondern auch ein, wenn nicht beide
Augen drauf. Resultat: Wehrlosigkeit. Oder noch schlimmer und noch sicherer:
ein rascher Handkantenschlag gegen den Hals des Gegners. Gelingt er von vorn,
so ist der Kehlkopf zertrümmert, und es tritt der sofortige Tod ein. Gelingt er
von der Seite, dann ist das Genick abgestoßen.
Wie die Handkanten werden auch die Finger trainiert. Auch das ist
ein schmerzhaftes Training. Es muß erreicht werden, die ausgestreckten Finger,
seien sie nun geschlossen oder gespreizt, als Stoßwaffe zu verwenden. Ein
kräftiger Stoß mit so trainierten Fingern in die Nasenlöcher des Gegners
verursacht einen solchen Schmerz und übt eine so verblüffende und moralisch
deprimierende Wirkung, daß diesem die Luft zum weiteren Kampfe gewiß vergehen
dürfte. Ein solcher Stoß in die Augenhöhlen bedeutet wohl den Gipfelpunkt der
Brutalität, er schützt aber unfehlbar vor weiterer Behelligung und führt
unbedingt das Ende des Kampfes herbei.
Abb.2. Hieb gegen den Kehlkopf.
Abb. 3. Abwehr des Kehlkopfangriffes.
Man
sieht, daß bei einer derartigen Kampfmethode tatsächlich auch dem körperlich Schwächeren
recht gute Chancen eingeräumt sind. Wird er selbst vom Stärkeren in solcher
Weise angegriffen, dann kann es ihm doch glücken, einen Finger des Gegners zu erhaschen,
und hält er den Finger einmal, dann hindert ihn nichts, ihn einfach abzudrehen.
Das Abbrechen der Gliedmaßen spielt im Dschiu-Dschitsu überhaupt eine große
Rolle. Was bei jedem Kampfe sich leicht ereignen kann, ist folgendes: A.
schlägt mit dem rechten Arm zu; B. erwischt das Handgelenk des Angreifers,
benützt den Schwung und dreht mit festem Griff A.’s Unterarm nach innen. A. muß
nachgeben, sich wenden; sein festgehaltener Unterarm liegt nun quer auf seinem
Kreuze. Er ist vollständig wehrlos, steht mit dem Rücken gegen B. und muß sich
alles gefallen lassen, was diesem belieben sollte. Denn der hat es in der
Macht, ihm den Arm abzudrehen, und er hält ihn so sicher, daß es dagegen
überhaupt keine wirksame Parade mehr gibt. Nichts hindert natürlich den
Dschiu-Dschitsu-Kämpfer, ganz in derselben Weise mit dem Fuße des Gegners zu
verfahren, wenn er geschickt genug war, ihn zu erhaschen. Er wird auch, wie
bereits erwähnt, nicht den geringsten Anstand nehmen, sich an den Geschlechtsteilen
seines Partners zu vergreifen. Alle Aktionen laufen daraus hinaus, die
Angelegenheit zu einem möglichst raschen und für den Gegner verhängnisvollen
Ende zu bringen. Es soll ihm ein Glied gebrochen oder sonst ein so intensiver
Schmerz bereitet werden, daß er der Bewußtlosigkeit verfällt und doch
jedenfalls unfähig wird, den Widerstand fortzusetzen.
Die japanischen Jünglinge, die in der Kunst des Dschiu-Dschitsu
ausgebildet werden, müssen bei ihren Übungskämpfen dem Ernstfall sehr nahe
kommen. Ganz begreiflich; denn mit halben Maßregeln ist da sehr wenig getan.
