| Geschichte Historische Protagonisten Training Lesestoff Waffen |
|
|
|
• Die Erschließung Japans • Die Erschließung Japans |
|
Flottenadmiral Matthew Calbraith Perry (1794–1858) Die Erschließung Japans. Erinnerungen des Admirals Perry von der Fahrt der amerikanischen Flotte 1853/54.von Albrecht Wirth und Adolf Dirr (Ill.)
Bibliothek denkwürdiger Reisen, Band 2. Gutenberg, Hamburg 1910. 375 S.
► Dies ist eine deutschsprachige Bearbeitung des Reiseberichtes der Perry Expedition nach Japan 1853-1854. Das Original ist ein bedeutendes Werk über die erste und erzwungene Öffnung Japans der Tokugawa-Zeit für den Weltverkehr und -handel. Mittel zur Öffnung war die sogenannte „Kanonenbootpolitik“ der Europäer und Nordamerikaner. Dies ist keine vollständige und wörtliche Übersetzung. Es wurden nur etwa 2/3 des Originals übernommen und die auch Sprache angepaßt. In dieser Ausgabe erscheint keines der von Heine und Brown erstellten Bilder und Illustrationen aus dem Original. Statt dessen finden sich 6 ganzseitige Illustrationen, davon allerdings keine im Zusammenhang mit Okinawa. In der mir vorliegenden Version sind noch dazu zwei der 6 Illustrationen herausgerissen.
Holländer (links) und Amerikaner (rechts) in japanischer Darstellung
5. Kapitel: Ankunft auf den Liukiu. S. 68-82. 6. Kapitel: Erforschung der Liukiu. S. 82-96. 7. Kapitel: Besuch bei dem Regenten. S. 97-105. 11. Kapitel: Wieder auf Liukiu. S. 138-154. 13. Kapitel: Zum vierten Mal auf Liukiu. 167-182.
5. Kapitel: Ankunft auf den Liukiu. S 68-82. Donnerstag, den 26. Mai, lag das Geschwader ruhig vor Napha, dem Haupthafen der Liukiu – der erste Ort, auf dem die Expedition japanischen Boden berührte. Die Liukiu-Gruppe besteht aus 36 Inseln, die in beträchtlicher Entfernung voneinander liegen, zwischen 24° 10´ und 28° 40´ nördlicher Breite und 127° und 129° östlich von Greenwich. Es ist eine umstrittene Frage, zu welcher Macht Liukiu gehört[i]. Nach einigen soll es eine Dependenz des japa- S. 69 nischen Fürsten von Satsuma sein, andere wieder rechnen es zu China. Die Wahrscheinlichkeit spricht zugunsten eines mehr oder weniger absoluten Abhängigkeitsverhältnisses von Japan, und möglicherweise auch in irgendeiner Art Unterwerfung gegenüber China, dem sie unzweifelhaft Tribut schicken. Sprache, Gebräuche, Gesetze und Kleidung, ihre Tugenden, ihre Laster und ihre Handelsbeziehungen, alles trägt dazu bei, diese Meinung[ii] zu bestärken. Die große Liukiu wurde von den Schiffen aus auf eine Entfernung von mehr als 20 Meilen gesehen, und als man nahe genug herangekommen war, bot sich ein einladender Anblick, den ein Offizier der Expedition folgendermaßen beschreibt: „Die Ufer der Insel waren grün und S. 70 schön, bedeckt mit Wäldern und Feldern von Frischestem Grün. Ein erquickender regen hatte die Farbenpracht der Landschaft noch gehoben, und die Erinnerung an blühendste englische Landschaften wurde in mir erweckt. Die schwellenden Hügel, unmittelbar am Ufer beginnend, stiegen nach dem Innern zu malerischen Höhen auf, und einzelne Felsenstücke ließen auch auf vulkanische Tätigkeit schließen. Wälder, anscheinend mit Zeder- oder Fichtenbestand, schmückten den Kamm der Höhen, während weiter unten sich Gärten und Getreidefelder ausdehnten. Nach Norden zu stiegen die Höhen an, und die Küste spaltete sich in zwei Landzungen, zwischen denen sich eine Bai oder Einschnitt befand. Um 3 Uhr waren wir der Küste so nahe, daß wir klar im Mittelpunkt der Bai die Stadt Napha sehen konnten. Das vorgelagerte Kap, Abbey Point, war mit Grün bedeckt und am äußersten Ende von einer abgesondert liegenden Felsengruppe gekrönt, die mit ihren seltsamen Formen dem Kap wohl den Namen gegeben haben mochte. Die Hügel waren mit weißen Punkten besetzt, die ich erst für Wohnhäuser hielt; aber es waren Gräber aus Kalksteinfelsen.“ Als das Schiff ankam, wurde die britische Flagge auf einem Flaggenstock vor einem hause nahe am Ufer gehißt; es war die Wohnung des Missionars Mr. Bettelheim, eines übergetretenen Juden, der in England geheiratet hatte und jetzt seit 5 oder 6 Jahren auf der Insel lebte, und zwar unter dem Schutz einer Gesellschaft frommer englischer Seeoffiziere und sehr gegen die Gefühle der Liukiu-Leute. Nachdem Abbey Point passiert war, kam der innere Hafen in Sicht und damit eine Anzahl japanischer Dschunken, die dort vor Anker lagen. Am Fuße des Flaggenstockes sah man zwei Personen, die die Bewegung des Geschwaders beobachteten, und durch das Teleskop sah man viele Menschen mit weißen Schirmen aus der Stadt kommen. Das Schiff lag noch nicht zwei Stunden vor Anker, als ungeachtet des Regens ein Boot mit zwei Beamten kam. Dieselben betraten das Deck unter tiefen Ver- S. 71 beugungen und gaben eine gefaltete rote japanische Visitenkarte ab, die beinahe eine Elle lang war. Die Hauptperson trug ein sehr schönes lachsfarbenes Gewand, während die Kleider der übrigen zwar gleichen Schnitt hatten, doch von blauer Farbe waren. Auf dem Kopfe hatten sie glänzende gelbe Kappen[iii], um den Leib schlangen sich blaue Schärpen, und die Füße steckten in weißen Sandalen. Ihre Bärte waren lang, schwarz und dünn, und sie schienen so ungefähr 35 bis 40 Jahre alt zu sein. Ihr Gesicht war von japanischem Typus, und die Hautfarbe war dunkles Oliv. Wer sie waren und was sie wollten, konnte nicht gleich festgestellt werden, da gerade kein Dolmetscher an Bord der Susquehanna war, auf die sie kamen; aber es fand sich einer unter des Kommodores Dienern, der genug verstand, um nach der Inschrift auf der Karte zu sehen, daß der Besuch nur ein chin-chin war, das ist eine Begrüßung der Ankunft. Jedoch der Kommodore, der nach seinem bestimmten Plane handelte, wünschte weder sie noch auch andere Würdenträger der Insel zu sehen; und so kehrten sie wieder zum Ufer zurück. Sie waren ohne Zweifel zum Beobachten gesandt, damit die Autoritäten auf der Insel ihr Benehmen danach einrichten könnten. Kaum waren sie gegangen, da kam Mr. Bettelheim in einem Eingeborenenboot an Bord; seine Beziehungen zu den Insulanern waren so, daß er die Ankunft des Geschwaders mit Entzücken begrüßte und große Freude zeigte. Er wurde nach des Kommodore Kajüte geführt und blieb zwei bis drei Stunden dort; im Laufe des Gespräches zeigte es sich, daß er noch nicht einmal von der Absicht einer amerikanischen Expedition gehört hatte; daß anderthalb Jahre verflossen waren, seit ein fremdes Schiff Napha berührt hatte, und daß er ganz außer sich vor Freude war. Seine Bootsleute bekamen Grog und Kuchen, und in ihrer Freude darüber faßten sie, wie sie wieder gelandet waren, den Beschluß, den Missionar 3 Meilen die Küste entlang zu tragen. S. 72 Am nächsten Tag, dem 27., sahen die Ufer womöglich noch blühender aus, und alles an Bord war entzückt von der Lieblichkeit dieses Anblicks. Gegen 7 Uhr kamen 4 Boote an, die Geschenke brachten; in dem einen Boote waren die beiden Besucher vom Tage zuvor wieder und brachten eine andere Karte mit, wie es schien, eine Liste der Geschenke. Der im lachsfarbenen Anzug hat sich am ersten als „Whang-cha-ching“ vorgestellt; vermutlich die lutschuanische Aussprache für „Wang-ta-zhin“, soviel wie „Seine Exzellenz, Herr Wang“. Die überreichten Geschenke bestanden aus einem jungen Ochsen, mehreren Tauben, einer weißen Ziege, Geflügel, Gemüse und Eiern. Die Geschenke wurden zurückgewiesen, und die sie brachten, durften auch nicht an Bord kommen. Sie warteten etwas und kehrten dann zur Stadt zurück, mit einem Ausdruck von Angst und Unbehagen auf den Gesichtern. Nun wurde beobachtet, daß mehrere Dschunken den Hafen verließen und nach Norden segelten, wahrscheinlich nach Japan. Einige fuhren ganz nahe an den Schiffen vorbei, um ihre Neugier durch eine genauere Inaugenscheinnahme so großer Schiffe zu befriedigen. Die Dschunken waren den chinesischen ziemlich ähnlich und hatten auch, gleich ihnen, zwei große Augen im Bug eingesetzt, wie um den Weg sehen zu können. Unzweifelhaft hatte die Ankunft des Geschwaders große Aufregung zwischen den Dschunken hervorgebracht, denn Napha hatte noch nicht einmal je halb so lange Schiffe gesehen, und wahrscheinlich waren nun einige Dschunken ausgesandt, die Nachricht von dem Erscheinen des Geschwaders bei den Liukiu-Inseln nach Japan zu bringen. Ein Boot wurde an Mr. Bettelheim gesandt, und er frühstückte zusammen mit dem Reverend Mr. Sones und dem Dolmetscher Mr. Wels Williams beim Kommodore. Dieser beschloß eine Erforschung der Inseln. Es wurde eine Expedition zusammengesetzt, die aus drei Partien bestand – zwei zur Se und eine ins Innere. Die ersteren sollten die östlichen und westlichen Küsten in Augenschein S. 73 Nehmen, die andere sollte das Innere erforschen und Tiere, Mineralien und Pflanzen sammeln. Dann beschloß der Kommodore, sich ein Haus am Ufer zu verschaffen, und verständigte Mr. Brown, den Künstler, in bezug auf die Daguerretyp-Apparate, die er instand und dann in Betrieb setzen sollte. Am 27. gab der Kommodore dem Obermatrosen die Erlaubnis, ein Boot zu nehmen und im Hafen herumzufahren, verbot ihnen jedoch, zu landen oder mit den Eingeborenen in Verbindung zu treten. Wir lassen Mr. Bayard Taylor, der auch mit dabei war, selbst erzählen: „Die Besatzung unseres Bootes waren Chinesen, die ganz unwissend im Gebrauch von Rudern waren, und unser Ausflug würde keinen Nutzen gehabt haben, wäre die See nicht völlig ruhig gewesen. Die Flut war beinahe vorüber und das Wasser war sehr seicht in der Nähe der Riffe. Wir fanden jedoch einen kleinen Kanal und landeten auf einem Felsen, der sich einen Fuß überm Wasser erhob. Die kleinen Sümpfe, die seine Oberfläche bildeten, wimmelten von Krabben, Seesternen und einer Anzahl kleiner blauer Fische. Wir fanden verschiedene schöne Muscheln, die an den Korallen hingen, aber alle unsere Anstrengungen waren vergebens, einige von den Fischen zu fangen. Die Ebbe trat ein, und wir mußten umkehren. Wir hingen einige Zeit an den Korallenbänken, entzückt von den wundervollen Farben und Formen der reichen Vegetation des Meeres. Die Koralle wuchs in runden Bänken, mit klaren, tiefen Wasserflächen dazwischen, und glich Miniaturhügeln mit herbstlichen Wäldern. Die schönsten Farbenspiele von blau, violett, mattgrün, gelb und weiß schimmerten zwischen den Wogen, und all die verschiedenen Formen des vegetabilischen Lebens waren dort zwischen Klippen und Abgründen beisammen. Dort wird auch zwischen den Korallenriffen schossen die kleinen blauen Fische hin und her, gleich Pfeilen vom reinsten Lapislazuli, und noch eine andere Sorte, grün, mit goldenen punktierten Schwänzen und Flossen; sie entgingen unserer S. 74 Jagd, wie der kleine grüne Vogel in dem arabischen Märchen. Tiefer, im dämmernden Grunde des Wassers, sahen wir ab und zu einige große braune Fische, die vor dem Eingang zu den Korallengrotten herumschwammen, als wenn sie auf der Lauer lägen nach deren glänzenden kleinen Bewohnern. Das Wasser war so klar, daß man in die tiefste Tiefe sehen konnte, und es schien uns, als schwebten wir über Wäldern und grünen Hügeln. Von allen Wundern des Meeres, die die Dichtkunst besingt, war dieser Anblick sicher einer der schönsten. Schließlich gelang es uns, mehrere schöne Korallensorten zu erlangen. Die Spitzen der Zweige waren weich und klebrig, und es entströmte ihnen ein scharfer Geruch.