Geschichte                   Historische Protagonisten                   Training                  Lesestoff                   Waffen

文武

Zurück zur Bibliothek    

Home

 

   

 

 

 Dschiu-Dschitsu. Die Quelle japanischer Kraft


Dschiu-Dschitsu. Die Quelle japanischer Kraft

Methodische Körperstählung und Athletische Kunstgriffe der Japaner

 von

H. Irving Hancock

Autorisierte Übersetzung von Max Pannwitz

Mit den 51 Tafeln

Julius Hoffmann Verlag, Stuttgart 1906

Druck der Stuttgarter Spezial-Werkdruckerei mit Setzmaschinenbetrieb (Fritz Holzinger)

Bereitgestellt von Andreas Quast, 2003

 


Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Max Pannwitz  6

Erster Teil: Methodische Körperstählung   9

Erstes Kapitel: Dschiu-Dschitsu einst und jetzt, sowie seine Hauptgrundsätze. 9

Zweites Kapitel: Ein gesunder Magen bildet die Grundlage aller Körperkraft. Sommer- und Winterkost der Japaner. 16

Drittes Kapitel: Übungen zur Stärkung des Herzens und der Lungen. Mittel zur Stärkung der Arme. 24

Viertes Kapitel: Übungen zur Ausbildung der Beine. Damit verbundene Kräftigung der Arme. 32

Fünftes Kapitel: Gleichmut ein notwendiges Erfordernis bei athletischen Übungen. 36

Sechstes Kapitel: Wasser das beste natürliche Heilmittel. 42

Siebentes Kapitel: Frische Luft als Lebenselement; Reizmittel und Narkotika. 49

Achtes Kapitel: Übermäßige Magerkeit und Dicke. Ihre Heilung. 53

Neuntes Kapitel: Die ersten Kunstgriffe im Angriff und die der Verteidigung. 58

Zehntes Kapitel: Athletische Kunstgriffe für Fortgeschrittene. 63

Elftes Kapitel: Was der Schüler des Dschiu-Dschitsu selbst lernen kann. Mittel zur Erwerbung der nötigen Gelenkigkeit. 68

Zwölftes Kapitel: Abschließender Rückblick auf den bisher zurückgelegten Vorbereitungskursus  84

Zweiter Teil: Athletische Kunstgriffe   88

Erstes Kapitel: Ein gewöhnlicher Kehlgriff und seine Abwehr. Ein kunstgerechter Dschiu-Dschitsu Kehlgriff und andere Arten von Griffen. 88

Zweites Kapitel: Angriffe gegen den Hals und ihre paraden. Ein Kehlgriff von hinten; sine Abwehr. Verschiedene Hiebe zur Parade. 92

Drittes Kapitel: Beintricks verschiedener Art und Paraden dagegen. 97

Viertes  Kapitel: Kehlgriff und Wurf über Hüfte und Schulter. Der Wurf über die Schulter aus der knienden Lage. Mittel, den geworfenen Gegner kampfunfähig zu machen. 102

Fünftes Kapitel: Völliges Versagen der Boxertricks gegenüber einem Schüler des Dschiu-Dschitsu. Warum die gehärtete Handkante eine gefährlichere Waffe ist als die geballte Faust. Das Schlagen mit dem Handballen. 105

Sechstes  Kapitel: Paraden gegen Boxerschläge. Schläge gegen die Nieren, die Seiten, den Unterleib und die Rückgratwurzel. 110

Siebentes Kapitel: Gründlichkeit und Schnelligkeit bei der Ausführung der Tricks. Wie man dem Gegner einen Knüttel entringen lernt. Einiges vom Ausweichen. 114

Achtes Kapitel: Der feinste Dschiu-Dschitsu-Kunstgriff zur Bekämpfung eines Boxers. Ein weiteres Verfahren, den geworfenen Gegner an fernerem Widerstand zu hindern. 117

Neuntes Kapitel: Erzwungene Parade des Boxers gegen seinen eigenen Angriff. Anschließendes Werfen des Boxers. Dschiu-Dschitsu und abendländische Boxerkunst. Parade gegen den Kehlhieb und den Stoß in den Magen. 120

Zehntes Kapitel: Zwei ungefährliche, sichere und leichte Griffe zur Bezwingung des Gegners. Zwängung eines Armes über die Schulter. Ausnutzung des erlangten Übergewichts in allen diesen drei Fällen. 125

Elftes Kapitel: Spaßhafte Tricks. Der Teufelshandschlag. Wie der japanische Polizist einen verhafteten zum Mitgehen zwingt. Ein gutes Mittel, eine unruhige Person an die Luft zu befördern. 130

Zwölftes Kapitel: Eine geschickte japanische Methode, simulierte Ohnmacht als solche zu erweisen. Der Schulterkniff als Gegenwehr. Ein bequemes Mittel, einen Kampf in einer Sekund zu Ende zu bringen. 132

Dreizehntes Kapitel: Ein sehr wirkungsvoller kombinierter Nagriff im Fall der Not. Anweisung, wie man einen Flüchtling auf der Straße aufhält und zur Ergebung zwingt. 136

Vierzehntes Kapitel: Ein paar hübsche Probleme über die beste Art des Angriffs oder der Verteidigung, die der Dschiu-Dschitsu-Schüler mit Hilfe des bisher Gelehrten und einigen Andeutungen lösen kann. 140

Fünfzehntes Kapitel: der letzte Schliff in Dschiu-Dschitsu. Die besten und wirkunsgvollsten Tricks für übende Frauen. Ein letztes Mahnwort für die Schüler unserer Kunst. 143

 

Vorwort von Max Pannwitz

Ohne anzuklopfen ist Japan in den Rat der abendländischen Mächte eingetreten und hat als gleichberechtigt unter ihnen Platz genommen. Überrascht sehen wir, dass sich unsere Kultur nicht mehr als die einzige, die unvergleichliche, die unwiderstehliche rühmen kann; im scheinbar erstarrten Orient sind aus neuen, ganz anderen, fast noch unbekannten Quellen stammend, geistige Kräfte wirksam geworden, wie sie das Abendland nicht gewaltiger erzeugt hat. Vielleicht wird diese „neueste Welt“ noch in ganz anderer Weise eine Revision, eine Umwertung unserer Anschauungen veranlassen, als es die neue Welt auf der westlichen Halbkugel getan hat, bei der es sich nur um Verpflanzung alter Wurzeln in jungfräulichen Boden handelte. Auf alle Fälle gilt es nun, das Neue, das uns Japan bietet, kennen zu lernen, zu prüfen, zu vergleichen. Damit werden auch die Völker des Westens am besten in den Stand gesetzt werden, „ihre heiligsten Güter zu verteidigen“.

Zu dem beachtenswerten Neuen gehört zweifellos die Lehre des Dschiu-Dschitsu, von Lafcadio Hearn, dem verständnisvollen Schilderer Japans, „das Geheimnis japanischen Wesens“ genannt. Sicher steckt in der methodischen Körperstählung und in der Athletik, die man unter jenem Namen zusammenfaßt, ein gut Stück von der Eigenart der Japaner. Denn soviel steht fest, mag nun diese Wissenschaft von ihrem Anfang an in Japan erwachsen, mag sie, wie andere Forscher behaupten, vor etwa 300 Jahren von China nach Japan eingeführt worden sein, in ihrer uns jetzt vorliegenden, in den letzten drei Jahrhunderten ausgebildeten Form ist sie ein echt japanisches Produkt, ein Träger echt japanischen Geistes.

Darum nimmt auch Dschiu-Dschitsu den athletischen und gymnastischen Betätigungen des Abendlandes gegenüber eine völlige Sonderstellung ein. Weder dem Ringen, noch dem Boxen, dem Fechten oder Turnen gleich, hat es von jedem etwas. Im Enderfolg aber ist es allen diesen Leibeskünsten überlegen: Es bildet alle Körperteile gleichmäßig aus; es entwickelt nicht nur rohe physische Kraft, sondern ebenso, wo nicht mehr, Gewandtheit und Gelenkigkeit; es erzieht ferner im höchsten Grade zur Geistesgegenwart und zur Fähigkeit, alle Schwächen des Gegners auszunutzen, ja, ihn geradezu vermittels seiner eigenen Kraft zu besiegen; es lehrt schließlich eine Reihe der überraschendsten und wirkungsvollsten, sonst nirgends zu findenden Kampfmittel und Kunstgriffe. Eigen ist überdies dem Dschiu-Dschitsu der hohe Grad von Selbstbeherrschung, den es von seinem Anhänger heischt und den es ihm immer wieder anerzieht, sowie die den höchsten hygienischen Anforderungen entsprechende Lebensweise, die es vorschreibt.

Auch dadurch unterscheidet sich Dschiu-Dschitsu von den meißten athletischen Künsten, daß es nicht Selbstzweck ist, sondern neben der physischen Vervollkommnung des einzelnen ausdrücklich das praktische Ziel verfolgt, für den Ernstfall vorzubereiten. Aus diesem Grunde muß auch in Japan jeder Soldat – nicht nur die Offiziere – und jeder Polizist einen Kursus in Dschiu-Dschitsu durchmachen. In neuester Zeit hat Dschiu-Dschitsu auch in anderen Ländern, insbesondere in England und Amerika, Eingang und Anerkennung gefunden. Zahlreiche Schulen des Dschiu-Dschitsu haben sich in beiden Ländern aufgetan. Den Londoner Polizisten ist neuerdings insgesamt ein gründlicher Kursus vorgeschrieben, und die amerikanischen Kadetten des Heeres wie der Marine sollen sogar, um sich mit Dschiu-Dschitsu völlig vertraut machen zu können, hinfort statt eines, vier Jahre auf ihre gymnastische Ausbildung verwenden.

