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• Dschiu-Dschitsu. Die Quelle japanischer Kraft • Dschiu-Dschitsu. Die Quelle japanischer Kraft Methodische Körperstählung und Athletische Kunstgriffe der Japaner
von
H.
Irving Hancock
Autorisierte Übersetzung von Max Pannwitz
Mit den 51 Tafeln Julius Hoffmann Verlag, Stuttgart 1906 Druck der Stuttgarter Spezial-Werkdruckerei mit Setzmaschinenbetrieb (Fritz Holzinger)
Bereitgestellt von Andreas Quast, 2003
Erster
Teil: Methodische Körperstählung
Erstes
Kapitel: Dschiu-Dschitsu einst und jetzt, sowie seine Hauptgrundsätze.
Drittes Kapitel:
Übungen zur Stärkung des Herzens und der Lungen. Mittel zur Stärkung der Arme.
Viertes
Kapitel: Übungen zur Ausbildung der Beine. Damit verbundene Kräftigung der
Arme.
Fünftes
Kapitel: Gleichmut ein notwendiges Erfordernis bei athletischen Übungen.
Sechstes
Kapitel: Wasser das beste natürliche Heilmittel.
Siebentes
Kapitel: Frische Luft als Lebenselement; Reizmittel und Narkotika.
Achtes
Kapitel: Übermäßige Magerkeit und Dicke. Ihre Heilung.
Neuntes
Kapitel: Die ersten Kunstgriffe im Angriff und die der Verteidigung.
Zehntes
Kapitel: Athletische Kunstgriffe für Fortgeschrittene.
Zwölftes
Kapitel: Abschließender Rückblick auf den bisher zurückgelegten
Vorbereitungskursus
Zweiter
Teil: Athletische Kunstgriffe
Drittes
Kapitel: Beintricks verschiedener Art und Paraden dagegen.
Vorwort von Max Pannwitz
Ohne anzuklopfen ist Japan in den Rat der
abendländischen Mächte eingetreten und hat als gleichberechtigt unter ihnen
Platz genommen. Überrascht sehen wir, dass sich unsere Kultur nicht mehr als
die einzige, die unvergleichliche, die unwiderstehliche rühmen kann; im
scheinbar erstarrten Orient sind aus neuen, ganz anderen, fast noch unbekannten
Quellen stammend, geistige Kräfte wirksam geworden, wie sie das Abendland nicht
gewaltiger erzeugt hat. Vielleicht wird diese „neueste Welt“ noch in ganz
anderer Weise eine Revision, eine Umwertung unserer Anschauungen veranlassen,
als es die neue Welt auf der westlichen Halbkugel getan hat, bei der es sich
nur um Verpflanzung alter Wurzeln in jungfräulichen Boden handelte. Auf alle
Fälle gilt es nun, das Neue, das uns Japan bietet, kennen zu lernen, zu prüfen,
zu vergleichen. Damit werden auch die Völker des Westens am besten in den Stand
gesetzt werden, „ihre heiligsten Güter zu verteidigen“. Zu dem beachtenswerten Neuen gehört zweifellos die
Lehre des Dschiu-Dschitsu, von Lafcadio Hearn, dem verständnisvollen Schilderer
Japans, „das Geheimnis japanischen Wesens“ genannt. Sicher steckt in der
methodischen Körperstählung und in der Athletik, die man unter jenem Namen
zusammenfaßt, ein gut Stück von der Eigenart der Japaner. Denn soviel steht
fest, mag nun diese Wissenschaft von ihrem Anfang an in Japan erwachsen, mag
sie, wie andere Forscher behaupten, vor etwa 300 Jahren von China nach Japan
eingeführt worden sein, in ihrer uns jetzt vorliegenden, in den letzten drei
Jahrhunderten ausgebildeten Form ist sie ein echt japanisches Produkt, ein
Träger echt japanischen Geistes. Darum nimmt auch Dschiu-Dschitsu den athletischen
und gymnastischen Betätigungen des Abendlandes gegenüber eine völlige Sonderstellung
ein. Weder dem Ringen, noch dem Boxen, dem Fechten oder Turnen gleich, hat es
von jedem etwas. Im Enderfolg aber ist es allen diesen Leibeskünsten überlegen:
Es bildet alle Körperteile gleichmäßig aus; es entwickelt nicht nur rohe
physische Kraft, sondern ebenso, wo nicht mehr, Gewandtheit und Gelenkigkeit;
es erzieht ferner im höchsten Grade zur Geistesgegenwart und zur Fähigkeit,
alle Schwächen des Gegners auszunutzen, ja, ihn geradezu vermittels seiner
eigenen Kraft zu besiegen; es lehrt schließlich eine Reihe der überraschendsten
und wirkungsvollsten, sonst nirgends zu findenden Kampfmittel und Kunstgriffe.
Eigen ist überdies dem Dschiu-Dschitsu der hohe Grad von Selbstbeherrschung,
den es von seinem Anhänger heischt und den es ihm immer wieder anerzieht, sowie
die den höchsten hygienischen Anforderungen entsprechende Lebensweise, die es
vorschreibt. Auch dadurch unterscheidet sich Dschiu-Dschitsu von
den meißten athletischen Künsten, daß es nicht Selbstzweck ist, sondern neben
der physischen Vervollkommnung des einzelnen ausdrücklich das praktische Ziel
verfolgt, für den Ernstfall vorzubereiten. Aus diesem Grunde muß auch in Japan
jeder Soldat – nicht nur die Offiziere – und jeder Polizist einen Kursus in
Dschiu-Dschitsu durchmachen. In neuester Zeit hat Dschiu-Dschitsu auch in
anderen Ländern, insbesondere in England und Amerika, Eingang und Anerkennung gefunden.
Zahlreiche Schulen des Dschiu-Dschitsu haben sich in beiden Ländern aufgetan.
Den Londoner Polizisten ist neuerdings insgesamt ein gründlicher Kursus
vorgeschrieben, und die amerikanischen Kadetten des Heeres wie der Marine sollen
sogar, um sich mit Dschiu-Dschitsu völlig vertraut machen zu können, hinfort
statt eines, vier Jahre auf ihre gymnastische Ausbildung verwenden. So scheint es nicht unzeitgemäß, auch in
Deutschland, dem Vaterland des Turnens, wo in neuerer Zeit Leibesübungen und
athletische Betätigung so geflissentlich gepflegt werden und in so erfreulichem
Maße – freilich noch lange nicht genügend – Anklang gefunden haben, Dschiu-Dschitsu
bekannt zu machen, und unsern Athleten, Turnern und allen, denen die
körperliche Entwicklung des deutschen Volkes am Herzen liegt, zur Prüfung
vorzulegen. Das vorliegende Buch
enthält die Übersetzung zweier englischer Werke,[1] deren Verfasser, Irving Hancock, sich mit der
Kunst des Dschiu-Dschitsu gründlich vertraut gemacht hat. Bei dreimaligem
Aufenthalt in Japan ist er in Nagasaki bei einem der berühmtesten japanischen
Lehrer dieser Kunst, Inuje San, in die Schule gegangen, und hat sich später in
Yokohama und Tokio unter anderen einheimischen Lehrern weiter in
Dschiu-Dschitsu vervollkommnet. Als dann Inuje San eine Reise nach den
Vereinigten Staaten unternahm, konnte Hancock noch einmal den Unterricht dieses
Veteranen des Dschiu-Dschitsu genießen. Zur Zeit werden in Japan sechs Systeme des
Dschiu-Dschitsu gelehrt, der Verfasser ist aber in seiner Darstellung in der
Hauptsache Inuje San gefolgt und hat nur weniges, das ihm besonders wertvoll
schien, von den anderen Schulen dazu entlehnt. Indem Verleger und Übersetzer diese deutsche
Ausgabe hinausgehen lassen, in der Hoffnung, damit vielen Freunden stählender
Leibesübungen und insbesondere dem heranwachsenden Geschlechte neue Anregung zu
geben, fühlen sie sich gedrungen, noch einmal auf zwei Punkte hinzuweisen. Dschiu-Dschitsu war und ist auf den Ernstfall im Frieden und im Krieg –
Verbrechern und Feinden gegenüber – berechnet, weshalb es eine Reihe von Hieben
und Kunstgriffen kennt und lehrt, die für Leib und Leben gefährlich sein
können. Dschiu-Dschitsu verlangt von seinen Anhängern einen hohen Grad an
Selbstbeherrschung und Gleichmut. Aus beidem ergibt sich, daß man nur mit einem
Kameraden an die Übungen gehen soll, von dem man sicher sein kann, daß er im
japanischen Geiste, das heißt leidenschaftslos, mit Gleichmut, Besonnenheit und
Wohlwollen verfährt. Dann wird sich auch für uns Hancocks Wort bewahrheiten
können Dschiu-Dschitsu habe die Japaner zum stärksten, ausdauerndsten und glücklichsten
Volke gemacht.
Stuttgart. Der Übersetzer
Erster Teil: Methodische Körperstählung
Erstes Kapitel: Dschiu-Dschitsu
einst und jetzt, sowie seine Hauptgrundsätze.