“ Am 30. verbreitete sich das Gerücht an Bord, daß einige hohe Würdenträger beabsichtigten, einen Besuch auf der Susquehanna zu machen. Mr. Williams, der Dolmetscher, kam an Bord und bezog sein Quartier, und ein Boot ging ab für Mr. Bettelheim, der auch dabei sein sollte. Am Tage vorher waren Leutnant Contee und Mr. Williams an Land gegangen, um dem mutmaßlichen Gouverneur von Napha, der sich inzwischen als der Bürgermeister entpuppt hatte, einen Besuch zu machen. Sie wurden sehr freundlich und höflich empfangen, obwohl der Bürgermeister nicht damit zurückhielt, wie tief die Abweisung der Geschenke in verletzt hätte. Doch Leutnant Contee setzte ihm auseinander, daß es ein allgemeiner Grundsatz sei, solche Geschenke für das Schiff nicht anzunehmen, und daß deshalb die Zurückweisung keine Beleidigung wäre; und eine solche sei auch durchaus nicht beabsichtigt gewesen. Um 1 Uhr kamen dann auch die Liukiu-Würdenträger an, und zwar in einem ganz gewöhnlichen Eingeborenenkahn. Alles war in Gala, und es waren alle Vorbereitungen getroffen worden, um Respekt und Ehrfurcht zu erzeigen. Ein Subalternbeamter erschien zuerst an der Fallreepstreppe mit einer Visitenkarte seines Chefs, die der Dol- S. 75 metscher, Mr. Williams in Empfang nahm und las; darauf ging der beamte wieder zurück und einige Minuten später erschien, gestützt auf zwei seiner Beamten, der Regent des Königreichs Liukiu, ein ehrwürdiger alter Herr. Die Kapitäne Buchanan und Adams empfingen ihn an der Fallreepstreppe und wurden vom Regenten nach Landessitte begrüßt. Er kreuzte die Arme über der Brust, während er sich tief verbeugte, und drehte denn Kopf nachlässig dabei von der Person fort, die er anredete. Der Fürst, wurde gesagt, sei erst 11 Jahre alt und kränklich. Der alte Herr führte die Regentschaft für ihn. Sechs oder acht andere Beamte und ein Dutzend Untergebene folgten dem Regenten an Bord. Drei Kanonenschüsse wurden als Salut abgefeuert, was einige Beamte von Liukiu so erschreckte, daß sie auf die Knie fielen. Einer der Hauptzüge der Besucher war ihr unerschütterlicher Ernst. Indessen merkte man ihnen doch große Neugier, mit beträchtlicher Besorgnis vermischt, an; aber sie bestrebten sich sehr, eine sehr würdige Miene zu zeigen. Sie wurden nach des Kommodores Kajüte und dann durch das Schiff geführt. Sie betrachteten alles mit großem Ernst, aber als sie an die Dampfmaschine kamen, verschwand der angenommene Gleichmut, und man merkte, daß dies etwas war, was über ihren Verstand ging. Im übrigen waren sie rascher in der Auffassung als die Chinesen und sahen auch hübscher und gepflegter aus. All diese Zeit hatten sie den Kommodore noch nicht gesehen. Er war in einsamer Würde in seiner Kajüte geblieben. Es war nicht beabsichtigt, ihn den Augen der gewöhnlichen Sterblichen zu gemein zu machen. Nun wurde den Besuchern mitgeteilt, daß sie jetzt vor den Kommodore geführt werden sollten. Wie der Regent den Mastblock betrat, intonierte die Musikkapelle einen Marsch; aber der würdige alte Mann ging vorüber, ohne auch nur nach den Musikanten hinzusehen. Der Kommodore empfing und unterhielt seine Gäste sehr freundlich, und während der anderthalb Stunden, die der Besuch dauerte, wurden S. 76 Freundschafts- und Friedensversicherungen zwischen ihm und dem Regenten gewechselt. Als sich der Regent zurückzog, wurde er feierlich begleitet und ihm wie bei seiner Ankunft große Ehrenbezeugungen erwiesen. Zwischen anderen Gesprächen hatte der Kommodore seinen Gast wissen lassen, daß er sich die Ehre geben würde, ihm eine Gegenvisite in seinem Palast in der Stadt Shin[iv] zu machen, und zwar am darauffolgenden Montag (16. Juni). Dieser Ausspruch verursachte eine kleine Beratung des Regenten mit seinen Räten, der der Kommodore durch den Ausspruch ein Ende machte, daß er fest entschlossen sei, den Tag in den Palast zu kommen und es auch ausführen werde. Dann fügte er noch weiter hinzu, daß er auf einen Empfang rechne, der seiner Würde und seinem Range entspräche. Ein Resultat des Besuches war den Offizieren sehr angenehm, nämlich die Erlaubnis, ans Ufer zu gehen; unter der Bedingung, in keinem Falle da einzudringen, wo ihre Gegenwart den Eingeborenen unangenehm scheinen möchte. Von der Erlaubnis wurde sogleich Gebrauch gemacht, und eine Partie (auch Mr. Taylor war dabei) landete an Mr. Bettelheims Flaggenstock. Sie fanden das Ufer mit Korallenbänken besetzt und voll üppiger Vegetation. Ungefähr 20 Ellen von dem Punkte, bis wo die Flut ging, fingen schon die Gärten der Eingeborenen an, voneinander durch Korallenmauern und Hecken von Yuka und Kaktus getrennt. Mr. Taylor beschreibt seine erste Landung in Liukiu folgendermaßen: „Mehrere Gruppen von Eingeborenen sahen unserer Landung zu, aber als wir uns ihnen näherten, verschwanden sie rasch. Die Vornehmeren, bei denen dies die silbernen Nadeln im Haar verrieten, machten uns tiefe Verbeugungen. Die niederen Klassen trugen ein einfaches Kleidungsstück von braunem Kattun oder Tuch aus Flachs, die Kinder waren ganz nackt. Selbst über den bescheidensten Wohnungen lag ein Hauch größter Sauberkeit und Ordnung. Viele Wohnungen waren von hohen Korallenmauern um- S. 77 schlossen, in der Mitte eines kleinen Gärtchens, in dem Fleckchen von Tabak, Mais und süßen Kartoffeln standen. Wir folgten den gewundenen Wegen und kamen auf die gepflasterte Straße, die von Napha nach Shendi[v] führte und von beiden Seiten durch Korallenmauern begrenzt war, die ohne Mörtel sehr geschickt aneinandergefügt waren. Dort trafen wir mit Ausflüglern von der Mississippi und der Saratoga zusammen. Die Eingeborenen versammelten sich in hellen Haufen, um uns vorübergehen zu sehen, fielen auf die Knie, als wir vorbeigingen und schlossen sich uns dann an. Sie standen unter dem Befehl verschiedener Beamten und waren augenscheinlich aufgeboten, uns zu überwachen. Zwischen ihnen sah man viele feine, würdige Gestalten, alte Männer mit großen Bärten und dem Ausdruck ernster Würde; aber so wie man sie anredete, zogen sie sich eiligst zurück. Die Häuser waren alle verschlossen, und man sah keine Frau. Die Dächer der Häuser waren aus roten Ziegeln, und dies im Verein mit den dunkelgrünen Bäumen der Stadt und ihren kaktusbesetzten Mauern erinnerte mich lebhaft an Sizilien. Als wir den dichtest bewohnten Teil von Napha erreichten, führte der Weg über den Fuß eines niedrigen Hügels mit richtigen Treppen und dann herunter zum inneren Hafen, wo die japanischen Dschunken lagen. Vom Hafen aus geht nach Osten eine kleine Bucht in die Insel. In diesem Teil der Stadt liegt der Marktplatz. Er war leer, wie die Straßen, ausgenommen einige Einwohner von drei großen Zelten, die wir nach Wasser fragten. Auf unsere Zeichen gingen die Leute in ihre zelte und brachten uns welches in einem viereckigen Holzlöffel, so wie sie in Kleinasien die Türken gebrauchen. Ich ging nicht an die japanischen Dschunken heran, sondern folgte mit einigen anderen dem Laufe der Bucht. Zwei, die wir für Polizeioffiziere hielten, stießen zu uns, und wenn wir stehenblieben, machten sie uns Zeichen, den Weg zu nehmen, der zurück zur Küste führte. Deshalb wollte ich weitergehen. Denn alles, was wir in der Stadt gesehen S. 78 hatten, die Häuser, die Plätze, waren öde und leer und machten den Eindruck, als wären sie in großer hast verlassen. Nun gingen wir noch eine halbe Meile weiter und kamen an einen Weg, der ins Innere der Insel führte, das sich uns in überraschender Schönheit öffnete. Das Land erhob sich zu Hügeln, die mit einer besonderen Art Fichten bestanden waren, die ich noch nicht kannte und die mich an die Zedern des Libanon erinnerten. Die Abhänge der Hügel trugen Felder vom herrlichsten Grün, und, hier und da verstreut, Grabmäler aus einer früheren Zeit. In den Pflanzen, die wir sahen, vereinigten sich Arten aus tropischen und gemäßigten Zonen, und niemals sah ich noch solche Mannigfaltigkeit und solchen Reichtum an Farben und Arten. Eine Steinbrücke, roh, aber dauerhaft gearbeitet, führt über die Bucht an ihrem Ende. Ich sah verschiedene Eingeborene auf kleinen Ponnies darüberreiten. Diese Liukiu-Ponies schienen mir Verwandte der chinesischen zu sein. Wir schlenderten in einen Tempel, von dessen Mauern herab uns mehrere Menschen, anscheinend Frauen, beobachteten. Sie verschwanden aber mit großer Geschwindigkeit, als wir eintraten. Der Hof des Tempels war von schönen Bäumen überschattet, doch sahen wir nichts weiter Bemerkenswertes, ausgenommen zwei lange, schmale Boote[vi], die man in Hongkong Tausendfüße nennt, die für öffentliche Festlichkeiten bestimmt waren. Während wir uns darauf ausruhten, kamen einige Eingeborene, obwohl mit großem Respekt, doch ganz zutraulich, näher. Auch einige Frauen waren dabei, aber sehr alte und häßliche. Die Kleidung der Frauen zeigte keinen Unterschied von der der Männer, ausgenommen, daß sie nur eine einzelne statt einer doppelten Haarnadel trugen.“ Am 30. Mai setzte sich die Partie in Bewegung, die das Innere der Insel und ihre östliche Küste zu erforschen hatte. Sie bestand aus 12 Personen: 4 Offizieren, 4 Matrosen und 4 Kulis. Von der Susquehanna waren Mr. Taylor und Mr. Heine geschickt, und von der Mississippi der S. 79 Kaplan Mr. Jones und der Assistenzarzt Dr. Lynah. Das Kommando der Expedition wurde Mr. Jones übergeben, ihm war auch die Geologie der Insel anempfohlen, die, da sie Kohle enthielt, von großer Wichtigkeit war[vii]. Mr. Taylor sollte das Tagebuch führen und alles aufschreiben. Für die Expedition waren 5 oder 6 Tage veranschlagt, und danach wurde die Expedition auch mit Lebensmitteln und einem Zelt versehen, und die Mannschaft wurde mit Karabinern und Munition ausgerüstet. Dies letztere war hauptsächlich geschehen, um den Eingeborenen die Stärke der Expedition zu zeigen, und außerdem, um Vögel und Tiere schießen zu können. Am selben tage sandte der Kommodore auch zwei Offiziere und den Dolmetscher an Land, um mit den Würdenträgern wegen eines Hauses zu verhandeln. Nachdem sie gelandet waren, gingen sie auf ein Haus zu, das so etwas wie ein Rathaus zu sein schien, und ließen einen der führenden Männer holen, der denn auch nach einer Stunde erschien und sehr untertänig war. Nachdem die nie fehlenden Präliminarien, Tee und Pfeifen, herumgereicht waren, eröffneten die Herren dem japanischen Beamten ihr Anliegen. Dieser erklärte es kurzerhand für unmöglich. Aber da ein Kapitän der britischen Marine, Hall, auch, zwar nach vielem Warten, ein Haus am Ufer erhalten hatte, und unsere Offiziere dies wußten, so riefen sie diese Tatsache dem Lutschuaner ins Gedächtnis zurück und bestanden einfach darauf, daß sie auch ein Haus haben müßten. Der Beamte war aber wahrhaft unerschöpflich in Gegengründen. Darauf wurde er gefragt, ob zwei oder drei der Amerikaner nicht diese Nacht hier schlafen könnten. Darauf erwiderte er, kein Amerikaner dürfte an Land schlafen. In die Enge getrieben, schien er plötzlich ungeduldig zu werden, stand auf, ging auf die Offiziere zu und sagte zu aller Erstaunen in gebrochenem Englisch S. 80 (bisher war die Unterhaltung durch den Dolmetscher gegangen): „Meine Herren, Lutschuaner sind klein, Amerikaner nicht klein. Ich habe Bücher über Amerika gelesen, sehr gute Leute, sehr gut. Liukiu-Leute gut Freund mit Amerikanern. Liukiu-Leute geben Amerikanern allen Proviant, den sie wollen. Aber kein Haus am Ufer.“ So ungefähr sprach er, und die Offiziere folgerten, daß er wahrscheinlich sein Englisch von Mr. Bettelheim gelernt hatte. Da sie nun darauf bestanden, daß einige von ihnen an Land übernachten sollten, beurlaubte sich der beamte, um mit dem Bürgermeister von Napha zu reden. Also nahm er Abschied für einige Zeit, während der er wahrscheinlich drei Meilen hinter Napha zu dem Palaste in Shui war, um mit dem Regenten zu sprechen. „Nun,“ fragte ihn einer der Offiziere bei seiner Rückkehr, „also wir können hier schlafen?“ – worauf er mit vielen Komplimenten erwiderte: „Nein.“ Aber unsere Offiziere hatten den Befehl erhalten, ein Haus zu verschaffen, und so ließen sie einen aus ihrem Kreise und den Dolmetscher für die Nacht da und begaben sich zurück zum Schiff, um dem Kommodore Bericht zu erstatten. Der zurückgelassene Offizier und der Dolmetscher legten sich auf zwei Matten, und die Insulaner schliefen auf den übrigen. Es wurde also nicht mit Gewalt Besitz von dem Gebäude ergriffen, wie es andere darstellen. Am nächsten Morgen schickte der Kommodore einen kranken Offizier mit seinem Burschen dahin, und die in der vergangenen Nacht dort schliefen, gingen an Bord.