Ausgekegelte Arme und gebrochene Knochen sind daher bei diesen Übungen nichts
Seltenes, und natürlich, so sehr die Japaner Schmerzen ertragen und zu verbeißen
wissen, auch Ohnmachtsanfälle nicht. Da hat sich dann mit dem Dschiu-Dschitsu
gleichzeitig eine sehr kunstvolle und praktische Methode der ersten Hilfe in
der Wundbehandlung und in der Wiederbelebung Verunglückter entwickelt. Diese
Methode heißt „Kuatsu“ und bildet die menschliche Ergänzung zum
Dschiu-Dschitsu. Kuatsu soll die Wunden heilen, die das grimmige
Dschiu-Dschitsu geschlagen.
Schon das bisher Mitgeteilte läßt erkennen, daß das japanische
Programm sehr reichhaltig sein muß. Ich bin aber, nachdem ich die bisher in
allen Kultursprachen erschienenen Werke über die uns neue Raufkunst aufmerksam
durchgesehen habe, zur Überzeugung gelangt, daß uns noch bei weitem nicht das
ganze Geheimnis enthüllt ist. Das ist begreiflich und schließlich auch kein Unglück.
Denn einbürgern wird sich die Geschichte bei uns doch nicht. Gerade die praktischen
Lehrbücher begnügen sich damit, etwa ein Dutzend Tricks anzuführen und zu erläutern.
Diese Beschränkung hat insofern ihr Gutes, als die gebotenen Winke wenigstens
leicht behalten werden können. Auch die ausführlichen Werke gehen über ein paar
Dutzend Angriffe nicht hinaus, während es zweifellos ist, daß die Japaner über
hunderte von Finessen verfügen, die sie wohlweislich nicht an die große Glocke
hängen. Auch das ist kein Malheur. Denn da die Anregung überhaupt einmal
gegeben ist, ist der sachgemäßen Kombination doch schon der weiteste Spielraum
eröffnet. Wo es gar keine hindernden regeln gibt,
ist es nicht schwer, sich etwas für die eigene Individualität besonders
entsprechendes Neues zu erfinden.
Ein wirklicher Sport wird Dschiu-Dschitsu bei uns doch nicht
werden, aber die Methode hat doch auch für uns ihre Wichtigkeit. Die praktischen
Engländer sind dabei zuerst auf das Richtige verfallen. Sie ließen sich Uyenishi,
einen der bekanntesten japanischen Champions kommen und durch ihn Mr. G. H.
Wheeldon, dem Instruktor der Londoner Kriminal- und Sicherheitspolizei die nötigen
Unterweisungen erteilen. Wheeldon richtete dann eine eigene
Dschiu-Dschitsu-Schule für Policemen ein. Damit war diese Sache für europäische
Verhältnisse ins richtige Geleise gebracht. Die Redereien der meisten Verfasser
von Dschiu-Dschitsu-Büchern, wie notwendig es sei, sich gegen etwaige Angriffe
durch gewalttätige Rowdies wirksam verteidigen zu können, haben doch keine
ernste reale Basis. Es könnte so mancher sein Leben lang mit aller
Gewissenhaftigkeit trainieren und dabei niemals in die Lage kommen, seine
einschlägigen Kenntnisse zu verwerten. Sonst hat der Sport gewöhnlich noch das
für sich, daß er der Gesundheit zuträglich ist. Hier läßt sich das nicht so
ohne weiteres behaupten. Dem etwaigen positiven Nutzen stehen zweifellos sehr
ernste Gefährdungen gegenüber. Ganz anders stellt sich aber die Sache dar für
den Polizeimann, der berufsmäßig alltäglich oder allnächtlich in die Lage
kommen kann, gewalttätige Exzedenten bändigen zu müssen. Der Gebrauch von
Waffen erregt in der Regel starken Resens bei dem Publikum, das dann beim
Frühstück oder am Nachmittag aus den Zeitungen den Vorfall erfährt. Da gibt es gewöhnlich
ein großes Geschrei: Blut, Blut, rotes Bürgerblut ist geflossen! Andererseits
ist es in der Tat eine ganz bedenkliche Sache, untergeordnete Polizeiorgane
gleich förmlich zu Herren über Leben und Tod zu machen und es ganz ihrer diskretionären Entscheidung zu
überlassen, von ihren tödlichen Waffen den ihnen momentan geeignet
erscheinenden und in der Bedrängnis kaum hinreichend erwogenen Gebrauch zu
machen. Da ist nun allerdings die überlegene, systematisch geübte Raufkunst,
die den Exzedenten wehrlos macht, ohne ihm gerade ans Leben zu gehen, sehr am
Platze.