Es besteht heutzutage kein Mangel an Systemen für
die Körperstählung und die meißten sind vorzüglich. So scheint auf den ersten
Blick die Einführung eines neuen überflüssig. Hier aber handelt es sich um ein System, von dem
der Verfasser auf Grund seiner persönlichen Erfahrung überzeugt ist, daß es in
geradezu wunderbarer Weise und besser als alle anderen geeignet ist, einen
vollkommenen, gesunden Körper zu erzielen, einen Körper, der für kaukasische
Anschauungen schier unglaubliches zu leisten vermag. Sicher gibt es auf der
Erde keine ausdauerndere Rasse als die Japaner. Während der ganzen Dauer des
Feldzugs, den die Verbündeten 1900 in China führten, zeigten sich die japanischen
Soldaten den übrigen Kontingenten an Marschfähigkeit meist überlegen. Was befähigte denn aber die kleinen braunen Krieger
aus Dai Nippon,[2] ihre Kameraden trotz deren größeren Körperwuchses
und selbst die auserlesensten Regimenter der anderen Nationen so leicht zu
übertreffen? Die Japaner nennen ihr System der Körperstählung
Dschiu-Dschitsu, was wörtlich „Muskelbrechung“ bedeutet.[3] Daß dieser Ausdruck nicht ganz zutreffend ist,
wird sich weiter unten zeigen. Schon in den ältesten Zeiten, von denen die
japanische Überlieferung meldet und die noch halb in mythischem Dunkel liegen,
gab es auf dem Inselreiche einen niederen Adelsstand, dessen Angehörige lebhaft
an die Ritter des mittelalterlichen Europa erinnern. Diese sogenannten „Samurai“
bildeten den Kriegerstand, man kann sagen, die Kriegerkaste des japanischen
Reiches. Jedes Mitglied dieses Standes hatte das Vorrecht, zwei Schwerter zu tragen,
die seinen kostbarsten Besitz bildeten, während das Volk, „Heimin“ genannt,
keine anderen Waffen als Stöcke und Steine führen durfte. Naturgemäß war die so
stark bevorrechtete Kaste der Samurai ängstlich auf Wahrung der Standesehre bedacht.
Wer ihnen angehörte, Mann oder Frau, durfte zwar in eine Familie des höheren
Adels einheiraten, jede eheliche Verbindung mit sozial Tieferstehenden hatte
dagegen unbedingt die Ausstoßung aus der Kaste zur Folge. Die Samuraiwürde war erblich. Jeder Sohn eines
Samurai, der nicht durch eine unwürdige Handlung seines angeborenen Rechtes
verlustig ging, gehörte ohne weiteres dem japanischen Ritterstande an und
wandte sich dem Waffenhandwerk zu. Die verhältnismäßig wenigen Schwächlinge,
die hierzu etwa nicht im Stande waren, verloren zwar deshalb ihren Rang nicht,
mußten aber ledig bleiben. Im Felde trugen die Samurai außer ihrer Rüstung
nichts als ihre Schwerter. Das ganze Gepäck fiel den Gemeinen, die in ihrem
Gefolge auszogen, zur Last. Vom Kriegsdienst und der Übung im Kriegshandwerk
abgesehen galt dem Samurai jede körperliche Arbeit für schimpflich. Infolgedessen
verwandte er ein gut Teil seiner Muße auf athletische Übungen. Selbstverständlich stand in erster Reihe das
Schwertspiel, das heißt das kunstmäßige Kämpfen mit langen und kurzen Bambusschwertern.
Auch Laufen, Springen und Ringen spielten eine große Rolle bei den
Beschäftigungen der japanischen Ritter. Kann es uns wundern, daß diese
körperlichen Übungen im Freien bei einfacher, naturgemäßer Ernährung die
Samurai zu kräftigen, stahlharten Männern machten? Jedoch die körperlichen Fähigkeiten dieser kleinen
Ritter sollten sich noch weit anders und ganz überraschend entwickeln. Da
machte ein heller Kopf die bei den beständigen Leibesübungen nicht so abseits
liegende Entdeckung, daß man durch Druck des Daumens oder der Finger auf
gewisse Muskeln oder Nerven vorübergehende Lähmung bewirken könne. Daran schloß
sich die weitere Wahrnehmung, daß man einen Bambusstab zu zerbrechen vermöge,
wenn man ihn unter bestimmtem Winkel mit der gehärteten äußeren Kante der offenen
Hand treffe. Konnte man aber seine eigenen Nerven und Muskeln lähmen, warum
sollte man dies nicht auch bei anderen vermögen? War man imstande, durch einen
scharfen Schlag der Hand einen Stock zu zerbrechen, warum sollte man es dann
durch Übung nicht dahin bringen können, in gleicher Weise einem gefährlichen
Gegner den Arm zu zerschlagen? In dieser Idee wurzelt der Keim, aus dem sich
allmählich zu voller Blüte das Dschiu-Dschitsu entwickelte. Mit einiger Phantasie können wir uns unschwer
ausmalen, wie wohl der Begründer des Dschiu-Dschitsu seine erste Entdeckung
machte. Wahrscheinlich wurde er durch einen zufälligen Stoß gegen seinen
„Musikantenknochen“, das heißt die Ellenbogenspitze, auch mancherorts
„Mäuschen“ genannt, - was bekanntlich bei Rindern so häufig vorkommt – aufmerksam.
Vielleicht hat er sich, hierdurch angeregt, gefragt, ob es am Körper nicht
sonst noch ähnlich empfindliche Nerven und Muskeln gebe. Einen weiteren Schritt
auf der Entdeckerbahn bedeutete dann etwa die Wahrnehmung, daß man am Oberarm
sehr starke Schmerzen auslösen könne. Jeder wird ohne besondere Mühe nach
folgender Anweisung diese Wahrnehmung machen: Man wählt einen Punkt etwa halbwegs
zwischen Ellenbogen und Schulter, packt so zu, daß die Finger sich in die
Muskeln hinter der Mitte des Knochens eingraben, während sich die Spitze des
Daumens in die Muskeln vor dem Knochen drückt, und nun preßt man, ohne
irgendwie im Griff nachzulassen, Finger wie Daumen kräftig über die parallel
laufenden Muskeln und Nerven. Wer nur den Versuch machen will, wird leicht an
seinem eigenen Arme genau die Lage dieser Muskeln und Nerven bestimmen, und ein
bißchen Übung mit einem Freunde wird ihn sehr bald dahin bringen, daß er den
Arm des Gegners richtig greift und augenblicklich hilflos macht. (Tafel 3.) Dies ist der Ausgangspunkt, von dem aus man dann
weiter in die Geheimkniffe des Dschiu-Dschitsu eindringen kann. Wer darauf
ausgeht, wird bald an Armen und Beinen Punkte finden, wo man mit ähnlichen
Griffen dieselbe Wirkung hervorbringen kann. Eine ganze Reihe solcher Stellen
wird später Erwähnung finden. Hat der Dschiu-Dschitsu-Schüler die Sache erst
einmal ordentlich begriffen, so kann er sich bei einigem guten Willen in dieser
Richtung leicht selbst weiterbilden. Sowohl zum Zweck der Verteidigung wie zur
Vermehrung der Muskelkraft muß der Anfänger bei jeder Gelegenheit, die sich ihm
bietet, nach Körperstellen fahnden, die bei richtigem Griff heftigem Schmerz
oder gar der Lähmung unterworfen sind. Es ist ein Grundsatz des Dschiu-Dschitsu, daß ein
Schwächerer imstande sein soll, einen stärkeren Gegner anzugreifen und ihn gerade
mit Hilfe von dessen größerer Körperkraft zu besiegen. Bei Anwendung des
geschilderten Kunstgriffs am Oberarm findet man bald, daß, wenn der Arm gepackt
wurde, während die Muskeln schlaff waren, die Schmerzen zunehmen, sobald der
Verteidiger den Arm hebt und die Muskeln spannt. Wird man plötzlich angegriffen
und erkennt man, daß Widerstand nicht mehr möglich ist, so tut man daher besser,
sich sofort für besiegt zu erklären, um so stärkerem Schmerz zu entgehen. Nur bei wenigen japanischen Kunstgriffen hält der
Schmerz noch an, wenn die Gegner voneinander gelassen haben. Schädigende oder andauernden
Schmerz verursachende Griffe werden, sei es zur Verteidigung, sei es im
Angriff, nur angewendet, wenn ernstliche Gefahr vorliegt. Kann man sich da
wundern, daß die Japaner das Boxen für roh und seine eigene Methode für die
einzig ritterliche hält? In den letzten Jahren hat man oft darüber
gestritten, welchen Verteidigungswert Dschiu-Dschitsu im Vergleich mit der
englischen oder amerikanischen Boxerkunst besitze. Sehr wahrscheinlich würde
ein Japaner, der einem erprobten Faustkämpfer gegenüberträte, in den Sand gestreckt
werden – das heißt, wenn der kleine braune Mann Handschuhe anziehen und nach
den Regeln der Boxerkunst kämpfen müßte. Jedoch der Boxer würde noch viel
sicherer erliegen, müßte er den Zweikampf gemäß den Regeln des Dschiu-Dschitsu
ausfechten. Die Methode des Samurai paßt nicht zu dem Kampf mit geschlossenen,
bewehrten Fäusten, sie setzt eine unbekleidete, meist eine flache Hand voraus.