Lewchewan Chief and Attendants. Aus: John McLeod (M’Leod): Narrative of a Voyage, in His Majesty’s Late Ship Alceste, to the Yellow Sea, Along the Coast of Corea to the Island of Lewchew; with an Account of Her Subsequent Shipwreck. 1818 (2. Ausgabe). Gegenüber S. 62.
Die Behörden am Ufer brachten augenscheinlich den Besuchern aus den Schiffen Opposition entgegen. Nichtsdestoweniger gingen unsere Offiziere an Land und waren ein großer Gegenstand der Neugier der Eingeborenen, die ihnen in Massen folgten und sehr höflich und tief grüßten, wenn die Offiziere vorbeikamen. Aber trotz all dieser Höflichkeit merkten die Offiziere, daß sie überall von Spionen bewacht wurden, denen keine Bewegung entging. Der kranke Offizier am Ufer in Tumai[viii] schien in den besten S. 81 Beziehungen mit den Eingeborenen zu sein, und sie waren sehr freundlich gegen ihn. Die Eingeborenen schienen von Natur nicht unfreundlich zu sein, doch bestätigen die Erfahrungen unserer Offiziere nicht allzusehr die Erzählungen von der Einfachheit, Freundlichkeit und Zufriedenheit des Volkes. Entweder Kapitän Basil Hall irret sich darin, oder die nationalen Züge hatten sich während seiner Abwesenheit verändert. Er beschreibt die Lutschuaner nämlich so, als wenn sie keine Waffen hätten und nichts von Geld, Gelehrsamkeit, Benehmen und Schmuck verständen, ohne weiteres ihren Regierenden und ihren Gesetzen folgten und untereinander in Liebe und Frieden lebten. Manche Offiziere kamen zur Insel und erwarteten, dort diesen schönen Eigenschaften zu begegnen; aber sie merkten bald, daß die menschliche Natur in Liukiu auch nicht anders war wie anderswo. Das Verwaltungssystem, bei dem Spionage eine hervorragende Rolle spielt, muß in den unteren Klassen List und Falschheit züchten. Dieser Eigenschaften wurden auch unsere Offiziere gewahr. Die Liukiuer schützten Unkenntnis von Kriegswaffen vor. Das Volk zeigt solche nie offen; Dr. Bettelheim sagte jedoch, er habe Feuerwaffen bei ihnen gesehen, obwohl sie sie vor Fremden zu verheimlichen suchten. Sie sind zweifellos ihrer Anlage nach ein friedliebendes Volk. Was Geldsachen betrifft, so kennen sie den Wert von Gold und Silber sehr genau, und sie erhandeln chinesischen Cash, von dem 12-14 000 einen spanischen Dollar gelten[ix]. Sie sind außerordentlich gerieben Leute und erweisen sich beim Geldwechseln als fast gerissen. Sie zeigten keine Abneigung, unsere Adler und halben Adler[x] zu nehmen; S. 82 Kapitän Hall erklärt jedoch, daß sie zu seiner zeit zu britischen Geldmünzen kein Vertrauen hatten. Allgemein gesprochen, hat das Volk viele ausgezeichnete Eigenschaften, und seine schlimmsten Fehler sind wahrscheinlich zu einem großen Teile der übeln Regierung, unter der sie leben, zuzuschreiben. Die Offiziere unseres Geschwaders waren sehr fleißig in Messungen von Seekarten und die Mannschaft exerzierte tüchtig zu Lande und zu Wasser[xi]. Man sah deutlich das Bestreben des Kommodore, jede Abteilung auf dem höchsten Stand der Leistungsfähigkeit zu erhalten und auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Samstag, den 4. Juli, kehrte auch die Abteilung zurück die das Innere erforscht hatte; ihre Reise soll im folgenden Kapitel beschrieben werden.
6. Kapitel: Erforschung der Liukiu. S. 82-96. Montag, den 30. Mai – so beginnt der Bericht darüber – war der vom Kommodore Perry bestimmte Tag unserer Abreise. Wir hatten Befehl, die Insel bis zum östlichen Ufer zu durchkreuzen, der Küste nach Norden zu folgen, so weit wir könnten, um in 6 Tagen wieder zurück zu sein. Wir landeten gegen 10 Uhr, und da es sicher war, daß wir nicht ohne Eskorte so weit gelassen werden würden, wurde Dr. Bettelheim abgeschickt, um einen eigenen Beamten für uns als Begleiter zu erbitten. Jeder unserer Leute trug einen Tornister außer seinen Waffen, und ungefähr 120 Pfund Gepäck wurde zwischen 4 Kulis verteilt. Wir hatten aber noch nicht eine halbe Meile hinter uns, als unsere Kulis unter ihren Lasten zusammenzubrechen drohten, und mit Hilfe unseres obersten eingeborenen Begleitoffiziers requirierten wir noch 4 Kulis S. 83 und teilten so die Lasten. Nun nahmen wir die Landstraße nach Shui[xii] und überschritten auf einer Brücke die kleine Bucht, die von Tumé kam; hier kehrte die Menge um, die uns bis da nachgelaufen war, und nur ein Dutzend Eingeborene blieben bei uns, die Untergebene der uns begleitenden Beamten zu sein schienen. Hinter der Brücke kamen wir an eine Wiese, worin sich etliche kleine Kalksteinfelsen erhoben, die mit Fichten bestanden waren. Dann führte der Weg uns an einen Tempel von massivem Steinbau. Er war von großen Bäumen beschattet, deren Blätter uns an Feigen oder Sykomoren erinnerte. Fußpfade, über die Bambusstauden sich neigten und so förmliche Gewölbe bildeten, liefen den Hügel kreuz und quer. Jetzt wurde die Landschaft offener und wellenförmiger und eine üppige Vegetation setzte ein. Die tieferen Stellen der Landschaft waren alle mit Reis bebaut, und die Hügel waren in künstliche Terassen geteilt, auch wurde das Wasser durch kunstvolle Kanäle von Feld zu Feld geleitet. An den Bächen standen dicke Bananenhecken, und die Liukiu-Fichte, ein wundervoller Baum, der der Zeder des Libanon ähnelt, krönte die Hügel. Die Aussicht wurde immer schöner, als wir uns Shendi, der Hauptstadt der Insel, näherten. Ihre Häuser waren im Grün halb begraben und erstreckten sich wohl auf eine Meile; die Residenz des Vizekönigs aber lag im Mittelpunkt auf einer kleinen Erhebung. Das Wetter war trüb, und es drohte regen. Wir gingen an einem hohen Tor vorüber, worauf eine chinesische Inschrift – „Platz der Behörde“ – stand, und kamen in die Hauptstraße der Stadt, die sehr schön gepflastert und von hohen Mauern begrenzt war, wo zwischen laubigen Gärten die Wohnhäuser lagen. Wir waren noch nicht 50 Schritt weiter gegangen, als unser eingeborener Führer uns in einen Torweg eintreten hieß. Es schien ein Cungqua[xiii] oder Halte- S. 84 platz für Reisende zu sein, oder vielmehr für Regierungsbeamte, denn andere Reisende gab es nicht. Das Haus, das wir betraten, glich einer Privatwohnung der besseren Stände. Das Hauptgemach war mit sehr schönen Matten ausgelegt und auf 3 Seiten von einer offenen Veranda umgeben. An dies Gebäude schloß sich eine Küche und Dienerschaftshäuser, und geradeaus war ein kleiner Garten. Wir wurden sehr höflich durch einen Herrn in grauem Kostüm empfangen, der uns einen vollendeten Kotau machte. Sessel wurden gebracht und Tee, auf chinesische Weise zubereitet, in kleinen Tassen serviert. Dem Diener wurde durch Zeichen bedeutet, bei Mr. Jones anzufangen, der als das Haupt der Expedition erkannt worden war. Der Tee wurde uns kniend gereicht und so auch die leeren Tassen weggenommen. Wir blieben nur einige Minuten dort, zum Erstaunen unserer Führer. Als wir Napha verließen, hatten wir auf den Gesichtern der Eingeborenen Angst und Zweifel gelesen, und dieser Ausdruck verschärfte sich, je weiter wir gingen. Als wir nun aufbrachen und, statt zurückzugehen, weitergingen, bewölkten sich die Gesichter unserer Führer. Wir erreichten den Palast, das Tor war zu. Aber auch wenn es aufgewesen wäre, wir würden nicht hineingegangen sein. Wir schritten um die Zitadelle und beschritten einen gepflasterten Weg. Hinter uns sahen wir Patrouillen gehen, die die Einwohner von unserem Wege zurücktrieben, und Einsamkeit und Schweigen, wie sie der Pestilenz folgten, waren um uns. Alle, die uns zufällig begegneten, grüßten uns höflich, aber mit einem Ausdruck von Traurigkeit auf dem Gesicht, den ich aber mehr der Überwachung durch eine so unnatürliche Regierung als der Abneigung gegen uns zuschrieb. Die nördliche Seite von Sheudi war eine Wildnis voll üppigster Vegetation. Die verstreut wachsenden Kokospalmen zeigten, daß das Klima vollkommen tropisch sei. Ungefähr eine Meile hinter Sheudi kamen wir an einen Hügel, von dem wir die See an der östlichen Küste S. 85 der Insel sahen. Ein Tempel, der gerade erbaut worden zu sein schien, stand dort im Schatten einiger Fichten, und wir hielten Essenspause, da es 1 Uhr war. Einige der Eingeborenen sorgten für Wasser; unterdes trug die Mannschaft trockenes Holz zum Kochen zusammen, und nach einiger Zeit waren wir mit Tee und Schiffszwiebäcken gelabt. Wir boten auch den uns begleitenden Beamten davon an, doch schien es ihnen nicht zu schmecken. Dagegen aßen die Kulis herzhaft davon. Der Name des Ortes wurde uns als Piño bezeichnet. Mr. Heine machte eine Skizze davon und setzte die Eingeborenen dadurch in Erstaunen, daß er nach einem Zeichen mit seiner Büchse schoß. – Gleich nach dem Verlassen von Piño, was um 3 Uhr erfolgte, wurde der Weg tief und schmutzig. Wir waren noch nicht eine halbe Meile weitergegangen, als wir auf dem trennenden Kamm der Insel standen, und ein wundervolles Panorama tat sich nach Osten auf. Ein schmaler Streifen des Ozeans bildete den Hintergrund, und eine kleine Bucht ließ uns schließen, daß wir auf die Barrowsbai sahen. Zwischen uns und der See lag ein Amphitheater von Hügeln, von oben bis unten bebaut und mit dem frischesten Grün bedeckt. Die Seiten waren sorgsam in Terassen angelegt, und jeder Vorteil der Bodenform war benutzt, um Wasser aufzufangen. Die Art der Bebauung glich der der chinesischen. Die malerische Bildung der Hügel machte die Landschaft sehr abwechslungsreich; es schienen ungefähr 20 Meilen zu sein, die da bis zum Meer vor uns lagen, und gegen Nordwesten sahen wir ein Hochgebirge, das wir für Kap Broughton hielten. Mr. Heine machte eine Skizze von der östlichen Gegend, während ich die westliche aufnahm. Jetzt stiegen wir hinab; wir befanden uns ungefähr 600 Fuß über dem Meeresspiegel. Der Pfad herunter war sehr schlüpfrig, so daß die Kulis mit dem Gepäck verschiedene male ausrutschten und hinfielen. Wir gingen durch Einschnitte zwischen niedrigen Hügeln und kamen auf eine Ebene, die sich am Kopfe der Bucht halbmondförmig aus- S. 86 breitete. Auf jeder Seite lag ein Dorf mit strohbedeckten Hütten, in Bäumen begraben. Die Spione waren uns schon vorausgeeilt und die Einwohner waren in ihren Wohnungen verborgen. Sie hatten geglaubt, wir würden in das größere Dorf gehen, und als wir zu dem kleineren abbogen, sahen wir sie übers Feld rennen, um uns zuvorzukommen. Während wir uns auf einer Brücke ausruhten, kam unser Führer mit