So scheint es nicht unzeitgemäß, auch in Deutschland, dem Vaterland des Turnens, wo in neuerer Zeit Leibesübungen und athletische Betätigung so geflissentlich gepflegt werden und in so erfreulichem Maße – freilich noch lange nicht genügend – Anklang gefunden haben, Dschiu-Dschitsu bekannt zu machen, und unsern Athleten, Turnern und allen, denen die körperliche Entwicklung des deutschen Volkes am Herzen liegt, zur Prüfung vorzulegen.

Das vorliegende Buch enthält die Übersetzung zweier englischer Werke,[1] deren Verfasser, Irving Hancock, sich mit der Kunst des Dschiu-Dschitsu gründlich vertraut gemacht hat. Bei dreimaligem Aufenthalt in Japan ist er in Nagasaki bei einem der berühmtesten japanischen Lehrer dieser Kunst, Inuje San, in die Schule gegangen, und hat sich später in Yokohama und Tokio unter anderen einheimischen Lehrern weiter in Dschiu-Dschitsu vervollkommnet. Als dann Inuje San eine Reise nach den Vereinigten Staaten unternahm, konnte Hancock noch einmal den Unterricht dieses Veteranen des Dschiu-Dschitsu genießen.

Zur Zeit werden in Japan sechs Systeme des Dschiu-Dschitsu gelehrt, der Verfasser ist aber in seiner Darstellung in der Hauptsache Inuje San gefolgt und hat nur weniges, das ihm besonders wertvoll schien, von den anderen Schulen dazu entlehnt.

Indem Verleger und Übersetzer diese deutsche Ausgabe hinausgehen lassen, in der Hoffnung, damit vielen Freunden stählender Leibesübungen und insbesondere dem heranwachsenden Geschlechte neue Anregung zu geben, fühlen sie sich gedrungen, noch einmal auf zwei Punkte hinzuweisen. Dschiu-Dschitsu war und ist auf den Ernstfall im Frieden und im Krieg – Verbrechern und Feinden gegenüber – berechnet, weshalb es eine Reihe von Hieben und Kunstgriffen kennt und lehrt, die für Leib und Leben gefährlich sein können. Dschiu-Dschitsu verlangt von seinen Anhängern einen hohen Grad an Selbstbeherrschung und Gleichmut. Aus beidem ergibt sich, daß man nur mit einem Kameraden an die Übungen gehen soll, von dem man sicher sein kann, daß er im japanischen Geiste, das heißt leidenschaftslos, mit Gleichmut, Besonnenheit und Wohlwollen verfährt. Dann wird sich auch für uns Hancocks Wort bewahrheiten können Dschiu-Dschitsu habe die Japaner zum stärksten, ausdauerndsten und glücklichsten Volke gemacht.

 

Stuttgart. Der Übersetzer

 


Erster Teil: Methodische Körperstählung


Erstes Kapitel: Dschiu-Dschitsu einst und jetzt, sowie seine Hauptgrundsätze.

 

Es besteht heutzutage kein Mangel an Systemen für die Körperstählung und die meißten sind vorzüglich. So scheint auf den ersten Blick die Einführung eines neuen überflüssig.

Hier aber handelt es sich um ein System, von dem der Verfasser auf Grund seiner persönlichen Erfahrung überzeugt ist, daß es in geradezu wunderbarer Weise und besser als alle anderen geeignet ist, einen vollkommenen, gesunden Körper zu erzielen, einen Körper, der für kaukasische Anschauungen schier unglaubliches zu leisten vermag. Sicher gibt es auf der Erde keine ausdauerndere Rasse als die Japaner. Während der ganzen Dauer des Feldzugs, den die Verbündeten 1900 in China führten, zeigten sich die japanischen Soldaten den übrigen Kontingenten an Marschfähigkeit meist überlegen.

Was befähigte denn aber die kleinen braunen Krieger aus Dai Nippon,[2] ihre Kameraden trotz deren größeren Körperwuchses und selbst die auserlesensten Regimenter der anderen Nationen so leicht zu übertreffen?

Die Japaner nennen ihr System der Körperstählung Dschiu-Dschitsu, was wörtlich „Muskelbrechung“ bedeutet.[3] Daß dieser Ausdruck nicht ganz zutreffend ist, wird sich weiter unten zeigen.

Schon in den ältesten Zeiten, von denen die japanische Überlieferung meldet und die noch halb in mythischem Dunkel liegen, gab es auf dem Inselreiche einen niederen Adelsstand, dessen Angehörige lebhaft an die Ritter des mittelalterlichen Europa erinnern. Diese sogenannten „Samurai“ bildeten den Kriegerstand, man kann sagen, die Kriegerkaste des japanischen Reiches. Jedes Mitglied dieses Standes hatte das Vorrecht, zwei Schwerter zu tragen, die seinen kostbarsten Besitz bildeten, während das Volk, „Heimin“ genannt, keine anderen Waffen als Stöcke und Steine führen durfte. Naturgemäß war die so stark bevorrechtete Kaste der Samurai ängstlich auf Wahrung der Standesehre bedacht. Wer ihnen angehörte, Mann oder Frau, durfte zwar in eine Familie des höheren Adels einheiraten, jede eheliche Verbindung mit sozial Tieferstehenden hatte dagegen unbedingt die Ausstoßung aus der Kaste zur Folge.

Die Samuraiwürde war erblich. Jeder Sohn eines Samurai, der nicht durch eine unwürdige Handlung seines angeborenen Rechtes verlustig ging, gehörte ohne weiteres dem japanischen Ritterstande an und wandte sich dem Waffenhandwerk zu. Die verhältnismäßig wenigen Schwächlinge, die hierzu etwa nicht im Stande waren, verloren zwar deshalb ihren Rang nicht, mußten aber ledig bleiben.

Im Felde trugen die Samurai außer ihrer Rüstung nichts als ihre Schwerter. Das ganze Gepäck fiel den Gemeinen, die in ihrem Gefolge auszogen, zur Last. Vom Kriegsdienst und der Übung im Kriegshandwerk abgesehen galt dem Samurai jede körperliche Arbeit für schimpflich. Infolgedessen verwandte er ein gut Teil seiner Muße auf athletische Übungen.

Selbstverständlich stand in erster Reihe das Schwertspiel, das heißt das kunstmäßige Kämpfen mit langen und kurzen Bambusschwertern. Auch Laufen, Springen und Ringen spielten eine große Rolle bei den Beschäftigungen der japanischen Ritter. Kann es uns wundern, daß diese körperlichen Übungen im Freien bei einfacher, naturgemäßer Ernährung die Samurai zu kräftigen, stahlharten Männern machten?

Jedoch die körperlichen Fähigkeiten dieser kleinen Ritter sollten sich noch weit anders und ganz überraschend entwickeln. Da machte ein heller Kopf die bei den beständigen Leibesübungen nicht so abseits liegende Entdeckung, daß man durch Druck des Daumens oder der Finger auf gewisse Muskeln oder Nerven vorübergehende Lähmung bewirken könne. Daran schloß sich die weitere Wahrnehmung, daß man einen Bambusstab zu zerbrechen vermöge, wenn man ihn unter bestimmtem Winkel mit der gehärteten äußeren Kante der offenen Hand treffe. Konnte man aber seine eigenen Nerven und Muskeln lähmen, warum sollte man dies nicht auch bei anderen vermögen? War man imstande, durch einen scharfen Schlag der Hand einen Stock zu zerbrechen, warum sollte man es dann durch Übung nicht dahin bringen können, in gleicher Weise einem gefährlichen Gegner den Arm zu zerschlagen? In dieser Idee wurzelt der Keim, aus dem sich allmählich zu voller Blüte das Dschiu-Dschitsu entwickelte.

Mit einiger Phantasie können wir uns unschwer ausmalen, wie wohl der Begründer des Dschiu-Dschitsu seine erste Entdeckung machte. Wahrscheinlich wurde er durch einen zufälligen Stoß gegen seinen „Musikantenknochen“, das heißt die Ellenbogenspitze, auch mancherorts „Mäuschen“ genannt, - was bekanntlich bei Rindern so häufig vorkommt – aufmerksam. Vielleicht hat er sich, hierdurch angeregt, gefragt, ob es am Körper nicht sonst noch ähnlich empfindliche Nerven und Muskeln gebe. Einen weiteren Schritt auf der Entdeckerbahn bedeutete dann etwa die Wahrnehmung, daß man am Oberarm sehr starke Schmerzen auslösen könne. Jeder wird ohne besondere Mühe nach folgender Anweisung diese Wahrnehmung machen: Man wählt einen Punkt etwa halbwegs zwischen Ellenbogen und Schulter, packt so zu, daß die Finger sich in die Muskeln hinter der Mitte des Knochens eingraben, während sich die Spitze des Daumens in die Muskeln vor dem Knochen drückt, und nun preßt man, ohne irgendwie im Griff nachzulassen, Finger wie Daumen kräftig über die parallel laufenden Muskeln und Nerven. Wer nur den Versuch machen will, wird leicht an seinem eigenen Arme genau die Lage dieser Muskeln und Nerven bestimmen, und ein bißchen Übung mit einem Freunde wird ihn sehr bald dahin bringen, daß er den Arm des Gegners richtig greift und augenblicklich hilflos macht. (Tafel 3.)

