Dr. Helmut Minkowski, Das Ringen im Grüblein. Eine spätmittelalterliche Form des deutschen Leibringens. Vier frühe Drucke und Auszüge aus einer uneditierten Fechthandschrift. Verlag Karl Hofmann. Schorndorf bei Stuttgart 1963. Aus: Beiträge zur Lehre und Forschung der Leibeserziehung. Herausgegeben vom Ausschuß Deutscher Leibeserzieher. Bd. 16.
Die Quellen
Aus zwei Gründen nimmt das Grübleinringen unter den vielseitigen Leibesübungen des deutschen Mittelalters eine besondere und erwähnenswerte Stellung ein:
1. es handelt sich um eine eigenartige, sonst nicht bekannte From der sportlich-spielerischen Betätigung;
2. belegt ist es nur aus der Zeit zwischen 1500 und 1540. Die danach erscheinenden Fecht- und Ringbücher nennen es nicht mehr.
Recht zurückhaltend ist die seit 1800 veröffentlichte sekundäre turngeschichtliche Literatur und auch die fachlichen Handbücher neuester zeit nennen das Grübleinringen nur im Vorbeigehen. Das sind die Tatsachen. Sie bestimmen den Lauf unserer Untersuchung.
Manches spricht dafür, daß dem Grübleinringen keineswegs jene Eintagsbewertung zukommt, welche das geringe Schrifttum der älteren zeit zunächst vermuten läßt. Auch hier gilt die Erfahrung, auf die schon gelegentlich der Untersuchung über die Rechtsinstitution des Zweikampfes zwischen Mann und Frau hingewiesen wurde[i]: mangelt es an einer ausführlichen zeitgenössischen Überlieferung zur Pflege bestimmter Leibesübungen, so ist anzunehmen, daß sie in einem gebietlich scharf umgrenzten Raume von einem Bevölkerungsteile getrieben wurden, für den die schriftliche Festlegung der Kampfregeln nicht unbedingt erforderlich war.
Die uns erhalten gebliebenen Belege für das Grübleinringen befinden sich
1. in einer noch nicht publizierten Fechthandschrift des 16. Jahrhunderts, die hier als Berliner oder Burckhardt-Schönauersche Handschrift bezeichnet wird[ii] (d.i. Ms. Germ. Quart 2020);
2. in drei Drucken aus dem 1. Jahrzehnt des 16 Jahrhunderts[iii];
3. in einer acht Seiten umfassenden Bilderfolge im Anhang der „Ringer kunst“ des Fabian von Auerswald (Wittenberg 1539)[iv].
Dies sind die Quellen, mit denen wir uns zu befassen haben. Von geringerer Bedeutung sind die Erwähnungen in der sekundären turngeschichtlichen Literatur. Auf sie sein zunächst eingegangen.
(1) Die früheste referierende Beschreibung des Grübleinringens findet sich bei Johann Ernst von Auerswald, einem Nachlommen des Fabian von Auerswald. Seine Dissertation „De veterum arte luctandi“ (Wittenberg 1720) sammelt belesen philologisch-historische Belegstellen zur Pflege der Leibesübungen in der Antike und zitiert zeitfremd den Grbleintext aus dem Fabian von Auerswald[v]. Es ist einMerkmal dieser Dissertation wie überhaupt der zopfigen zeit, zu der sie geschrieben wurde, daß die Erwähnung einer alten eigenständigen deutschen Art von Leibesübungen (die mit Beginn des 17. Jahrhunderts schon gänzlich zugunsten italienischer und französischer höfisch-ritterlicher Vorbilder aufgegeben war) nichts weiter bedeutet als eine historische Reminiszenz, welche die Belesenheit des Doktoranden auch für die neuere zeit belegen sollte. Sie beasgt nicht, daß es dem Auerswald-Enkel um eine Weiderbelebung dieser Art von geselligem Ringen zu tun gewesen wäre. Hierzu war die Zeit überhaupt noch nicht reif.