Forderte jedoch ein sechs Fuß langer Boxer (ca. 182 cm), angetan mit feinen
Handschuhen, einen Abkömmling der Samurai, der verschiedene Zoll kürzer geraten
und weit leichter wäre, zum Kampfe heraus, und jeder bediente sich seiner
eigenen Taktik, so wäre der Erfolg nicht zweifelhaft; vorausgesetzt, daß beide
in ihrer Art gleich geschickte Kämpfer sind, so wird der kleine Mongole als
Sieger hervorgehen. Ist der Armgriff richtig erfaßt und von dem
forschenden Schüler das Dschiu-Dschitsu auf alle Teile des Körpers übertragen,
so kann er einen weiteren bedeutenden Schritt vorwärts tun. Die ausgestreckten
Finger einer Hand werden gegeneinander gedrückt, während man den Daumen nach
Belieben reckt oder an den Zeigefinger legt. Hierauf schlägt man den äußeren,
den Kleinfinger-Rand der Hand gegen das Knie, wobei man darauf zu achten hat,
daß der kleine Finger mittut, so gut wie die eigentliche Handkante. Es ist von
Wichtigkeit, daß die Übung des kleinen Fingers nicht vernachlässigt wird, da
man sich sonst bei einem unrichtig geführten Schlage mit der Kante der Hand den
kleinen Finger brechen kann, wenn er an einem wuchtigen Hiebe teilnimmt. Diese, die Härtung der Hand bezweckende Übung läßt
sich jederzeit ausführen, und bei ihrer Wichtigkeit sollte man sie auch möglichst
viel praktizieren. Ob man mit der Handkante gegen eine hölzerne Stuhllehne, auf
einen Pultdeckel oder eine Tischplatte schlägt, bleibt sich für die Wirkung
gleich. Anfangs muß man möglichst leicht aufschlagen und nur im Laufe der
Wochen, ganz allmählich, größere Kraft dabei anwenden. Wird die Kante der Hand
lahm, so ist das ein sicheres Zeichen, daß die Schläge zu hart ausgeführt
werden. Eine hübsch gehärtete Hand darf man in weniger als
sechs Wochen nicht erwarten. Wer drei- oder viermal am Tage ein paar Minuten
hintereinander auf die Übungen verwendet, wird finden, daß er nach Verlauf
eines Jahres imstande ist, gleich den japanischen Schülern des Dschiu-Dschitsu,
einen Stock durch Schlag mit der Handkante zu zerbrechen. Nur wenige von den zur
Verteidigung dienenden Streichen lassen sich ordentlich ausführen, bevor die
Handkante mittels der obigen und anderer, in einem späteren Kapitel
beschriebener Übungen wirklich hart gemacht worden ist. In Japan muß jeder Soldat, Matrose und Polizist
einen staatlichen Kursus des Dschiu-Dschitsu durchmachen. Heute, wo Kampf und
Waffengebrauch nicht mehr ein Vorrecht der Samurai, der früheren Kriegerkaste,
sind und derartige Leibesübungen allen Untertanen des Mikado zugänglich sind,
steht jedem Strebsamen der Zutritt zur Kunst des Dschiu-Dschitsu offen – selbst
den Ausländern. Fälschlich verwechselt man außerhalb Japans oft
Dschiu-Dschitsu mit der japanischen Ringkunst. Das sind zwei ganz verschiedene
Dinge, die nur wenig Gemeinsames haben. Das erstere war, wie oben ausgeführt,
früher die Kunst des Ritterstandes, und die letztere ein Ersatz dafür, mit dem
sich das gemeine Volk begnügen mußte. Japanische Ringer beginnen ihre Laufbahn
im Alter von zwei oder drei Jahren. Die Knäblein, die ihrer Körperanlage nach besonders
geeignet dafür erscheinen, werden ausgewählt und einer derartigen „Züchtigung“
unterworfen, daß sie, zur Mannbarkeit herangereift, wahre Riesen geworden sind.
In der Regel mißt ein völlig ausgewachsener japanischer Ringer ein Meter 97
Zentimeter bis zwei Meter 12 Zentimeter, das heißt, er überragt das Durchschnittsmaß
seiner Landsleute etwa um dreißig Zentimeter. Ein sehr interessanter Beweis,
was bei rationeller Ausbildung für einen bestimmten Zweck erreicht werden kann.
(Tafel 2.) Als Dschiu-Dschitsu aus dem geheimnisvollen Dunkel,
in dem es die bevorrechtete Kaste erhalten hatte, hervortrat, wurden die Ringer
auf ihre Lorbeern eifersüchtig, sie, auf die ihre kleineren Landsleute halb mit
Schrecken und halb mit Bewunderung geblickt hatten. So fand vor einigen Jahren
in Tokio ein Wettkampf statt, dem die Einwohner mit größter Spannung folgten.
Ihren besten Mann hatten die Ringer in die Schranken entsandt, und die
Nachkommen der Samurai hatten ebenfalls einen würdigen Vertreter ihrer Kunst
gestellt, und zwar sollte jeder nach den Regeln seines Systems verfahren. Nach
Tausenden zählten die Zuschauer des eigenartigen Kampfes. Auf das verabredete
Zeichen stürzten beide aufeinander zu, und in fünfzehn Sekunden lag der Ringer
nach allen Regeln der Dschiu-Dschitsu-Kunst auf den Sand gestreckt und erklärte
sich für besiegt, obwohl er an Körpergröße seinen Gegner um mehr als dreißig
Zentimeter übertraf. Seit diesem denkwürdigen Tage ging es mit dem
Ansehen der altehrwürdigen Ringkunst in Japan bergab. Immer noch übt der Ringkämpfer
einige Anziehungskraft aus, aber er ist auf die Stufe eines Schaustellers
herabgesunken. Vor einigen Jahren kam ein Japaner nach den Vereinigten Staaten
und warf alle amerikanischen Ringkämpfer, die ihm entgegentraten, darunter Namen
von allerbestem Klange. Er galt für einen japanischen Ringer ersten Ranges,
während er in Wirklichkeit nichts anderes war, als der Diener eines japanischen
Ringers zweiten Ranges. Wäre statt seiner sein Herr aufgetreten, so würden die
amerikanischen Ringer noch ganz andere Augen gemacht haben. Aber in Japan gilt
es jetzt als ausgemacht, daß ein Meister des Dschiu-Dschitsu einem Ringer
ersten Ranges trotz dessen weit bedeutenderer Körpergröße und weit bedeutenderen
Gewichts körperlich überlegen ist.
Um einem Mißverständnis vorzubeugen, sei
hier ausdrücklich bemerkt, daß Dschiu-Dschitsu nicht etwa ausschließlich ein
System gymnastischer und athletischer Kniffe oder Kunstgriffe ist. Diese uralte
Wissenschaft umfaßt vielmehr daneben auch eine gründliche Kenntnis der
Anatomie, der rationellen Ernährung des Körpers, des Wertes der äußeren und
inneren Anwendung des Wassers wie der Luft und sonstiger Grundregeln einer naturgemäßen
Lebensweise – damit ist in drei Worten alles gesagt. Alle Körperkraft beruht auf richtiger Ernährung als
fester Grundlage, und in diesem wichtigen Punkte sind uns die Japaner noch weit
voraus. Den japanischen Soldaten, die auf dem Marsche nach Peking wohlgemut
fünfzehn Kilometer zurücklegten, wenn ihre abendländischen Kameraden nur zehn
hinter sich brachten, stand nicht entfernt soviel Proviant zu Gebote, wie ihren
Mitstreitern. Mäßig und einfach ist die Kost des Japaners.
Zweites Kapitel: Ein gesunder Magen bildet die Grundlage aller Körperkraft.
Sommer- und Winterkost der Japaner.
Wie die Samurai des alten Japan meinten, bildete den
ersten Schritt zum Aufbau eines kraftvollen Körpers die Wahl einer gesunden, vernünftigen
Kost. Darunter verstanden sie keine Kost, in der Fleisch und Gewürze eine große
Rolle spielten. Ungleich den Chinesen fragten die Japaner wenig nach Fleisch,
auch wenn sie es mühelos haben konnten. In der Tat erscheint Fleisch auch heute
noch selten auf dem Tisch des Japaners. Im Jahre 1899 ernannte der Mikado einen Ausschuß
zur Untersuchung der Frage, ob es ratsam sei, durch geeignete Maßregeln einen
höheren und gedrungeneren Körperwuchs seiner Untertanen zu erstreben. Die
Japaner sind, wie bekannt, merklich kleiner als ihre europäischen und
amerikanischen Brüder, und der Kaiser kam auf den Gedanken, seine Rasse durch Hebung
des Durchschnittsmaßes der Körperhöhe zu verbessern. Eine der Fragen, welche
seine Majestät dem Ausschusse vorlegte, ging dahin, ob wohl eine ausgedehntere
Fleischkost für die Körperbeschaffenheit der Japaner von Vorteil sein würde.