Dies ist der Ausgangspunkt, von dem aus man dann weiter in die Geheimkniffe des Dschiu-Dschitsu eindringen kann. Wer darauf ausgeht, wird bald an Armen und Beinen Punkte finden, wo man mit ähnlichen Griffen dieselbe Wirkung hervorbringen kann. Eine ganze Reihe solcher Stellen wird später Erwähnung finden. Hat der Dschiu-Dschitsu-Schüler die Sache erst einmal ordentlich begriffen, so kann er sich bei einigem guten Willen in dieser Richtung leicht selbst weiterbilden. Sowohl zum Zweck der Verteidigung wie zur Vermehrung der Muskelkraft muß der Anfänger bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bietet, nach Körperstellen fahnden, die bei richtigem Griff heftigem Schmerz oder gar der Lähmung unterworfen sind.

Es ist ein Grundsatz des Dschiu-Dschitsu, daß ein Schwächerer imstande sein soll, einen stärkeren Gegner anzugreifen und ihn gerade mit Hilfe von dessen größerer Körperkraft zu besiegen. Bei Anwendung des geschilderten Kunstgriffs am Oberarm findet man bald, daß, wenn der Arm gepackt wurde, während die Muskeln schlaff waren, die Schmerzen zunehmen, sobald der Verteidiger den Arm hebt und die Muskeln spannt. Wird man plötzlich angegriffen und erkennt man, daß Widerstand nicht mehr möglich ist, so tut man daher besser, sich sofort für besiegt zu erklären, um so stärkerem Schmerz zu entgehen.

Nur bei wenigen japanischen Kunstgriffen hält der Schmerz noch an, wenn die Gegner voneinander gelassen haben. Schädigende oder andauernden Schmerz verursachende Griffe werden, sei es zur Verteidigung, sei es im Angriff, nur angewendet, wenn ernstliche Gefahr vorliegt. Kann man sich da wundern, daß die Japaner das Boxen für roh und seine eigene Methode für die einzig ritterliche hält?

In den letzten Jahren hat man oft darüber gestritten, welchen Verteidigungswert Dschiu-Dschitsu im Vergleich mit der englischen oder amerikanischen Boxerkunst besitze. Sehr wahrscheinlich würde ein Japaner, der einem erprobten Faustkämpfer gegenüberträte, in den Sand gestreckt werden – das heißt, wenn der kleine braune Mann Handschuhe anziehen und nach den Regeln der Boxerkunst kämpfen müßte. Jedoch der Boxer würde noch viel sicherer erliegen, müßte er den Zweikampf gemäß den Regeln des Dschiu-Dschitsu ausfechten. Die Methode des Samurai paßt nicht zu dem Kampf mit geschlossenen, bewehrten Fäusten, sie setzt eine unbekleidete, meist eine flache Hand voraus. Forderte jedoch ein sechs Fuß langer Boxer (ca. 182 cm), angetan mit feinen Handschuhen, einen Abkömmling der Samurai, der verschiedene Zoll kürzer geraten und weit leichter wäre, zum Kampfe heraus, und jeder bediente sich seiner eigenen Taktik, so wäre der Erfolg nicht zweifelhaft; vorausgesetzt, daß beide in ihrer Art gleich geschickte Kämpfer sind, so wird der kleine Mongole als Sieger hervorgehen.

Ist der Armgriff richtig erfaßt und von dem forschenden Schüler das Dschiu-Dschitsu auf alle Teile des Körpers übertragen, so kann er einen weiteren bedeutenden Schritt vorwärts tun. Die ausgestreckten Finger einer Hand werden gegeneinander gedrückt, während man den Daumen nach Belieben reckt oder an den Zeigefinger legt. Hierauf schlägt man den äußeren, den Kleinfinger-Rand der Hand gegen das Knie, wobei man darauf zu achten hat, daß der kleine Finger mittut, so gut wie die eigentliche Handkante. Es ist von Wichtigkeit, daß die Übung des kleinen Fingers nicht vernachlässigt wird, da man sich sonst bei einem unrichtig geführten Schlage mit der Kante der Hand den kleinen Finger brechen kann, wenn er an einem wuchtigen Hiebe teilnimmt.

Diese, die Härtung der Hand bezweckende Übung läßt sich jederzeit ausführen, und bei ihrer Wichtigkeit sollte man sie auch möglichst viel praktizieren. Ob man mit der Handkante gegen eine hölzerne Stuhllehne, auf einen Pultdeckel oder eine Tischplatte schlägt, bleibt sich für die Wirkung gleich. Anfangs muß man möglichst leicht aufschlagen und nur im Laufe der Wochen, ganz allmählich, größere Kraft dabei anwenden. Wird die Kante der Hand lahm, so ist das ein sicheres Zeichen, daß die Schläge zu hart ausgeführt werden.

Eine hübsch gehärtete Hand darf man in weniger als sechs Wochen nicht erwarten. Wer drei- oder viermal am Tage ein paar Minuten hintereinander auf die Übungen verwendet, wird finden, daß er nach Verlauf eines Jahres imstande ist, gleich den japanischen Schülern des Dschiu-Dschitsu, einen Stock durch Schlag mit der Handkante zu zerbrechen. Nur wenige von den zur Verteidigung dienenden Streichen lassen sich ordentlich ausführen, bevor die Handkante mittels der obigen und anderer, in einem späteren Kapitel beschriebener Übungen wirklich hart gemacht worden ist.

In Japan muß jeder Soldat, Matrose und Polizist einen staatlichen Kursus des Dschiu-Dschitsu durchmachen. Heute, wo Kampf und Waffengebrauch nicht mehr ein Vorrecht der Samurai, der früheren Kriegerkaste, sind und derartige Leibesübungen allen Untertanen des Mikado zugänglich sind, steht jedem Strebsamen der Zutritt zur Kunst des Dschiu-Dschitsu offen – selbst den Ausländern.

Fälschlich verwechselt man außerhalb Japans oft Dschiu-Dschitsu mit der japanischen Ringkunst. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge, die nur wenig Gemeinsames haben. Das erstere war, wie oben ausgeführt, früher die Kunst des Ritterstandes, und die letztere ein Ersatz dafür, mit dem sich das gemeine Volk begnügen mußte. Japanische Ringer beginnen ihre Laufbahn im Alter von zwei oder drei Jahren. Die Knäblein, die ihrer Körperanlage nach besonders geeignet dafür erscheinen, werden ausgewählt und einer derartigen „Züchtigung“ unterworfen, daß sie, zur Mannbarkeit herangereift, wahre Riesen geworden sind. In der Regel mißt ein völlig ausgewachsener japanischer Ringer ein Meter 97 Zentimeter bis zwei Meter 12 Zentimeter, das heißt, er überragt das Durchschnittsmaß seiner Landsleute etwa um dreißig Zentimeter. Ein sehr interessanter Beweis, was bei rationeller Ausbildung für einen bestimmten Zweck erreicht werden kann. (Tafel 2.)

Als Dschiu-Dschitsu aus dem geheimnisvollen Dunkel, in dem es die bevorrechtete Kaste erhalten hatte, hervortrat, wurden die Ringer auf ihre Lorbeern eifersüchtig, sie, auf die ihre kleineren Landsleute halb mit Schrecken und halb mit Bewunderung geblickt hatten. So fand vor einigen Jahren in Tokio ein Wettkampf statt, dem die Einwohner mit größter Spannung folgten. Ihren besten Mann hatten die Ringer in die Schranken entsandt, und die Nachkommen der Samurai hatten ebenfalls einen würdigen Vertreter ihrer Kunst gestellt, und zwar sollte jeder nach den Regeln seines Systems verfahren. Nach Tausenden zählten die Zuschauer des eigenartigen Kampfes. Auf das verabredete Zeichen stürzten beide aufeinander zu, und in fünfzehn Sekunden lag der Ringer nach allen Regeln der Dschiu-Dschitsu-Kunst auf den Sand gestreckt und erklärte sich für besiegt, obwohl er an Körpergröße seinen Gegner um mehr als dreißig Zentimeter übertraf.

Seit diesem denkwürdigen Tage ging es mit dem Ansehen der altehrwürdigen Ringkunst in Japan bergab. Immer noch übt der Ringkämpfer einige Anziehungskraft aus, aber er ist auf die Stufe eines Schaustellers herabgesunken. Vor einigen Jahren kam ein Japaner nach den Vereinigten Staaten und warf alle amerikanischen Ringkämpfer, die ihm entgegentraten, darunter Namen von allerbestem Klange. Er galt für einen japanischen Ringer ersten Ranges, während er in Wirklichkeit nichts anderes war, als der Diener eines japanischen Ringers zweiten Ranges. Wäre statt seiner sein Herr aufgetreten, so würden die amerikanischen Ringer noch ganz andere Augen gemacht haben. Aber in Japan gilt es jetzt als ausgemacht, daß ein Meister des Dschiu-Dschitsu einem Ringer ersten Ranges trotz dessen weit bedeutenderer Körpergröße und weit bedeutenderen Gewichts körperlich überlegen ist.

