Miniaturbibliothek
für Sport und Spiel
Bd. 10
Jiu-jitsu
Die Kunst der japanishen Selbstverteidigung
und Körperstählung
von
Edmond Vary
Neubearbeitet von Erich Borrmann
Mit 49 Abbildungen
Sechste, neubearbeitete Auflage
26. – 31. Tausend
Leipzig / Zürich
Grethlein & Co.
Zeichnung auf der Frontseite von K. Opitz..
Bereitgestellt von Andreas Quast, 2003

Inhalt:
Über den Begriff und das
Wort „Jiu-jitsu“
Erstes Erscheinen des
Jiu-jitsu
Wesen und Prinzip des
Jiu-jitsu
Sein Verhältnis zu den
übrigen Kampfmethoden
Welcher Mittel man sich im
Jiujitsu bedient
Physische und moralische
Eigenschaften, die zum Jiu-jitsu notwendig sind
Praktische Winke für den
Jiu-jitsuer
Die wichtigsten
Kunstgriffe, Schläge und Stöße im Jiu-jitsu
Schläge und Stöße mit der
Hand
Empfindliche Stellen am
Körper
Abwehrbewegungen aus dem
Stand
Am
Anfang dieses Jahrhunderts war das Jiu-jitsu selbst dem Namen nach in Europa
und Amerika vollständig unbekannt, heutzutage aber ist es rechte populär
geworden, wenn auch die allerwenigsten sich einen richtigen Begriff davon
machen können. Daß dies der Fall ist, beweist der Umstand, daß man jeden etwas
schwerzhaften Griff, wie Armverdrehung, mit „Jiu-jitsu“ bezeichnet, ebenso wie
man „Boxen“ oft einen noch so plumpen, kunstlosen Faustschlag nennt. Bevor wir
das Wesen des Jiu-jitsu näher betrachten, wollen wir uns erst klar darüber
werden, was das Wort überhaupt bedeutet, und wie es ausgesprochen wird. Das
Wort „Jiu“ ist aus dem Chinesischen ind die japanische Sprache übernommen
worden und bedeutet mild, weich, zahm, sanft, „Jitsu“ – Kunst, also: milde,
weiche, sanfte, zahme Kunst. Auf die nähere Bedeutung dieses Wortes werden wir
später zurückkommen und sehen, wie treffend diese Bezeichnung, trotz ihrer
vermeintlichen Ironie, gewählt ist. Das japanische J spricht man...
1901
erschienen zum ersten Mal in London japanische Jiu-jitsu-Kämpfer, die anfangs
selbst bei den sportliebenden Engländern kein sehr großes Aufsehen erregten. Es
waren dies Leute, die 100 bis 120 deutsche Pfund wogen und in einem
eigenartigen Anzug auftraten: eine weiße, knopflose Leinwandjacke mit kurzen,
aber breiten, bis zum Ellenbogen reichenden Ärmeln und einem Gürtel, der die
Jacke zusammenhielt, bis an die Knie reichende Leinwandhosen und nackte Füße.
Die Ringer und Boxer, die sich den Japanern entgegenstellten, wurden trotz
ihrer Überlegenheit an Kraft und Gewicht mit größter Leichtigkeit hingeworfen,
gewürgt oder durch schmerzhafte Griffe zum Aufgeben des Kampfes gezwungen. Die
unterbrochene Reihe von Siegen der gelben Männer über die besten Athleten, ihre
seigesbewußte Ruhe und Schnelligkeit zogen immer mehr die öffentliche Aufmerksamkeit
auf diese geheimnisvolle Kunst. Denn das war sie in der Tat, und erst
allmählich konnte man dahinterkommen, wenn auch nicht ganz, denn bei der
ungeheueren Menge der existierenden Tricks (auf deutsch Kunstgriffe) und ihren
unzähligen Variationen war dies eine Unmöglichkeit. Außerdem besitzt jeder
Kämpfer seine eigenen Tricks oder Lieblingsgriffe, die von anderen nur sehr
wenig abweichen, aber so schnell ausgeführt werden, daß man sich meistens keine
Rechenschaft darüber geben kann. Mehrere Jahre hindurch war das Interesse dafür
sehr beschränk, bis der russisch-japanische Feldzug begann mit der wunderbaren
Reie ununterbrochener Siege der Japaner zu Wasser und zu Lande. Alles, was in
irgendeinem Zusammenhang mit dem Reiche der aufgehenden Sonne, wie Japan
genannt wird, stand, erregte die größte Neugier der ganzen zivilisierten Welt.
Als man nun erfuhr, daß die japanischen Matrosen und Soldaten im Jiu-jitsu
geübt seien, einer Kunst, die angeblich das Turnen und die Freiübungen der
Armeen aller übrigen Länder ersetzt, wurde das Interesse für die japanische
Selbstverteidigungslehre aufs höchste gesteigert. Die Literatur bemächtigte
sich dieses Themas. Aus England und Amerika kamen die ersten Bücher darüber zu
uns. Leider wurde der plumpste Schwindel auf diesem Gebiet getrieben. Leute,
die keine Ahnung vom Jiu-jitsu hatten, nicht einmal vom Sehen, veröffentlichten
unter irgendeinem japanischen Namen Bücher und Broschüren darüber (Prof. Hojo
Takuji, du alter Schwindler). Daß sie an Inhalt und Ausführung einander sehr
ähnlich waren, war ganz selbstverständlich, da sie fast wörtliche Übersetzungen
der amerikanischen Bücher bildeten. Vom „japanischen“ Verfasser war ebensowenig
im Buche zu sehen als von neuen Griffen.Aus den allgemeinen Ausführungen kam
nur sehr wenige heraus. Dies alles hat nicht viel dazu beigetragen, das
Verständnis und Interesse für die Sache zu verbeiten. Erst als die
Varietébühnen und Zirkusse Japaner engagierten, um Kämpfe auszutragen, konnte
man sich auch bei uns einen Begriff davon machen. Man hatte ihre Überlegenheit
nicht übertrieben, denn manch starker und schwe3rer Mann mußte es zu seinem
Schaden erfahren.
