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 Ein- und Ausatmen in Übereinstimmung mit Gō und Jū. Von Chōjun Miyagi.


Ein- und Ausatmen in Übereinstimmung mit Gō und Jū.

Ein gemischter Aufsatz über Karate. Von Chōjun Miyagi.

 

 Aus dem japanischen Original übersetzt von Sanzinsoo unter dem Titel "Breathing in and breathing out in accordance with "Gō" and "Jū". A Miscellaneous Essay on Karate."

Siehe: http://uk.geocities.com/sanzinsoo/

 Deutsche Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Sanzinsoo.

 Anmerkungen vom deutschen Übersetzer in eckigen Klammern [...].

 

Anmerkungen: Dieser kurze Artikel erschien erstmals in „Bunka Okinawa“ Bd. 3 Nr. 6 vom 15. August 1942, und wurde neu herausgegeben als Anhang in „Chūgoku Okinawa Karate Kobudō no Genryū“ von Masahiro Nakamoto, herausgegeben am 1. April 1985 vom Bunbukan.


 

Ich weiß nicht, wann die Änderung [des Namens] stattfand, doch „Karate“ wird heute anstatt „chinesische Hand“ 唐手 mit den Zeichen für „leere Hand“ 空手 geschrieben. Jedenfalls bin ich froh, dass Karate heutzutage in ganz Japan als einzigartige Kampfkunst Okinawas verbreitet ist, und sogar vom Dai Nippon Butokukai (Verband für Kampfkünste und -moral Groß-Japans) offiziell als japanische Kampfkunst anerkannt wurde. Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Wurzeln des Karate in China liegen. Ich vermute, dass in meiner Heimat Okinawa die Urform des Karate auf unterschiedliche Art und Weise modifiziert worden sein mag, doch ich denke, das ist es dies wert war, denn wir können den Einfluß der einzigartigen okinawanischen Kultur in der Entwicklung des Karate erkennen. Aus diesem Grund ist es vielleicht gar nicht so unangemessen, die Schriftzeichen von Karate als „leere Hand“ anstatt „chinesische Hand“ zu schreiben.

Auf jeden Fall möchte ich Ihnen hier im Folgenden meine persönliche Meinung zum Karate darlegen.

Ich hörte, dass es nicht als gesichert gilt, doch in Indien gibt es eine Kampfkunst, die „Drei Hände“ genannt wird. Der ursprüngliche indische Namen ist mir nicht bekannt. „Drei Hände“ [San shū] ist die direkte chinesische Übersetzung aus der indischen Sprache. Ich vermute, dass eine solche Kampfkunst möglicherweise in der Dynastie des Kaisers Wu durch Darma [Boddhidharma] von Indien nach China gebracht wurde, wo sie zum Ursprung des Shaolin Tempels wurde.

Es ist für mich interessant zu erwähnen, dass ich bei meinem Besuch in Hawaii im letzten Jahr die Aufführung von Kampfkünsten durch philippinische Jugendliche beobachtete. Ich war sehr beeindruckt und erfreut beobachten zu können, dass zwischen den Techniken der Kampfkunst der philippinischen Jugendlichen und unserem Karate eine Ähnlichkeit besteht. Leider verlor ich das Notizbuch, in dem ich die Namen der Jugendlichen und deren Kampfkunst aufschrieb. Ich vermute, dass dieses Notizbuch irgendwo aufbewahrt wird, und falls ich es wieder finden sollte, dann besteht also noch die Möglichkeit, dass ich ich Ihnen die Namen mitteile.

Shaolin Kungfu ist meiner Meinung nach eine neu-systematisierte Fusion bereits vorher existierender klassischer chinesischer und indischer Kampfkünste. Diese meine Meinung ist bisher nicht bewiesen. Diese Hypothese bedarf weiterer Nachforschungen.

Ich übe Karate seit langer Zeit, doch bisher haben ich den Kern oder die Wahrheit des Karate nicht gemeistert. Ich habe das Gefühl, alleine auf einen weiten Pfad in die Dunkelheit hinein zu wandern. Je weiter ich gehe, desto länger wird der Pfad, doch gerade aus diesem Grund ist die Wahrheit so kostbar. Suchen wir weiter nach der Wahrheit des Karate, mit aller unser körperlichen und geistigen Kraft, dann werden wir Stück für Stück und Tag für Tag belohnt. Die Wahrheit ist nah, und trotzdem schwer zu erreichen.