Nach langer und mühsamer Untersuchung kam die Kommission in ihrem Bericht zu
dem Schluß, daß die Steigerung des Durchschnittsmaßes und des Körpergewichts
keinen wirklichen Gewinn bedeuten würde. Mit Bezug auf die Fleischkost hieß es,
die Japaner seien alle Zeit ohne viel Fleischnahrung ausgekommen, und dabei
überträfen sie an Ausdauer und an athletischer Leistungsfähigkeit alle
kaukasischen Rassen. Der wesentlichste Bestandteil der japanischen Kost
ist Reis, der entweder durch Kochen oder Dämpfen zubereitet wird und, wie ihn
die japanische Hausfrau auf den Tisch bringt, in keiner Weise dem gekochten
Brei ähnelt, welcher manchmal auf die Tafel des Europäers oder Amerikaners
kommt. In Japan wird der Reis in weichem, dampfendem, schmackhaftem Zustande
aufgetragen, das heißt in der Regel auf den Boden gestellt und bedarf keiner weiteren
gewürzigen Zutat. Beim Kochen wird der Reis nicht umgerührt, beim Dämpfen geschieht
dies natürlich ebensowenig. In den letzten Jahren hat man den Versuch gemacht,
Weizenmehl in Japan einzuführen, aber es hat dem Reisgenuß kaum Abbruch getan.
Nach der Ansicht der Japaner ist der Reis wohlschmeckender, gesünder und
erzeugt mehr Körperkraft und Willensstärke. Tragen sie einmal Verlangen nach
etwas wie Brot oder Kuchen, so bereiten sie delikate Küchlein aus Reismehl. In einer oder der anderen Form findet sich Reis
eigentlich bei jeder japanischen Mahlzeit. Neuerdings hat auch die Kartoffel
ihren Weg nach Japan gefunden. Man trifft dieses für uns Abendländer fast
unentbehrlich gewordene Nahrungsmittel jetzt auf den Märkten aller großen
Städte Japans, aber wenn die Eingeborenen es überhaupt genießen, so geschieht
dies fast ausschließlich aus Neugierde. Weder durch Weizenmehl noch durch
Kartoffeln hat sich der Reis verdrängen lasse; er ist und bleibt der hauptsächlichste
Bestandteil der Nahrung im Lande des Sonnenaufgangs. Bei ihren erstaunlichen
Marschleistungen trugen die japanischen Truppen oft an Lebensmittel nichts bei
sich als einen kleinen Sack mit Reis. Gelegentlich werden auch ein wenig Gerste
und ein paar Bohnen mitgegeben, doch geschieht dies eigentlich nur, um etwas
Abwechslung in die Kost zu bringen. Eine handvoll Reis in kochendes Wasser
geworfen liefert eine ideale Nahrung – das heißt, sie erhält den Körper
leistungsfähig, ohne ihn zu reizen. Nähert sich ein Reisender der Küste Japans, so
fallen ihm so viele Fischer-Dschunken ins Auge, daß man sich nicht wundern
kann, wenn er zu dem Schlusse kommt, es müsse jede Familie im Reich mindestens
eines von diesen sonderbaren, aber so nützlichen Fahrzeugen besitzen. Es gibt
einfach keinen Punkt an der ganzen Küste, soweit sie überhaupt bewohnt ist, wo
man nicht eine Flotte solcher Dschunken sehen könnte. Ein um die Welt bummelnder
Naturforscher hat denn auch behauptet, die japanischen Gewässer enthielten
vierzigtausend verschiedene Fischarten, die mit Ausnahme von dreien sämtlich
eßbar seien. Er hat weiter erklärt, daß die Japaner vierzigtausend und etliche
Rezepte zur Zubereitung dieser Fische hätten. In der Tat finden sich auf dem
Erdenrund nirgends ergiebigere Fischgründe als rings um die Gestade Japans. Man
fängt die Fische in solcher Zahl und so mühelos, daß sie erklärlicherweise in
der Kost des Japaners eine wichtige Rolle spielen. Vielfach wird Fisch roh serviert, entweder ohne
jede Zubereitung oder in ganz schwacher Salzlake. Beim Kochen wird keinerlei
Würze außer Salz dazugetan. Selten findet man gebratenen Fisch, nur in
wohlhabenderen Familien kommt er mit zerlassener Butter auf die Tafel oder
vielmehr auf den Boden. Bei weitem die häufigste Art der Zubereitung ist die,
daß man den Fisch zuerst dörrt und dann mit etwas Salz kocht. Gedörrter Fisch
wird, gekocht oder ungekocht, auf Reis serviert. Eine Schale Reis und eine
handvoll Fisch gilt als reiches Mahl für den Kuli, der täglich zehn bis zwölf Stunden
hart arbeiten muß. Ferner sind Gemüse und Früchte in der japanischen
Kost stark vertreten. Nach der Wertschätzung der Japaner nehmen die Nahrungsmittel
folgende Rangordnung ein: zuallererst kommt Reis, sodann Gemüse, an dritter
Stelle ein guter Fisch und an vierter Obst. Mit Ausnahme der Kartoffeln
gedeihen in Japan fast alle europäischen und nordamerikanischen Gemüse. Grüner
Salat ist sehr beliebt, insbesondere zum Abendessen, weil man den grünen
Blättern einen höchst beruhigenden Einfluss auf die Nerven zuschreibt. Da
Nervenkrankheiten in Japan selten sind, so mag wohl etwas an dieser Behauptung
sein. Tomaten und Möhren werden sehr geschätzt, und obwohl die Japaner
zweifellos die gesittetsten Leute von der Welt sind, so wird es doch unter
ihnen wenige geben, die nicht in der Woche zwei oder drei Teller klein geschnittene
rohe Zwiebeln verzehren. Manche Eigenheiten der japanischen Küche würden einer
abendländischen Hausfrau sonderbar vorkommen. Während Zwiebeln niemals gekocht
werden – die Japaner behaupten, die Hitze zerstöre ihren Nährwert – kocht man
die Gurken und trägt sie in heißem Zustand auf. Rettige werden ebenfalls gekocht
und in einer schwach gewürzten Brühe aufgetragen, ebenso bereitet man Sellerie
zu. Obst erscheint selten bei Tisch; man ißt es meist zwischen den Mahlzeiten.
In der ersten Zeit wird ein Abendländer, der an
seine drei Hauptmahlzeiten gewöhnt ist, als Kostgänger in einem japanischen Hause
wenig befriedigt sein. Eine sehr gute Vorstellung von der gewöhnlichen Kost
eines japanischen Arbeiters kann man aus einer Unterhaltung gewinnen, die der
Verfasser beim Besuch eines Schiffes im Hafen von Nagasaki mit einem
eingeborenen Kohlenträger hatte. Ein Kohlenleichter lag am Schiffe, und die
dort tätigen Eingeborenen, Männer, Frauen, Knaben und Mädchen, arbeiteten wie
die Biber. Sie schaufelten Kohle in Körbe, die beladen zwischen dreißig und
fünfzig Pfund schwer waren, und durch die Hände der in langer Reihe
aufgestellten Japaner bis zu ihrem Bestimmungsort, den Kohlenbunkern des Schiffes,
befördert wurden. Nach dem fröhlichen Schwatzen und Lachen der Leute hätte man
meinen können, es handle sich um ein Spiel, und es war doch wahrhaftig eine
schwere Arbeit. Mittags ruhte auf ein Zeichen die Arbeit, und die ganze Schar
beiderlei Geschlechts und von allen Altersstufen hockte bald dicht beieinander
auf dem Deck des Leichters. In Begleitung eines japanischen Freundes schritt
ich auf der Planke, die von unterm Schiff zu dem Leichter führte, hinüber.