Um einem Mißverständnis vorzubeugen, sei hier ausdrücklich bemerkt, daß Dschiu-Dschitsu nicht etwa ausschließlich ein System gymnastischer und athletischer Kniffe oder Kunstgriffe ist. Diese uralte Wissenschaft umfaßt vielmehr daneben auch eine gründliche Kenntnis der Anatomie, der rationellen Ernährung des Körpers, des Wertes der äußeren und inneren Anwendung des Wassers wie der Luft und sonstiger Grundregeln einer naturgemäßen Lebensweise – damit ist in drei Worten alles gesagt.

Alle Körperkraft beruht auf richtiger Ernährung als fester Grundlage, und in diesem wichtigen Punkte sind uns die Japaner noch weit voraus. Den japanischen Soldaten, die auf dem Marsche nach Peking wohlgemut fünfzehn Kilometer zurücklegten, wenn ihre abendländischen Kameraden nur zehn hinter sich brachten, stand nicht entfernt soviel Proviant zu Gebote, wie ihren Mitstreitern. Mäßig und einfach ist die Kost des Japaners.

 


 

Zweites Kapitel: Ein gesunder Magen bildet die Grundlage aller Körperkraft. Sommer- und Winterkost der Japaner.

 

Wie die Samurai des alten Japan meinten, bildete den ersten Schritt zum Aufbau eines kraftvollen Körpers die Wahl einer gesunden, vernünftigen Kost. Darunter verstanden sie keine Kost, in der Fleisch und Gewürze eine große Rolle spielten. Ungleich den Chinesen fragten die Japaner wenig nach Fleisch, auch wenn sie es mühelos haben konnten. In der Tat erscheint Fleisch auch heute noch selten auf dem Tisch des Japaners.

Im Jahre 1899 ernannte der Mikado einen Ausschuß zur Untersuchung der Frage, ob es ratsam sei, durch geeignete Maßregeln einen höheren und gedrungeneren Körperwuchs seiner Untertanen zu erstreben. Die Japaner sind, wie bekannt, merklich kleiner als ihre europäischen und amerikanischen Brüder, und der Kaiser kam auf den Gedanken, seine Rasse durch Hebung des Durchschnittsmaßes der Körperhöhe zu verbessern. Eine der Fragen, welche seine Majestät dem Ausschusse vorlegte, ging dahin, ob wohl eine ausgedehntere Fleischkost für die Körperbeschaffenheit der Japaner von Vorteil sein würde. Nach langer und mühsamer Untersuchung kam die Kommission in ihrem Bericht zu dem Schluß, daß die Steigerung des Durchschnittsmaßes und des Körpergewichts keinen wirklichen Gewinn bedeuten würde. Mit Bezug auf die Fleischkost hieß es, die Japaner seien alle Zeit ohne viel Fleischnahrung ausgekommen, und dabei überträfen sie an Ausdauer und an athletischer Leistungsfähigkeit alle kaukasischen Rassen.

Der wesentlichste Bestandteil der japanischen Kost ist Reis, der entweder durch Kochen oder Dämpfen zubereitet wird und, wie ihn die japanische Hausfrau auf den Tisch bringt, in keiner Weise dem gekochten Brei ähnelt, welcher manchmal auf die Tafel des Europäers oder Amerikaners kommt. In Japan wird der Reis in weichem, dampfendem, schmackhaftem Zustande aufgetragen, das heißt in der Regel auf den Boden gestellt und bedarf keiner weiteren gewürzigen Zutat. Beim Kochen wird der Reis nicht umgerührt, beim Dämpfen geschieht dies natürlich ebensowenig.

In den letzten Jahren hat man den Versuch gemacht, Weizenmehl in Japan einzuführen, aber es hat dem Reisgenuß kaum Abbruch getan. Nach der Ansicht der Japaner ist der Reis wohlschmeckender, gesünder und erzeugt mehr Körperkraft und Willensstärke. Tragen sie einmal Verlangen nach etwas wie Brot oder Kuchen, so bereiten sie delikate Küchlein aus Reismehl.

In einer oder der anderen Form findet sich Reis eigentlich bei jeder japanischen Mahlzeit. Neuerdings hat auch die Kartoffel ihren Weg nach Japan gefunden. Man trifft dieses für uns Abendländer fast unentbehrlich gewordene Nahrungsmittel jetzt auf den Märkten aller großen Städte Japans, aber wenn die Eingeborenen es überhaupt genießen, so geschieht dies fast ausschließlich aus Neugierde. Weder durch Weizenmehl noch durch Kartoffeln hat sich der Reis verdrängen lasse; er ist und bleibt der hauptsächlichste Bestandteil der Nahrung im Lande des Sonnenaufgangs. Bei ihren erstaunlichen Marschleistungen trugen die japanischen Truppen oft an Lebensmittel nichts bei sich als einen kleinen Sack mit Reis. Gelegentlich werden auch ein wenig Gerste und ein paar Bohnen mitgegeben, doch geschieht dies eigentlich nur, um etwas Abwechslung in die Kost zu bringen. Eine handvoll Reis in kochendes Wasser geworfen liefert eine ideale Nahrung – das heißt, sie erhält den Körper leistungsfähig, ohne ihn zu reizen.

Nähert sich ein Reisender der Küste Japans, so fallen ihm so viele Fischer-Dschunken ins Auge, daß man sich nicht wundern kann, wenn er zu dem Schlusse kommt, es müsse jede Familie im Reich mindestens eines von diesen sonderbaren, aber so nützlichen Fahrzeugen besitzen. Es gibt einfach keinen Punkt an der ganzen Küste, soweit sie überhaupt bewohnt ist, wo man nicht eine Flotte solcher Dschunken sehen könnte. Ein um die Welt bummelnder Naturforscher hat denn auch behauptet, die japanischen Gewässer enthielten vierzigtausend verschiedene Fischarten, die mit Ausnahme von dreien sämtlich eßbar seien. Er hat weiter erklärt, daß die Japaner vierzigtausend und etliche Rezepte zur Zubereitung dieser Fische hätten. In der Tat finden sich auf dem Erdenrund nirgends ergiebigere Fischgründe als rings um die Gestade Japans. Man fängt die Fische in solcher Zahl und so mühelos, daß sie erklärlicherweise in der Kost des Japaners eine wichtige Rolle spielen.

Vielfach wird Fisch roh serviert, entweder ohne jede Zubereitung oder in ganz schwacher Salzlake. Beim Kochen wird keinerlei Würze außer Salz dazugetan. Selten findet man gebratenen Fisch, nur in wohlhabenderen Familien kommt er mit zerlassener Butter auf die Tafel oder vielmehr auf den Boden. Bei weitem die häufigste Art der Zubereitung ist die, daß man den Fisch zuerst dörrt und dann mit etwas Salz kocht. Gedörrter Fisch wird, gekocht oder ungekocht, auf Reis serviert. Eine Schale Reis und eine handvoll Fisch gilt als reiches Mahl für den Kuli, der täglich zehn bis zwölf Stunden hart arbeiten muß.

Ferner sind Gemüse und Früchte in der japanischen Kost stark vertreten. Nach der Wertschätzung der Japaner nehmen die Nahrungsmittel folgende Rangordnung ein: zuallererst kommt Reis, sodann Gemüse, an dritter Stelle ein guter Fisch und an vierter Obst. Mit Ausnahme der Kartoffeln gedeihen in Japan fast alle europäischen und nordamerikanischen Gemüse. Grüner Salat ist sehr beliebt, insbesondere zum Abendessen, weil man den grünen Blättern einen höchst beruhigenden Einfluss auf die Nerven zuschreibt. Da Nervenkrankheiten in Japan selten sind, so mag wohl etwas an dieser Behauptung sein. Tomaten und Möhren werden sehr geschätzt, und obwohl die Japaner zweifellos die gesittetsten Leute von der Welt sind, so wird es doch unter ihnen wenige geben, die nicht in der Woche zwei oder drei Teller klein geschnittene rohe Zwiebeln verzehren. Manche Eigenheiten der japanischen Küche würden einer abendländischen Hausfrau sonderbar vorkommen. Während Zwiebeln niemals gekocht werden – die Japaner behaupten, die Hitze zerstöre ihren Nährwert – kocht man die Gurken und trägt sie in heißem Zustand auf. Rettige werden ebenfalls gekocht und in einer schwach gewürzten Brühe aufgetragen, ebenso bereitet man Sellerie zu. Obst erscheint selten bei Tisch; man ißt es meist zwischen den Mahlzeiten.