Nach
gewissen japanischen Angaben soll das Jiu-jitsu ungefähr tausend Jahre alt und
eine nationale Erfindung sein, doch hat sich dies als nicht richtig
herausgestellt. Es ist ungefähr drei Jahrhunderte alt und chinesischen
Ursprungs, wie das Wort „Jiu“ beweist. Allerdings muß betont werden, daß es
ohne die Japaner nie zu dem geworden wäre, was es jetzt ist: die Japaner haben
es umgeändert, vervollständigt und auf eine wissenschaftliche, anatomische
Grundlage gestellt. Etwas ganz genaues über den Ursprung zu erfahren, ist
schwer. Die Geschichte oder Legende aber erzählt, daß vor sehr langer Zeit ein
junger japanischer Arzt namens Akiyama von Nagasaki nach Peking fuhr, um seine
Kenntnisse in der Heilkunde zu bereichern, denn damals war China der
Lehrmeister Japans, das ihm überhaupt viel verdankt. Doch hielt es ihn nicht
lange in Peking, die Abenteuerlust trieb ihn ins Innere des Landes, und in der
Mandschurei hatte er Gelegenheit, einer besonderen Art Ringkämpfen beizuwohnen,
„Hakuda“ genannt. Die Athleten, die ihn betrieben, gehörten einer geheimen
Sekte an, deren Mitglieder unter Androhung der schwersten Strafen sich
verpflichten mußten, die ihnen mitgeteilten Geheimnisse nicht zu verraten (dies
hört sich schwer nach Kung-fu, Shaolin oder oder taoistischer Kampfkunst an).
Diese bestanden eben darin, einen Gegner kampfunfähig zu machen. Der junge Arzt
ließ sich in diese Sekte als Mitglied aufnehmen und unterzog sich allen Übungen
und Anforderungen des „Hakuda“. In seine Heimat zurückgekehrrt, soll sich
Akiyama 13 Jahre in sein haus eingeschlossen haben, um das ihm Gezeigte zu verbessern
und zu vervollständigen, bis er nach dieser Frist in die Öffentlichkeit mit der
Erklärung trat, er kenne 300 verschiedene Arten, einen Gegner kampfunfähig zu
machen. Er gründete seine erste Schule in Tokio, und als sie sich eines ungeheueren
Zupruchs erfreute, noch mehrere andere in der Provinz. Wie er das Prinzip des
Jiu-jitsu fand und in wenigen Worten festhielt, erzählt die Legende
folgendermaßen: An einem Wintertage sah er den starken Ats eines Kirschbaums
unter der Last des Schnees zusammenbrechen, während die zierlichen Äste eines
Weidenbaumes unter demselben Gewicht sich neigten, bis schließlich der Schnee
herunterrutschte und die Zweige sich stolz wieder emporrichteten. Da rief er
aus: „Nachgeben, um zu siegen!“ Das ist auch der Schlüssel zum Jiu-jitsu.
Der
damals in Japan herrschende Schwertadel, die „Samurai“, die eine erbliche Kaste
bildeten mit dem Vorrecht, im Kriege zwei Schwerter zu tragen, wurden die
eifrigsten Anhänger des Jiu-jitsu und behüteten es als ihr strengstes
Geheimnis. Außerdem widemeten sie sich eifrigst der Fechtkunst, „Ken-jitsu“
genannt. („Ken“ der Degen, „Jitsu“ Kunst, Kunst des Degens). Die Samurai waren
unseren Rittern im Mittelalter sehr ähnlich. Sie trugen einen Helm mit Visier,
einen Panzer, Bein- und Knieschützer. Ein Dolch und die beiden Schwerter vervollständigten
die Rüstung, wobei noch zu bemerken wäre, daß im Ken-jitsu das Schwert mit
beiden Händen geführt wurde. Gerieten nun zwei gleichbewaffnete Gegner
aneinander und konnten sie sich mit den Waffen wegen der Rüstung nichts
anhaben, so ließ der Angreifende eines der Schwerter fallen, um den anderen zu
unterlaufen oder durch irgendeinen Trick zu Fall zu bringen. Der Angegriffene
mußte in diesem Falle ebenfalls zum Jiu-jitsu seine Zuföucht nehmen, da ihm die
Waffen im Nahkampf von keinem Nutzen sein konnten. Wem es gelang, seinen Gegner
zu bemeistern, brach ihm durch einen kunstgerechten Griff einen Arm oder ein
Bein oder hielt ihn am Boden fest, hob das Visier oder den Helm auf und schnitt
ihm die Schlagadern mit dem Dolch durch (Vgl. Hergsell, Fechtbuch 1459 und
Welle). Die Samurai umgaben das Jiu-jitsu lange mit einem undurchdringlichen
Schleier, wodurch sie die Masse des Volkes, das sich vor der unheimlichen,
geheimnnisvollen Kunst fürchtete, unter ihren Bann halten konnten. Als sich
aber Japan nach europäischem Muster modernisierte und die Vorrechte der Samurai
aufgehoben wurden, erlitt auch das Jiu-jitsu sozusagen dasselbe Schicksal, denn
es wurde einem jeden zugänglich und durch Schulen im ganzen Lande verbreitet.