Die Polizeischule in London steht in voller Blüte, und es war eine
ganz vortreffliche Idee des Wiener Athletiksportklubs, seinen famosen Trainer
Hans Köck nach London zu entsenden, damit er sich in jener Schule ausbilden
lasse und dann das Gelernte zu Hause im Klub verwerte. Die Frucht dieser
Expedition war ein kleines, aber recht instruktives Büchlein Meister Köcks. Für
sportliche Zwecke bringt s zwar wenig Verwendbares, aber für den polizeilichen
Sicherheitsdienst bietet es sehr wertvolle Winke. Köck geht, obschon er nur 18
„Arten“ beschreibt und erläutert, doch über das eigentliche Gebiet des
Dschiu-Dschitsu hinaus, das ein Kampf der Unbewaffneten ist. Er geht dabei von der ganz richtigen Voraussetzung
aus, daß man sich das nicht immer nach Wunsch aussuchen kann. Es kann sich
begeben, daß man selbst unbewaffnet von einem Bewaffneten angefallen wird.
Deshalb braucht man sich nicht gleich verloren zu geben. Köck widmet die Hälfte
seines Buches der Abwehr des bewaffneten Angriffs. Hier einige Proben seiner
Arten der Abwehr.
Erste Art
Wenn
der rechte Arm des Angreifers zum Stich oder Schlag mit dem Messer in Kopfhöhe
erhoben ist, erfaßt man das Handgelenk des Angreifers mit der eigenen rechten
und gleichzeitig den Ellbogen mit der linken Hand und drück stoßartig den
Ellbogen nach innen und das Handgelenk mit Drehung nach außen, also beide Bewegungen
in entgegengesetzter Richtung. Will man den Angreifer zum Falle bringen, was
jedenfalls vorteilhafter für den Angegriffenen ist, dann wird auch gleichzeitig
sein rechter Ausfallfuß mit dem linken Fuß des Angegriffenen von außen nach
innen gestoßen; dadurch wird dem Angreifer der nötige Widerstand durch einen
Schlag oder Stoß entzogen und er muß dann fallen, wobei ihm die jeweilige Waffe
entfallen wird, wenn man während des Falles die Drehung des Handgelenkes
fortsetzt.
Abb. 4. Erste Art.
Zweite Art
Wenn
der Arm des Angreifers zu einer wuchtigen Bewegung nach rückwärts ausholt, so
zwar, daß Ober- und Unterarm einen spitzen Winkel bilden, dann erfaßt der Angegriffene
gleichzeitig mit der Linken des Gegners Handgelenk, mit der Rechten setzt er
die Bewegung des Ellbogens nach aufwärts fort und stellt den jeweilig
nächstgelegenen Fuß hinter den des Gegners, damit der Angreifer bei einer
Bewegung nach rückwärts über den Fuß des Angegriffenen, welcher als Hindernis
gestellt wird, fällt. Alle diese Tricks muß der Angegriffene so ausführen, daß
er an der Außenseite des Gegners vorüber kann und infolgedessen, selbst wenn
der Feind trotz des Schmerzes mit der zweiten Hand angreift, nicht erreicht
werden kann.
Abb. 5. Zweite Art.
Dritte Art
Ist der Arm des Angreifers, sei es zum Stoß oder Schlag, in
gestreckter Lage gegen den Körper des Angegriffenen gerichtet, so weicht man
nach der Rückseite (Außenseite) des Gegners aus und erfaßt zu gleicher zeit die
Rechte, verbunden mit einer Drehung der Handfläche des Angreifers nach oben,
und die Linke am Ellbogen, Daumen zum eigenen Körper, wie das vorstehende Bild
zeigt. Nun zieht die rechte hand nach unten und die linke Hand drückt nach
oben. Der Schmerz ist außerordentlich stark; der Gegner würde sich bei größerem
Widerstand vermöge der Hebelwirkung selbst den Arm brechen.