In der ersten Zeit wird ein Abendländer, der an seine drei Hauptmahlzeiten gewöhnt ist, als Kostgänger in einem japanischen Hause wenig befriedigt sein. Eine sehr gute Vorstellung von der gewöhnlichen Kost eines japanischen Arbeiters kann man aus einer Unterhaltung gewinnen, die der Verfasser beim Besuch eines Schiffes im Hafen von Nagasaki mit einem eingeborenen Kohlenträger hatte. Ein Kohlenleichter lag am Schiffe, und die dort tätigen Eingeborenen, Männer, Frauen, Knaben und Mädchen, arbeiteten wie die Biber. Sie schaufelten Kohle in Körbe, die beladen zwischen dreißig und fünfzig Pfund schwer waren, und durch die Hände der in langer Reihe aufgestellten Japaner bis zu ihrem Bestimmungsort, den Kohlenbunkern des Schiffes, befördert wurden. Nach dem fröhlichen Schwatzen und Lachen der Leute hätte man meinen können, es handle sich um ein Spiel, und es war doch wahrhaftig eine schwere Arbeit. Mittags ruhte auf ein Zeichen die Arbeit, und die ganze Schar beiderlei Geschlechts und von allen Altersstufen hockte bald dicht beieinander auf dem Deck des Leichters. In Begleitung eines japanischen Freundes schritt ich auf der Planke, die von unterm Schiff zu dem Leichter führte, hinüber. Keinem von den Leuten schien meine sehr offensichtliche Neugier betreffs ihres Mittagsbrotes unangenehm zu sein. Erst wenige hatten angefangen zu essen. Ich trat an einen kleinen, aber athletisch gebauten Arbeiter heran, der mir schon als japanischer Herkules inmitten seiner Genossen aufgefallen war, und fragte ihn:

„Haben Sie nichts zu essen?“

„O ja,“ antwortete er lächelnd und hielt dabei einen blauen Tuchfetzen, in den etwas eingewickelt war, in die Höhe. Er machte das Bündelchen auf, um mir sein Mittagsmahl zu zeigen, und ich sah – einen Apfel, eine Tomate und eine Zwiebel.

„Ist das Ihr ganzes Mittagessen?“ fragte ich.

„Allerdings,“ lautete die Antwort. „Ich möchte jetzt nichts weiter haben. Ich muß heute nachmittag noch fünf Stunden arbeiten.“

„Wie steht’s mit ihren Kameraden hier? Haben die sich auch nicht mehr zum Essen mitgebracht als Sie?“

„Vielleicht,“ erwiderte er lächelnd und die Achseln zuckend. „Sie werden’s Ihnen schon zeigen.“

Eine Frau daneben hatte in einer kleinen Zinnbüchse so etwa drei gehäufte Löffel gekochten Reis. Eine andere langte aus ihrem Bündel zwei rohe Tomaten und einen kleinen dünnen Reiskuchen, der kaum mehr als fünf Zentimeter im Durchmesser hatte, hervor. Ein Kind hatte zwei ähnliche Reisküchlein und einen Apfel. Danach kann man sich eine ziemlich zutreffende Vorstellung davon machen, welche Menge von Nahrung nach der Ansicht japanischer Arbeiter hinreicht, um für fünf weitere Stunden schwerer Arbeit Kraft zu geben.

Als ich dann zu dem Mann, an den ich meine erste Frage gerichtet hatte, zurückgekehrt war, sagte ich zu ihm:

„Was haben Sie heute morgen zum Frühstück gegessen?“

„Oh, etwas sehr Gutes. Eine Schale Reis und dazu ein paar Streifchen getrockneten Fisch.“

„Und was gibt’s heute abend, wenn ihr Tagewerk fertig ist?“

„Das weiß ich nicht, das kann ihnen nur meine Frau sagen. Wahrscheinlich setzt sie mir getrockneten frischen Fisch, etwas Salat, Tomaten, Zwiebeln und Gurken oder Rettige vor. Aber ehe wir heimkommen, wird es dunkel, denn wenn wir hier fertig sind, gehen wir sofort ins Bad. Sie wissen ja, wenn man den ganzen Tag mit Kohlen zu tun hat, sieht man am abend wie ein Neger aus.“

Auf meine Frage, ob er etwas vom Schiff haben wollte, entgegnete er, er hätte gern etwas Wasser, und gab mir einen Kübel. Darauf holte ich ihm destilliertes Wasser, das durch ein mit Eis belegtes Rohr gelaufen war.

Mein Mann dankte mir, nahm einen Schluck Wasser und spie ihn über Bord.

„Zu kalt“, bemerkte er. „Ich will es erst ein Weilchen in die Sonne setzen.“

Am selben Abend fügte es sich so günstig, daß ich mit meinem japanischen Freunde von einem wohlhabenden japanischen Kaufmann zu Tisch geladen wurde. Mein Gastgeber, seine Frau, zwei Söhne und eine Tochter, mein Freund und ich, ließen uns im Kreise auf dem Boden nieder, während drei niedliche kleine Mädchen das Abendessen vor uns hinsetzten. Soviel ich mich heute noch daran erinnern kann, war unser Menü etwa folgendes:

Zunächst kam eine Schale heißer Thee, der während des Mahls, so oft wir ausgetrunken hatten, immer wieder eingefüllt wurde. Der erste Gang bestand aus ziemlich dünnen sogenannten „Fisch-chowder“ (sprich Tschauder), das heißt einem Gericht von zerkochtem Fisch. Dann kam Reis, wieder mit Fisch. Zugleich wurden Salat, Tomaten und Zwiebeln, sowie gekochte Gurken und Sellerie vorgesetzt. Jeder Gast erhielt noch eine kleine Schüssel geschabte rohe Möhren. Ein kleines Gericht eingemachte Früchte mit knusprigen Küchlein aus Reismehl bildete den Nachtisch. Es wurde noch mehr Thee gereicht, und die Herren zündeten sich Zigarren an.

Da mein liebenswürdiger Wirt fürchtete, mein kaukasischer Geschmack möchte keine Befriedigung gefunden haben, fragte er mich kurz nach Beginn des Mahles, ob er nicht aus dem Gasthaus für mich ein Stück Rostbraten oder dergleichen holen lassen sollte. Aber das Mahl war so zierlich und fein, daß es mir vorkam, als würde ich es durch eine grobe Fleischspeise entweihen.

Dem Leser wird schon aufgefallen sein, daß Milch unter den gewöhnlichen Nahrungsmitteln der Japaner nicht aufgezählt worden ist. In der Tat wird wenig Milch genossen, und das hat eine sehr einfache Ursache. Wegen des geringen Fleischverbrauchs lohnt es sich nämlich in Japan nicht, Rindvieh zu halten. Butter findet man häufig auf dem Tisch, aber sie ist gewöhnlich aus den Vereinigten Staaten oder aus Australien eingeführt.

Der Unterschied zwischen Winter- und Sommerkost ist nicht groß. Da die erstere zur Erzielung größerer Körperwärme dienen soll, so zeigt sie eine reichlichere Fischkost. Außerdem wird Reis dann häufiger in Form gebackener und gerösteter kleiner Kuchen genossen. Obst wird für den Winterbedarf gedörrt. Ebenso kommen in der kälteren Jahreszeit hartgesottene Eier auf den Tisch. Auch fallen die Mahlzeiten dann etwas reichlicher aus. Immerhin wird der fleischessende Abendländer von vornherein jedes japanische Mahl als zu dürftig erklären. Die Japaner ihrerseits meinen wieder, daß wir zu allen Jahreszeiten zuviel essen, daß wir den Magen überladen, ihm zuviel zu verarbeiten geben und darum nicht die größtmögliche Kraft erzielen können. Zweifellos haben sie recht, wenigsten haben sie den Wert ihrer eigenen Ernährungsweise erwiesen.

Fleisch wird zum Zweck der Erwärmung des Körpers auch an den kältesten Wintertagen nicht genossen, ebensowenig Kartoffeln. Auch heizt der Japaner sein Haus oder seine Wohnung nicht. Friert ihn, so sucht er den Einfluß der äußeren Temperatur durch entsprechende Kleidung entgegenzuwirken. Äußerstenfalls nimmt er seine Zuflucht zu den „Hibatschi“, kleinen Holzkohle öfen, welche die Zimmertemperatur nur wenig erhöhen und in der Hauptsache zum Anbrennen der Pfeifen oder Zigarren dienen. Nach japanischer Ansicht ist künstliche äußere Erwärmung bei kaltem Wetter für die Gesundheit nicht förderlich.

Aus den folgenden zwei Musterspeisezetteln ist zu ersehen, was etwa das erwachsene Mitglied einer japanischen Familie, in der die Kosten für den Lebensunterhalt nicht in Betracht kommen, genießt.

 

Im Sommer:

Erstes Frühstück: Obst, eine Schale Reis, eine kleine Portion gekochter Fisch und eine Schale Thee.

Zweites Frühstück: Sehr oft ißt man nur Obst, hin und wieder noch ein bißchen Reis, oder man genießt ein wenig Gemüse mit oder ohne Reis.

Hauptmahlzeit: Reis mit frischem Fisch und zweierlei oder dreierlei Gemüse, wie Tomaten, Zwiebeln, Möhren, Rettige, Sellerie, Salat, Rüben, Kohl (roh) und Spinat, gekocht oder auch ungekocht. Thee darf natürlich nicht fehlen.

 

Im Winter:

Erstes Frühstück: Reis mit frischem oder häufiger mit gedörrtem Fisch; Vielleicht ein oder zwei hartgekochte Eier und braungebackene Reiskuchen nebst Thee. Gedörrte Früchte, roh oder gekocht, erscheinen oft.

Zweites Frühstück: Reiskuchen oder gekochter Reis nebst gedünstetem Obst und Thee.