Das
Jiu-jitsu wird in der japanischen Marine, Armee und Polizei sowie in den
Schulen gelehrt, wo es unser Turnen ersetzt. Außerdem existieren überall
spezielle Jiu-jitsu-Schulen, in denen nach verschiedenen Systemen unterrichtet
wird, von dene das Kano-System das verbreitetste ist. Der Unterricht wird
klassenweise erteilt. Natürlich handelt es sich weniger um das Alter der
Betreffebnnden als um ihre Leistungsfähigkeit. Zunächst gibt es eine Klasse für
Anfänger, hierauf kommt die sechste, fünfte usw. bis zur ersten Klasse. Die die
höchste ist. Die Anngehörigen einer jeden Klasse tragen einen Gürtel von einer
bestimmten Farnbe, die Anfänger rot, die schste Klasse gelb, die fünfte weiß,
die vierte grün, die dritte orange, die zweite purpur, die erste schwarz und
weiß. Um von einer Klasse in eine andere versetzt zu werden, muß man je ein
Examen bestehen, wobei auf Schnelligkeit der Ausführung und auf Technik das
Hauptgewicht gelegt wird. Es kann aber auch passieren, daß ein Schüler der vierten
Klasse einen der ersten z.B. besiegen kann, da er bedeutend schwerer und
stärker ist, trotz der technischen Überlegenheit des anderen. Diejenigen, die
sich dem Lehrfach widmen wollen, müssen außerdem noch einen speziellen Kursus
durchmachen, dessen Dauer mindestens4 Jahre beträgt.
Die
japanischen Schutzleute sind im Jiu-jitsu sehr geübt und machen deswegen wenig
Gebrauch von ihrer Waffe, um einen Widerstrebenden zu verhaften oder sich gegen
ihn zu schützen. Manch betrunkener oder auch nüchterner englischer oder
amerikanischer Matrose mit Stiernacken und mächtigen Fäusten, der den Schrecken
seiner Schiffskollegen bildete, hat mit der Kunst der japanischen Schutzleute
Bekanntschaft machen müssen. Da es in den Hafenstädten nicht an Gelegenheit
fehlt, Ausschreitungen zu begehen, ereignen sich solche Szenen nur zu oft. Die
auf ihre körperliche Überlegenheit pochenden Teerjacken, die da glaubten, sich
bei den „gelben Affen“ alles erlauben zu dürfen, sind regelmäßig durch
schmerzhafte Griffe gezähmt worden, ohne sonstigen Schaden zu erleiden, wie es
beim Gebrauch einer Waffe sich hätte ereignen müssen. Die Soldaten und Matrosen
der Kriegsflotte werden ebenfalls im Jiu-jitsu geübt, und dieser
ausgezeichneten Körperstählung, die neben Kraft auch Geschwindigkeit und
Geistesgegenwart entwickelt, hat Japan nicht zum geringsten seine Siege über
Rußland zu verdanken. Man hat diese bereits in Amerika erkannt und das
Jiu-jitsu offiziell in den Kadettenschulen, bei der Polizei und teilweise in
der Armee eingeführt, desgleichen in England, Frankreich und Deutschland.
Als
das Jiu-jitsu zum erstenmal bei uns bekannt wurde, behauptete man in
Ringerkreisen, es sei eigentlich nichts Neues; viele Griffe seien längst
bekannt und würden lediglich deshalb vermieden, weil sie zu gefährlich seien.
Es sei sozusagen ein Ringkampf, bei dem alles erlaubt sei, bei dem man aber
hauptsächlich schmerzhafte Griffe anwende. Diese Ansicht ist ebenso richtig wie
falsch. Richtig ist, daß zwischen manchen Griffen des französischen (griechisch-römischen)
und des freien Ringkampfs und denen des Jiu-jitsu eine gewisse Ähnlichkeit besteht.
Diese bezieht sich aber nur auf den Zweck, nicht auf die Ausführung der Griffe,
obwohl die Unterschiede manchmal nur sehr gering sind. Im freien Ringkampf
spielt das Beinanfassen und –stellen eine große Rolle, es ist dabei nötig, eine
gewisse Kraft zu entfalten; man versucht den Gegner meistens aufs Geratewohl zu
werfen mit nicht sehr vielen Tricks, während der Jiu-jitsu-Ausübende nur den
Griff anwendet, der sich ihm am bequemsten darbietet; er hat eigentlich keine
Wahl, denn für jede Stellung des Körpers des Körpers und der Beine seines
Gegners sind ihm gewisse Regeln
vorgeschrieben, die wiederum von einer eigenen augenblicklichen
Körperstellung abhängig sind. Ist keine Gelegenheit vorhanden, den Gegner zu
werfen, so wartet man ab oder versucht ihn in die Lage zu bringen, die man
braucht. Alles ist mit mathematischer Sicherheit erwogen und nichts dem Zufall
preisgegeben; jeder Fall ist vorgesehen. Daß jeder Ringkämpfer verschiedene
Arten kennt, ein Bein, einen Arm oder die Finger zu brechen beziehungsweise zu
verdrehen, ist ja bekannt. Dabei ist es nicht einmal nötig, ringen zu können;
wohl jeder vermag einen Arm zu verdrehen oder zu brechen, wie man es mit einem
Stock tun würde. Das „Wie“ ist aber die Hauptsache. Wenn ein starker Mann einem
schwächeren den Arm brechen will, braucht er diesen nur anzufassen,
auszustrecken oder zu drehen; der Bruch ist nicht allzuschwer herbeizuführen.