Abb. 6. Dritte Art.
Vierte Art
Dies ist nur eine verstärkte oder kräftigere Ausführung der
vorgeschilderten Art III und der Übergang sehr einfach, indem man vom jeweilig
stützenden Arm, der unter dem Ellbogen des Gegners platziert ist, auf die Schulter
übergeht, und zwar so, daß der Ellbogen gerade auf der Schulter aufliegt. Die
Handfläche des Gegners muß nach oben gedreht bleiben, der Fuß – auf dessen
Seite der Arm aufliegt – seitlich hinausgestellt, damit durch dieses Hindernis
der Gegner zum Fallen gebracht werden kann. Dem des Ringens Kundigen ist dieser
Griff nicht unbekannt, nur wird er nicht in dieser Art ausgeführt und ist auch
wegen der gewahr eines Armbruches verboten
Abb. 7. Vierte Art.
Fünfte Art
Bei einem Angriff mit der rechten Hand gegen den Bauch oder die
unteren Extremitäten erfaßt der Angegriffene zu gleicher Zeit mit der Linken
das Handgelenk des Gegners und dreht dessen Handfläche nach rückwärts, die Rechte
platziert man in der Mitte des gegnerischen Oberarmes. Der rechte Arm drückt
nach unten, die linke Hand zieht und dreht nach oben; dadurch muß auch die
Waffe entfallen. Ist der Angreifer besonders aggressiv, so kann man ihn in der
gebückten Lage mit einem Kniestoß des rückwärtigen Fußes gegen den Kopf bändigen.
Weiters seien hier einige Verteidigungsmethoden angeführt, die A.
Cherpillod, gewesener Champion der Welt im Ringen, in seinem „Handbuch des
Dschiu-Dschitsu“ beschreibt und empfiehlt. Besonders schlimm scheint die Lage
des Angegriffenen zu sein, wenn der Angreifer ihn mit Untergriff um den Leib erwischt
hat. Es gibt aber auch da verschiedene und sicher wirkende Auskunftsmittel: 1.
A. (wir bezeichnen den Angegriffenen mit A., den Angreifer mit B.), also A.
drückt beide Handflächen mit aller Kraft gegen die Stirne B.’s und beugt ihm
den Kopf nach hinten. Der Schmerz im Genick wird B. zwingen, sofort loszulassen
– sonst Risiko: Genickbruch. – 2. Bei demselben Angriff dieselbe Parade
verbunden mit der Nuance, daß A. seine beiden Daumen in die Augenhöhlen B.’s
drückt. B. muß sofort nachgeben, oder er riskiert seine Augen. – 3. Derselbe
Angriff. A. drückt seine Daumen kräftig in die Höhlung hinter den Ohren B.’s.
Der Schmerz wird diesen zum sofortigen Loslassen zwingen. – 4. Derselbe
Angriff. A. legt seine linke Handfläche auf die linke Wange B.’s. Mit der rechten Hand ergreift A. das Hinterhaupt B.’s so, daß
seine Finger bis zu seinem rechten Ohr reichen. A.’s linke Hand stößt mit
heftigem Ruck und gleichzeitig zieht seine Rechte kräftig an. B. läßt vor
Schmerz los und stürzt zu Boden. Risiko: Genickbruch.
Abb. 8. Fünfte Art.
Cherpillod veranschaulicht seine Erläuterungen durch 90 nach der
Natur aufgenommene Illustrationen, die sich aber insgesamt doch nur auf 24
Arten der Paraden beziehen. Gleichwohl bietet er viel des Beherzigenswerten.