Keinem von den Leuten schien meine sehr offensichtliche Neugier betreffs ihres
Mittagsbrotes unangenehm zu sein. Erst wenige hatten angefangen zu essen. Ich
trat an einen kleinen, aber athletisch gebauten Arbeiter heran, der mir schon
als japanischer Herkules inmitten seiner Genossen aufgefallen war, und fragte
ihn: „Haben Sie nichts zu essen?“ „O ja,“ antwortete er lächelnd und hielt dabei
einen blauen Tuchfetzen, in den etwas eingewickelt war, in die Höhe. Er machte
das Bündelchen auf, um mir sein Mittagsmahl zu zeigen, und ich sah – einen
Apfel, eine Tomate und eine Zwiebel. „Ist das Ihr ganzes Mittagessen?“ fragte ich. „Allerdings,“ lautete die Antwort. „Ich möchte
jetzt nichts weiter haben. Ich muß heute nachmittag noch fünf Stunden
arbeiten.“ „Wie steht’s mit ihren Kameraden hier? Haben die
sich auch nicht mehr zum Essen mitgebracht als Sie?“ „Vielleicht,“ erwiderte er lächelnd und die Achseln
zuckend. „Sie werden’s Ihnen schon zeigen.“ Eine Frau daneben hatte in einer kleinen Zinnbüchse
so etwa drei gehäufte Löffel gekochten Reis. Eine andere langte aus ihrem
Bündel zwei rohe Tomaten und einen kleinen dünnen Reiskuchen, der kaum mehr als
fünf Zentimeter im Durchmesser hatte, hervor. Ein Kind hatte zwei ähnliche
Reisküchlein und einen Apfel. Danach kann man sich eine ziemlich zutreffende
Vorstellung davon machen, welche Menge von Nahrung nach der Ansicht japanischer
Arbeiter hinreicht, um für fünf weitere Stunden schwerer Arbeit Kraft zu geben. Als ich dann zu dem Mann, an den ich meine erste
Frage gerichtet hatte, zurückgekehrt war, sagte ich zu ihm: „Was haben Sie heute morgen zum Frühstück
gegessen?“ „Oh, etwas sehr Gutes. Eine Schale Reis und dazu
ein paar Streifchen getrockneten Fisch.“ „Und was gibt’s heute abend, wenn ihr Tagewerk
fertig ist?“ „Das weiß ich nicht, das kann ihnen nur meine Frau
sagen. Wahrscheinlich setzt sie mir getrockneten frischen Fisch, etwas Salat,
Tomaten, Zwiebeln und Gurken oder Rettige vor. Aber ehe wir heimkommen, wird es
dunkel, denn wenn wir hier fertig sind, gehen wir sofort ins Bad. Sie wissen
ja, wenn man den ganzen Tag mit Kohlen zu tun hat, sieht man am abend wie ein
Neger aus.“ Auf meine Frage, ob er etwas vom Schiff haben
wollte, entgegnete er, er hätte gern etwas Wasser, und gab mir einen Kübel.
Darauf holte ich ihm destilliertes Wasser, das durch ein mit Eis belegtes Rohr
gelaufen war. Mein Mann dankte mir, nahm einen Schluck Wasser und
spie ihn über Bord. „Zu kalt“, bemerkte er. „Ich will es erst ein
Weilchen in die Sonne setzen.“ Am selben Abend fügte es sich so günstig, daß ich
mit meinem japanischen Freunde von einem wohlhabenden japanischen Kaufmann zu
Tisch geladen wurde. Mein Gastgeber, seine Frau, zwei Söhne und eine Tochter,
mein Freund und ich, ließen uns im Kreise auf dem Boden nieder, während drei
niedliche kleine Mädchen das Abendessen vor uns hinsetzten. Soviel ich mich
heute noch daran erinnern kann, war unser Menü etwa folgendes: Zunächst kam eine Schale heißer Thee, der während
des Mahls, so oft wir ausgetrunken hatten, immer wieder eingefüllt wurde. Der
erste Gang bestand aus ziemlich dünnen sogenannten „Fisch-chowder“ (sprich
Tschauder), das heißt einem Gericht von zerkochtem Fisch. Dann kam Reis, wieder
mit Fisch. Zugleich wurden Salat, Tomaten und Zwiebeln, sowie gekochte Gurken
und Sellerie vorgesetzt. Jeder Gast erhielt noch eine kleine Schüssel geschabte
rohe Möhren. Ein kleines Gericht eingemachte Früchte mit knusprigen Küchlein
aus Reismehl bildete den Nachtisch. Es wurde noch mehr Thee gereicht, und die
Herren zündeten sich Zigarren an. Da mein liebenswürdiger Wirt fürchtete, mein
kaukasischer Geschmack möchte keine Befriedigung gefunden haben, fragte er mich
kurz nach Beginn des Mahles, ob er nicht aus dem Gasthaus für mich ein Stück
Rostbraten oder dergleichen holen lassen sollte. Aber das Mahl war so zierlich
und fein, daß es mir vorkam, als würde ich es durch eine grobe Fleischspeise
entweihen. Dem Leser wird schon aufgefallen sein, daß Milch
unter den gewöhnlichen Nahrungsmitteln der Japaner nicht aufgezählt worden ist.
In der Tat wird wenig Milch genossen, und das hat eine sehr einfache Ursache.
Wegen des geringen Fleischverbrauchs lohnt es sich nämlich in Japan nicht,
Rindvieh zu halten. Butter findet man häufig auf dem Tisch, aber sie ist
gewöhnlich aus den Vereinigten Staaten oder aus Australien eingeführt. Der Unterschied zwischen Winter- und Sommerkost ist
nicht groß. Da die erstere zur Erzielung größerer Körperwärme dienen soll, so
zeigt sie eine reichlichere Fischkost. Außerdem wird Reis dann häufiger in Form
gebackener und gerösteter kleiner Kuchen genossen. Obst wird für den
Winterbedarf gedörrt. Ebenso kommen in der kälteren Jahreszeit hartgesottene
Eier auf den Tisch. Auch fallen die Mahlzeiten dann etwas reichlicher aus.
Immerhin wird der fleischessende Abendländer von vornherein jedes japanische
Mahl als zu dürftig erklären. Die Japaner ihrerseits meinen wieder, daß wir zu
allen Jahreszeiten zuviel essen, daß wir den Magen überladen, ihm zuviel zu
verarbeiten geben und darum nicht die größtmögliche Kraft erzielen können.
Zweifellos haben sie recht, wenigsten haben sie den Wert ihrer eigenen Ernährungsweise
erwiesen. Fleisch wird zum Zweck der Erwärmung des Körpers
auch an den kältesten Wintertagen nicht genossen, ebensowenig Kartoffeln. Auch
heizt der Japaner sein Haus oder seine Wohnung nicht. Friert ihn, so sucht er
den Einfluß der äußeren Temperatur durch entsprechende Kleidung
entgegenzuwirken. Äußerstenfalls nimmt er seine Zuflucht zu den „Hibatschi“,
kleinen Holzkohle öfen, welche die Zimmertemperatur nur wenig erhöhen und in
der Hauptsache zum Anbrennen der Pfeifen oder Zigarren dienen. Nach japanischer
Ansicht ist künstliche äußere Erwärmung bei kaltem Wetter für die Gesundheit
nicht förderlich. Aus den folgenden zwei Musterspeisezetteln ist zu
ersehen, was etwa das erwachsene Mitglied einer japanischen Familie, in der die
Kosten für den Lebensunterhalt nicht in Betracht kommen, genießt.
Im Sommer: Erstes Frühstück: Obst, eine Schale Reis, eine
kleine Portion gekochter Fisch und eine Schale Thee. Zweites Frühstück: Sehr oft ißt man nur Obst, hin
und wieder noch ein bißchen Reis, oder man genießt ein wenig Gemüse mit oder
ohne Reis. Hauptmahlzeit: Reis mit frischem Fisch und
zweierlei oder dreierlei Gemüse, wie Tomaten, Zwiebeln, Möhren, Rettige,
Sellerie, Salat, Rüben, Kohl (roh) und Spinat, gekocht oder auch ungekocht.
Thee darf natürlich nicht fehlen.
Im Winter: Erstes Frühstück: Reis mit frischem oder häufiger
mit gedörrtem Fisch; Vielleicht ein oder zwei hartgekochte Eier und braungebackene
Reiskuchen nebst Thee. Gedörrte Früchte, roh oder gekocht, erscheinen oft. Zweites Frühstück: Reiskuchen oder gekochter Reis
nebst gedünstetem Obst und Thee. Hauptmahlzeit: Gekochter Reis und Fisch, gekochtes
Dörrobst, hartgekochte Eier, dazu Reisküchlein und Thee. Der Art ist die Kost der Japaner, die Nahrung,
welche den Samurai den besten Gesundheitszustand, erstaunliche Körperkräfte und
Muskeln verschaffte, die ihnen eine für den Durchschnittskaukasier fabelhafte
Leistungsfähigkeit verliehen. Sollte ein starker Esser im Abendland glauben,
eine solche Kost müsse einen schwächenden Einfluß ausüben, so mag er sie nur
ein paar Wochen lang versuchen, und er wird finden, daß seine Körperkräfte zunehmen.
Verdauungsbeschwerden sind bei der geschilderten Ernährungsweise etwas Unbekanntes,
und Spezialisten für Magenkrankheiten würden in Japan ohne die Kundschaft der
Ausländer verhungern. Da alle Körperkraft in erster Linie auf einem guten
Magen und guter Verdauung beruht, so verliert ein japanischer Lehrer des
Dschiu-Dschitsu bald alle Geduld bei einem Schüler, der sich nicht an eine Kost
halten will, welche seinem Körper die größte Kraft und Ausdauer zu geben
verspricht, und das ist zweifellos bei der japanischen Kost der Fall.
Drittes Kapitel: Übungen zur Stärkung des Herzens und der Lungen. Mittel
zur Stärkung der Arme.