zwei Beamten auf uns zu und machte uns Zeichen, daß es Zeit wäre, zu unseren Schiffen zurückzugehen. Die Sonne würde untergehen, sagten sie, und wir hätten nirgends Platz zum Schlafen. Wir erwiderten (auch mit Zeichen), daß wir noch nordwärts gehen und erst in 5 oder 6 Tagen zu unseren Schiffen zurückkehren würden. Darüber schienen sie sehr erstaunt und etwas ärgerlich, da ihnen ja zur Pflicht gemacht worden war, uns nicht zu verlieren. Der alte Herr, der in seiner Hast, uns zu erreichen, hingefallen war und sein Kleid befleckt hatte, mußte selber herzlich darüber lachen und fand sich zuletzt in den langen Ausflug, der vor ihm lag. Dann zeigten sie nach Westen: dort wäre ein Cungqua, wo wir die Nacht sein könnten. Jedoch unser Kurs war beinahe Nordost, und als wir gegen ½ 6 Uhr einen Hügel fanden, der die Bai beherrschte und auf dessen Gipfel eine offene Fläche war, von Fichten umgeben, beschlossen wir, dort zu biwakieren. Die Leute widersetzten sich, als wir Zweige abschneiden wollten, und so machten wir die Zeltpflöcke aus den Bambusstöcken unserer Kulis. Am Abhang des Hügels lag ein Dorf, und nach einiger Verzögerung, die durch die Schwierigkeit entstand, unsere Wünsche dem eingeborenen Beamten kundzutun, erhielten wir Geflügel, 40 Eier und 2 Bündel Holz zum Feueranmachen. Einer unserer Chinesen, A-shing, behauptete, die Liukiu-Sprache sprechen zu können, aber wir fanden ihn darin so ungenügend, wie in allen anderen nützlichen Eigenschaften. Jedoch sein Kamerad, der aber wieder kein Englisch konnte, schrieb Chinesisch, und die Botschaft, die so weitergegeben und geschrieben war, las schließlich der S. 87 alte Peching[xiv]. Derselbe weigerte sich, irgend Kaschs oder Dollars anzunehmen, und sagte, daß die Leute sie doch nicht gebrauchen könnten; aber alles, was wir brauchten, sollten wir bekommen. Die Chinesen gaben ihnen ein – vermutlich auf eigene Rechnung -, daß wir mit Schiffszwiebäcken bezahlen würden, aber wir hatten kaum genug zum eigenen Gebrauch. Zuletzt wurde bestimmt, daß wir alles nach unserer Rückkehr mit Peching rechtmachen würden. Die Eingeborenen verspäteten sich mit ihren Feuerhölzern, und wir mußten unser Abendessen beim Schein des Lagerfeuers einnehmen. Ich fuhr fort, eine Skizze der Bai zu machen, so lange das Tageslicht anhielt. Die Bai ist tief und geräumig, mit vorgelagerten Felsen, doch, nach der Farbe des Wassers zu urteilen, nicht tief genug für Schiffahrtszwecke. Ein großes Dorf lag daran, und verschiedene Dschunken ankerten davor. In der Nacht glitzerten Lichter in der Ebene, die hin und her gingen; vermutlich Laternen von Leuten, die von einem Dorf ins andere gingen. Die eingeborenen Beamten beschlossen, auf alle Fälle bei uns zu bleiben, und ließen sich Bambusstäbe und Matten bringen, woraus sie ein Gebäude neben unserem Zelt errichteten. Sie nahmen mit gutem Humor auf sich, was sie nicht verhindern konnten. Ehe wir schliefen, richteten wir 4 Wachtstunden für die Nacht ein, und der zweite Beamte der Eingeborenen zündete ein Feuer an und hielt Gegenwacht. Wir waren alle einigermaßen müde von unserem ersten Zehnmeilenmarsch, aber die Moskitos quälten uns so, daß wenige von uns mehr wie eine halbe Stunde in dieser Nacht schliefen. Wir standen auf, als der Morgen graute und fanden unsere Eingeborenen schon in Bewegung. Der Morgen versprach gutes Wetter. Peching und seine Gesellschaft näherten sich und grüßten uns gravitätisch. Das Frühstückskochen und –einnehmen mitsamt dem Zeltabbrechen nahm 2 Stunden in Anspruch. Als wir fertig waren, waren 8 eingeborene Kulis zur Stelle, die, welche wir von Napha mit- S. 88 genommen hatten, waren den Abend zuvor zurückgekehrt. Wir verließen Kamp Perry (wie wir den Platz getauft hatten) und gingen auf einen nördlichen Hügel zu. Wir gingen um ihn herum und gelangten in ein Tal, das von schroffen Höhen umschlossen war. Ein Strom floß auf dem Grunde eines tiefen Grabens, von großen Bananenbäumen überschattet, seewärts. Wir fanden auf unserem Wege verschiedene neue Baumarten und Gestrüpp ohne Blumen. Ab und zu kamen wir an Hütten der Eingeborenen vorbei, von denen meist 2 oder 3 beisammenlagen, aber selbst in dieser einsamen Gegend hatte die Nachricht von unserem Kommen sie erreicht, und sie waren verborgen. Ich sah in einige Hütten hinein und fand, daß das Innere aus einer einzigen rauchgeschwärzten Stube bestand, die nur mit den einfachsten Gegenständen ausgestattet war. In zweien war eine Art Rost von Bambus, der sich etwa 6 Ellen über dem Boden erhob, und die dicken Matten, die den Lutschuanern als Bett dienten, waren darübergebreitet. Mr. Jones hatte den Kamp vor uns verlassen, und wir hatten ihn noch nicht wiedergefunden. Als wir nun in eine tiefe bewaldete Schlucht kamen, worin ein Bach gen Westen floß, merkten wir, daß unser Kurs mehr nach Osten lag und gingen zu den Fichtenwäldern zurück und über Reiswiesen auf eine offene, grasbewachsene Höhe. Von da erblickten wir Mr. Jones, umringt von einem Trupp Eingeborener, ungefähr eine halbe Meile südlich von uns. In kurzer Zeit erreichten wir nun den Gipfel des Bergrückens, der die Bai beherrschte, und genossen den Anblick einer herrlichen Landschaft. Wir zählten wohl ein Dutzend Dörfer, einige darunter von beträchtlichem Umfange. Nach Norden zu lief eine lange Landspitze weit über den Punkt hinaus, den wir für das Ende der Bai angesehen hatten, und über die Insel in südöstlicher Richtung vorspringend. Es war nun klar, daß wir Barrowbai noch nicht erreicht hatten, von der die Landspitze die südliche Grenze bildet. Während unsere Kulis sich ausruhten, schoß Mr. Heine einen Raben, der einen sehr viel breiteren S. 89 Schnabel hatte, als die europäischen Arten. Auch ein großes Grabdenkmal sahen wir von dort, das beinahe kreisförmig gebaut war. Nach weiteren zwei Meilen schwenkte der Weg etwas nach Westen ab, und wir kamen an einen einzelnen Felsen, der sich hoch zwischen Fichtenwäldern erhob. Während Mr. Heine stehenblieb, um zu skizzieren, und Mr. Jones, um seine Geologie zu untersuchen, kletterte ich auf den Gipfel, der so scharf war, daß er nur unbequeme Sitzgelegenheit bot. Da ich aber sah, daß es der höchste Punkt in diesem Teil der Insel war und man ihn von beiden Ufern sehen konnte, Ließ ich die Flagge bringen und entfaltete sie auf der Spitze des Hügels, während die Mannschaft Salut schoß und drei Hurras ausbrachte. Wir verliehen ihm den Namen „Bannerfelsen.“ Die Eingeborenen sahen zu, unfähig, unser Beginnen zu verstehen, aber nicht im geringsten davon beunruhigt. Die Landschaft war reich und mannigfaltig. Wir fanden auf dem Felsen die Wachspalme unserer Gewächshäuser, in voller Blüte auch die schöne scharlachrote Althea, sowie eine Malvenart mit großer gelber Blüte. Eine kleine Stunde hinter dem „Bannerfelsen“ wurden wir durch eine alte Festung überrascht, die eine beherrschende Stellung auf einem Berggipfel einnahm. Ihre Umrisse waren unregelmäßig, aber mit der Hauptrichtung von Nordosten nach Nordwesten. Während einige Teile gut erhalten waren, waren andere wieder so verfallen und mit Grün überwuchert, daß man sie kaum von dem Felsen unterscheiden konnte, auf dem sie standen. Wir gingen durch ein Tor auf eine Terasse, die mit Bäumen überwachsen war und auf der ein altes Mauerwerk stand, das einem Ehrengrabmal glich. Einen Steinwurf weiter war ein anderes Tor, das uns ins Innere der Festung führte. Hinter einer Gruppe Bäume sahen wir eine sehr schöne Privatwohnung. Unser Peching war auch schon dort, und der Besitzer(den unsere chinesischen Kulis als den „japanischen Konsul“ bezeichneten) lud uns respektvoll ein, einzutreten. Da der tag sehr heiß war, hatten wir nichts S. 90 gegen einige Tassen lutschuanischen Tees einzuwenden und erlaubten auch der Mannschaft, draußen auf der Terasse sich im Schatten der Bäume zu ruhen und ihr Mittagsmahl einzunehmen. Eine Treppenflucht, in den Felsen eingehauen, führte auf der Nordseite zu einer Grotte unter den Grundmauern der Festung, wo eine Zisterne mit Süßwasser war. Sie war vor den Sonnenstrahlen durch überhängende Bäume geschützt. – Während unser Mahl bereitet wurde, nahm Mr. Jones einen Grundriß der Festung, und die Soldaten machten Messungen. Die Festung war aus Kalkstein gebaut und das Mauerwerk vortrefflich. Die Steine, von denen manche 4 Fuß im Quadrat hatten, waren so sorgfältig behauen und gefügt, daß das Fehlen von jeglichem Mörtel der Dauerhaftigkeit nicht zu schaden schien. Die Festung mußte bereits viele Jahrhunderte alt sein, ehe der Gebrauch von Feuerwaffen irgendeiner Art auf den Liukiu bekannt gewesen war. Unser Chinese behauptete, der Name der Festung wäre Chingking, was soviel als oberste oder Hauptzitadelle bedeutete. Wir nahmen unseren Marsch um ½ 2 Uhr wieder auf. Der alte Peching „Chang-Yuen“, der etwas müde geworden war, nahm ein Kagor oder lutschuanischen Stuhl mit und folgte in der Nachhut, seinen Untergebenen die Obhut über uns überlassend. Die Spione wurden, wie gewöhnlich, vorausgeschickt, denn unser Weg stieg wieder zur bevölkerten Ebene hinunter. Wir hatten schon ein gewisses System in der Spionage herausbekommen, der wir unterworfen waren. Chang-Yuen und seine zwei Unterbeamten waren angewiesen, uns den ganzen Tag zu begleiten, und ein Dutzend oder mehr Helfershelfer wechselten von Distrikt zu Distrikt. Wir mochten wohl in so viele Abteilungen geteilt sein, als wir Menschen waren, und jeder hatte seinen besonderen Aufpasser. Wie konnten sie weder ermüden, noch ihnen weglaufen. Selbst wenn wir plötzlich unseren Kurs änderten, so waren sie immer vor uns. Und obgleich dies das Ergebnis von einem ent- S. 91 wickelten System war, so gaben sie sich doch immer den Anschein, als geschähe alles aus Respekt vor uns. Ich war neugierig auf einige Szenen aus ihrem häuslichen Leben und trat oft unvermutet in eine Hütte, in der Hoffnung, sie zu überraschen. Meist fand ich ja die Hütten verlassen, aber in einigen anderen belauschte ich das Lutschuanerleben in seinen ursprünglichsten Formen. In der Nähe des Schlosses entschlüpfte ich, während unser Gefolge in einem Dorf herumging, in eine Allee und ging in eine Bambusumzäunung, hinter der 5 Wohnungen lagen. Die Strohmatten lagen alle vor den Hütten, aber die Insassen waren verborgen, denn wie ich in eine Hütte hineinsah, fand ich nur ein Kind