(2) Nach weiteren hundert Jahren erinnert man sich zum zweiten Male des Auerswaldschen Ringerbuches. Friedrich Ludwig Jahn erwähnt es beiläufig in der „Deutschen Turnkunst“ als „ein gründliches Buch, was in eine größere deutsche Turnkunst aufgenommen zu werden verdient“[vi]. Es ist nicht klar, weshalb Jahn so ein lobenswertes Werk wie das des Fabian von Auerswald nur mit dieser knappen Bemerkung bedenkt[vii]. Denn in den Jahren, indenen das deutsche Turnwesen entstand, sich in philologischer Kärrnerarbeit eine patriotische Deszendenz zimmerte und in deutschem Geist den Leib kräftigte, hätte das Ringerbuch des Auerswald sehr wohl zu einem grundlegenden Werke werden können. Ferner macht es stutzig, daß Jahn die bei Auerswald so deutlich beachtete Unterscheidung zwischen allgemeinem Ringen und Grübleinringen unerwähntnläßt, obwohl er an anderer Stelle obsoleter turnerischer Überlieferungen eingehender gedenkt[viii]. Beides läßt vermuten, daß Jahn die „Ringer kunst“ des Auerswald nur überschlägig gekannt und bei einer flüchtigen Durchsicht wohl ihren allgemeinen Wert, aber nicht die Besonderheit ihres Inhalts erfaßt hat[ix]. So blieb denn auch diese zweite Erwähnung, von Jahn als wohlwollende Aufmunterung gedacht, ohne Wirkung.
(3) Zum dritten Mal wird das Werk Auerswalds in einer Abhandlung über frühe deutsche Drucke genannt[x]. Sotzmann (im „Serapeum“) erkennt als erster, daß das Grübleinringen als ein Anhang zu der allgemeineren „Ringer kunst“ des Auerswald zu gelten hat. Sotzmann (von Beruf Geheimer Oberfinanzrat in Berlin und aus Neigung ein Sammler) führt seine Untersuchung als turngeschichtlich interessierter Bibliophile, der Freude an der Netdeckung und Beschreibung von Unica hat, ohne die gewonnene Einsicht und historische Aufhellung für die gegenwart anders als in einer gründlichen und trockenen Mitteilung über das Gefundene auszuwerten.
(4) Den vierten Hinweis auf Auerswald gibt Karl Wassmannsdorff. Er empfiehlt in einer Anmerkung seiner „Würdigung der Spieß’schen Turnlehre“: „Wer Altes auch für den Rung wieder erwecken will, siehe Fabian v. Auerswalds Ringerbuch genauer nach; wo zum Beispiel auch das „Ringen im Grüblein“ eine scherzhafte Übung darbietet“[xi]. Das war im Grunde nicht mehr als die Erwähnung bei Jahn und ganz entsprechend blieb auch diese wohlwollende Empfehlung ohne Wirkung. Wichtig an der Mitteilung ist nur, daß auch sie – wie es schon bei Sotzmann geschehen war – das Grübleinringen als turnerische Besonderheit erkennt und es damit von den sonstigen Ringübungen abtrennt.
(5) Bis zur nächsten, der fünften Erwähnung der Auerswaldschen Ringerkunst vergehen weitere 20 Jahre. J.C. Lion veröffentlicht eine kurze biographische Bemerkung zum Leben und Wirken des Fabian von Auerswald und fügt eine verkleinert nachgeschnittene Wiedergabe der acht Grübleinszenen bei. Lion urteilt zutreffend, daß die darstellungen in sich geschlossen dem Gesamtwerke angehängt sind und eine Untergruppe zum Hauptthema bilden. Er sieht in den acht Szenen „eine eigentümliche Art scherzhaften Hinkkampfes“ und begnügt sich mit dieser Erläuterung. Daß er die Bilderfolge umstellt, ist eine Eigenwilligkeit[xii].
(6) Die Veröffentlichung von Lion bringt die erste Wallung in die bis dahn so geruhsame Sekundärliteratur. H.F. Maßmann, der Grobian unter den ohnehin nicht friedfertigen Turnphilologen („der die unsauberen Bücher verbrannt hat auf der Wartburg“[xiii]), weist mit erhobenem Zeigefinger auf die Mehrdeutigkeit des Wortes „grübeln“. Die Ausfürhungen werden freilich nicht weiter beachtet[xiv].