Ist man eines gesunden Magens sicher, oder doch der
Lebensweise nach auf dem besten Wege dazu, so ist die nächste wichtige Aufgabe
die tunlichste Entwicklung von Herz und Lunge, denn wie kann man sich zu einem
Musterathleten entwickeln, wenn diese beiden Organe sich nicht im
leistungsfähigsten Zustande befinden? Zur Ausbildung der Lunge hat der Schüler des
Dschiu-Dschitsu vor allem sich des tiefen Atemholens zu befleißigen. Tiefes
Atemholen bedeutet, daß man die Luft so kräftig einzieht, daß bei jedem
Atemzug, beim Ein- wie Ausatmen, die tiefsten Bauchmuskeln in kräftige Bewegung
geraten. Die alten Samurai pflegten, sobald sie sich morgens von ihrem Lager
erhoben, ins Freie zu gehen. Hier verwandten sie mindestens zehn oder fünfzehn
Minuten auf anhaltendes möglichst tiefes Durchatmen, wobei sie die Arme in die
Hüften stemmten, um das Spiel der Muskeln zu verfolgen. Es bezeichnete eine vorgeschrittene Stufe in der
Kunst des Atmens, wenn die Luft so kräftige eingezogen wurde, daß sich die Muskeln
gerade über den Hüften seitwärts wie Blasebälge ausdehnten, während die
Schultern sich keinen Zentimeter hoben. Diese zweite Übung im Atmen ist weit
förderlicher als die erste, aber man kann sie erst dann ordentlich bemeistern,
wenn man zuvor das tiefe Atemholen gründlich gelernt hat. Daß die
unvernünftigen Tiere tiefe Atemzüge tun, kann man aus dem Spiel der
Bauchmuskeln eines vorwärtsschreitenden Rindes oder Pferdes ersehen. Bei
körperlich gut entwickelten wilden Völkerschaften ist ebenfalls tiefes und
gründliches Atemholen Sitte, aber dem gesitteten Menschen droht diese heilsame
Kunst abhanden zu kommen. Tiefes Atmen muß man zunächst nicht bis zur
Ermüdung ausüben, aber doch so anhaltend, daß man es nach einiger Zeit unwillkürlich
tut. Aber auch dann sollte man frühmorgens nach dem Aufstehen zehn Minuten lang
die Lunge durch besonders kräftiges Atemholen üben und ebenso abends vorm
Schlafengehen. So muß auch in den japanischen Dschiu-Dschitsu-Schulen der
Zögling, auch wenn er des Tiefatmens Meister ist, im Anfang jeder Stunde wie
auch am Ende ein paar Minuten dieser Übung widmen. Bei dem hier geschilderten
Verfahren wird jede normale Lunge zu ihrer höchsten Leistungsfähigkeit
entwickelt werden. Kaum größere Schwierigkeiten bietet die Ausbildung
des Herzens. Befindet sich der Magen infolge richtiger Ernährungsweise in gutem
Zustande und arbeitet die Lunge infolge tiefen Einatmens wie sie soll, so ist
schon die Grundlage für eine kräftige Herztätigkeit gegeben. Bei allen Übungen
muß man darauf achten, daß starkes Herzklopfen vermieden wird. Zeigt sich das
Herz zu sehr erregt, so läßt der japanische Lehrer, nachdem er auf die Schläge
gehorcht hat, den Zögling sich ausgestreckt auf den Rücken hinlegen, so daß die
Arme mit dem Körper einen rechten Winkel bilden und die Beine, soweit er es mit
Bequemlichkeit tun kann, auseinandergespreizt werde. In dieser Lage muß der
Überangestrengte leise, aber tief Atem holen, wodurch der Herzschlag bald
wieder in Ordnung kommt. Aber auch dann bleibt der Schüler noch ein paar Minuten
liegen. Ist er erst im Kursus etwas weiter fortgeschritten, so hat er schon
gelernt, seinem Herzen nicht zuviel zuzumuten. Schließlich ist das Herz so
stark geworden, daß es kaum durch irgend eine körperliche Anstrengung ungebührlich
erregt wird. Eine der ersten Übungen, die täglich vorgenommen
werden sollte, solange die Unterweisung in Dschiu-Dschitsu dauert, heißt bei
den Japanern der Fingerkampf. Die Gegner stehen einander gegenüber, strecken
ihre Arme seitwärts aus und drücken ihre Hände mit verschränkten und
übergehaltenen Fingern gegeneinander. Beide lassen sich nach vorne fallen, so
daß sie Brust an Brust und mit den gespreizten Beinen so weit wie möglich zurückstehen.
In dieser Stellung fangen die Gegner an, miteinander zu ringen, wobei jeder
seine Brust so stark er nur kann, gegen die des anderen drückt, um ihn
zurückzudrängen. Sieger ist der, welcher seinen Gegner zwingt, von der Mitte
des Zimmers allmählich bis zur Wand zurückzuweichen. Im Freien läßt sich
dieselbe Übung ausführen, indem man von einem Strich in der Mitte ausgeht und
den Gegner bis zu einem der beiden auf den Boden gezogenen Zielstriche zu
bringen sucht. (Tafel 4.) Maß und Ziel dieser anstrengenden Übung muß zum
großen Teil dem Belieben und Urteil der Streitenden selbst überlassen werden,
wobei sie die oben gegebene Warnung nicht vergessen dürfen. Im Anfang sollen
die Zöglinge täglich keinesfalls öfter als drei- oder viermal miteinander
„ringen“, und der einzelne Gang höchstens zwei Minuten dauern. Bei gewissenhafter
Befolgung der vom Dschiu-Dschitsu vorgeschriebenen Übungen kommt es dahin, daß
zwei gut ausgebildete und einander ebenbürtige Gegner zwanzig Minuten hintereinander
ringen, ohne daß einer dem anderen einen wesentlichen Vorteil abgewinnt. Zuerst
muß das Spiel weniger das „“““gewinnen“, als die Ausbildung der Muskeln sein.
Ist der eine von beiden dem andern an Kraft entschieden überlegen, so soll der
Stärkere eben nur so viel Widerstand leisten, daß das Ringen weitergehen kann,
und dem schwächeren Gegner hin und wieder den Sieg gönnen. Keine zweite Übung
von allen, die Dschiu-Dschitsu vorschreibt, wird mehr als die eben beschriebene
zur allmählichen Stählung aller Muskeln des menschlichen Körpers beitragen.
Wird sie maßvoll betrieben, so haben Herz und Lunge den Hauptgewinn davon. Nach dem Fingerkampf kommen Armübungen an die
Reihe. Diese sind zahlreich und mannigfaltig, gehören doch eigentlich alle
Übungen, bei denen die Hände zur Anwendung kommen, hierher. Die Ausbildung des
Armes wird am besten stückweise vorgenommen, und sämtliche in diesem Kapitel
beschriebenen Übungen sollte man hintereinander in einer Unterrichtsstunde zur
Anwendung bringen. Zu allererst läßt man die Gegner einander so
gegenüber stehen, daß der rechte Arm des einen dem des anderen entgegengehalten
wird. Nun läßt man beide einen kurzen Schritt nach links machen, so daß die
geschlossenen Fäuste etwas unterhalb der Hüfte liegen. Dann läßt man die Gegner
ihre rechten Handgelenke mit den Innenseiten gegeneinander pressen, wobei die
Arme unter Anspannung aller Muskeln steif zu halten sind. Nun fängt einer von
den beiden langsam an, seinen Gegner herumzudrehen, wobei er im Fall des Gelingens
selbst ein paar kurze Schritte machen muß. Der Verteidiger muß ebenfalls seine
Füße ein wenig bewegen, soll dies aber nur in möglichst geringem Maße tun;
dabei muß er gerade so viel Widerstand leisten, daß er seinem Gegner eben noch
die Oberhand läßt. Sobald derjenige, welcher die Rolle des Verteidigers
übernommen hat, sich soweit hat herumschwingen lassen, als dies ohne völlige
Änderung seiner Fußstellung möglich ist, verschnaufen beide einen Augenblick,
worauf der Herumgedrehte seinerseits zum Angriff übergeht und den Gegner zum
ersten Ausgangspunkt zurückbringt. Es ist darauf zu achten, daß der Arm beständig
steif gehalten wird und die Muskeln in Spannung sind. Ferner muß, wie schon bemerkt,
des passive Kämpfer möglichst großen Widerstand leisten, ohne doch den Abgriff
ganz abzuschlagen. Nur wenn man diese Punkte nicht aus den Augen läßt, ist die
beschriebene Übung von wirklichem Werte. Das Bild auf Tafel 5 zeigt die
richtige Stellung bei der Handgelenksübung und veranschaulichte die Armübungen
überhaupt. Bei der Anstrengung der Armmuskeln läuft man
Gefahr, Herz und Lunge zuviel zuzumuten, aber dies kann nicht geschehen, wenn
die Kämpfer beim ersten Eintreten von Herzklopfen oder Keuchen voneinander
ablassen. Diese Warnungszeichen darf man nie mißachten. Haben erst die
vorbereitenden Übungen den Körper gestählt, so werden die genannten Symptome,
wenn überhaupt, nur selten vorkommen.