und einen alten Mann, der sofort Kotau machte. In einer anderen Hütte fand ich eine alte Frau und ein kleines Mädchen, die sofort auf die Knie fielen und die Hände halb bittend, halb grüßend gegen mich ausstreckten. Einige freundliche Worte, obwohl in Englisch, beruhigten sie, und ich hätte ohne Zweifel auch das Innere der Hütte gesehen, wenn nicht ein Spion dazugekommen wäre. Beim Weitergehen kamen wir an zwei seltsame Steine. Der größte davon war ungefähr 4 Fuß hoch und plötzlich kam mir die Idee, es könnte ein Lingam[xv] sein, ein Emblem der Pfahlbauten. Herr Heine, der meine Ansicht teilte, nahm eine Skizze davon auf. Es war ein dunkler, porphyrähnlicher Stein, und das einzige, was wir von den Eingeborenen darüber erfahren konnten, war, daß sie ihn „Ishee“[xvi] nannten. An den Hügeln waren viele Gräber, die an die Felsengräber von Ägypten und Syrien erinnerten. Unser eingeborener Führer bezeichnete sie als die „Häuser der Teufelsleute“ und schien sich zu amüsieren, daß wir uns dafür interessierten. Diese Bezeichnung in einem Lande, worin die Vorfahrengräber heilig, scheint für das Vorkommen einer anderen Rasse auf der Insel in früheren Zeiten zu sprechen, einer Rasse, die ihre Religion von dem S. 92 Lingam aus Java hatte, oder von anderen Inseln, wo man ihre Spuren noch findet. Nach dem vergeblichen Versuch, einige Reiher zu schießen, nahmen wir unseren Kurs, jetzt nordwärts, wieder auf, der uns durch blühende Dörfer führte. In einem Haus sah ich eine Frau an einem primitiven Webstuhl, Graßtuch webend, und am Fuß eines Hügels fand Dr. Lynah kohlenähnliches Gestein; auch sahen wir dann und wann ein Pferd. Durch eine tiefe Schlucht sahen wir die Barrowbai und waren im Begriff, dort unser Lager aufzuschlagen, als die Eingeborenen uns bedeuteten, in der Nähe sei ein Cungqua[xvii]. Aber erst nach einem starken Marsch von drei Meilen erreichten wir dieselbe, die eine wunderschöne Aussicht auf die Bai hatte. Eine Art Würdenträger begrüßte uns und bewirtete uns mit einem ausgezeichneten Tee. Die weichen, dicken Matten taten unseren müden Gliedern wohl, und auch frisches Wasser stand zu unserem Gebrauch bereit, sowie eine saubere Küche. Nach Sonnenuntergang kam auch der alte Peching an und begrüßte uns herzlich. Eier und Geflügel bekamen wir, obwohl wieder deren Bezahlung nicht angenommen wurde. Im nahegelegenen Dorf schien unser Erscheinen große Neugier zu erregen, denn die Zahl der Köpfe, die über das Gitter sahen, wuchs sehr schnell. Eine Wache wurde ausgestellt, und da die Moskitos uns nicht so quälten, schliefen wir sehr gut. Die Chinesen aber behaupteten am anderen Morgen, noch unfähig zu sein, die Lasten zu tragen, so daß dieselben noch den Kulis aufgebürdet wurden, deren bewundernswert gute Laune jedoch nicht dadurch litt. Diesmal kam es uns vor, als hätte die gegenwache unserer Führer einen doppelten Zweck gehabt: unsere Schritte zu bewachen, und uns selbst zu schützen. Mr. Jones wollte mit Booten über die Bai fahren, aber wir trieben keine auf. Der Name des Dorfs, wo wir über- S. 93 nachtet hatten, war Missikya. Also ging’s zu Fuß weiter, wobei sichtlich unsere Avantgarde das Bestreben hatte, uns wieder nach Sheudi zurückzuführen. Doch kehrten wir uns nicht daran, sondern hielten einen Kriegsrat in einer Schlucht, deren dunkles Grün und deren Fichtenwälder uns an Süddeutschland erinnert. Dann gingen wir durch einen Fluß, dessen Ufer mit Panamoos oder unechten Fichten bewachsen waren, und mußten unsere Schuhe und Strümpfe dabei ausziehen. In den nun folgenden Dörfern sah ich auch Pflaumen und Orangen und ein neue Abart Bananen, aber wenig Blüten und fast keine Vögel. Dies letzter viel überhaupt auf der ganzen Insel auf und schien darauf hinzudeuten, als ob die Vögel von den Eingeborenen vertilgt würden. Nun tat sich eine Landschaft vor uns auf, die den Charakter des wildesten Amerika trug. Viele Wildschweine sollten dort vorkommen, und wir fanden viele Spuren. Nach längerem Marsche kamen wir an ein Dorf am Kopf der Barrowbai, Isitsa. Wir schlugen nun unser Lager auf und gaben Signale ab, da Mr. Jones noch weiter gegangen war, und während unser Kessel kochte, nahm ich ein Seebad. Das Wasser war außerordentlich salzhaltig und kleine Kristalle bedeckten meine Haut. Danach nahmen wir den Tee ein und gaben auch unseren eingeborenen Beamten davon, wie auch vom Zweiback, den sie sehr zu schätzen schienen; wir suchten dann Kaneja, wie es auf unseren japanischen Karten stand, Kannáh, wie es die Eingeborenen nannten, zu erreichen, wo ein Cunqua war. Es war noch 30 Li oder 10 Meilen. Wir nahmen jetzt einen Eingeborenen als Führer und gingen die Bai entlang, an einem buddhistischen Tempel vorbei. Die Cungqua lag wundervoll zwischen Chrysanthemumbeeten und machte den Eindruck eines eleganten Privathauses. Kamelien und Jasmin standen davor. Wir bekamen das beste Zimmer, doch erhielten wir diesmal weder Eier noch Geflügel, sondern nur gesalzene Fische, süße Kartoffeln und Zwiebeln. Mr. Heine hatte diese Nacht S. 94 die erste Wache und hatte bald eine große Menge Eingeborener um sich, denen er seine Uhr zeigte. Doch ein dazukommender Beamter scheuchte mit einem Wort alle weg, die auch nicht wiederkamen. Ich bot einem unserer Eingeborenen einige Kasch an. Er nahm sie nicht, da er sich von seinen Gefährten beobachtet sah. Doch wie ich sie ihm in einem Augenblick des Unbeobachtetseins gab, nahm er sie mit vielen Dankesbezeugungen. Wir merkten, daß der alte Peching Protokoll über unsere Fahrt führte und daß er schon eine große Rolle, einige Ellen lang, damit angefüllt hatte. Nun brach unser vierter Reisetag an, und wir mußten bald an den Heimweg denken. Wir entschlossen uns, die Insel in der Richtung auf Port Melville zu durchkreuzen und machten uns nun auf den Weg. Es ging durch ein tiefes Tal mit einem kleinen Salzsee, bis wir an einen kegelförmigen Gipfel kamen, dessen Überwindung sehr schwierig war. Wir kamen denn auch südlich von Port Melville heraus, durch eine merkwürdige Felseninsel, Sugar Loaf[xviii] genannt, davon getrennt. Das Dorf, wo wir uns jetzt befanden, hieß Nykomma[xix] und die Eingeborenen verständigten uns durch in den Sand gezeichnete Linien, daß der Weg nach Sheudi die Bai entlang führte und wir nach 20 Li[xx] an ein Cungqua kämen. Also gingen wir durch sandige Buchten und steinige Vorgebirge die Küste entlang und sahen viele Felseninseln voll üppigster Vegetation. Die Szene war außerordentlich malerisch, wie die Küste von Sizilien. Nahe dem „Zuckerhut“ sahen wir zwei kleine Boote mit weißen Bugsegeln, die wir erst irrtümlich für die unseren hielten. Nach einem Marsch von 10 Meilen[xxi] am malerischen Ufer entlang, wobei wir die Genügsamkeit unserer Kulis bewundern konnten, die trotz ihrer Last und der großen Hitze noch nicht einmal Wasser tranken, kamen wir an S. 95 einen der schönsten Punkte der Insel. Es war ein Dorf, ganz versteckt in Fichten, Bananen und Sagopalmen, am Eingang eines wundervollen Tales, das sich nach der Baffinsbai öffnete. Ein Fluß mit Süßwasser schlängelte sich hindurch. Es war ein Bild ländlicher Lieblichkeit, wie man es in dieser Vollendung selten findet. Die Gegend vereinigt die Pflanzen der Tropen mit den Bäumen des Nordens, die Täler Deutschlands und die warmen Ufer des Mittelmeeres. Die Chungqua [Cungqua], die einen Ehrenplatz einnahm, vollendete das entzückende Bild. Ihr rotes Ziegeldach glitzerte in der Sonne und Sagopalmen beugten sich über ihre Mauern. Ihr einladender Anblick mit den weichen Matten im Innern war Balsam für uns müde Reisende. Ich zeichnete die Aussicht vom Dach aus, und Mr. Heine zeichnete unterdes die Cungqua. Das Dorf hieß Uñña[xxii]. Wir hatten noch nicht wieder die Region des Geflügels erreicht, doch wurden uns zwei kleine frische Fische sowie ein Kürbis und einige Gurken geschickt. Ein Seebad bei Sonnenaufgang erfrischte uns für den Tagesmarsch, auch einige Fische, die wie Aale aussahen, und ein Korb Kartoffeln. Nun hielten wir eine Beratung mit unseren Führern, die erklärten, Sheudi wäre noch 90 Li entfernt, und wir würden drei Tage brauchen. Aber wir waren anderer Meinung über den Ort, wo wir uns schon befanden, und entschlossen uns, zu versuchen, Napha bis zum nächsten Abend zu erreichen. Wir marschierten also tapfer darauflos und kamen nach Überwindung einiger sehr schwieriger Wege bei eintretendem Regen abends in der Cungqua von Chandakosa an. Dies schien eigentlich eine Beamtenwohnung zu sein, die aber für uns sofort freigemacht wurde. Der alte Peching erzählte uns nun, daß wir jetzt 30 Li hinter uns hätten, und da 20 Li weiter wieder ein Cungqua war, entschlossen wir uns, nur einige Stunden zu ruhen und dann dorthin weiter zu marschieren. Jetzt hatten wir einen guten Weg, durch eine Allee von Fichten. Er ging parallel mit der Küste, ungefähr 2 Meilen mehr landeinwärts. Wir gingen auf einer Stein- S. 96 brücke über einen Fluß, den die Eingeborenen Fiija nannten. Als wir eine Anhöhe erreichten, hatten wir die angenehme Überraschung, unser Geschwader vor uns liegen zu sehen, ungefähr 15 bis 20 Meilen Luftlinie entfernt. Dies ermutigte uns, und so stiegen wir fröhlich den Hügel hinab, obwohl wir noch nichts von unserer Cungqua sahen. Zuletzt, nach einem Marsch von 27 Meilen, bogen unsere Führer in einen Torweg ein, über den ein prächtiger Bananenbaum sich neigte. Wir folgten und warfen alles voller Freude hin, als wir Lichter erblickten und Tee, schon für uns serviert. Ein höflicher alter Herr stand auf der Veranda und empfing uns, und nie erschienen uns die Liukiu-Matten so weich wie dieses Mal und das Nationalgetränk der Liukiu, der Tee, so herrlich. Sogar die Wache ließen wir weg, so geborgen fühlten wir uns. Wir wurden in der Nacht nur durch den ununterbrochen fallenden Regen geweckt, und am nächsten tage schlug uns Peching vor, bei dem schrecklichen Wetter einen Ruhetag zu machen. Doch wir brachen auf und überschritten einen Fluß, den Machinator. Jetzt hatte der Regen aufgehört, und bald entdeckten wir, je näher wir Napha kamen, bekannte Gegenden. Um 2 Uhr standen wir wieder an Mr. Bettelheims Hause, von wo wir vor 6 Tagen ausgegangen waren, und nahmen herzlich Abschied von dem würdigen Peching und seinen beiden Beamten, nachdem wir ein Wiedersehen ausgemacht hatten, um unsere Ausgaben zu begleichen.