(7) Als siebter beschäftigt sich G.A. Schmidt mit dem Auerswald. Von ihm stammt die erste Neuausgabe des Wittenberger Druckes. Karl Wassmannsdorff steuert einen schmalen Kommentar bei. Schmidt macht jedoch nicht darauf aufmerksam, daß das Grübleinringen besonders zu beachtender Anhang des Werkes ist, noch tut das Wassmannsdorff. Im gegenteil, sein Seitenkommentar läßt das Grübleinringen überhaupt aus[xv].
(8) Ein Jahr später behandelt Wassmannsdorff das Thema etwas eingehender, und zwar in der „Ringkunst des deutschen Mittelalters“. Bei dieser Gelegenheit bietet er erstmals Auszüge von wenigen Zweilen Umfang aus der (hier noch ausführlicher zu besprechenden) Berliner Fechthandschrift[xvi].
(9) Ein weiterer Abdruck aus dem Buche von Wassmannsdorff erscheint im folgenden Jahr in der deutschen Turn-Zeitung. Ihm sind jetzt die nachgezeichneten und verkleinert wiedergegebenen Illustrationen der Handschrift beigefügt[xvii].
(10) Und dieser vermehrte Abdruck geht mit einigen Änderungen und Ergänzungen über in ein weiteres Werk von Wassmannsdorff, in „Das ... erste deutsche Turnbuch“[xviii]. Damit ist alles über das Grübleinringen bis dahin bekannte – dem damaligen Stande turngeschichtlicher Kenntnis entsorechend – mitgeteilt. Alle Fragen über Herkunft, Verbreitung und Überlieferung wurden nur gestreift, jedoch nicht eingehender erörtert. Selbst die Handschrift, die Wassmannsdorff als einziger Turnhistoriker einzusehen gelegenheit hatte, wird nur beiläufig erwähnt. Seine Mitteilungen beschränken sich im großen und ganzen auf die Feststellung, daß eine handschrift vorhanden ist, welche als einzige Darstellungen zum Grübleinringen enthalte. Danach breitet sich wieder Dunkel über die Handschrift aus und auch das Grübleinringen wird wieder vergessen.
(11) Die elfte Erwähnung des Grübleinringens geschieht 1887, als der Auerswald nochmals herausgegeben wird. Es handelt sich hier lediglich um eine Reproduktion des Bilderwerkes. Das Grübleinringen ist nur deswegen aufgenommen, weil es Teil des Originals ist. Die Ausgabe wird weder durch Einleitung noch Zusätze ergänzt[xix].
Damit ist die Sekundärliteratur , soweit sie die „Ringerkunst“ des Fabian von Auerswald betrifft, zusammengestellt.
Nur der Vollständigkeit wegen seien als (12) und (13) aufgeführt, daß Muther[xx] aus dem (später noch zu behandelnden) Sittich-Druck einen Holzschnitt und Diederichs[xxi] aus dem Druck von Sittich und dem von Wurm je zwei Holzschnitte abbildeten. Muther und Diederichs versahen die Reproduktionen mit einem schmalen und trotzdem keineswegs fehlerfreien Kommentar.
Die letzte (14) und (15) Erwähnung des Grübleinringens geschieht durch Hermann Altrock in zwei noch zu nennenden Werekn.
Die Fechthandschrift Ms.
Germ. Quart 2020
Zum Grübleinringen liegt nur eine handschriftliche Überlieferung vor[xxii]. Ehe erörtert wird, welche Beziehung zwischen ihr und den gedruckten Zeugnissen besteht, soll erst vorgetragen werden, was die Handschrift selbst zu sagen hat. Das wenige, was wir bisher von ihr wußten, geht auf Karl Wassmannsdorff zurück. Vor etwa 115 Jahren hatte er – damals als Turnlehrerin Basel tätig – Gelegenheit, sie einzusehen und dann – mit einem Abstand von 25 Jahren – auch geringe Auszüge mitzuteilen[xxiii].