Will er den Mann zu Fall bringen, so braucht er ihn nur hochzuheben und
niederzuwerfen, um ihn zu betäuben oder sonstwie zu beschädigen. Dies alles,
vorausgesetzt, daß sich der Schwächere nicht aus Leibeskräften wehrt; falls er
die nötige Schnelligkeit hat, kann er nämlich das Vorhaben seines stärkeren
Gegners teilweise oder ganz vereiteln. Sollte nun ein schwacher Mann einen
stärkeren und schwereren, was meistens ziemlich gleichbedeutend ist, niederwerfen
oder ihm ein Glied brechen wollen, so ist dies mit seiner geringeren Kraft fast
unmöglich. Da das Jiu-jitsu aber gerade dazu berechnet ist, mit wenig eigener
Kraft viel fremde Kraft zu bemeistern, lehrt es, wie man mit einem Minimum an
Stärke jemanden niederwerfen, ihm die Glieder nach Belieben brechen oder auch
nur Schmerz verursachen kann. Man kann einen Arm auf mehrere Arten verdrehen
oder brechen, im Jiu-jitsu aber nur auf je eine Art, die sich nach der
jeweiligen Stellung beider Gegner richtet.
Alle
Ringkampfarten sind von Bedingungen beengt. In manchen Arten gilt als besiegt ,
wer auf dem Rücken liegt, hochgehoben oder aus einem Kreis verdrängt wird, im
Jiu-jitsu ist aber nur derjenige besiegt, der die Besinnung verliert oder sich
selbst als besiegt erklärt, und dies wird er nur tun, wenn ihn der Schmerz dazu
zwingt, der aber sofort aufhört, wenn der Griff, der ihn verursacht hat,
losgelassen wird. Etwas Ähnliches existiert ja auch beim Boxen; es ist das
sogenannte „Knock out“, das eintritt, wenn ein Boxer den anderen durch einen
Schlag derart betäubt, daß er zu Boden fällt und mindestens 10 Sekunden
kampfunfähig liegen bleibt. Ein solcher Sieg ist natürlich einwandfrei, ein
Sieg nach Punkten aber, sei es beim Boxen, sei es beim Ringkampf, ist es nicht.
Ein weiterer Vorteil des Jiu-jitsu ist nun der, daß ein Resultat fast immer
eintreten muß; ist dies aber nicht der Fall, so ist der Beweis dafür erbracht,
daß sich die Gegner gleichwertig sind, da mit allen Mitteln gekämpft worden
ist.
Das
Jiu-jitsu vereint die Vorzüge des freien Ringkampfes mit denen des englischen
und französischen Boxens. Es ist darauf eingerichtet, Blößen des Gegners
planmäßig auszunutzen; unzusammenhängende Griffe oder Stöße gibt es nicht. Ein
Stoß bereitet den Weg zu einem Griff vor, oder umgekehrt wird der Schlag mit
der Hand oder dem Fuß nur dann ausgeführt, wenn der Gegner in die Unmöglichkeit
versetzt worden ist, sich zu rühren. Es ist also die einzig logische und
vollständige Verteidigungsmethode, da sie alle Mittel ausnützt, die uns unser
Körper zur Verfügung stellt.
Vom
praktischen Standpunkt aus verhalten sich die verschiedenen Kampfmethoden
zueinander folgendermaßen: von zwei Boxern, die im Gebrauch der Hände gleich
gewandt sind, wird der einen Vorteil haben, der sich außerdem noch der Füße
bedient; hat dieser wiederum mit einem Ringkämpfer zu tun, der nur ringen kann,
während er selbst aber auch etwas vom Ringen versteht, so wird er natürlich der
unzweifelhafte Sieger dieses ungleichen Kampfes sein. Das Jiu-jitsu hat mit jeder
dieser drei Methoden etwas gemeinsam, ohne aber etwas von ihnen entliehen zu
haben, denn es bildet ein System für sich, ist also kein Flickwerk, was ja zur
Genüge aus seinem 300jährigen Bestehen hervorgeht, während der Ringkampf und
das Boxen, wenigstens in ihrer heutigen Gestalt, weit jüngeren Datums ist.
Mit
dem englischen Boxen hat das Jiu-jitsu, was die Ausführung der Stöße anlangt,
nicht viel gemeinsam., die Körperteile aber, nach denen gezielt wird, sind die
gleichen. Die Stellung des Boxers ist eine einseitige; er richtet sein linkes
Bein stets nach vorn und trachtet bei jedem Stoß, sein Körpergewicht möglichst
zur Geltung kommen zu lassen, was aber den Nachteil hat, daß man aus dem
Gleichgewicht geraten kann. Bei dicker Kleidung haben Stöße gegen den Körper
keine große Wirkung. Es bleibt also nur der Kopf, der ja seiner geringen Fläche
wegen ein ziemlich unsicheres Ziel ist. Gerät der Boxer ganz dicht an jemanden
heran, so ist er im Gebrauch seiner Hände sehr behindert. Außerdem kann er
gegen einen Stock oder ein Messer gewöhnlich nicht aufkommen, wie überhaupt
gegen zahlreiche andere Angriffe, besonders die von hinten, und wenn er am
Boden liegt (Kampftaktisches Verhalten vergessen). Daraus geht hervor, daß das
Boxen mehr zum Angreifen als zur Verteidigung paßt, denn es ist fast unmöglich, in einem Boxkampf zu siegen,
ohne selbst eine Verletzung erhalten zu haben (Anm.: Vary war Boxer). Einseitig und unvollständig ist
das Boxen in der Verteidigung, dagegen aber ein schnelles und einfaches Mittel
zum Angriff. Die Stellung beim Jiu-jitsu ist eine beliebige; beide Körperseiten
arbeiten gleichmäßig. Die Schläge werden ohne Mitbenützung des Körpergewichts geführt,
sind immer kurz und erfolgen mit der Außenkante der geöffneten Hand (warum
immer diese Beschränkung; scheint noch von Hancock herzurühren). Diese Schläge
müssen wie ein Gummiball zurückfedern, was die Wirkung des Schlages verdoppelt,
um das hier fehlende Körpergewicht zu ersetzen.