7. Kapitel: Besuch bei dem Regenten. S. 97-105. Der Entschluß des Kommodore, des Regenten Besuch zu erwidern, war von letzterem nur deshalb mit Höflichkeit angenommen worden, weil es keinen Ausweg gab, ihn zu verhindern; doch aber wurde alles getan, um den verabscheuten Besuch wenigstens nicht im Palast empfangen zu müssen. So wurden verschiedentlich Ausflüchte versucht: z.B. der Kommodore möchte doch den Besuch in Napha und nicht in Shui erwidern. Der Bürgermeister von Napha veranstaltete deshalb ein großes Fest einige Tage vor dem angesagten Besuchstage und lud den Kommodore mit großer Höflichkeit dazu ein, mit dem Hinweis, der Regent würde auch erscheinen. Der Kommodore aber sagte ab, und damit die, derentwegen das Fest veranstaltet war, doch noch etwas davon hätten, schickten die Insulaner zahlreiche Gänge des beabsichtigten Banketts auf die Schiffe, bestehend aus Geflügel, Fischen, Gemüse und Früchten. Es entspann sich denn auch bald ein lustiges Treiben an Bord, doch hielt es der Kommodore selbst für das beste, unsichtbar zu bleiben. Dann wurde dem Kommodore vorgeschlagen, seinen Besuch im prinzlichen statt im königlichen Palast zu machen, unter dem Vorwand, die Königinmutter sei vor Aufregung krank geworden, als ein britischer Offizier damals ein Schreiben seiner Regierung überbracht hätte, und man wolle ihr jede Aufregung ersparen. Der Kommodore, der natürlich kein Wort von der Krankheit glaubte, sagte, wo ein britischer Offizier empfangen worden wäre, müßte er auch empfangen S. 98 werden, das ei für ihn Pflicht, und bot seine Ärzte an, die Königinmutter zu kurieren. Wie nun schließlich alles doch nicht half, nahte der Tag des Besuchs heran. Die Abfahrt des Kommodore war auf 9 Uhr angesetzt. Als die Abfahrt signalisiert wurde, antworteten alle Schiffe des Geschwaders mit Salutschüssen, und an Land wurde es lebendig. Zur Landungsstelle war ein kleines Dorf, Tumai[xxiii], ausersehen, zwei Meilen vom Palast entfernt. Nachdem alle anderen Boote abgefahren waren, bestieg der Kommodore seine Barke. An Land standen die Truppen in Reih und Glied und salutierten. Zu Hunderten liefen die Eingeborenen zusammen, dem interessanten Schauspiel beizuwohnen. Der Kommodore, gefolgt von seinen höheren Offizieren, nahm die Parade ab. Darauf setzte sich der Zug unter Voranmarsch der Musikkapelle in Bewegung. Der Kommodore wurde in einer Sänfte getragen, und die Kapelle der Susquehanna bildete den Schluß. Das Ganze war malerisch und prächtig, und die Schönheit des Tages und der Landschaft gaben dem Ganzen ein besonders festliches Gepräge. Allerwärts fielen die Eingeborenen auf die Knie, wo die Prozession durchkam, und so kam man nach Shui. Der alte Peching hatte den Kommodore an Land empfangen und geleitete ihn auch jetzt in den Palast. Als sie an das Palasttor kamen, war es verschlossen; ein Bote wurde abgesandt, den Kommodore anzumelden und das Tor öffnen zu lassen. Dann bildeten Artillerie- und Marinetruppen Spalier, und unter den Klängen von „Heil Kolumbia“ schritt der Kommodore mit seinem Gefolge durch das Eingangstor. Nun ging es noch durch ein zweites Tor und man befand sich im inneren Schloßhof, der die Anhöhe krönte. Rings um den Schloßhof waren Häuser für die Umgebung des Regenten und die Dienerschaft. Nach Osten befand sich eine Art chinesisches Ehrentor, das zwei Bogen hatte, und als besondere Ehrung wurde der Kommodore unter dem rechten hindurchgeführt. Nun kam man in den mittelsten Schloßhof, der ungefähr 80 Fuß S. 99 lang war, mit schönen Holzschnitzereien. Die Empfangshalle lag an der nördlichen Seite, und der Kommodore wurde nun dorthin geführt und nahm auf einem Stuhl Platz, ebenso seine Offiziere. Auf der anderen Seite des Raumes saß der Regent mit seinen drei ersten Räten[xxiv], hinter ihm zwei Reihen Beamte; zwischen dem Regenten und dem Kommodore stand der Dolmetscher. Die Königinmutter sowie der minderjährige Fürst erschienen aber nicht. Nach gegenseitiger Begrüßung wurde der Tee eingenommen. Rollen von Pfefferkuchen wurden auf den Tischen verteilt und Räucherkästchen in die Ecken des Zimmers gestellt. Man merkte aber aus allem, daß der Regent unvorbereitet auf den Besuch war und daß er immer noch gehofft hatte, es würde seinen Beamten gelingen, den Kommodore davon abzubringen. Nun lud der Kommodore den Regenten wieder zu sich ein und fügte hinzu, in einigen tagen würde er Napha verlassen, aber nach 14 Tagen wiederkommen und dann jederzeit bereit sein, den Regenten auf der Susquehanna zu empfangen. Die nächste Zeremonie bestand nun darin, daß der Regent mehrere große rote Karten nahm, mit seinen drei Räten aufstand, auf den Kommodore zuging und sich tief verbeugte. Dasselbe taten nun auch der Kommodore und seine Offiziere, die zwar nicht verstanden, was das bedeuten sollte, aber auch wieder nichts versäumen wollten. Nun bot der Kommodore dem Regenten Geschenke an. Darauf erhoben sich wieder die vier Würdenträger, verbeugten sich und setzten sich wieder. Nachdem so ungefähr eine Stunde vergangen war, zeigte der Regent dem Kommodore seinen Palast. Allerwärts lagen die schönsten Matten. Im Hauptsaal war ein prachtvolles Frühstück aufgetragen, und in der Mitte stand ein irdenes Gefäß mit Saké, die wie französischer Likör schmeckte. Das Essen wurde mittels kleiner Bambusstöckchen eingenommen. Von den 12 Gängen, woraus ein königliches Mahl zu bestehen hatte, waren 7 Suppengänge, und die vier anderen Pfefferkuchen, Salat von Zwiebeln, dunkelrote Früchte und S. 100 eine delikate Speise aus geschlagenen Eiern. Schließlich brachte der Kommodore auch einen Toast auf die Königinmutter und den kleinen Vizekönig aus, wobei er auf die guten Beziehungen zwischen den Liukiu-Inseln und Amerika anstieß. Der Toast wurde, wie der darauffolgende auf den Regenten, diesem verdolmetscht, der sehr geehrte schien und der dann auch mit einem Toast auf den Kommodore und sein Geschwader erwiderte. Der Dolmetscher des Regenten war ein junger Eingeborener namens Schirazichi, der in Peking erzogen worden war. Er konnte auch etwas Englisch sprechen, doch wurde die Unterhaltung auf Chinesisch geführt. Dieser Jüngling besaß auch einige Kenntnisse über die Vereinigten Staaten und nannte Washington „einen sehr großen Mandarinen“. Als das Fest vorbei war, ging der Abmarsch genau so vor sich wie der Einzug, mit dem alten Peching an der Spitze. Unsere Boote hatten geflaggt, und jeder freute sich über die Ehren, die dem Kommodore und der amerikanischen Flagge erwiesen worden waren. Um ½ 3 waren alle Teilnehmer des Ausflugs wieder an Bord, und der Kommodore freute sich, über ein Regierungssystem triumphiert zu haben, das Treu und Glauben nicht kannte. Verschiedene kleine Umstände bei der Exkursion hatten die Aufmerksamkeit des Kommodore auf sich gezogen. Zunächst die außerordentlich Sauberkeit der Liukiuer – ein auffälliger Kontrast gegenüber den Chinesen. Der Kommodore erklärt von Shui: Niemals habe ich eine Stadt oder einen Flecken von größerer Reinlichkeit gesehen; auch nicht eine Spur von Schmutz oder Staub war zu sehen. Die Straße, die die Prozession zu gehen hatte, war besonders gut gebaut. Sie war sorgsam mit Korallenfels gepflastert, der sehr säuberlich zusammengepaßt und dessen Oberfläche geglättet war, sei es durch künstliche Mittel oder durch die beständige Benutzung[xxv]. S. 101 Die Bauern, die sich an die Fersen der Prozession hefteten, schienen zu der unteren Kaste zu gehören; sie hatten ein schmieriges und recht elendes Aussehen. Viele waren nackt, nur mit einem schmalen Lendentuch. Unter den Tausenden, die der Reiz des ungewohnten Schauspiels anlockte, war, so sonderbar das auch klingen mag, nicht eine Frau zu sehen. Man darf also füglich annehmen, daß die wimmelnden Volksmassen der Insel nur die Hälfte des gemeinen Volkes darstellten. Vermutlich gehörten jene Leute, die uns umgaben, zu dem Arbeiterstand, für ihre Tagesarbeit kärgliche Nahrung und harte Behandlung empfangend, die Müßigen sind Priester, und Horden von Spionen und Schutzleuten, die die Straßen bevölkern und Tag und Nacht ihr Auge auf alles haben. Im ganzen war der Kommodore angenehm berührt von dem guten Benehmen und der Höflichkeit der oberen Klassen und der anscheinenden Herzlichkeit und Gastfreundschaft, womit man ihn aufgenommen hatte: wenn die Liukiuer nicht aufrichtig waren, so waren sie wenigstens sehr gute Schauspieler. Zu rühmen war auch die Küche bei dem Fest des Regenten. Es gab ja Speisen, die den Gästen unbekannt waren; sie waren jedoch in der Regel schmackhaft und gut, jedenfalls besser, als die der chinesischen Küche. Jedesmal, wenn ein frischer Gang bei dem Fest gebracht wurde, erhoben sich der Hausherr und die anderen Würdenträger und leerten ihre kleinen Sakéschalen auf das Wohl der Gäste; und der Regent gab immer dem Kommodore ein Zeichen, wenn ein neuer Gang beginnen sollte. Was nun den Empfang im Palast betrifft, so dachte sich der Kommodore wohl, daß, obwohl die Königin nicht erschien, die Geschichte von ihrer unheilbaren Krankheit eine Legende war, und er hielt es für durchaus möglich, daß sie und ihre Hofdamen sich hinter der Wand versteckt hielten, durch ein Loch nach den Fremden aus dem Westen spähten und sich wahrscheinlich über das schöne Schauspiel recht freuten. Jedenfalls hegte er keinen Zweifel darüber, daß sie seinen Besuch überstehen würde. S. 102 Mit ganz besonderer Aufmerksamkeit studierte der Kommodore den Ursprung der Bevölkerung von Liukiu. Die Aufzeichnungen von Kapitän Hall[xxvi] klingen wie ein Roman, und auch die Aufzeichnungen von Dr. Mc. Leod von der „Alceste“ sind nicht viel mehr wert. Die Kapitäne Beechy und Belcher von der britischen Marine haben seitdem noch Liukiu besucht, und ihre Aufzeichnungen scheinen glaubwürdiger. Indessen haben auch wir alles über die Herkunft der Lutschuaner gesammelt, dessen wir habhaft werden konnten. Wie die Chinesen, so leisten sich auch die Lutschuaner eine göttliche Abstammung. Chow-Hwang[xxvii], ein chinesischer Schriftsteller, der als Gesandter 1757 von China nach Liukiu kam, sagt: „Die Insulaner sagen, sie stammten von einem Mann und einer Frau ab, die fünf Kinder hatten. Der Älteste, Téen-Sun[xxviii] (Ursprung des Himmels), war der erste Regent der Nation, der zweite Sohn war unter ihm Minister, und der dritte war der Gesetzverfasser. Die älteste Tochter heiratete den Himmels-. Die andere den Meeresgott. Téen-Sun und seine Dynastie regierten denn auch 17 802 Jahre[xxix]; sodann kamen die Shunteen[xxx] auf den Thron, ein Zweig der jetzt in Japan regierenden Familie. Dies geschah ungefähr 1200, als die Ming Dynastie in China aufstieg[xxxi]. Drei Könige regierten auf Liukiu; ein ‚König der mittleren Hügel’, ein ‚König der südlichen Hügel’ und ein dritter ‚König der nördlichen Hügel’. Alle waren dem Himmelssohne tributpflichtig. Zuletzt S. 103 wurde der erstgenannte König Herr des ganzen Inselreiches, doch blieb er stets den Chinesen tributpflichtig.“ Noch heute[xxxii] wird jährlich Tribut nach China geschickt, obwohl die Beamten in Liukiu keine Chinesen sind und Chinesisch auch nicht auf den Liukiu gesprochen wird, wenn es auch ab und zu verstanden wird. Doch scheint auch Japan einige Rechte zu haben; auch sollen eine Menge Japaner die Liukiu bewohnen und viele Mischheiraten mit ihnen vorkommen; nicht so mit den Chinesen. Auch der englische Bischof von Viktoria schreibt bei seinem Besuch der Liukiu 1850, es schiene doch, als seien die Liukiu in früheren Zeiten von Japan aus besiedelt worden. Auch die Sprache der Liukiu[xxxiii] zeigt große Verwandtschaft mit der japanischen. Überhaupt halte ich die Bewohner Liukius für eine Mischung aus Japanern, Chinesen, Formosanern[xxxiv] und wahrscheinlich Malaien. Der Handel von Liukiu findet nur mit den Japanern statt. Japan S. 104 Schickt jährlich wohl 30 bis 40 Dschunken nach den Liukiu, jede ungefähr von 400 bis 500 Tonnen. Von Liukiu geht nur eine Dschunke jährlich nach China; aber es ist nicht gestattet, daß auch nur eine einzige chinesische Dschunke nach Napha hineinfährt. Doch findet man auf den Liukiu, daß die Rangordnung der Beamten, ähnlich wie in China, durch die Tracht ausgedrückt wird. Denn die höheren Klassen unterscheiden sich von einander durch goldene, silberne, kupferne, bleierne und zinnerne Haarnadeln. So kann man gleich den Rang erkennen. Die unterste Klasse des Volkes sind die öffentlichen Sklaven (orbank); sie haben weder bürgerliche Rechte noch persönliche Freiheit. Dann kommen die Bauern (Hakooshoo); dieses müssen der Regierung die Hälfte ihres Ertrages geben, bezahlen also enorme Steuern. Den höchsten Grad der niederen Klassen nehmen die Boten, Spione und niederen Beamten ein (Wedaeogang). Diese erhalten nur freie Verpflegung und die unbestimmte Hoffnung, dereinst silberne statt ihre kupfernen Haarnadeln verliehen zu bekommen. Die Reichen kaufen manchmal von einem armen Mann seine lebenslänglichen Dienste (eine Art Sklaverei), doch gewöhnlich nur für eine Reihe von Jahren. Der Preis hierfür schwankt zwischen 2 und 10 Dollars. – Perry ließ ein Geschenk in den Palast schicken, einen schönen Spiegel und eine Anzahl französischer Parfümerien. Ebendort ließ er die gaben zurück, die er für den Prinzen, den Regenten, den Bürgermeister von Napha und andere Würdenträger bestimmte. Der Ausflug, auf den der Kommodore schon bei seinem Besuch im Palast angespielt hatte, sollte den östlich liegenden Bonin-Inseln, ungefähr auf dem 141. Längengrade gelegen, gelten. Am Morgen des 9. Juni war die Susquehanna klar für die Bonin-Inseln und hatte die Saratoga im Schlepptau, Mississippi und Supply wurden in Napha gelassen. Durch den südlichen Kanal schiffend, ging die Susquehanna um Abbey Point herum und nahm S. 105 ihren Kurs südlich um das Ende der Insel. Im Laufe des Nachmittags versank Liukiu am Horizont, und das Schiff hielt seinen Kurs von Ost nach Nord inne bei einer Geschwindigkeit von 8 Knoten. Zuerst kam eine leichte Brise aus Südwest, legte sich aber bald, und das Schiff geriet unter den Einfluß des Monsum, welcher die Segel blähte. Die Ramsegel beider Schiffe wurden beigesetzt, und obgleich die Susquehanna die Saratoga im Schlepptau hatte und nur drei ihrer Kessel brauchte, machte sie doch 9 ½ Knoten. Der südwestliche Monsum hielt na, und das Schiff fuhr rasch dahin. Die Gleichförmigkeit an Bord wurde durch nichts gestört, außer durch einen Todesfall. Mr. Williams, der Dolmetscher, brachte nach Liukiu einen alten Chinesen mit, der sein Lehrer gewesen war. Dieser war dem Opiumrauchen sehr ergeben, wollte sich aber davon heilen und unterließ es plötzlich. Die Folge davon war, daß er in halber Verrücktheit starb. Am Tage nach seinem Tode wurde er ins Meer versenkt bis zu dem tage (wie der Kaplan sagte), wo Erde und Meer ihre Toten wiedergeben werden. Am 14. Juni 10 Uhr morgens waren die Schiffe unter dem Eingang von Port Lloyd auf Peel Island, einer der Boninen. Die drei Inseln Peel, Buckland und Stapleton liegen nahe beieinander. Sie sind hoch und felsig, und obgleich sie nicht so grün und schön sind wie Liukiu, so bieten sie doch einen unendlich malerischen Anblick dar. Lotsen kamen auf die Schiffe, und bald lagen beide sicher vor Anker im Hafen von Port Lloyd.
