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• Geschichte des Kampfsports • Hermann Altrock: Geschichte des Kampfsports.
Geschichte
des Sports aller Völker und Zeiten, I.
Band. 9. Abschnitt. Geschichte des Kampfsports. S.386-388: Japan
Von
Hermann Altrock.
Direktor des Instituts für Leibesübungen
an der Universität Leipzig. Verlag E.A. Seemann, Leipzig 1926.
Japan. Es ist eine ziemlich verbreitete Annahme, daß
Ringen und Dschiu-Dschitsu eins seien. Das ist durchaus nicht so. Die Japaner
kennen eine sehr alte, lange vor Christi Geburt bekannte Art des Ringens unter
dem Namen Sumo (Abb. 400/401). Es ist das eine dem freien Stil entsprechende
Form, in der jeder schmerzhafte oder körperschädigende Griff verboten ist.
Diese Art des Ringens ist die noch allgemein verbreitete. Das Ringen findet auf
einer Plattform statt. Die Ringer ringen unbekleidet, tragen langes Haar und
als Kennzeichen eine Blume im Haar oder buntes Hüftband. Sieger ist derjenige,
der seinen Gegner zu Boden bringt oder von der Plattform drängt. Der altjapanische Ringkampf war das Vorrecht des Schwertadels. Er hat sich im Laufe der Jahrhunderte auf das ganze Volk ausgedehnt und ging allmählich in eine berufsmäßige Ausübung über, die aus den niedrigsten Volksschichten stammende Leute annahmen. 658 v. Chr. berichtet eine Urkunde von der Gründung einer besonderen Ringerzunft. Diese Ringerzunft hat in den massigen und an übergroßem Fettreichtum leidenden Gestalten einen Ringertyp geschaffen, den wir ablehnen. Eine Urkunde berichtet uns aus der zeit des 29-71 n.Chr., daß Taimono Kehaja, ein Edelmann, dem große Stärke und Klugheit nachgerühmt wurden den Kaiser bat, einen Wettkampf für ihn auszuschreiben, da er niemand fände, der seiner Kraft gewachsen wäre. Der Kaiser leitete seinem Wunsche Folge. Da meldete sich Nomi-no-Sukune. Er rang mit Kehaja und besiegte ihn. Sokune wurde dadurch im Lande so berühmt, daß ihn der Kaiser zu seinem höchsten Beamten im Lande ernannte, und daß man ihm Bildsäulen setzte. Im Jahre 858 n.Chr. wurde sogar um den Thron von Japan gerungen. Der Kaiser hatte zwei Söhne, die beide nach dem Thron strebten. Der Anspruch wird durch den Ringkampf entschieden. Koreshito, einer der Söhne, wurde zum Sieger erklärt und bestieg den Thron unter dem Namen Seiwa. Im 8. Jahrhundert, als Nara die Hauptstadt Japans war, richtete der Kaiser Shonin das Ringen als einen Bestandteil der Herbstfeste der Ernteleute ein. Da die folgenden Jahre sich als besonders fruchtbar erwiesen, so wurde das Ringen als ein Glück verheißendes Vorzeichen religiöser Art für gute Ernte angesehen (Reiswerfen der Sumo?). Die stärksten Leute aller Provinzen rangen miteinander. Die Regeln des Kampfes wurden aufgeschrieben, um Streitigkeiten zu vermeiden; der Sieger im Kampf wurde vom Kaiser zum Schiedsrichter der Kämpfe des folgenden Jahres bestimmt. Er wurde von Amts wegen angestellt und bekam einen Fächer mit der Inschrift: „Fürst der Löwen.“ Auf diesem Fächer waren seine Siege verzeichnet und die Glückwünsche der Fürsten.
Das
Ringen ist heute Pflichtfach in der Schule. Es ist Vorschrift, nur im Freien
und in der Sonne zu ringen. Der Stil ist durchweg Sumo, und erst nach dem
Verlassen der Schule wenden sich die Schüler ihren Neigungen nach dem Dschiu
zu.
Die
Japaner messen dem Ringen eine sehr große Bedeutung für das Größenwachstum zu.
So gegen japanische militärärztliche Untersuchungen an, daß die Mindestgröße
für den Eintritt in das Heer seit dem russisch-japanischen Kriege von 155 auf
157 cm erhöht werden konnte. Erst vor 200 Jahren entstand die Form des Kampfsports, die unter dem Namen Dschiu-Dschitsu in Europa bekannt geworden ist. Ihr Zweck ist das praktische Ziel der Selbstverteidigung, während Sumo mehr sportliche Ziele verfolgt. Wörtlich übersetzt bedeutet Dschiu-Dschitsu Technik des weichen schmiegsamen Ringens im rein körperlichen Sinne. Die Zahl seiner Anhänger blieb begrenzt. Erst vor ungefähr 30 Jahren trat ein Umschwung ein, als Shigoro Kano eine Reform des Dschiu-Dschitsu vornahm. Er schied die schweren, körperschädigenden Griffe aus und legte ein größeres Gewicht auf die geistige Mitarbeit. Die so entstandene Form führt heute den Namen Judo und wird nach japanischen Angaben von neun Zehnteln des Volkes ausgeübt. Judo bedeutet, ritterliche Art zu kämpfen, und ist eine durchaus sportliche Art, zu üben. Die Verwendung des Judo zu Kriegszwecken in einer besonderen Form wird mit Kendo bezeichnet.
Dschiu-Dschitsu-Schule. Japan. Um 1900 (nach Harrison, The fighting spirit of Japan. Es ist vielleicht interessant zu wissen, dass die 1982er Ausgabe dieses Buches von Harrison dieses schöne Bild nicht mehr enthält.
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