Jetzt kommt der nächste Schritt zur
rechten Ausbildung der Arme. Die Gegner nehmen die gleiche Stellung ein, wie
bei der Handgelenksübung; nur kreuzen sich diesmal die Vorderarme halbwegs
zwischen Handgelenk und Ellbogen, worauf ganz entsprechend der zuletzt
genannten Übung verfahren wird. Ist die zwei- oder dreimal geschehen, so
kreuzen die Gegner die Innenseiten ihrer Arme an den Ellbogen. In der Regel
sollen auch hierbei die arme ganz steif gehalten werden; hin und wieder wird es
aber auch ganz förderlich sein, die Ellbogen mit etwas gebeugten Armen
einzuhaken. Dann versucht man die gleiche Übung bei Kreuzung der Arme halbwegs
zwischen Ellbogen und Schulter. Zu allerletzt haken beide die Schultern
ineinander und schwingen einander in gleicher Weise herum. Man muß sich
übrigens hüten, den rechten Arm auf Kosten des linken auszubilden. Auch noch
eine andere Gefahr liegt bei diesen Übungen nahe. Der Lehrling findet nämlich
gewöhnlich mehr Vergnügen an den Übungen mit dem Vorderarm als an denen mit dem
Oberarm und bildet sich infolgedessen prächtige Muskeln am ersteren aus,
versäumt aber, den letzteren entsprechend zu entwickeln.Der japanische Zögling
in der Kunst des Dschiu-Dschitsu wird streng zu den Oberarmübungen angehalten.
Trotzdem sucht man nicht geflissentlich große Muskelwülste am Oberarm zu
entwickeln. Am meisten geschätzt ist als Zeichen besonderer Muskelkraft, wie
man aus der Photographie auf dem Titelbild ersieht (Tafel 1), ein Muskelwulst
unmittelbar über der Ellenbogenbeuge. Während die vorhergehenden Übungen notwendigerweise
von zwei Schülern des Dschiu-Dschitsu zusammen ausgeführt werden müssen, gibt
es noch eine andere Armübung, die einer allein ausführen kann. Nach wenigen
tiefen Atemzügen steht der Übende aufrecht da und hält die Arme schräg nach
vorn, so daß die geballten Fäuste knapp unterhalb der Hüfte liegen. Nun strengt
er die Armmuskeln aufs äußerste an und ballt dabei auch die Fäuste noch mehr. Hierauf
hebt er die Arme langsam empor, hält sie zugleich aber selbst so energisch
zurück, daß sie nur ganz allmählich aufwärts rücken. (Tafel 6) Beherrscht man diese Übung, so geht man zu
folgendem über: Man streckt die Arme gerade nach vorn aus, ballt energisch die
Fäuste und hebt sie langsam empor, bis sie in Verlängerung der Körperrichtung
sich gerade über dem Kopfe befinden. Hierauf holt man zwei- oder dreimal tief
Atem und bringt dann die Arme in die Ausgangsstellung zurück. Bei dieser
Bewegung nach unten muß man durch Gegendruck hemmend wirken, so daß die Arme
sich den Rückweg sozusagen erkämpfen müssen. Nach einer kurzen zu tiefem Atmen
genutzten Pause hält man die Arme darauf schräg seitwärts in der selben Lage
unterhalb der Hüfte., wie bei den anderen Übungen, auch die Fäuste werden
ebenso geballt. Wieder hebt man nun die Arme in der gleichen Weise wie vorher
über den Kopf, und nach zwei oder drei Atemzügen geht es sodann, selbstverständlich
wieder unter Anwendung von Gegendruck, in die Ausgangsstellung zurück. Werde diese Übungen mit Gegendruck nicht ganz
maßlos betrieben, so können sie dem Herzen keinen Schaden tun. Lange bevor die
Schwelle der Gefahr überschritten wird, gibt eintretendes starkes Herzklopfen
oder keuchender Atem das Warnungszeichen. Hat aber der Zögling der
Dschiu-Dschitsu-Kunst erst einige Wochen gewissenhafter Übung hinter sich, so
wird er finden, daß Herz und Lunge mächtig gestärkt sind, und daß seine Ausdauer
bei äußerster Anspannung der Armmuskeln ganz erstaunlich gesteigert ist. Alle diese Armbewegungen sind jedoch dann recht
ersprießlich, wenn sie beim heben wie beim Senken der Arme mit kräftigem Gegendruck
ausgeführt werden. Anfänglich genügt es, wenn der Schüler am Vormittag und am
Nachmittag die vorgestreckten wie die seitwärts gerichteten Arme je zweimal
hebt und senkt. Der achtsame Zögling wird sich selbst sagen, in welchem Maße er
im Laufe der Zeit die Anforderungen an sich selbst steigern darf. Ein Japaner,
der drei Monate Unterricht im Dschiu-Dschitsu genossen hat, ist imstande, diese
Armübungen fünfzehn Minuten hintereinander ohne das geringste Gefühl der
Ermüdung auszuführen. Ja, schon nach einem Zeitraum von vier bis sechs Wochen
wird ein eifriger Anhänger unserer Kunst die Überzeugung gewonnen haben, daß
man es in der Ausbildung der Armmuskeln recht hübsch weit bringen kann, ohne zu
den im alten Japan unbekannten Schwungkeulen und Hanteln zu greifen. Man darf
aber nicht vergessen, daß tiefes Atemholen ebenso wesentlich ist, wie der
mehrfach erwähnte hemmende Gegendruck. Es gibt noch eine andere At von Armübungen, auf die
der Anfänger des in der Kunst des Dschiu-Dschitsu viel Zeit verwendet. Da aber
diese Übungen den Arm ermüden, ehe er in den erstrebten kraftvollen Zustand
versetzt ist, so muß man zuerst sehr darauf acht haben, daß jede Überanspannung
der Muskeln vermieden wird. Bei weiterem Fortschritt lernt der Zögling immer
besser erkennen, wie weit seine Ausdauer reicht und – was noch wichtiger ist –
in welchem Maße er diese At von Übungen von einer Woche zur anderen steigern
darf. Der junge Mann steht aufrecht da und hält seine
Hände parallel nach vorn, so daß die geballten Fäuste ein wenig unter der
Hüftlinie liegen. Nach Anspannung der Muskeln führt er seine Fäuste langsam
nach links und rechts, während er dabei mit den Handgelenken eine drehende
Bewegung macht, und zwar ist diese Bewegung so auszuführen, daß man es im
ganzen Arm bis hinauf zur Schulter fühlt. Nach einer Atempause streckt man die
Arme seitwärts aus in Hüfthöhe und hebt sie, bis sie sich in gleicher Höhe wie
die Schultern befinden. Auch hierbei dreht man die Fäuste nach allen
Richtungen, soweit man kann, so daß man es wieder in allen Muskeln bis zur
Schulter spürt. Sodann reckt man die Arme parallel und in wagrechter Ebene nach
vorn und arbeitet in derselben Weise mit den Handgelenken. Hierauf führt man
die gleiche Übung mit den nach vorne gestreckten Armen aus und endlich in der
Weise, daß die Arme möglichst gleichlaufend nach hinten bis unter die Hüfte gerichtet
sind. Wer diese Übungen einige Zeit gewissenhaft durchführt, wird sich Arme verschaffen,
die vom Standpunkt physischer Entwicklung nichts zu wünschen übrig lassen. Weitere förderliche Armübungen kann sich jeder
Zögling selbst ausdenken, und man regt auch in den japanischen
Dschiu-Dschitsu-Schulen möglichst zu dieser Erfindertätigkeit an, um so die
Übungen recht mannigfaltig und ergötzlich zu gestalten. Jede Gymnastik, welche
die Muskeln des Handgelenks, des Vorderarms, Oberarms oder der Schulter in
kräftige Bewegung setzt, ist willkommen, immer unter der Voraussetzung, daß
Überanstrengung vermieden wird. Die Hand übt man durch schnelles Schließen und
Strecken der Finger, wobei der Daumen, wenn die Hand geschlossen wird, über den
zweiten und dritten Finger, das heißt über den Mittel- und Ringfinger, zu
liegen kommt. Am besten streckt man die Arme bei diesen Fingerübungen wagrecht
nach vorn, doch ist es praktisch, manchmal auch die oben erwähnten Armhaltungen
zu wählen. Eine andere beliebte Armübung besteht darin, daß
man die Hände gerade vor dem Magen faltet und die verschränkten Finger dicht
aneinander preßt. Nun soll die rechte Hand die linke möglichst weit und kräftig
hinunterbiegen und umgekehrt. Diese Übung, bei der alles von der Energie
abhängt, mit der man die Finger verschränkt, ist für das Handgelenk kaum
weniger förderlich, als für die Hände selbst. Auch der Vorderarm wird dabei
gestärkt und ebenso alle Armmuskeln, wenn auch natürlich in umso geringerem Maße,
je näher sie der Schulter liegen. Hand und Handgelenk und nebenher auch der Arm
werden durch folgende Übung mit einem kurzen Bambusrohr – jeder Stock tut
dieselben Dienste – gestählt. Der Verteidiger greift den Stock mit seinen
beiden fünfundsiebzig Zentimeter voneinander entfernten Händen. Der Angreifer
hat mit seinen Händen gleich neben denen seines Gegners, aber nach der Mitte
des Stabes zu, angepackt. Nun geht das Ringen um den Stock los. Dabei wird
jeder teil des Körpers mittätig. Ist etwa einer von beiden dem anderen an Körperkraft
weit überlegen, so braucht er darum nicht notwendigerweise den Stock zu
entreißen; er kann sich damit begnügen, daß er die eigene Niederlage vermeidet.