11. Kapitel: Wieder auf Liukiu. S. 138-154. Der Sturm, der nach der Abfahrt aus der bucht von Jeddo zu blasen begann, dauerte drei Tage, und die beiden Dampfschiffe schlingerten sehr und wurden heftig hin und her geschleudert. Sie mußten ihre Topmasten kappen und die Kanonen versichern. So kamen sie heil davon und landeten am 25. Juli wohlbehalten in Napha. Wie man sich der Küste von Liukiu näherte, war das Wetter so neblig, daß man das Land nicht sehen konnte, und da die Dunkelheit anbrach, war es ratsamer für die Schiffe, davon abzubleiben, was sie auch taten; so wurden sie durch die Strömung südlich und westlich getrieben. Die ganze Nacht blieb es neblig, und wie es dämmerte, blieb das Land noch immer dem Auge verborgen. Es dauerte einige Stunden, ehe die Stellung der Schiffe festgestellt werden konnte, als man endlich die Amakirina-Inseln sichtete. In einiger Entfernung von den Inseln wurden Felsenwellenbrecher bemerkt und sofort in die Schiffskarten eingetragen. Die Entdeckung dieser Wellenbrecher und S. 139 anderer Untiefen bei der Amakirima-Gruppe zeigt, wie nötig eine Erforschung der Inselwelt westlich von den Liukiu ist. Wie wir am 25. Juli im Hafen von Napha ankern wollten, fanden wir dort das Proviantschiff Supply in der Brandung der Bucht, rollend wie ein großer Klotz, und hörten, daß ein gewaltiger Sturmwind mehrere tage lang in der Bucht getobt hatte. Auch am Lande wurde versichert, sie hätten einen der schwersten Stürme gehabt. Sofort nach seiner Ankunft trat der Kommodore dem Hauptzweck seiner reise näher und unterhandelte mit den Würdenträgern von Liukiu bezüglich der Milderung der Gesetze den Fremden gegenüber. Nachdem er bei den Japanern so erfolgreich gewesen war, hoffte er zuversichtlich, ähnliche Konzessionen bei den Lutschuanern zu erlangen, und auch dieses ohne Unfreundlichkeit und Ränke. Die Offiziere der Supply, die ja während des Kommodores Besuch in Napha zurückgelassen worden war, bestätigten, daß die Eingeborenen sich nicht unfreundlich gegen sie verhalten hätten, nur immer noch sehr zurückhaltend und ihrem Spionagesystem mehr als je treu geblieben. Jedoch waren die Ergänzungen des Proviants durch Vermittlung von Dr. Bettelheim regelmäßig eingelaufen, auch die Bezahlung war durch ihn erfolgt. Der Kommodore hatte keine Zeit zu verlieren. Da sein Besuch diesmal nur kurz sein sollte und er sich nicht in die langsam arbeitende und immer Zeit habende Staatskunst der Lutschuaner einlassen wollte, verlangte er plötzlich eine Unterredung mit dem Regenten; dieselbe wurde sofort bewilligt und ein Tag dafür festgesetzt. Der Kommodore hatte den Regenten gebeten, daß er sich vorher mit den Vorschlägen bekanntmachen möchte, die durchzusetzen der Kommodore sich vorgenommen hatte. Kommandeur Adams wurde abgesandt, dem Bürgermeister von Napha und einigen eingeborenen Würdenträgern die Vorschläge darzutun, ging deshalb an Land, begleitet S. 140 von Dr. Williams, dem chinesischen Dolmetscher. Sie nahmen folgende Instruktionen aus der Hand des Kommodores mit: „Preis fürs Haus festsetzen und die Pacht für ein Jahr bezahlen. Erklären, daß ich ein passendes Gebäude wünsche als Kohlenspeicher, das 600 Tonnen fassen kann. Wenn kein solches Gebäude vorhanden, wünsche ich, daß eingeborene Arbeiter mir eins errichten, oder wenn die Regierung von Liukiu dies vorziehen sollte, kann es auch unter Oberaufsicht des Bürgermeisters errichtet werden; ich will jährliche Pacht bezahlen. Entweder eins oder das andere muß arrangiert werden. „Über die Spione sprechen und drohen, wenn sie fortführen, den Offizieren nachzugehen, würde es zu ernsten Folgen führen, vielleicht sogar zu Blutvergießen, was ich sehr beklagen würde, da ich auf freundliche Beziehungen zu den Behörden Wert lege. Wenn dies eine Änderung erfährt, so wird es nur die Schuld der Lutschuaner sein, die kein Recht haben, Spione über amerikanische Bürger zu setzen, die nur ihren ordnungsgemäßen Geschäfte nachgehen. „Wir müssen ungehindert auf dem Markt Handel treiben können und das Recht haben, uns Schiffsproviant zu verschaffen. Es wird daher den Lutschuanern anheim gegeben, solche Gesetze und Gewohnheiten abzuschaffen, die nicht mehr in die Jetztzeit passen, die sie keine acht haben zu erzwingen. Würden sie darauf bestehen, so würde dies ihnen nur Unannehmlichkeiten zuziehen. „Dem Bürgermeister begreiflich machen, daß dieser Hafen ein Treffpunkt ist, und daß dies auch die Behörden einsehen und begreifen. „Dem Bürgermeister und den Behörden Dank auszusprechen für die Freundlichkeit, daß sie einen Grabstein auf das Grab des Schiffsjungen von der Susquehanna setzten und die Bitte daran zu knüpfen, die Kosten bezahlen zu dürfen. „Rasche, sofortige Erledigung aller dieser Forderungen und Fragen zu verlangen.“ Kommandeur Adams bekam außerdem noch folgenden Brief an den Regenten mit: „An Se. Exzellenz den Tsung-li-khan des Königreichs. „Exzellenz! Der Chef des amerikanischen Geschwaders in den ostindischen, chinesischen und japanischen Gewässern, der hier in diesen Hafen zurückgekehrt ist, will jetzt nach China reisen und möchte S. 141 vorher sich erlauben, Se. Exzellenz, dem Tsung-li-khan einiges zu sagen, was sich auf den Verkehr seiner Untergebenen mit den Würdenträgern von Liukiu bezieht. „Der Oberbefehlshaber bringt seinen Dank für geleistete Dienste zum Ausdruck bezüglich der Versorgung mit Proviant für die Schiffe des Geschwaders; doch kann er gleichzeitig nicht die Möglichkeit einsehen, die dazu zwingt, Fremden gegenüber ein System der Beschränkung anzuwenden, welches im Widerspruch steht mit den Sitten und Gewohnheiten der zivilisierten Nationen, und welches heutzutage nicht mehr als richtig oder gerecht angesehen werden kann. „Der Oberbefehlshaber des Geschwaders, dem daran liegt, in freundschaftlichen Beziehungen mit der Regierung von Liukiu zu bleiben, und der alles, was in seiner Macht steht, für das Wohlbefinden und das Glück des Volkes tut, fordert, daß seine Offiziere und Mannschaften auf dieselbe Art behandelt werden, wie die Leute von China und Japan; daß dieselben auf dem Markte und in den Läden erwerben dürfen, was sie brauchen und für was sie den geforderten Preis bezahlen, daß die Bewohner von Liukiu, besonders die Frauen, bei unserm Anblick nicht fliehen, als wenn wir ihre größten Feinde wären, und endlich, daß unsre Offiziere und Mannschaften nicht überwacht und verfolgt werden von niederen Beamten und Spionen. Er erklärt: wenn bei diesem Spionagesystem beharrt wird, so wird er bei seiner Rückkehr nach Liukiu die nötigen Schritte ergreifen, ihm Einhalt zu tun. „Es widerstrebt dem Charakter der Amerikaner, sich solch ungastlicher Unhöflichkeit zu unterwerfen, und obwohl die Bürger der Vereinigten Staaten die Gesetze der Staaten achten und ihnen gehorchen, wofern sie nur auf die Gesetze internationaler Höflichkeit gegründet sind, so können sie die Eigentümlichkeit oder Richtigkeit der Lutschuanischen nicht anerkennen, die so ungerecht in die Rechte und die Behaglichkeit der Fremden eingreifen, die mit den freundlichen und friedlichsten Gesinnungen die Insel betreten. Mit vorzüglicher Hochachtung M. C. Perry Chef des amerikanischen Geschwaders in den Gewässern von Ostindien, China und Japan.“
Nachdem Kommandant Adams dem Bürgermeister von Napha die Anträge des Kommodore klargemacht hatte, wurde ihm die Antwort, daß dieser Beamte aus eigner Macht nichts tun könnte und alle Wünsche der Amerikaner dem Tsing-li-khan oder Regenten von Liukiu S. 142 unterbreiten müsse, weil er und seine Beamten den Beamten des Regenten nur untergeordnet seien. Darauf sagte Kapitän Adams dem Bürgermeister, er müßte den Regenten auch davon unterrichten, daß der Kommodore eine Zusammenkunft mit ihm wünsche, entweder am nächsten Tage oder dem darauffolgenden, zu irgendeiner zeit und an irgendeinem Ort, den der Regent angeben möchte; überdies müsse derselbe vorbereitet sein, ohne Erörterung und Zweideutigkeit die vorliegenden Anträge zu beantworten. Hierauf erwiderte der Bürgermeister, der Regent würde sofort hiervon benachrichtigt werden und dem Kommodore würde dann über Zeit und Ort der Zusammenkunft Nachricht gegeben werden. Am nächsten Morgen ging Leutnant Contee, der Adjutant des Kommodore, an Land, um den Bürgermeister von Napha aufzusuchen, und erfuhr von demselben, daß der Regent den folgenden Tag für die Zusammenkunft bezeichnet hätte (Freitag, den 28. Juli) und die Cungqua in Napha als den Ort derselben. Demnach fand denn auch Freitag die Zusammenkunft statt, und alle Einzelheiten werden in dem folgenden Bericht beschrieben, den ein Subalternoffizier, der eigens damit beauftragt war, verfaßt hat: „Durch vorherige Verständigung war 2 Uhr als Treffzeit festgesetzt, und der Regent hatte Bescheid gegeben, daß er Shui um die Mittagsstunde verlassen würde. Um ½ 2 Uhr kam noch ein Boot an die Susquehanna mit dem Peking[xxxv], Changyuen, an Bord, um dem Kommodore mitzuteilen, daß alles zu seinem Empfange bereit sei. So ging der Kommodore um 2 Uhr an Land, begleitet von Korvettenkapitän Adams und Leutnant zur See Contee, beide von der Mississippi, sowie Kapitän Kelly von der Plymouth, und 12 anderen Offizieren, also einem Stab von 16 Personen. Als der Kommodore landete, wurde er von einer Offiziersdeputation empfangen, der der alte Pecking [Peking] präsidierte, und nach dem Ort der Zusammenkunft, der Cunqua, geführt, die an der Straße von Napha nach Shui ungefähr eine viertel Meile von der Küste entfernt lag. Es war ein kleines, doch schmuckes S. 143 Gebäude, von einer hohen Mauer umgeben, die es gegen spähende Blicke von außen schützt. Der Bürgermeister von Napha mit einigen seiner Beamten stand am Eingang. Der Regent ging dem Kommodore bei seinem Eintritt entgegen, und ein Frühstück stand bereit, ähnlich dem, was der frühere Regent dem Kommodore gegeben hatte. Das Fest wurde auch auf dieselbe Art arrangiert. Der Kommodore und Kapitän Adams bekamen ihre Plätze am ersten Tisch rechter Hand, der Regent und der Bürgermeister setzten sich ihnen gegenüber an den ersten Tisch linker Hand. Nachdem der Tee gereicht war, eröffnete der Regent die Unterhaltung mit der verbindlichen Bemerkung, er hoffe, der Kommodore sei in guter Gesundheit zurückgekehrt. Ichirazichy waltete wieder seines Amtes als Dolmetscher, und die Unterhaltung wurde vermittelst des Chinesischen durch Mr. Williams weitergegeben. Der Kommodore brachte zur Kenntnis, daß er in einigen Tagen nach China ginge, aber in einigen Monaten nach Liukiu zurückzukehren gedenke. Vor seiner Abreise wünsche er noch einige Sachen festgesetzt zu sehen. Seine Forderungen seien vernünftig und rechtschaffen und er erwarte, daß ihnen nachgekommen werden würde. Die Amerikaner machten nur wenige Worte, aber sie handelten auch danach. Der Regent erwiderte, seine Antwort würde in Kürze