Hauptmahlzeit: Gekochter Reis und Fisch, gekochtes Dörrobst, hartgekochte Eier, dazu Reisküchlein und Thee.

Der Art ist die Kost der Japaner, die Nahrung, welche den Samurai den besten Gesundheitszustand, erstaunliche Körperkräfte und Muskeln verschaffte, die ihnen eine für den Durchschnittskaukasier fabelhafte Leistungsfähigkeit verliehen. Sollte ein starker Esser im Abendland glauben, eine solche Kost müsse einen schwächenden Einfluß ausüben, so mag er sie nur ein paar Wochen lang versuchen, und er wird finden, daß seine Körperkräfte zunehmen. Verdauungsbeschwerden sind bei der geschilderten Ernährungsweise etwas Unbekanntes, und Spezialisten für Magenkrankheiten würden in Japan ohne die Kundschaft der Ausländer verhungern.

Da alle Körperkraft in erster Linie auf einem guten Magen und guter Verdauung beruht, so verliert ein japanischer Lehrer des Dschiu-Dschitsu bald alle Geduld bei einem Schüler, der sich nicht an eine Kost halten will, welche seinem Körper die größte Kraft und Ausdauer zu geben verspricht, und das ist zweifellos bei der japanischen Kost der Fall.

 


 

Drittes Kapitel: Übungen zur Stärkung des Herzens und der Lungen. Mittel zur Stärkung der Arme.

 

Ist man eines gesunden Magens sicher, oder doch der Lebensweise nach auf dem besten Wege dazu, so ist die nächste wichtige Aufgabe die tunlichste Entwicklung von Herz und Lunge, denn wie kann man sich zu einem Musterathleten entwickeln, wenn diese beiden Organe sich nicht im leistungsfähigsten Zustande befinden?

Zur Ausbildung der Lunge hat der Schüler des Dschiu-Dschitsu vor allem sich des tiefen Atemholens zu befleißigen. Tiefes Atemholen bedeutet, daß man die Luft so kräftig einzieht, daß bei jedem Atemzug, beim Ein- wie Ausatmen, die tiefsten Bauchmuskeln in kräftige Bewegung geraten. Die alten Samurai pflegten, sobald sie sich morgens von ihrem Lager erhoben, ins Freie zu gehen. Hier verwandten sie mindestens zehn oder fünfzehn Minuten auf anhaltendes möglichst tiefes Durchatmen, wobei sie die Arme in die Hüften stemmten, um das Spiel der Muskeln zu verfolgen.

Es bezeichnete eine vorgeschrittene Stufe in der Kunst des Atmens, wenn die Luft so kräftige eingezogen wurde, daß sich die Muskeln gerade über den Hüften seitwärts wie Blasebälge ausdehnten, während die Schultern sich keinen Zentimeter hoben. Diese zweite Übung im Atmen ist weit förderlicher als die erste, aber man kann sie erst dann ordentlich bemeistern, wenn man zuvor das tiefe Atemholen gründlich gelernt hat. Daß die unvernünftigen Tiere tiefe Atemzüge tun, kann man aus dem Spiel der Bauchmuskeln eines vorwärtsschreitenden Rindes oder Pferdes ersehen. Bei körperlich gut entwickelten wilden Völkerschaften ist ebenfalls tiefes und gründliches Atemholen Sitte, aber dem gesitteten Menschen droht diese heilsame Kunst abhanden zu kommen.

Tiefes Atmen muß man zunächst nicht bis zur Ermüdung ausüben, aber doch so anhaltend, daß man es nach einiger Zeit unwillkürlich tut. Aber auch dann sollte man frühmorgens nach dem Aufstehen zehn Minuten lang die Lunge durch besonders kräftiges Atemholen üben und ebenso abends vorm Schlafengehen. So muß auch in den japanischen Dschiu-Dschitsu-Schulen der Zögling, auch wenn er des Tiefatmens Meister ist, im Anfang jeder Stunde wie auch am Ende ein paar Minuten dieser Übung widmen. Bei dem hier geschilderten Verfahren wird jede normale Lunge zu ihrer höchsten Leistungsfähigkeit entwickelt werden.

Kaum größere Schwierigkeiten bietet die Ausbildung des Herzens. Befindet sich der Magen infolge richtiger Ernährungsweise in gutem Zustande und arbeitet die Lunge infolge tiefen Einatmens wie sie soll, so ist schon die Grundlage für eine kräftige Herztätigkeit gegeben. Bei allen Übungen muß man darauf achten, daß starkes Herzklopfen vermieden wird. Zeigt sich das Herz zu sehr erregt, so läßt der japanische Lehrer, nachdem er auf die Schläge gehorcht hat, den Zögling sich ausgestreckt auf den Rücken hinlegen, so daß die Arme mit dem Körper einen rechten Winkel bilden und die Beine, soweit er es mit Bequemlichkeit tun kann, auseinandergespreizt werde. In dieser Lage muß der Überangestrengte leise, aber tief Atem holen, wodurch der Herzschlag bald wieder in Ordnung kommt. Aber auch dann bleibt der Schüler noch ein paar Minuten liegen. Ist er erst im Kursus etwas weiter fortgeschritten, so hat er schon gelernt, seinem Herzen nicht zuviel zuzumuten. Schließlich ist das Herz so stark geworden, daß es kaum durch irgend eine körperliche Anstrengung ungebührlich erregt wird.

Eine der ersten Übungen, die täglich vorgenommen werden sollte, solange die Unterweisung in Dschiu-Dschitsu dauert, heißt bei den Japanern der Fingerkampf. Die Gegner stehen einander gegenüber, strecken ihre Arme seitwärts aus und drücken ihre Hände mit verschränkten und übergehaltenen Fingern gegeneinander. Beide lassen sich nach vorne fallen, so daß sie Brust an Brust und mit den gespreizten Beinen so weit wie möglich zurückstehen. In dieser Stellung fangen die Gegner an, miteinander zu ringen, wobei jeder seine Brust so stark er nur kann, gegen die des anderen drückt, um ihn zurückzudrängen. Sieger ist der, welcher seinen Gegner zwingt, von der Mitte des Zimmers allmählich bis zur Wand zurückzuweichen. Im Freien läßt sich dieselbe Übung ausführen, indem man von einem Strich in der Mitte ausgeht und den Gegner bis zu einem der beiden auf den Boden gezogenen Zielstriche zu bringen sucht. (Tafel 4.)

Maß und Ziel dieser anstrengenden Übung muß zum großen Teil dem Belieben und Urteil der Streitenden selbst überlassen werden, wobei sie die oben gegebene Warnung nicht vergessen dürfen. Im Anfang sollen die Zöglinge täglich keinesfalls öfter als drei- oder viermal miteinander „ringen“, und der einzelne Gang höchstens zwei Minuten dauern. Bei gewissenhafter Befolgung der vom Dschiu-Dschitsu vorgeschriebenen Übungen kommt es dahin, daß zwei gut ausgebildete und einander ebenbürtige Gegner zwanzig Minuten hintereinander ringen, ohne daß einer dem anderen einen wesentlichen Vorteil abgewinnt. Zuerst muß das Spiel weniger das „“““gewinnen“, als die Ausbildung der Muskeln sein. Ist der eine von beiden dem andern an Kraft entschieden überlegen, so soll der Stärkere eben nur so viel Widerstand leisten, daß das Ringen weitergehen kann, und dem schwächeren Gegner hin und wieder den Sieg gönnen. Keine zweite Übung von allen, die Dschiu-Dschitsu vorschreibt, wird mehr als die eben beschriebene zur allmählichen Stählung aller Muskeln des menschlichen Körpers beitragen. Wird sie maßvoll betrieben, so haben Herz und Lunge den Hauptgewinn davon.

Nach dem Fingerkampf kommen Armübungen an die Reihe. Diese sind zahlreich und mannigfaltig, gehören doch eigentlich alle Übungen, bei denen die Hände zur Anwendung kommen, hierher. Die Ausbildung des Armes wird am besten stückweise vorgenommen, und sämtliche in diesem Kapitel beschriebenen Übungen sollte man hintereinander in einer Unterrichtsstunde zur Anwendung bringen.

Zu allererst läßt man die Gegner einander so gegenüber stehen, daß der rechte Arm des einen dem des anderen entgegengehalten wird. Nun läßt man beide einen kurzen Schritt nach links machen, so daß die geschlossenen Fäuste etwas unterhalb der Hüfte liegen. Dann läßt man die Gegner ihre rechten Handgelenke mit den Innenseiten gegeneinander pressen, wobei die Arme unter Anspannung aller Muskeln steif zu halten sind. Nun fängt einer von den beiden langsam an, seinen Gegner herumzudrehen, wobei er im Fall des Gelingens selbst ein paar kurze Schritte machen muß. Der Verteidiger muß ebenfalls seine Füße ein wenig bewegen, soll dies aber nur in möglichst geringem Maße tun; dabei muß er gerade so viel Widerstand leisten, daß er seinem Gegner eben noch die Oberhand läßt.

Sobald derjenige, welcher die Rolle des Verteidigers übernommen hat, sich soweit hat herumschwingen lassen, als dies ohne völlige Änderung seiner Fußstellung möglich ist, verschnaufen beide einen Augenblick, worauf der Herumgedrehte seinerseits zum Angriff übergeht und den Gegner zum ersten Ausgangspunkt zurückbringt.