Soweit es sich verfolgen läßt, befand sich die Handschrift in Schweizer Privatbesitz, jedoch wurde sie in den katalogen über die in der Schweiz befindlichen Handschriften nicht aufgeführt. Der erste nachweisbare Besitzer des Manuskripts war der Baseler Kunst- und Kulturhistoriker Jacob Burckhardt-Bachofen. Über ihn gelangt die Handschrift an den Baseler Kunstmaler Johann Ludwig Burckhardt-Schönauer (1807-1878)[xxiv]. Nächster Erbe war der Arzt Jean Louis Burckhardt in Davos-Platz. Er verkaufte die Handschrift 1923 an die Galerie Fischer in Luzern; von dort ging sie weiter an die kunsthandel A.-G. Böhler & Steinmeyer (Luzern) und dann auf Veranlassung des Berichterstatters 1938 (zum Preise von 6000,- sfr.) in die Handschritenabteilung der (ehemals Preußischen) Staatsbibliothek Berlin.
Die Handschrift ist in ein rötliches, mit einigen schmalen Goldleisten und –bändern verziertes Leder gebunden. Der Einband gehört der Mitte des 19. Jahrhunderts an und wird wohl von Burckhardt-Bachofen, dem ersten bekannten Besitzer, veranlaßt worden sein. Das papier mißt mit Toleranzen 20,4 cm Breite und 21,8 cm Höhe.
Die Ahndschrift ist Süddeutscher Herkunft: sprachlich gehört sie in das fränkisch-schwäbische Grenzgebiet zwischen Augsburg udn Nürnberg. Auch einige Wasserzeichen weisen auf Süddeutschland hin. Schrift, Bild, Kleidung und auch sprachliche Eigentümlichkeitzen lassen erschließen, daß der Codex zwischen 1510 und 1520 entstanden ist. Wahrscheinlicher ist die Zeit um 1520.
Zu den Wasserzeichen: ... (muß ich nicht haben)
Die Schreiberhände
Nur Auszug:
Die Bilderhandschrift [...] gehört in die Zeit des sterbenden Mittelalters und wurde von einem Freunde ritterlicher Künste in Auftrag gegeben (oder viellciht auch zum Teil selber angelegt). Die Neigung, in national-romantischer Rührung am Abend einer dahingeschwundenen Epoche Sammlungen aller erreichbaren Fecht- und Ringarten zusammenzutragen, ist für die Entstehungszeit dieses Manuskripts bezeichnend[xxv]. Ähnlich wie Paul Hector Mair, der augsburgische Ratsdiener, dem wir das „Dresdner Kunstfechthandbuch“[xxvi] verdanken (um dessentwillen er Unterschlagungen beging und hingerichtet wurde und in das er wahllos alles hineinstopfte, sogar Abschriften gedruckter Fechtbücher), so ist wohl auch der Auftraggeber unserer Handschrift gleicherweise von Sammelleidenschaft wie Abschiedsstimmung geleitet worden. Eben deswegen wurde auch das (uns nur hier handschriftlich überlieferte) Grübleinringen aufgenommen.
Leider wurde die Handschrift im Text nicht und auch nicht in den Illustrationen zu Ende geführt, und wohl nur deswegen wurde der in anderen handschriften häufiger behandelte, gerade in Süddeutschland verbreitete Brauch des Zweikampfes zwischen Mann und Frau ausgelassen. Es scheint sogar, daß die Arbeit an der Handschrift überraschend schnell eingestellt wurde, denn beim Roßfechten (fol. 182b) sind von der beabsichtigten Figur nur die Beine angedeutet; auf fol. 224b und 225b wurden die Zeichnungen nur im Umriß gegeben und nicht mehr koloriert. (Ein Maler aus neuester Zeit – sicherlich Burckhardt-Schnauer – hat dann auf fol. 223a eine Zeichnung mit Tusche ausgezogen und koloriert, dagegen nicht den Hintergrund ausgeführt.)