Mein Freund Hr. Jingyu erklärte mir die Maxime wie folgt: „Die ultimative Formel zur [Findung der] Wahrheit ist gar keine Formel. Wenn du wünscht, ‚keine Formel‘ zu meistern, dann musst du ‚eine Formel‘ meistern. Meisterst du gleichzeitig ‚eine Formel‘ und ‚keine Formel‘, kannst du Leben und Tod überwinden.“ Ich nehme an, die ultimative Formel zur Wahrheit ist das Tao, der Weg. Ich verstehe diese Maxime nicht besonders gut, und doch habe ich manchmal das Gefühl, sie gut zu verstehen. Ich glaube, wir müssen „eine Formel und keine Formel“ meistern, dann können wir Karate gründlich studieren und die Wahrheit des Karate verstehen.

Dies ist ein gemischter Aufsatz, auf den ich mich nicht vorbereitet habe, also lassen Sie mich über ein anderes Thema sprechen.

Bezüglich der Stile des Karate hörte ich, dass es zwei Arten gibt, den südlichen Typ und den nördlichen Typ. Hinsichtlich der Technik spezialisiert sich der südliche Typ auf [die Ausbildung von] Oberkörper und Handtechniken, so besitzt dieser Stil elastisch-nachgiebige, sanfte und ruhige Eigenschaften. Im Kampf ist er defensiv. Auf der anderen Seite spezialisiert sich der nördliche Typ auf [die Ausbildung von] Unterkörper und Beintechniken, und so besitzt er harte und aktive Eigenschaften. Im Kampf ist er aggressiv. Erster Stil geht mit dem Stoß vor und mit der Verteidigung zurück. Letzterer Stil geht mit dem Tritt vor und geht dann weiter vor, um den Gegner zu Boden zu werfen. Natürlich Stoßen, Treten und Werfen beide Arten, doch die Sichtweise beider ist verschieden.

Nun möchte ich ihnen etwas zu „Heishu“ oder „Heishu Kata“ und „Kaishu“ oder „Kaishu Kata“ erklären, um denjenigen, die Karate studieren, einige Informationen zu geben.

„Heishu“ bedeutet grundlegende Kata. Bevor der Weg des Karate beschritten wird, müssen Sie Körper und Geist durch die Sanchin des Gōjū-ryū entwickeln.

Ich werde dies im Detail erklären. Sie stehen gerade und fest in einem stabilen Stand [der Füsse], die Hände richtig positioniert, harmonisch atmend, dann könne Sie Sanchin fühlen. Dies ist eine unbewegte Version von Sanchin.

Wir haben auch eine aktive Version von Sanchin, die auch den Namen „Peppuren“ trägt. Üblicherweise nennen wir [jedoch] beide Versionen Sanchin.

Tanden (= ein Punkt einige cm unter dem Nabel), der Hinterkopf und das Gesäß sind drei Brennpunkte, auf die Sie ihre Aufmerksamkeit während der Übung von Sanchin lenken müssen.

Eine kurze Anleitung ist die folgende: Ziehen Sie ihr Kinn ein. Heben Sie ihren Hinterkopf hoch. Brennpunkt im Tanden, um Energie anzufüllen [zu generieren}. Ihr Gesäß sollte eingezogen sein. Diese drei Brennpunkt sind nicht etwa voneinander getrennt, sondern stehen in untrennbarer Beziehung zueinander. Zusätzlich dazu gibt es einen weiteren Brennpunkt: der Mittelpunkt zwischen den Augenbrauen.

Ich hörte, dass die Prinzipien des Zen und anderen sitzenden Meditationsarten dieselben wie in Sanchin sind.

Wenn ich Karate-dō in Okinawa sehe, habe ich das Gefühl, wir legen zu wenig Augenmerk auf „Heishu Kata“ wie Sanchin. Wie denken Sie darüber? Wenn ich selbst ihre beste Ausführung von „Kaishu Kata“ sehe, wäre ich deshalb damit nicht zufrieden gestellt und ich spüre, dass zur Perfektion etwas fehlt, da Ihnen eine stabile und grundlegende Basis durch Sanchin fehlt. Als mein Freund Hr. Jingyu meine Ansichten bezüglich „Heishu Kata“ oder Sanchin hörte, erzählte er mir die folgende interessante Geschichte. „Ich“ ist in dieser Geschichte Hr. Jingyu, nicht ich.