Haben sich beide rechtschaffen müde gerungen, so machen sie eine Pause. Hierauf
tauschen sie die Rollen, indem der bisherige Verteidiger den Stock losläßt und
seine Hände auf der anderen Seite, der gegnerischen, das heißt mehr nach der
Mitte zu, wiederansetzt. Erst wenn er alle diese vorbereitenden Übungen
gelernt und begriffen hat, darf der Japaner an die Rückenträger-Übung gehen.
Dies ist die naturgemäße Ergänzung des oben beschriebenen Fingerkampfes. Die
beiden Übenden stehen Rücken an Rücken und halten die Arme seitwärts
ausgestreckt, so daß die Hände etwa in die Taillenhöhe fallen. Zugleich haken
die Gegner ihre Hände so ineinander, daß die Finger dicht verschränkt sind und
die Handrücken aneinander liegen. Jetzt beugt sich der eine vorwärts, so daß er
den anderen vom Boden hebt, und hält ihn so möglichst lange schwebend. Es ist
fürs erste völlig genügend, wenn man den Übungsgenossen in dieser Weise zehn
Sekunden auf dem Rücken trägt. Mit der Zeit lernt man es mindestens eine volle
Minute aushalten, und ein Meister in der Kunst des Dschiu-Dschitsu trägt seinen
Genossen in der geschilderten Lage mühelos hundert Meter weit. (Tafel 7.) Man kann, insbesondere am Anfang, nicht alle bisher
beschriebenen Übungen auf einmal hintereinander durchmachen. Viel mehr sollen
die Übungen abwechselnd und in der Reihenfolge vorgenommen werden, daß man alle
Teile möglichst gleichmäßig anstrengt und entwickelt. Es wird auch kein Lehrer
des Dschiu-Dschitsu seinen Zögling einseitig einen Teil des Körpers auf Kosten
des anderen ausbilden lassen. Fängt ein Abendländer an, sich dem
Dschiu-Dschitsu zu widmen, so tut er gut, sich zu notieren, erstens, wieviel er
bei jeder einzelnen Übung zu leisten oder auszuhalten vermag, zweitens, wieviel
Zeit jede Übung und auch die Atempausen in Anspruch nehmen. Auf dieser Grundlage
kann er sich dann eine Tabelle entwerfen, aus der er genau ersieht, wieviel
Zeit er jeden Tag auf die einzelnen Übungen verwenden soll und wieviel auf alle
ein Tagewerk ausmachenden Übungen zusammen. Stählen sich Muskeln, Lunge und Herz immer mehr, so kann der Anfänger unter steter Beobachtung der mehrfach oben eingestreuten Warnungen die Dauer der täglichen Übungszeit verlängern. Der Japaner pflegt nun diesen täglichen Unterricht hintereinander durchzumachen; für den von ruheloserem Leben umtobten Kaukasier wird es oft praktischer sein, wenn er den Unterricht in Dschiu-Dschitsu zur Hälfte vormittags und zur Hälfte am späteren Nachmittag oder am Abend nimmt.
Viertes Kapitel: Übungen zur Ausbildung der Beine. Damit verbundene Kräftigung
der Arme.
Während bei den japanischen Athleten auf die
Entwicklung der oberen Körperhälfte – natürlich mit Einschluß gründlicher Ausbildung
der Arme – der größte Wert gelegt wird, verwendet man in den
Dschiu-Dschitsu-Schulen nur wenige Tage auf die ausschließliche Stählung der
Beinmuskeln. Bei den Beinübungen kommt, wie bei denen der Arme,
der Grundsatz des Gegendruckes zur Anwendung; immer hat der Verteidiger allmählich
dem Drucke des Angreifers nachzugeben. Wer von den beiden stärker ist, das
kommt nicht in betracht; derjenige, welcher die Rolle des Verteidigers
übernimmt, muß eben unter allen Umständen zurückweichen, aber mit solchem
Widerstreben, daß alle in Betracht kommenden Muskeln beider Kämpfer gründlich
geübt und so kräftig angespannt werden, als ohne gegenseitige körperliche
Schädigung möglich ist. Als erste Beinübung pflegt in den
Dschiu-Dschitsu-Schulen folgende angewendet zu werden. Die Gegner setzen sich
Auge in Auge auf den Boden oder auf die Erde. Die Beine werden nach vorne
ausgestreckt, der Rumpf ist aufgerichtet und stützt sich auf die steifgehaltenen
mit der flachen Hand gegen den Zimmerboden oder die Erde gepreßten Arme, welche
wie die Hände bei der Übung stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Nun legt
einer die Sohle seines rechten Fußes an die des linken Fußes seines Gegenübers,
worauf beide Gegner ganz langsam die betreffenden Füße vom Boden möglichst hoch
emporheben und zwar unter steter Anwendung größtmöglichen Druckes. (Tafel8.) Das Ziel, das beide erstreben, ist die Ausübung
eines solchen Druckes auf den Fuß des Gegners, daß dieser sich notgedrungne auf
den Rücken niederlassen muß. Es empfiehlt sich, diese Übung im Anfang rein
passiv auszuführen, das heißt so, daß der Verteidiger keinesfalls aus seiner
defensiven Rolle heraustritt und demnach beide Ringer abwechselnd obsiegen.
Später kann dann dieser Sport – denn dazu entwickelt sich die Übung – bei ungefähr
gleich starken Gegnern – einen noch größeren Reiz dadurch erhalten, daß beide
mit aller Kraft den Gegner auf den Rücken niederzuzwingen trachten. Die
beschriebene Übung läßt sich ganz gut in Turnschuhen ausführen, die Japaner
pflegen dabei allerdings nur Strümpfe an den Füßen zu tragen. An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, daß
weder die früheren Samurai noch ihre heutigen Nachkommen eine Seite des Körpers
irgendwie vor der anderen bevorzugten. Linker Arm und linkes Bein erhalten
genau die gleiche Ausbildung wie die rechtsseitigen Glieder. Bei dem nun folgenden „Gang“ sitzen die Gegner in
der gleichen Körperhaltung wie bei der letzten Übung auf dem Boden. Diesmal
werden aber die beiden Knöchel der beiden rechten oder der beiden linken Füße
der Gegner mit der inneren Beinseite gegeneinander gedrückt. Wie vorher auf
Arme und Hände gestützt, heben beide gleichzeitig und langsam ihren rechten
oder ihren linken Fuß, bis sie den höchsten Punkt erreicht haben, wo sie sich
ohne Schwierigkeiten aufrechthalten können, und nun sucht jeder den Gegner auf
die Seite, nach der hin er selbst drückt, hinüberzuwerfen. Auch diese Übung
sollte anfänglich rein passiv ausgeführt werden, so daß die Gegner abwechselnd
den Sieg davontragen, wenn auch erst nach hartnäckigem Widerstand des
Angegriffenen. Später kann dann auch bei dieser Übung ein wirklicher Wettkampf
mit Einsetzung der gegenseitigen Körperkräfte und Widerstandsfähigkeit
stattfinden. Die beiden folgenden „Gänge“, die der
Dschiu-Dschitsu-Kursus nach genügender Einübung des Knöcheldrucks bietet, sind
naheliegend. Sie unterscheiden sich von dem letzteren nur dadurch, daß die
gezogenen Grenzen bleiben, später lernt der japanische Lehrling des
Dschiu-Dschitsu, seinen Mann so weit nach rückwärts zu beugen, daß dieser nahe
daran ist, auf den Boden zu fallen, worauf er den Gegner mit einem schnellen
Ruck nach oben wieder in aufrechte Lage bringt. Anfänglich sind dies die beiden
einzigen Kunstgriffe, die auf diesem Gebiet des Dschiu-Dschitsu gelehrt werden.
Sind die Zöglinge später auf der Kampfesstufe angelangt, so haben sie um den
Preis der Geschicklichkeit zu ringen. Wem es dann gelungen ist, die Rockärmel
des Gegners herunterzuziehen, der soll ihn auf den Boden bringen, sich auf ihn
werfen und sein Knie gegen den Magen des Hingestreckten pressen. Der Rudersport ist bei den Japanern verhältnismäßig jungen Datums, aber die Nachkommen der Samurai haben ihn ganz energisch aufgenommen. Man kann ihn daher als wichtige Ergänzung japanischer Methoden der Körperstählung bet |