bereit sein, und lad den Kommodore ein, unterdessen einige Erfrischungen zu nehmen. Die Antwort darauf war, erst käme das Geschäft und dann die Erfrischungen. Unsere Forderungen seien richtig und einfach, und jede Verzögerung, sie zu gewähren, sei eine Kränkung für den Kommodore. Wir seien in Japan gewesen und dort freundlich empfangen worden. Wir hätten Geschenke mit den japanischen Gouverneuren ausgetauscht, und ständen in freundlicher Beziehung zu Japan. Wir hofften, daß auch unsere Beziehungen zu den Lutschuanern freundlicher Natur seien. Auf des Kommodore Aufforderung gab nun Mr. Williams eine getreue Schilderung des Empfanges des Kommodore durch die Fürsten Idzu und Iwami und unsere Forschungen und Beobachtungen in der Bucht von Jeddo. Der Regent sagte, daß seine Antwort bald bereit sein würde. „Das Diner nahm nun seinen Anfang, und 11 oder 12 Suppengänge waren schon gereicht, als der Brief gebracht und dem Regenten überreicht wurde, der ihn nahm und, begleitet vom Bürgermeister und dem Dolmetscher, sich dem Tische des Kommodore näherte, wo er den Brief mit den Zeichen größter Unterwürfigkeit überreichte. Überhaupt war sein benehmen während des Diners gezwungener und unfreier als an Bord der Susquehanna vor unserer Abreise nach Japan. Der Brief steckte in einem Um- S. 144 schlag und war mit dem großen Siegel von Liukiu versiegelt. Auf Befehl des Kommodore öffnete ihn Mr. Williams und verlas ihn an Ort und Stelle. Er begann mit der Schilderung, wie klein und arm die Insel sei, daß schon Dr. Bettelheims Wohnen auf der Insel sie sehr beunruhigte, und daß im Fall der Errichtung eines Kohlengebäudes diese Schwierigkeiten noch vergrößert werden würden. Außerdem sei der Tempel, der zu unserem Gebrauch hergegeben worden sei, für ihre Priester nutzlos geworden, die nicht mehr ihre Anbetung dort verrichten könnten. Die Produkte der Insel wären nur wenige, da sie Tee, Seide, Gewänder und viele andere Sachen von Japan und China bezögen. Was den Verkauf auf dem Markt und in den Läden beträfe, so hinge das nur von dem Volk selbst ab und wenn sie ihre Läden geschlossen hielten, so könnte der Regent da nicht einschreiten. Dann erklärte er, daß die Personen, die uns verfolgten, keine Spione seien, sondern Beamte, uns als Schutz und Führer mitgegeben. Wenn wir sie nicht zweckdienlich gefunden hätten, würden dieselben angewiesen werden, uns in Zukunft nicht mehr zu folgen. Nach Verlesung des Briefs befahl der Kommodore, ihn sofort dem Regent zurückzugeben, da sein Inhalt gänzlich ungenügend sei und er deshalb nicht angenommen werden könnte. Wir hätten nicht mehr verlangt, sagte der Kommodore, als uns auch von anderen Ländern bewilligt sei – nicht mehr, als was uns schon in China zuteil werde, und was wir auch in Japan noch zu erlangen hofften. Was den Tempel anbetrifft, so haben ihn uns die Lutschuaner selbst angewiesen, wie sie ihn auch beständig allen Fremden vor uns angewiesen haben. Wir wollen ihnen ja Pacht dafür bezahlen, und gedenken auch für alles übrige zu bezahlen, was wir erhalten. Wir haben ihre Insel durchstreift und wissen, daß der Boden reich ist, das Volk sparsam, und daß Vorräte allerart in Überfluß vorhanden sind. Da wir für alles bezahlen, was wir bekommen, so wird unsere Anwesenheit von großem Vorteil für das Volk sein, und unsere Schiffe einen guten Markt für die Erzeugnisse der Insel darbieten. Wenn sie uns keinen Kohlenschuppen errichten wollen, werden wir ein Schiff schicken, das das Material dazu mitbringt, und es selbst aufbauen. – Der Regent wagte zu sagen, daß in des Kommodore Schrift einige schwierige Punkte seien und daß große Beratschlagung darüber gewesen sei, ehe die Antwort geschrieben sei. Der Kommodore wiederholt noch einmal, daß alle seine Forderungen klar und einfach seien, und ohne Zögern bewilligt werden sollten. Die Lutschuaner sollten sich im Gegenteil darüber freuen, daß wir keine Absicht hätten, sie zu beleidigen. Sie wären in keiner Weise von den Unsrigen belästigt worden, und wenn wir fürderhin noch durch die Spione be- S. 145 lästigt würden, würde der Kommodore nicht für die Folgen aufkommen. Der Regent versuchte noch einmal, den Brief zu überreichen, doch der Kommodore brach auf mit der Erklärung, daß er, wenn er nicht bis zum nächsten Morgen in der Frühe befriedigende Antwort in Händen hätte, 200 Soldaten landen würden, die nach Shui marschieren und den Palast des Regenten einnehmen und so lange besetzen würden, bis alles in Ordnung sein würde. Mit dieser Erklärung verließ der Kommodore die Cunqua, vom Regenten bis ans Tor begleitet, der dort verblieb, bis alle Offiziere vorbei waren. Der Kommodore kehrte zur Bucht zurück, von seinem Stabe gefolgt, und begab sich sofort an Bord der Susquehanna.(„)
Es wurde bemerkt, daß der neue Regent Shang-Hiung-Hiun, ein großer Meister der Verschleppungstechnik war und immer mit tausend Gründen bei der hand war, um keine gerade Antwort geben zu brauchen. Der Kommodore jedoch wurde in seinem Vorsatze durch die Ränke und Winkelzüge der lutschuanischen Staatskunst nicht irre gemacht, sondern ging gerade auf das Ziel los, das er sich vorgenommen hatte, ohne von seinem ehrlichen und geraden Kurs sich durch die Schleichwege und das Versteckenspielen orientalischer Politik beeinflussen zu lassen. Was die Anwendung von Gewaltmaßregeln, wie er dem Regenten gedroht hatte, betrifft, so war der Kommodore nie ernstlich dazu entschlossen, sondern sagte sich, daß eine resolute Stellungnahme allem Vorhaben plötzlich ein Ende machen würde. Er schickte deshalb Kommandeur Adams und Buchanan, begleitet von Mr. Williams, zum Bürgermeister von Napha. Diese Herren hatten den Befehl, kategorisch Antwort auf die Anfragen des Kommodore am Tage vorher zu verlangen. – Gleichzeitig mit dieser Mission am Ufer ereignete sich ein Umstand, der, obwohl an und für sich geringfügig, doch von großer Wirkung auf die ängstlichen Gemüter von Liukiu war. Der Kommodore hatte seine Tischler entsandt, um nach dem Tragstuhl zu sehen, der seit dem feierlichen Zuge zum Palast von Shui im Tempel von Tumai stand. Das Volk von Liukiu beobachtete nun mit großer Angst die Bewegungen des Tischlers und sahen ohne Zweifel schon S. 146 in ihrem besorgten Geiste den Kommodore in seinem Staatsvehikel, der Sänfte, als triumphierenden Sieger in den Mauern ihrer Hauptstadt einziehen. Ob nun dies Nachsehenlassen der Sänfte zufällig war oder nicht, es geschah jedenfalls zur selben zeit und gab wahrscheinlich der Entscheidung der Gewaltigen von Liukiu einen wirksamen Stoß. Der Bürgermeister von Napha zeigte sich bereit, sich, soweit seine Machtbefugnis in Betracht kam, den Forderungen des Kommodore zu unterwerfen, und Kommandant Adams kam wieder an Bord mit der Versicherung, es würde sofort mit dem Regenten gesprochen werden und der Kommodore würde im Laufe des nächsten Tages ganz sicher eine definitive Antwort erhalten. So kam dann auch am folgenden Morgen um 10 Uhr der Bürgermeister von Napha an Bord der Susquehanna mit der Nachricht, daß alle Forderungen des Kommodore bewilligt wären und ausgeführt würden. Dann nahm er alle Forderungen, denen die Regierung zugestimmt hatte, einzeln durch. Wegen des Kohlendepots bekundete er, daß schon Vorbereitungen getroffen worden seien, es zu erbauen, und daß die Regierung auch zum Pachtschilling ihre Zustimmung gegeben habe, der auf 10 Dollar monatlich festgesetzt worden war. In Betreff des Marktes wurde bei der Schwierigkeit für das Volk und vor allem für die Frauen, mit den Fremden zu verhandeln, ein Kompromiß des Kommodore angenommen, des Inhalts, daß ein Basar in der Cunqua mit allen Erzeugnissen des Landes stattfinden sollte, die die Amerikaner gern haben möchten. Der Bürgermeister schlug den folgenden Sonntag als Tag des Basars vor, aber es wurde ihm gesagt, daß dieser Tag von den Christen als heilig gehalten würde, und Kaufen und Verkaufen an diesem Tage gegen die Religion wäre. Dann wurde der Vorschlag gemacht und auch angenommen, daß das Geschwader nicht vor Montag 9 Uhr segeln möchte und daß der Markt früh 6 Uhr aufgemacht werden sollte. Obgleich die Behörden von Napha es für nötig be- S. 147 funden hatten, dem Kommodore eine günstige Antwort zu erteilen, und der Bürgermeister sogar nur deshalb an Bord gekommen war, warf derselbe doch bei jedem Punkt der Ausführungen dem Kommodore die lächerlichsten Einwendungen und Schwierigkeiten in den Weg. Er sagte, die Kohlen würden am Ufer nicht sicher genug sein, die Eingeborenen würden sie wahrscheinlich stehlen. Antwortlich wurde ihm gesagt, die Regierung von Liukiu würde für jedes Stückchen darin verantwortlich gemacht werden. Schon hatte der Bürgermeister eine andere Einwendung: die Taifune, die sehr stark auf der Insel herrschten, würden ohne Zweifel das Kohlendepot wegfegen. Zuletzt, als sie gezwungen wurden, alles Geforderte zu gewähren, hingen die Behörden doch noch an ihrer hinterhaltigen Staatskunst, als wenn sie ihnen schon zur zweiten Natur geworden wäre. Während der paar Tage des Aufenthalts der Dampfschiffe in Napha machten die Offiziere und Künstler der Expedition auf Anregung des Kommodore eine Partie nach den Ruinen des Schlosses Tima-gusco. Der Kommodore hatte ihnen anheimgegeben, selbst Proviant mitzunehmen, um von den Eingeborenen unabhängig zu sein. Demgemäß verproviantierten sie sich reichlich mit Schiffszwieback und amerikanischem „Saké“, welches japanische Wort nun als Bezeichnung für alles allgemein angenommen war, was trinkbar und berauschend ist. Im Vertrauen auf die allgemeine Weisung, daß das Schloß im südlichen Teile der Insel läge, gingen die Amerikaner der Richtung nach, und wenn sie einem Eingeborenen begegneten, wiederholten sie in fragendem Tone: Tima-gusco? Sie gingen durch ein kleines Dorf südlich des Sunk-Flusses und kamen auf einen engen gepflasterten Weg, der ostwärts den Mauern entlang führte. So kamen sie in ein großes Dorf, wo sie in einer schönen Cunqua gastlich mit Tee bewirtet wurden, beschattet von Linden, und machten Freundschaft mit dem lutschuanischen Wirt und einigen seiner Nachbarn, die vorsprachen, die Fremden zu besuchen und an S. 148 ihren Vorräten von Schiffszwiebacken und amerikanischen Saké teilzunehmen, die freigiebig ausgeteilt und wie gewöhnlich von den Lutschuaner sehr geschätzt wurden. – Tima-gusco? Tima-gusco? Welches Wort ungefähr den ganzen Vokabelnschatz der Amerikaner ausmachte, schien sehr ausdrucksvoll zu sein, denn das fragend wiederholte Wort fand seine Erwiderung in einem Anerbieten der Lutschuaner Teegesellschaft, uns hinzuführen. Es schienen ohne Zweifel auch Spione zu sein, die allerwärts herumschwärmten, aber der Vorschlag war ebenso annehmbar, als es uns auch schwer schien, von ihnen wieder loszukommen, und aus diesen Erwägungen heraus, und um diese Burschen auch einmal zu einem g |