Ein
solcher Handkantenschlag ist kürzer, „trockener“, wie der technische Ausdruck
lautet, als ein Faustschlag und schmerzhafter. Das erscheint völlig
unglaublich, ist aber nicht nur praktisch erwiesen, sondern auch theoretisch
ganz logisch. Je geringer nämlich die Berührungsflächen zweier sich treffender
Körper sind, desto heftiger ist die Wirkung. Als Beweis dient uns das Beil. Mit
dem dünnen, scharfen Ende kann man den stärksten Baumstamm fällen, mit dem
dickeren und schwereren oberen Ende kann man aber nichts ausrichten. Die
geballte Faust ist je nach der auftreffenden Seite 3 – 6 mal so dick als die
Außenkante der geöffneten Hand; die Folge davon ist: sie trifft nicht nur die
Stelle, die sie treffen soll, sondern verteilt sich auch auf die umliegenden
Teile. Der Boxer zielt z.B. auf die Nasenwurzel und trifft sie auch, der eine
Teil der Faust aber wird auf dem Nasenbein ruhen, während der andere sich auf
die Stirn stützt. Dadurch wird der ganze Schlag abgeschwächt. Ein Handkantenschlag
gegen die Nasenwurzel jedoch oder den Adamsapfel, wohin die Faust gar nicht
gelangen kann, würde gerade das treffen, was er soll, und bei der
Empfindlichkeit der erwähnten Stellen ist die Wirkung eine sehr große. Die
Handkante übertrifft also die Faust an Wirkung, was Gesichtsteile, Knochen und
Nerven anbetrifft. Außerdem bildet der Arm mit der geöffneten Hand eine längere
Linie als mit der geschlossenen, und man kommt beim Schlagen weder aus dem
Gleichgewicht, noch gibt man sich Blößen. Es soll nicht behauptet werden, daß
ein Handkantenschlag besser als ein Faustschlag sei, ebenso wie ein Gewehr
nicht besser als eine Kanone ist; es kommt eben auf die jeweiligen Umstände an.
Deshalb gebrauchen die Japaner noch mehr, nämlich die Fußtritte.
Ähnlich
dem französischen Boxen enthält das Jiu-jitsu gewisse Tritte, die entweder zum
Zurückstoßen des Gegners oder zum Treffen eines empfindlichen Knochens, z.B.
des Schienbeins, dienen. Da man höchstens bis zum Magen stößt, bleibt das
Gleichgewicht ein relativ gutes, während das französische Boxen große Anforderungen
in dieser Hinsicht stellt. Bei gewissen Tritten muß man springen, sich auf den
Hacken drehen, Kopf, Arme und Oberkörper nach hinten werfen, besonders bei
hohen Tritten; es ist also eine gewiß vorzügliche Gymnastik, für den Ernstfall
aber ist man darin unbrauchbar. Außerdem sind manche Tritte nicht „trocken“
genug und etwas kompliziert, was beim Jiu-jitsu nicht der Fall ist, wo übrigens
manche Stöße mit dem Innenrand der Sohle noch dazu dienen, den Gegner zu Fall
zu bringen, also zweifache Natur sind.
Mit
dem Ringkampf hat schließlich das Jiu-jitsu wohl noch das meiste gemeinsam. Im
Gegensatz zu ersterem vermeidet man es aber, rohe Kraft anzuwenden, um den
Gegner zu Fall zu bringen; man benützt dessen eigene Kraft dazu. Da dies nicht
sehr verständlich erscheint, will ich mich erklären. Der Jiu-jitsu-Mann wird
sich niemals seinem sich ihm entgegenstemmenden Gegner widersetzen; er wird
nicht nur sofort nachgeben, sondern den Gegner sogar mit nach hinten reißen,
wodurch er nur dessen Bewegung fortsetzt, um ihn unerwarteterweise aus dem
Gleichgewicht zu bringen und zu werfen. Ebensowenig wird er den Gegner mit der
Armkraft allein von der Stelle zerren; er wird ihn mit seinem ganzen
Körpergewicht, das er nach hinten verlegt, zwingen, einige Schritte nach vorne
zu machen, wird also mit seinem „toten Gewicht“ arbeiten. Letzteres spielt
überhaupt in der Verteidigung eine große Rolle. Die Muskeln werden selten
angespannt, um einen Widerstand zu leisten. Wenn man von einem Stärkeren gefaßt
wird, muß man den ganzen Körper schlapp lassen, was die Ausführung eines Griffes
oft ganz unmöglich macht. Nichts ermüdet mehr als ein widerstandsloser Körper.