Es ist darauf zu achten, daß der Arm beständig steif gehalten wird und die Muskeln in Spannung sind. Ferner muß, wie schon bemerkt, des passive Kämpfer möglichst großen Widerstand leisten, ohne doch den Abgriff ganz abzuschlagen. Nur wenn man diese Punkte nicht aus den Augen läßt, ist die beschriebene Übung von wirklichem Werte. Das Bild auf Tafel 5 zeigt die richtige Stellung bei der Handgelenksübung und veranschaulichte die Armübungen überhaupt.

Bei der Anstrengung der Armmuskeln läuft man Gefahr, Herz und Lunge zuviel zuzumuten, aber dies kann nicht geschehen, wenn die Kämpfer beim ersten Eintreten von Herzklopfen oder Keuchen voneinander ablassen. Diese Warnungszeichen darf man nie mißachten. Haben erst die vorbereitenden Übungen den Körper gestählt, so werden die genannten Symptome, wenn überhaupt, nur selten vorkommen.

Jetzt kommt der nächste Schritt zur rechten Ausbildung der Arme. Die Gegner nehmen die gleiche Stellung ein, wie bei der Handgelenksübung; nur kreuzen sich diesmal die Vorderarme halbwegs zwischen Handgelenk und Ellbogen, worauf ganz entsprechend der zuletzt genannten Übung verfahren wird. Ist die zwei- oder dreimal geschehen, so kreuzen die Gegner die Innenseiten ihrer Arme an den Ellbogen. In der Regel sollen auch hierbei die arme ganz steif gehalten werden; hin und wieder wird es aber auch ganz förderlich sein, die Ellbogen mit etwas gebeugten Armen einzuhaken. Dann versucht man die gleiche Übung bei Kreuzung der Arme halbwegs zwischen Ellbogen und Schulter. Zu allerletzt haken beide die Schultern ineinander und schwingen einander in gleicher Weise herum. Man muß sich übrigens hüten, den rechten Arm auf Kosten des linken auszubilden. Auch noch eine andere Gefahr liegt bei diesen Übungen nahe. Der Lehrling findet nämlich gewöhnlich mehr Vergnügen an den Übungen mit dem Vorderarm als an denen mit dem Oberarm und bildet sich infolgedessen prächtige Muskeln am ersteren aus, versäumt aber, den letzteren entsprechend zu entwickeln.Der japanische Zögling in der Kunst des Dschiu-Dschitsu wird streng zu den Oberarmübungen angehalten. Trotzdem sucht man nicht geflissentlich große Muskelwülste am Oberarm zu entwickeln. Am meisten geschätzt ist als Zeichen besonderer Muskelkraft, wie man aus der Photographie auf dem Titelbild ersieht (Tafel 1), ein Muskelwulst unmittelbar über der Ellenbogenbeuge.

Während die vorhergehenden Übungen notwendigerweise von zwei Schülern des Dschiu-Dschitsu zusammen ausgeführt werden müssen, gibt es noch eine andere Armübung, die einer allein ausführen kann. Nach wenigen tiefen Atemzügen steht der Übende aufrecht da und hält die Arme schräg nach vorn, so daß die geballten Fäuste knapp unterhalb der Hüfte liegen. Nun strengt er die Armmuskeln aufs äußerste an und ballt dabei auch die Fäuste noch mehr. Hierauf hebt er die Arme langsam empor, hält sie zugleich aber selbst so energisch zurück, daß sie nur ganz allmählich aufwärts rücken. (Tafel 6)

Beherrscht man diese Übung, so geht man zu folgendem über: Man streckt die Arme gerade nach vorn aus, ballt energisch die Fäuste und hebt sie langsam empor, bis sie in Verlängerung der Körperrichtung sich gerade über dem Kopfe befinden. Hierauf holt man zwei- oder dreimal tief Atem und bringt dann die Arme in die Ausgangsstellung zurück. Bei dieser Bewegung nach unten muß man durch Gegendruck hemmend wirken, so daß die Arme sich den Rückweg sozusagen erkämpfen müssen. Nach einer kurzen zu tiefem Atmen genutzten Pause hält man die Arme darauf schräg seitwärts in der selben Lage unterhalb der Hüfte., wie bei den anderen Übungen, auch die Fäuste werden ebenso geballt. Wieder hebt man nun die Arme in der gleichen Weise wie vorher über den Kopf, und nach zwei oder drei Atemzügen geht es sodann, selbstverständlich wieder unter Anwendung von Gegendruck, in die Ausgangsstellung zurück.

Werde diese Übungen mit Gegendruck nicht ganz maßlos betrieben, so können sie dem Herzen keinen Schaden tun. Lange bevor die Schwelle der Gefahr überschritten wird, gibt eintretendes starkes Herzklopfen oder keuchender Atem das Warnungszeichen. Hat aber der Zögling der Dschiu-Dschitsu-Kunst erst einige Wochen gewissenhafter Übung hinter sich, so wird er finden, daß Herz und Lunge mächtig gestärkt sind, und daß seine Ausdauer bei äußerster Anspannung der Armmuskeln ganz erstaunlich gesteigert ist.

Alle diese Armbewegungen sind jedoch dann recht ersprießlich, wenn sie beim heben wie beim Senken der Arme mit kräftigem Gegendruck ausgeführt werden. Anfänglich genügt es, wenn der Schüler am Vormittag und am Nachmittag die vorgestreckten wie die seitwärts gerichteten Arme je zweimal hebt und senkt. Der achtsame Zögling wird sich selbst sagen, in welchem Maße er im Laufe der Zeit die Anforderungen an sich selbst steigern darf. Ein Japaner, der drei Monate Unterricht im Dschiu-Dschitsu genossen hat, ist imstande, diese Armübungen fünfzehn Minuten hintereinander ohne das geringste Gefühl der Ermüdung auszuführen. Ja, schon nach einem Zeitraum von vier bis sechs Wochen wird ein eifriger Anhänger unserer Kunst die Überzeugung gewonnen haben, daß man es in der Ausbildung der Armmuskeln recht hübsch weit bringen kann, ohne zu den im alten Japan unbekannten Schwungkeulen und Hanteln zu greifen. Man darf aber nicht vergessen, daß tiefes Atemholen ebenso wesentlich ist, wie der mehrfach erwähnte hemmende Gegendruck.

Es gibt noch eine andere At von Armübungen, auf die der Anfänger des in der Kunst des Dschiu-Dschitsu viel Zeit verwendet. Da aber diese Übungen den Arm ermüden, ehe er in den erstrebten kraftvollen Zustand versetzt ist, so muß man zuerst sehr darauf acht haben, daß jede Überanspannung der Muskeln vermieden wird. Bei weiterem Fortschritt lernt der Zögling immer besser erkennen, wie weit seine Ausdauer reicht und – was noch wichtiger ist – in welchem Maße er diese At von Übungen von einer Woche zur anderen steigern darf.

Der junge Mann steht aufrecht da und hält seine Hände parallel nach vorn, so daß die geballten Fäuste ein wenig unter der Hüftlinie liegen. Nach Anspannung der Muskeln führt er seine Fäuste langsam nach links und rechts, während er dabei mit den Handgelenken eine drehende Bewegung macht, und zwar ist diese Bewegung so auszuführen, daß man es im ganzen Arm bis hinauf zur Schulter fühlt. Nach einer Atempause streckt man die Arme seitwärts aus in Hüfthöhe und hebt sie, bis sie sich in gleicher Höhe wie die Schultern befinden. Auch hierbei dreht man die Fäuste nach allen Richtungen, soweit man kann, so daß man es wieder in allen Muskeln bis zur Schulter spürt. Sodann reckt man die Arme parallel und in wagrechter Ebene nach vorn und arbeitet in derselben Weise mit den Handgelenken. Hierauf führt man die gleiche Übung mit den nach vorne gestreckten Armen aus und endlich in der Weise, daß die Arme möglichst gleichlaufend nach hinten bis unter die Hüfte gerichtet sind. Wer diese Übungen einige Zeit gewissenhaft durchführt, wird sich Arme verschaffen, die vom Standpunkt physischer Entwicklung nichts zu wünschen übrig lassen.

Weitere förderliche Armübungen kann sich jeder Zögling selbst ausdenken, und man regt auch in den japanischen Dschiu-Dschitsu-Schulen möglichst zu dieser Erfindertätigkeit an, um so die Übungen recht mannigfaltig und ergötzlich zu gestalten. Jede Gymnastik, welche die Muskeln des Handgelenks, des Vorderarms, Oberarms oder der Schulter in kräftige Bewegung setzt, ist willkommen, immer unter der Voraussetzung, daß Überanstrengung vermieden wird. Die Hand übt man durch schnelles Schließen und Strecken der Finger, wobei der Daumen, wenn die Hand geschlossen wird, über den zweiten und dritten Finger, das heißt über den Mittel- und Ringfinger, zu liegen kommt. Am besten streckt man die Arme bei diesen Fingerübungen wagrecht nach vorn, doch ist es praktisch, manchmal auch die oben erwähnten Armhaltungen zu wählen.