Eigentümlichkeiten der Handschrift sind weiterhin, daß – für diese Entstehungszeit ganz ungewöhnlich – auch das linke Blatt des aufgeschlagenen Bandes (also Seite b der Paginierung) mit Illustrationen versehen wurden und daß auf den fol. 25a und 184b sogar zwei Szenen ohne textliche Erläuterung übereinander gestellt wurden.
Bedauerlich ist die Unvollständigkeit der Handschrift in jedem Falle, weil die Darstellung des Grübleinringens etwas kurz gekommen ist. Mehrmals geben Blätter dieses Abschnittes nur das Bild, dagegen keinen ausfürhlich erläuternden text. Die Seiten 128b und 130a blieben sogar leer.
Die Miniaturen
Nur ein Auszug:
Als Kampfplatz dient eine im Hintergrund mit niedrigem Buschwerk umstandene Wiese. Zuschauer sind nicht anwesend. Das Grüblein ist ein von der Grasnarbe befreiter Fleck, nur wenig größer als die Fläche, die zwei leicht auswärts gewandte Füße einnehmen.
Die Ringer sind durchweg schlanke, kräftige Gestalten von 35 bis 49 Jahren. Gelegentlich ist der eine etwas älter als der andere. Ähnlich wie bei Auerswald, ist der Ältere dann als Lehrmnmeister zu erkennen. ... Die Ringer sind teils barhaupt, teils tragen sie ein Federbarett oder eine netzartige Haube. Die Kleidung entspricht der im ersten Viert5el des 16. Jahrhunderts üblichen Tracht. Geschlitzte Wämser und lange, eng anschließende, zum Teil gestreifte Strumpfhosen, die nur einmal (fol. 126b) auf dem linken Beine eine andere Farbe und Streifung zeigen als auf dem rechten.
Der Fuß der Ringer ist – für diese Zeit nicht ganz üblich – voll bekleidet, und zwar nicht nur in den Darstellungen des Grübelinringens, sondern auch in den Illustrationen der anderen Ringszenen. Es ist nicht erkennbar, weshalb hier von dem sonst geübten Brauch abgewichen wird, unbeschuht zu ringen. Die Ringer in den nur anderthalb Jahrzehnte älteren Drucken von Wurm und Sittich zeigen jedenfalls noch den unbekleideten Fuß. Eine Generation später, bei Auerswald, ist es schon nicht mehr üblich, barfuß zu ringen. Vielleicht muß man die in der Handschrift enthaltene Neuerung dahin verstehen, da der Wechsel vom unbekleideten zum bekleideten Fuß in die Jahre kurz vor 1520 fällt.
Das Grübleinringen, Text
und Bild
Die Handschrit enthält den bebilderten Bericht über das Grübleinringen auf den fol. 122a bis 128a. Mehrere Kunstwörter aus der Ringersprache des 16. Jahrhunderts sind uns heute nicht merh geläufig. Deswegen wird dem text eine neuhochdeutsche Übertragung beigegeben, während er frühneuhochdeutsche Text einen Vergleich mit den Drucken ermöglichen soll.
fol. 122 a (Haupttitel. Ohne Miniatur)
Ringen Im Griblein. Volgt.
fol. 122b: leer
fol. 123a (nur Miniatur und Titel)
Das warten im grublein &
fol. 123b:
Das ist ein stoß im Grubl
So du im grubl stest / im wartn / richt er sich dann auf wie hie gemalt / vnd vermaint mit ainem stos dich aus dem grubl zu pringen / So schickh dich also / ste vor mit deinem lincken fus felt er dich dann mit dem stos / zu dein rechtn seiten so treib das nachulget stuckh auf dem nachulgenden bletl /
Wenn du auf des Gegners Angriff wartend, im Grüblein stehst und er sich, wie hier gemalt ist, aufrichtet und gleubt, dich mit einem Stoß aus dem Grüblein zu bringen, so verfahre also: stelle das linke Bein vor (das rechte). Fällt er dich dann mit einem Stoß gegen deine rechte Seite an, so treibe das auf dem folgenden Blatte angegebene Stück.