 

„Obwohl meine Kenntniss begrenzt ist, hörte ich doch folgende Sache über die sogenannte chinesische Malerei des Südstils, genauer die Malerei der Südlichen Song Dynastie, sowie die Malerei der Nördlichen Song Dynastie.

Starke und lebendige Pinselführung sind die Charakteristika von Li Si-Xun, der als Gründer der chinesischen Malerei des Nordstils gilt. Wenn ich seine favorisierte Maltechnik betrachte, die ‚Von großen und kleine Äxten gekappt‘[i] genannt wird, spüre ich Stärke und stählerne Härte,.

Auf der anderen Seite sind reine und sanfte Pinselstriche die Charakterzüge von Wang Wei, dem Gründer der chinesischen Südschule der Malerei. Die Art seiner Malerei wird ‚der Klassische Stil mit den Fäden zu spielen‘[ii] genannt. Man sagt, dass Hr. Wang Wei einer vegetarischen Diät folgt und niemals Fleisch ißt, und so geben seine Arbeiten eine Aura von Ruhe und Reinheit wieder. Es ist keine Übertreibung wenn Hr. Dong Qi-Chang[iii] ihn lobend den König der Malerei nennt.

Gemäß eines gewissen Buches, läßt sich der Unterschied beider Stile aus der unterschiedlichen natürlichen Umgebung im Tal des Gelben Flusses im Norden und im Tal des Yangtze im Süden ableiten.

Auch gemäß eines gewissen Mannes, der lange Zeit durch China reiste, läßt sich der Unterschied zwischen nördlicher und südlicher Malerei aus dem unterschiedlichen natürlichen Umgebung ableiten. Kurz gesagt: der Südstil der Malerei ist Idealismus, hell/leicht, geschmeidig, sanft und ruhig. Im Gegensatz dazu ist die Malerei des Nordstils stark, ernst/getragen, prunkvoll/prächtig und dynamisch.

Wenden wir dies auf die chinesischen Kampfkünste an, stimmt das Verhältnis völlig überein. Ich denke, dies sind einige Anhaltspunkte.“

Der Autor [Miyagi] stimmte mit Hr. Jingyu überein. Hr. Jingyu setzte die Geschichte wie folgt fort.

„Ich denke, die Beziehung zwischen ‚Heishu‘ und ‚Kaishu‘ im Karate-dō is ähnlich der Beziehung zwischen der Kalligraphieschreibweise chinesischer Zeichen im Normalstil [?] und Kursivstil.[iv] ‚Heishu‘ ist der ‚Normalstil‘, während ‚Kaishu‘ den ‚Kursivstil‘ darstellt. Der Normalstil ist ruhig und gelassen, während sich der Kursivstil aktiv und dynamisch zeigt. Daran können wir ganz offensichtlich erkennen, welche der beiden Arten die grundlegende ist [nämlich Heishu]. Auch ist klar, das wir uns - ausgehend von den Grundlagen - Schritt für Schritt vorwärts bewegen sollten.“

Wieder stimmte ich [Miyagi] zu und war völlig seiner Meinung. Ich denke, alle Künste entspringen denselben Wurzeln und gehen denselben Weg.

Zum Ende dieser Abhandlung möchte ich Ihnen eine Redensart mitgeben, welche ich aus dem berühmten Buch „Bubishi“ oder „Wubeizhi“ zitiere, geschrieben von Mao Yuan-yi in der späten Ming-Zeit, und in dem er die Kampfkünste kommentierte, indem er Beispiele aus der Kalligraphie und des Reitens heranzog.

„Hast du das Malen chinesischer Zeichen gemeistert,

dann kann ich dich alle Techniken der Kalligraphie lehren.

Hast du das Aufsteigen in den Sattel gelernt,

dann kann ich dich alle Techniken des Reitens lehren.“



[i] „Cut by Large and Small Axes.“

[ii] „The Classic Style of Playing with Threads.“

[iii] (1555-1637)

[iv] Es existieren viele verschiedene Stilrichtungen der Kalligraphie, die unterschiedlichen Stilarten können jedoch in fünf Hauptgruppen eingeteilt werden:  zhuanshu, „Siegelschrift“; lishu, „Kanzleischrift“; kaishu, „Normalschrift“; xingshu, „Kursivschrift“; und caoshu, was wörtlich „Grasschrift“ bedeutet, aber gewöhnlich als „Vollkursive Schrift“ bezeichnet wird.