Es ist
bekannt, daß es großer Anstrengung bedarf, um eine besinnungslose Person,
selbst ein Kind, aufzuheben oder fortzutragen, während man einen unerzogenen,
kräftigen Knaben trotz Zappeln und Sträubens
leichter auf den Arm nehmen kann. Kraftgriffe werden fast nie versucht;
sie laufen dem Prinzip der ganzen Methode entgegen, wenn aber eine gewisse
Kraft angewendet werden muß, um den Gegner hochzuheben, benutzt man die Hüfte,
die bekanntlich große Lasten auszuhalten vermag, oder man kombiniert den Griff
mit dem Anfassen eines Beines, was das Hochheben jedes lebenden Wesens
erleichtert.
Beinstellen,
Würgegriffe, Arm- und Beinverdrehungen sind in den freien Ringkampfarten bekannt
und erfordern keine besondere Kraft, sondern nur Geschicklichkeit und
Schnelligkeit, weshalb sie den Hauptbestandteil des Jiu-jitsu bilden. Letzteres
vereint also sämtliche Vorzüge des Ringkampfs, des englischen und französischen
Boxens, (alles wäre in Ordnung, wenn dem so wäre) ist also unbestreitbar das
vollständigste und sicherste System der Selbstverteidigung sowohl als des
Angriffs.
Das
Jiu-jitsu baut sich auf vercshiedene Prinzipien auf, deren hauptsächlichstes
zugleich eine Art Erklärung der ganzen Methode ist, nämlich: Nachgeben, um zu
siegen; sich momentan vor dem Stärkeren beugen, eine abwartende Stellung
einnehmen, seine Kräfte schonen, um plötzlich mit aller Schnelligkeit einen
Griff auszuführen, der den Kampf siegreich beendet. Wie wir im vorigen
Abschnitt sahen, ist das Jiu-jitsu im Gegensatz zu sämtlichen anderen
Kampfarten die einzig konventionsfreie, d.h. von keinen einschränkenden Regeln
begleitete Methode. Die Japaner haben ihr System nach dem Raubtiere gebildet,
denen sie sehr viel abgelauscht haben, um es dem menschlichen Körperbau
anzupassen. Der Löwe, Tiger, Jaguar und die ihnen stammverwandten gewöhnlichen
Katzen haben einen sehr feinen Instinkt dafür, welche Stellen die
empfindlichsten und gefährlichsten sind. Der Tiger springt auf seine Beute,
indem er ihr seine Krallen in die Schlagadern bohrt oder diese mit den Zähnen
durchbeißt. Der wildgewordene Kater springt dem Angreifer in die Augen. Wer hat
nicht schon eine Balgerei zwischen zwei Katzen gesehen? Die Raubtiere kämpfen
ebenso. Das schwächere von beiden Tieren legt sich auf den Rücken, um den
Angriff abzuwarten. Die Rückenlage ist die einzig ernsthafte und praktische für
einen ungleichen Kampf, denn sie ist natürlich, und das eventuelle Mehr an
Körpergewicht eines der Kämpfenden kommt dabei nicht in Betracht. Der unten
liegende hat die freie Verfügung über seine Pfoten und Krallen beziehungsweise
Hände und Füße, während der im Stand Angreifende nur die Hände frei hat, da ihn
die Füße tragen müssen. Wenn der Schwächere also freiwillig zu Boden geht und
sich auf den Rücken legt (was mit Nachgeben gleichbedeutend ist), so hat er den
weiteren Vorteil, alle Bewegungen seines um ihn herum laufenden Gegners
beobachten zu können, und kann ihn bei etwaiger Annäherung empfindlich in den
Unterleib oder gegen das Schienbein traten oder durch irgendeinen Trick
niederwerfen, um seinerseits die Rolle des Angreifenden zu übernehmen.
Ein
weiteres wichtiges Prinzip ist das anatomische. Wir besitzen am Körper gewisse
Stellen, die beim bloßen Anfassen oder Kneifen schmerzen. Es sind dies ziemlich
offenliegende Nerven, die durch keine große Haut- oder Fettschicht geschützt
sind und die zu finden nicht sehr schwer ist. Wer kennt nicht aus eigener
Erfahrung das unangenehme Gefühl, das man hat, wenn man sich mit dem Ellenbogen
an einer scharfen Kante stößt; ein Brennen und Zucken geht bis in die
Fingerspitzen, und der ganze Arm ist einen Augenblick wie gelähmt. Solche
Stellen sind nicht selten; es genügt, sie richtig anzufassen, um durch das
verursachte unangenehme Gefühl den Gegner zu zwingen, einen für ihn günstigen
Griff loszulassen. Das Kitzeln, das viele nicht vertragen können, gehört auch
dazu.
Das
Würgen ist ebenfalls ein Schmerz, der zwar mit dem Loslassen des Griffes bald
verschwindet, jedoch durch Abschneiden der Luftuzufuhr den Menschen der
Besinnung berauben und sogar den Tod zur Folge haben kann. Zum kunstgerechten
Würgen gehört absolut keine Kraft.
Das
Betäuben des Gegners durch Stöße mit der Hand, dem Fuß oder dem Kopf ist mit
der Betäubung durch starkes Hinwerfen ungefähr gleichzustellen. Beide sind
vorübergehend.