fol 124a: (ohne Miniatur)
Stost er dich mit der rechtn hannt in die brust /
So stos imbs ab mit deinr linckhen / in sein arm ob seinem ebogen wie h.g. (hie gemalt) so mus er sich wenden / So magstu dann das sunen zaigen dreiben / : Also so du in den rechtn arm mit deinem lincken aufgestossen wie hie gemalt / vnnd dein lincker vues vorstet / so treib es wie hernach geschriben /
Stößt er dich mit der rechten Hand an die Brust, so stoße ihn ab, wie hier gemalt ist, mit deiner linken Hand an seinen /rechten) Arm oberhalb des Ellbogens. Dann muß er sich abdrehen und du kannst mit ihm das Sonnenzeigen (eine Kopfverrenkung) treiben. Wenn du nun an seinen rechten Arm mit deinem linken fortgestoßen hast, wie hier gemalt ist, und dein linkes Bein vorsteht, so verfahre, wie es auf der nächsten Seite beschrieben wird.
fol. 124b: (Ohne Miniatur)
So greif nach dem stos hintn in sein linck agsl / vnd reis in yber dein furgesetn fues / vnnd mit der rechtn hant stos in vorn oben in die brust /
Dann greife nach seinem Stoß (und nachdem du ihn links gedreht hast, mit der linken Hand von) hinten nach seiner linken Schulter, reiße ihn über dein vorgestelltes (linkes) Bein und mit der rechten Hand stoße ihn (gleichzeitig) oben an die Brust.
fol. 125a: (Ohne Miniatur)
Greifft er dir nach dem furgesetztn schenckhel
Greift er dich ob mit dem stos an mit beden hennden oder greift dir nach dem furgesetztn schenckhel / So merkh so er nach denn schenckhl greift / so schau eben auf in / gleich in seinem buckhen spring mit deim furgesetztn fues hin / hinter / vnd indes erwusch in bey seinen agsln vnd zuckh in seniem (sic!) bucken nach gegen dir deinem fues nach wie hie gemalt /
So er dich oben mit bedn henden fur brust stost / so fass in auch bey beden armen oder agsln / vnnd trit zu ruckh mit dem fur / gesetn fues vnnd reis in hin gen dir / Vnd spring mit dem rechtn fues aus der gruebn fur sein bed / vnd wirf in also gegen dir daryber / am negsten tail gemalt vnd mit dem O zaichn bezaihent /
Greift er deinen Oberkörper
mit einem Stoße seiner beiden Hände an oder greift er nach deinem vorgestellten
Beine, so gib auf sein Tun acht. Und wie er sich bückt, springe mit dem
vorderen Bein hinter das in der Grube stehende, fasse ihn gleichzeitig bei den
Schultern und ziehe ihn deinem Beine nach zu dir hin, wie hier (nicht)
gezeichnet ist.
Wenn er dich mit beiden Händen
oben an der Brust stößt, so fasse ihn auch bei beiden Armen oder an der
Schulter. Tritt mit dem vorstehenden (linken) Beine zurück, reiße ihn gegen
dich hin; schreite mit dem rechten Bein aus der Grube und stelle es vor seine
beiden Beine und wirf ihn mit einem Zuge gegen dich über das Bein, wie hier auf
dem nächsten Blatte bei dem Zeichen O
(nicht) gemalt ist.
fol. 125b: (Ohne Miniatur)
So er dich oben anstosst
(Die
inAntiqua schreibende Hand fügt hinzu:)
dauon Vinst am Vorieendten tails plats.
fol 126a:
Die Schwech im grubl[xxvii]
(Der
Antiquaschreiber fügt hinzu:)
So
ir also bey den armen gefast so magst ims auf schlahen Vnnd dann Was du wilt
fur ringen treiben.
Wenn ihr euch so (wie es das Bild zeigt) bei den Armen gefaßt habt, so
kannst du ihm die Arme wegschlagen und dann irgend ein Ringen, welches du
willst, ausführen.
fol. 126b:
fol. 127a:
fol. 127b:
fol. 128a:
fol. 128b:
[i] Minkowski, Über Zweikämpfe zwischen Mann und Weib. In: Leibesübungen und körperliche Erziehung. Berlin 1934, H.2, S. 26ff. und S. 37.