Eine andere beliebte Armübung besteht darin, daß man die Hände gerade vor dem Magen faltet und die verschränkten Finger dicht aneinander preßt. Nun soll die rechte Hand die linke möglichst weit und kräftig hinunterbiegen und umgekehrt. Diese Übung, bei der alles von der Energie abhängt, mit der man die Finger verschränkt, ist für das Handgelenk kaum weniger förderlich, als für die Hände selbst. Auch der Vorderarm wird dabei gestärkt und ebenso alle Armmuskeln, wenn auch natürlich in umso geringerem Maße, je näher sie der Schulter liegen.

Hand und Handgelenk und nebenher auch der Arm werden durch folgende Übung mit einem kurzen Bambusrohr – jeder Stock tut dieselben Dienste – gestählt. Der Verteidiger greift den Stock mit seinen beiden fünfundsiebzig Zentimeter voneinander entfernten Händen. Der Angreifer hat mit seinen Händen gleich neben denen seines Gegners, aber nach der Mitte des Stabes zu, angepackt. Nun geht das Ringen um den Stock los. Dabei wird jeder teil des Körpers mittätig. Ist etwa einer von beiden dem anderen an Körperkraft weit überlegen, so braucht er darum nicht notwendigerweise den Stock zu entreißen; er kann sich damit begnügen, daß er die eigene Niederlage vermeidet. Haben sich beide rechtschaffen müde gerungen, so machen sie eine Pause. Hierauf tauschen sie die Rollen, indem der bisherige Verteidiger den Stock losläßt und seine Hände auf der anderen Seite, der gegnerischen, das heißt mehr nach der Mitte zu, wiederansetzt.

Erst wenn er alle diese vorbereitenden Übungen gelernt und begriffen hat, darf der Japaner an die Rückenträger-Übung gehen. Dies ist die naturgemäße Ergänzung des oben beschriebenen Fingerkampfes. Die beiden Übenden stehen Rücken an Rücken und halten die Arme seitwärts ausgestreckt, so daß die Hände etwa in die Taillenhöhe fallen. Zugleich haken die Gegner ihre Hände so ineinander, daß die Finger dicht verschränkt sind und die Handrücken aneinander liegen. Jetzt beugt sich der eine vorwärts, so daß er den anderen vom Boden hebt, und hält ihn so möglichst lange schwebend. Es ist fürs erste völlig genügend, wenn man den Übungsgenossen in dieser Weise zehn Sekunden auf dem Rücken trägt. Mit der Zeit lernt man es mindestens eine volle Minute aushalten, und ein Meister in der Kunst des Dschiu-Dschitsu trägt seinen Genossen in der geschilderten Lage mühelos hundert Meter weit. (Tafel 7.)

Man kann, insbesondere am Anfang, nicht alle bisher beschriebenen Übungen auf einmal hintereinander durchmachen. Viel mehr sollen die Übungen abwechselnd und in der Reihenfolge vorgenommen werden, daß man alle Teile möglichst gleichmäßig anstrengt und entwickelt. Es wird auch kein Lehrer des Dschiu-Dschitsu seinen Zögling einseitig einen Teil des Körpers auf Kosten des anderen ausbilden lassen. Fängt ein Abendländer an, sich dem Dschiu-Dschitsu zu widmen, so tut er gut, sich zu notieren, erstens, wieviel er bei jeder einzelnen Übung zu leisten oder auszuhalten vermag, zweitens, wieviel Zeit jede Übung und auch die Atempausen in Anspruch nehmen. Auf dieser Grundlage kann er sich dann eine Tabelle entwerfen, aus der er genau ersieht, wieviel Zeit er jeden Tag auf die einzelnen Übungen verwenden soll und wieviel auf alle ein Tagewerk ausmachenden Übungen zusammen.

Stählen sich Muskeln, Lunge und Herz immer mehr, so kann der Anfänger unter steter Beobachtung der mehrfach oben eingestreuten Warnungen die Dauer der täglichen Übungszeit verlängern. Der Japaner pflegt nun diesen täglichen Unterricht hintereinander durchzumachen; für den von ruheloserem Leben umtobten Kaukasier wird es oft praktischer sein, wenn er den Unterricht in Dschiu-Dschitsu zur Hälfte vormittags und zur Hälfte am späteren Nachmittag oder am Abend nimmt.

 


 

Viertes Kapitel: Übungen zur Ausbildung der Beine. Damit verbundene Kräftigung der Arme.

 

Während bei den japanischen Athleten auf die Entwicklung der oberen Körperhälfte – natürlich mit Einschluß gründlicher Ausbildung der Arme – der größte Wert gelegt wird, verwendet man in den Dschiu-Dschitsu-Schulen nur wenige Tage auf die ausschließliche Stählung der Beinmuskeln.

Bei den Beinübungen kommt, wie bei denen der Arme, der Grundsatz des Gegendruckes zur Anwendung; immer hat der Verteidiger allmählich dem Drucke des Angreifers nachzugeben. Wer von den beiden stärker ist, das kommt nicht in betracht; derjenige, welcher die Rolle des Verteidigers übernimmt, muß eben unter allen Umständen zurückweichen, aber mit solchem Widerstreben, daß alle in Betracht kommenden Muskeln beider Kämpfer gründlich geübt und so kräftig angespannt werden, als ohne gegenseitige körperliche Schädigung möglich ist.

Als erste Beinübung pflegt in den Dschiu-Dschitsu-Schulen folgende angewendet zu werden. Die Gegner setzen sich Auge in Auge auf den Boden oder auf die Erde. Die Beine werden nach vorne ausgestreckt, der Rumpf ist aufgerichtet und stützt sich auf die steifgehaltenen mit der flachen Hand gegen den Zimmerboden oder die Erde gepreßten Arme, welche wie die Hände bei der Übung stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Nun legt einer die Sohle seines rechten Fußes an die des linken Fußes seines Gegenübers, worauf beide Gegner ganz langsam die betreffenden Füße vom Boden möglichst hoch emporheben und zwar unter steter Anwendung größtmöglichen Druckes. (Tafel8.)

Das Ziel, das beide erstreben, ist die Ausübung eines solchen Druckes auf den Fuß des Gegners, daß dieser sich notgedrungne auf den Rücken niederlassen muß. Es empfiehlt sich, diese Übung im Anfang rein passiv auszuführen, das heißt so, daß der Verteidiger keinesfalls aus seiner defensiven Rolle heraustritt und demnach beide Ringer abwechselnd obsiegen. Später kann dann dieser Sport – denn dazu entwickelt sich die Übung – bei ungefähr gleich starken Gegnern – einen noch größeren Reiz dadurch erhalten, daß beide mit aller Kraft den Gegner auf den Rücken niederzuzwingen trachten. Die beschriebene Übung läßt sich ganz gut in Turnschuhen ausführen, die Japaner pflegen dabei allerdings nur Strümpfe an den Füßen zu tragen.

An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, daß weder die früheren Samurai noch ihre heutigen Nachkommen eine Seite des Körpers irgendwie vor der anderen bevorzugten. Linker Arm und linkes Bein erhalten genau die gleiche Ausbildung wie die rechtsseitigen Glieder.

Bei dem nun folgenden „Gang“ sitzen die Gegner in der gleichen Körperhaltung wie bei der letzten Übung auf dem Boden. Diesmal werden aber die beiden Knöchel der beiden rechten oder der beiden linken Füße der Gegner mit der inneren Beinseite gegeneinander gedrückt. Wie vorher auf Arme und Hände gestützt, heben beide gleichzeitig und langsam ihren rechten oder ihren linken Fuß, bis sie den höchsten Punkt erreicht haben, wo sie sich ohne Schwierigkeiten aufrechthalten können, und nun sucht jeder den Gegner auf die Seite, nach der hin er selbst drückt, hinüberzuwerfen. Auch diese Übung sollte anfänglich rein passiv ausgeführt werden, so daß die Gegner abwechselnd den Sieg davontragen, wenn auch erst nach hartnäckigem Widerstand des Angegriffenen. Später kann dann auch bei dieser Übung ein wirklicher Wettkampf mit Einsetzung der gegenseitigen Körperkräfte und Widerstandsfähigkeit stattfinden.

Die beiden folgenden „Gänge“, die der Dschiu-Dschitsu-Kursus nach genügender Einübung des Knöcheldrucks bietet, sind naheliegend. Sie unterscheiden sich von dem letzteren nur dadurch, daß die gezogenen Grenzen bleiben, später lernt der japanische Lehrling des Dschiu-Dschitsu, seinen Mann so weit nach rückwärts zu beugen, daß dieser nahe daran ist, auf den Boden zu fallen, worauf er den Gegner mit einem schnellen Ruck nach oben wieder in aufrechte Lage bringt. Anfänglich sind dies die beiden einzigen Kunstgriffe, die auf diesem Gebiet des Dschiu-Dschitsu gelehrt werden. Sind die Zöglinge später auf der Kampfesstufe angelangt, so haben sie um den Preis der Geschicklichkeit zu ringen. Wem es dann gelungen ist, die Rockärmel des Gegners herunterzuziehen, der soll ihn auf den Boden bringen, sich auf ihn werfen und sein Knie gegen den Magen des Hingestreckten pressen.

Der Rudersport ist bei den Japanern verhältnismäßig jungen Datums, aber die Nachkommen der Samurai haben ihn ganz energisch aufgenommen. Man kann ihn daher als wichtige Ergänzung japanischer Methoden der Körperstählung bet