Die
letzte Art schließlich, um Schmerz hervorzurufen, und die gefährlichste ist die
Verdrehung der Gliedmaßen, indem man sie in eine widernatürliche Lage bringt,
und das Brechen der Knochen. Dazu gehört neben Schnelligkeit ein gewisses Maß
an Kraft, und da hat das Jiu-jitsu vorsorglich gehandelt und diese durch etwas
sehr Sinnreiches ersetzt (nicht ersetzt, sondern erweitert), nämlich durch das
Hebelprinzip. Es ist bekannt, daß man einen schweren Steinblock nur dann von
der Stelle rühren kann, wenn man einen Eisenstab darunterzwängt, mittels dieses
Hebels kann man den Block ziemlich leicht hochheben und fortwälzen. Der im
Jiu-jitsu angewandte Hebel, „Schlüssel“ genannt, dient dazu, Arme oder Füße
selbst herkulischen Baues zu brechen oder an ihnen ein unausstehliches
Schmerzgefühl, das sich bis zur Ohnmacht steigern kann, hervorzurufen. Hierzu
gehören die „Polizeigriffe“, mit denen man einen sich wehrenden Menschen
festhalten und ihn zwingen kann, sich abführen zu lassen. JE mehr sich eine o
gefaßte Person sträubt, einen desto heftigeren Schmerz verursacht sie sich
selbst.
Die
Hauptprinzipien des Jiu-jitsu sind also: Nachgeben, Schmerz verursachen, gegen
den sich jede Kraft unnütz abmüht, und Anwendung der Hebel oder Schlüssel. Sie
können noch mit dem Ausdruck „Prinzip der äußersten Kraftersparnis“[1] bezeichnet werden, denn darauf zielen sie insgesamt
hin.
Die
Hauptbedingungen bei der Ausführung eines jeden Tricks sind die Schnelligkeit
und die damit Hand in Hand gehende Geschmeidigkeit. Man muß vor allen Dingen
lernen, schnell zu fallen und aufzustehen und beim Erspähen einer Blöße
blitzschnell und ohne Zögern zum Angriff überzugehen.
Vom
moralischen Standpunkt aus gehört dazu große Ruhe, und diese kommt von allein,
wenn man seiner Sache sicher ist, d.h. seine Griffe vollkommen beherrscht. Die
Japaner werden von ihrer frühesten Jugend an zur Ruhe erzogen. Diese Erziehung
heißt „Bushido“ und ersetzt den in anderen Ländern üblichen
Religionsunterricht. „Bushido“ ist eine Art Katechismus, der aber nur das
Praktische im Auge hat, und ist die denkbar beste Schulung der menschlichen
Triebe. Das „Bushido“ lehrt, daß man sich weder durch Ärger und Wut noch durch
Schmerzen beeinflussen oder verblüffen lassen darf, denn jede Aufregung ist ein
unnützer Wärmeverbrauch und verringert die Kaltblütigkeit. Nur feige Menschen
oder solche, die an körperliche Übung nicht gewöhnt sind, vermeinen eine
größere Kraft in sich zu spüren, wenn sie in Wut geraten. Manche trinken sich
sogar Mut an. Die Wut ist aber eine vorübergehende Erscheinung , und ein ruhig
bleibender Mensch wird einem wütend gewordenen moralisch und physisch stets
überlegen sein. Da das Jiu-jitsu im Grunde eine Verteidigungsmethode gegen
plötzliche Angriffe seitens eines Stärkeren ist, so muß jeder, der diesen Sport
ausübt, in einen Kampf sich mit der Voraussetzung einlassen, daß es ihm ein
leichtes sein wird zu siegen.[2]
Kein
Meister ist vom Himmel gefallen, besonders im Jiu-jitsu nicht, das bei seiner
richtigen Erlernung die größten Anforderungen an den Ausübenden stellt. Da es
dem Ernstfall möglichst nahe kommen soll, ist es nötig, die Ähnlichkeit auch in
bezug auf die Kleidung zu wahren. Boxer und Ringer kämpfen fast nackt, ihre
Alltagskleider würden ihnen sehr hinderlich sein. Daran kehrt sich aber das
Jiu-jitsu nicht, denn es verlangt zu seiner Ausübung mindestens eine Jacke,
denn man läuft, wie die Japaner ganz richtig meinen, auf der Straße nicht nackt
herum[3]. Im Ringkampf kommt es nur zu oft vor, daß ein Gegner der
Niederlage nur deshalb entgeht, weil sein Schweiß jeden sicheren Griff
verhindert. Der Boxer wiederum kann auf einem nackten Oberkörper die
empfindlichen Stellen, wie Herz- und Magengegend, besser finden und mit der
bloßen Faust riskiert er es, auf der Straße sich an einem Mantel- oder
Jackenknopf zu verletzen. Die zum Jiu-jitsu notwendige Jacke, wie sie auf den
Illustrationen zu sehen ist, soll die gewöhnliche Straßenjacke ersetzen, die
bei den Anstrengungen bald reißen würde. Sie wird aus sehr starker Leinwand, am
besten Sack- oder Segeltuch, hergestellt, besitzt breite, bis an die Ellbogen
gehende Ärmel (der Bequemlichkeit halber) und anstatt der Knöpfe, die bald
abfallen würden, ist der Gürtel da, der um die Lenden geht und das Ganze festhält.