[ii] Ms. Germ. Quart 2020 in der (ehem. Preußischen) Staatsbibliothek (Ost-) Berlin. Verlagert in das (Gräfl. Hochbergsche) Schloß Fürstenstein/Schlesien.
[iii] In dem Buch über Hans Wurm gibt es keinen Beweis oder weiteren Hinweis auf die Fatierung 1500, deshalb 1. Jahrzehnt des 16. Jh..
[iv] Ringer kunst: fünf und achtzig stücke ... durch Fabian von Auerswald zugericht. Wittenberg, Hans Lufft 1539. Unpaginiert. Der Anhang auf Bogen D 1a bis D 4b (= S. 78-85)
[v] Johann Ernst von Auerswald, De veterum arte luctandi. Diss. (Praes.: Ferdinand Wilhelm von Hartitzsch) Wittenberg 1720, S. 36ff. – Der Text des allgemeinen Leibringens nach Fabian von Auerswald erscheint hier auf S.24-35.
[vi] Friedr. Ludw. Jahn, Ernst Eiselen, Deutsche Turnkunst. Berlin 1816, S. 253. – Vielmehr als „beiläufig erwähnt“ war diese Buch in Jahns Bücherliste aufgenommen, welche die Abbildung seiner bisherigen und zukünftigen Planung enthält. Da die „Konstruktion“ seiner gesamten angestrebten Turnkunst trotz der Erscheinung dieses Buches noch lange nicht abgeschlossen war – wie die vielen noch zu beschaffenden Quellen in der Bücherliste eindeutig zeigen – ist davon auszugehen, das Jahn zusätzlich zu seinem formulierten Ringen den Auerswald nicht nur als „in eine größere deutsche Turnkunst aufgenommen zu werden verdient“ betrachtete, sondern diese auch in wie auch immer ausgeprägter From aufgenommen hätte. Das Turnverbot und Jahns Bedrängnis durch die Jahrelange Festsetzung in seinen besten Jahren mögen dies verhindert haben.
[vii] Die Formulierung Jahns weist doch wohl tatsächlich darauf hin, daß es seiner Meinung nach keine Erklärungsnot gäbe, sondern die Aufnahme der Auerswaldschen „Ring kunst“ in seine Turnkunst prinzipiell und planerisch schon fest steht. Sein Buch heißt auch „Deutsche Turnkunst“ und die Formulierung „in eine größere deutsche Turnkunst aufgenommen zu werden verdient“, weist mehr oder weniger deutlich auf einen geplanten Ausbau seines bisher geschaffenen Werkes hin.
[viii] Auch die Kürze der Erwähnung scheint nur zu bestätigen, daß Jahn die Annahme des Auerswald’schen Ringens fest geplant hatte. Dafür spricht auch, daß darin keine der ihm nicht genehmen „Mordstücke“ mit Schlagen oder Treten vorkommen, wie beispielsweise bei Dürer oder Petter.
[ix] Es mag sein, daß er diese Besonderheit nicht erkannte, doch mag wiederum die flüchtige Überblickung darin begründet sein, daß er den wert sehr wohl deutlich und sofort erkannte, und deshalb keine weitere Untersuchung für nötig hielt.
[x] Joh. Daniel Ferd. Sotzmann (1781-1866), Über ein unbekanntes xylographisches Meisterwerk. In: Serapeum. Ztschr. F. Bibliothekswissenschaft ... hrsg. Von Robert Naumann. Leipzig 1844, Nr. 3, S.41ff.
[xi] Karl Wassmannsdorff, Zur Würdigung der Spieß’schen Turnlehre. Basel 1845, S. 148.
[xii] J.C. Lion, Das Ringen im Grüblein. In: Deutsche Turn-Zeitung. Leipzig 1861, Nr. 27, S. 135-137.
[xiii] Allgemeine deutsche Biographie. Bd. 20, S. 569.
[xiv] Hans Ferdinand Maßmann (1798-1874), Fabian von Auersald. In: Deutsche Turnzeitung. Leipzig 1861, Nr. 31, S. 159.