Vollständig ist überhaupt keines der vielen existierenden Dschiu-Dschitsu-Bücher,
und es wird wohl auch kaum jemals ein solches geben über eine Kunst, die an keinerlei
Regel gebunden ist und infolge dessen der individuellen Erfindungsgabe eines
jeden einzelnen Adepten völlig freien Spielraum gewährt. Es fehlt hier an Raum,
alle bisher erschienenen Dschiu-Dschitsu-Bücher zu erwähnen, darum nur eine
kleine Auswahl: G. H. Wheeldon, Instruktor der Londoner Kriminal- und
Sicherheitspolizei, „Instruktionen“; darnach bearbeitet Yu-Yitsu von Hans Köck;
M. Ch. Pechard, Polizeikommissär in Paris „Le Jiu-jitsu Pratique“; Prof. Ré-Rié
(Regnier) « Les secrets de Jiu-jitsu » ; « Jiu-jitsu »
von Masao Tsutsumi und Katsukuma Higashi; auch in deutscher von Dr. Artur
Tetslaff besorgten Ausgabe; Hancock „Dschiu-Dschitsu, die Quelle japanischer
Kraft“; Emile Andreé „Cent coups du Jiu-jitsu“; A. Cherpillod „Handbuch des
Dschiu-Dschitsu“, deutsche Ausgabe besorgt von Fritz Briggen. –
Merkwürdigerweise ist auch eine sehr umfängliche Literatur über das
Dschiu-Dschitsu für Damen, ja sogar für Knaben und Mädchen erschienen. Man wird
es mir zugute halten, wenn ich auf diese absonderlichen Blüten nicht weiter
eingehe. Irgend eine praktische oder sportliche Bedeutung haben sie nicht; es
sollte nur das allgemeine und lebhafte Interesse an etwas Neuem nach jeder
Richtung hin ausgebeutet werden. Für Kinder – man mag herumschreiben, soviel
man will – ist das Dschiu-Dschitsu mit seinen unbegrenzten Fährlichkeiten
überhaupt nichts. Für „Damen“ wird fast ausschlie0lich als Motiv für die
einschlägige Literatur die Notwendigkeit angeführt, sie in den Stand zu setzen,
sich gegen die Angriffe und Rohheiten gewalttätiger Wüstlinge wir4ksam zu
verteidigen. Nun geht es aber in der zivilisierten Welt Gott sei Dank doch
nicht so zu, daß zu diesem Zwecke eine eigene Literatur und ein unausgesetztes
Training des schönen Geschlechtes nötig wäre. Die angegebenen Mittel sind
naturgemäß meist auch recht naiv. Nur ein Beispiel aus einem solchen Lehrbuche:
„Es ist der Dame nicht möglich, sich des ihr fortwährenden Herren zu
entledigen. Sie versucht ein letztes Mittel und, indem sie die Schritte des Verfolgers
aufmerksam überwacht, tritt sie ihm mit dem Absatze heftig auf die große Zehe
im Momente, als er den Fuß neben ihr vorwärts stellt. Die Verfolgung wird unverzüglich
eingestellt.“ Oder auch nicht. Es ist wie mit dem folgsamen Dackel. Sagt man
dem: „Gehst her oder nit?!“ so geht er her oder nit. Alle diese Lehrmeister
bleiben in der Papierform stecken. Sie beschreiben und illustrieren auf dem Papier,
wie auch eine schwache Dame einen rabiaten Wüstling den Arm oder das Genick
brechen kann, übersehen aber, daß, bevor es noch dazu kommen kann, dieser
Rohling die schwache Dame mit einem Streiche matt gesetzt haben wird.
So viel also vom Dschiu-Dschitsu. Wir haben gesehen, daß es sich
als Sport bei uns kaum einbürgern wird. Für militärische Zwecke könnte es sich
wunderbar eignen, wenn man sich zu der interessanten Neuerung entschlösse, das Militär
unbewaffnet aufeinander loszulassen. Als wirklich praktisch dürfte es sich aber
im Polizeidienste erweisen.
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