Trikot- oder Kniehosen vervollständigen die Bekleidung. Schuhe werden nicht
gebraucht, da viele Beintricks sonst zu schmerzhaft sein würden. Selbst Strümpfe
soll man nicht tragen, da ohne sie die Fußnerven besser gekräftigt werden. Diese
kleinen Vorsichtsmaßregeln haben übrigens nur für freundschaftliche Kämpfe
Geltung, denn man unterscheidet zwei Arten des Jiu-jitsu. Die erste ist die
erwähnte freundschaftliche, gefahrlose, die hauptsächlich zur Muskelstählung
angewandt wird, wobei oben beschrieben Bekleidung getragen wird. Sie ähnelt
sehr dem freien Ringkampf, da sie einige Regeln enthält, die auf gegenseitigem
Einvernehmen beruhen. Schläge mit dem Fuß, Kopf, Ellbogen oder der Hand werden
gewöhnlich ausgelassen, ebenso natürlich die gefährlicheren, z.B. Augenstechen[4]. Man versucht den Gegner durch Beinstellen oder andere
Tricks zu werfen, Schlüssel anzubringen, Würgegriffe anzusetzen usw. Eine
Gefahr ist fast ausgeschlossen, denn jeder Griff wird langsam ausgeführt und
nur allmählich verstärkt, bis der so Gegriffene Schmerz fühlt und das Zeichen
zum Aufhören des Kampfes gibt. Jeder kann es vertragen, sich den Arm verdrehen
zu lassen, nur ruckartig und allzu schnell darf es nicht geschehen. In den
japanischen Schulen ist eine noch mildere Art des Jiu-jitsu eingeführt. Sie
besteht fast nur aus dem Hinwerfen des Gegners und Festhalten am Boden (wieder
ein Hinweis auf Kano, bzw. Judo).
Die
andere Art des Jiu-jitsu ist die ernste, die lediglich zur Selbstverteidigung
oder auch in Wettkämpfen zwischen Jiu-jitsu-Meistern zur Anwendung gelangt.
Diese ernste Art ist dieselbe wie die andere, was die Mehrzahl der Griffe
anbetrifft; sie werden nur rascher und rücksichtsloser ausgeführt, denn auf
einen Bruch kommt es hierbei nicht an, ja, dieser wird sogar vielleicht
beabsichtigt. Fußtritte oder Kniestöße in den Unterleib, Ausrenken der Kiefer,
Brechen der Finger, scharfe Handkantenschläge sind einige Beispiele davon, was
man tun kann, wenn man sein Leben schützen muß[5]. Diese gefährlichen Griffe und Schläge müssen auch geübt
werden[6]; sie werden entweder nur markiert oder wie die Fußtritte
und Handkantenschläge leicht ausgeführt.
Wer
ist als Sieger in einem Jiu-jitsu-Kampf zu betrachten? Nach Punkten kann nicht
gewertet werden wie beim Boxen oder Ringkampf. Wenn ein Gegner besinnungslos
wird, ist die Frage natürlich erledigt, sonst aber bleibt es jedem der
Kämpfenden überlassen, den Sieger selbst zu bestimmen[7]. Das ist nämlich sehr einfach. Der Schwächere kann sich
entweder vom Kampf zurückziehen oder, wenn er einsieht, daß er sich aus einem
Griff nicht mehr befreien kann und der Schmerz zu groß wird, von selbst das
Zeichen der Ergebung durch Klopfen mit der Hand oder dem Fuß auf den Boden
geben oder auch auf seinem Gegner, je nach den Umständen, worauf ihn dieser
sofort loslassen muß. Würde der Unterliegende noch weiter widerstehen wollen,
so hätte er sich die Folgen selbst zuzuschreiben, denn der andere kann
unmöglich wissen, wie weit er gehen darf; es gibt gelenkige Menschen, die ganz
unglaubliche Verrenkungen schmerzlos ertragen, während kräftige Leute mit
steifen Gliedern nichts vertragen können. Warum man nicht ruft, sondern klopft,
wenn man sich also besiegt erklärt, geschieht deshalb, weil man oft nicht in
der Lage ist, dies zu tun, z.B. wenn einem die Kehle zugeschnürt ist. Das
Zeichen des Aufgebens ist ein zweimaliges schnelles Klopfen, mit der Hand
gewöhnlich, sind die Hände nicht frei, mit dem Fuß. Man kann natürlich auch
Halt! Rufen. Jedenfalls gibt es keine Mißverständnisse oder Reklamationen gegen
parteiische Schiedsrichter. Ein solcher kann fungieren (bei einem Wettkampf
zwischen zwei Meistern hat jeder Kämpfer zwei Zeugen wie in einem Duell); er
hat lediglich die Aufgabe, darauf zu achten, das die durch gegenseitiges
Einvernehmen ausgeschalteten Griffe, z.B. Brechen der Finger, nicht ausgeführt
werden[8]. Es ist also ein großer Irrtum anzunehmen, daß das
Jiu-jitsu so gefährlich ist, daß ein ein gegenseitiges Üben darin nicht gedacht
werden kann. Das Boxen mit ganz dick gepolsterten Handschuhen unter Vermeidung
harter Schläge ist eine gute Übung; ein Wettkampf zwischen Professionalboxern
kann leicht Knochenbrüche oder gar den Tod zur Folge haben. Dort wie im
Jiu-jitsu kommt es also hauptsächlich auf die Art der Ausführung und die
Umstände an.
(Text
weggelassen. Andreas.)
(Text
weggelassen. Andreas.)

Abb.
1. Fallen und Rollen vorwärts (Bewegung 1)

Abb.
2. Fallen und Rollen vorwärts (Bewegung 2)

Abb.
3. Fallen und Rollen rückwärts (Bewegung 1)

Abb.
4. Fallen und Rollen rückwärts (Bewegung 2)
Die
Angriffs- und Abwehrbewegungen im Jiu-jitsu sind so überaus mannigfaltig, daß
hier nur die wichtigsten Griffe, Schläge und Stöße beschrieben und im Bild
dargestellt werden können. Hat sich der junge Sportsmann jedoch diese
wichtigsten Bewegungen angeeignet, so hat er sich die Brücke zu der höheren
Kunst im Jiu-jitsu geschlagen, die letzten Endes nur durch die Praxis erlangt
werden kann.