[xv] Die Ringer-Kunst des Fabian von Auerswald, erneuert von G.A. Schmidt mit einer Einleitung von Karl Wassmannsorff. Leipzig, Priber 1869.
[xvi]
Karl Wassmannsdorff, Die Ringkunst des deutschen Mittelalters mit 119
Ringerpaaren von Albrecht Dürer. Aus den deutschen Fechthandschriften zum
ersten Mal herausgegeben. Leipzig, Priber 1870, S. VI.
[xvii] Karl Wassmannsdorff, Das Ringen im Grüblein nach einer Fechthandschrift des 16. Jahrhunderts. In: Deutsche Turn-Zeitung. Leipzig 1871, S. 122.
[xviii] Karl Wassmannsdorff, Das um das Jahr 1500 gedruckte erste deutsche Turnbuch neu hrsg. ... mit Zusätzen aus deutschen Fechthandschriften und 17 Zeichnungen von Albrecht Dürer. Heidelberg 1871, S. 81-89.
[xix] Fabian von Auerswald, Ringer Kunst. Hrsg. Von Ernst Wasmuth. Berlin 1887.
[xx]
Richard Muther, Die deutsche Bücherillustration der Gotik und Frührenaissance.
München 1884. Bd. I, S. 35, Nr. 211 (Text) und Bd. II, Abb.74. – Ferner Bd. I,
S. 105, Nr. 818.
[xxi]
Eugen Diederichs, Deutsches Leben in der Vergangenheit in Bildern. Jena 1908.
Bd. I, S. 39, Abb. 109-112.
[xxii] Ob es wirklich eine einzige handschriftliche Überlieferung ist? W.L. Schreiber nennt unter dem Stichwort Wurm im Lexikon d. ges. Buchwesens, Bd. III eine Augsburger Bilderhandschrift, nach der Wurm kopiert haben soll, aber gibt dazu keine nähere Angabe. Vergleichen mit Hinweisen aus „Das Landshuter Ringerbuch“.
[xxiii] K. Wassmannsdorff bringt in der „Ringkunst des deutschen Mittelalters“ (1870), S. 197-202 das Ringen des Meisters Andres Lintzinger = fol. 148b bis 159a der Handschrift, aber ohne die (einzige) Abbildung dieses Abschnittes. – In der Einleitung zum Nachdruck des Auerswald (Leipzig 1869) das „Buech vom Fuesringen“ = fol. 111a bis 112b der Handschrift. Ferner dort fol. 131a bis 147a als „das ander Buech im Rinngen“ von Meister Ott und das Ringen des Andres Lintzinger. – In „Das erste deutsche Turnbuch“ (1871) nimmt Wassmannsdorff (S. 83-89) die fol. 122a bis 128a (=Grübleinringen) und (S. 29-39) die fol. 111a bis 121b (=Hie hebt sich an das Buech vom Fuesringen). Beide Abschnitte mit den verkleinerten nachgezeichneten Illustrationen.
[xxiv] Wassmannsdorff nennte Burckhardt-Schönauers Vornamen irrtümlich Johann Jacob.
[xxv] Belege für die kompilatorische Neigng des ausgehenden Mittelalters aus einem verwandten Stoffgebiet bei Minkowski, Deutsche Ringbücher und Ringhandschriften. In: Leibesübungen und körperliche Erziehung. 1933, H. 12, S. 265ff. – Minkowski, Die Darstellung olympischer Wettkämpfe in einem deutschen Frühdruck vom Jahre 1536. In: Leibesübungen etc. 1936, H. 5, S. 98ff.
[xxvi] De arte athletica, geschrieben nach 1542 (zu erschlie0en aus Bd. II, fol. 42) und vor 1567. Früher unter C. 94 in der Sächs. Hofbibliothek Dresden.
[xxvii] Die Miniatur aus fol. 126a ist nahezu kongruent mit derjenigen aus fol. 113b, dort als „die sterck im rinngen“ bezeichnet. – Vielleicht ist dies nur eine darstellung, wie man Schwech und Sterck des Gegners herausfinden soll, deshalb die Übereinstimmung.