Hier eine kurze Geschichte aus der Zeit des Ryūkyū-Königreichs; und
gleichzeitig wiederum ein unvollständiger und unkonventioneller Ansatz:
Im Norden von Naha, Okinawa, liegt das Dorf
Chatan. Die letzte und achtzehnte Kata des Matsubayashi Ryū heißt Chatan Yara no
Kūshankū
北谷屋良の公相君
und es gibt auch eine Bō-kata im Ryūkyū Kobudō mit Namen Chatan Yara no Kun
北谷屋良の棍,
desweiteren eine Chatan Yara no Sai und Chatan Yara no Tunfa-Kata. Chatan Yara
soll 20 Jahre in China gelebt haben und dort Quanfa, Stockkampf und das
chinesische Schmetterlingsmesser (Vorläufer der Sai?) studiert haben. Zurück auf
Okinawa studierte er unter dem berühmten Kūshankū, der auch Lehrer von Sakugawa
war. Chatan Yara und Sakugawa waren die Prototypen der Verbindung von Karate und
Kobujutsu.
Unter der etwa 160 Inseln umfassenden Präfektur Okinawa findet sich auch die
Insel Hama Higa
浜比,
nahe an Okinawa selbst gelegen. Heutzutage für ihre Landwirtschaft und Fischerei
bekannt war Hama Higa bis in die 1960er Jahre fast gänzlich ohne Stromnetz und
die Dörfer Hama und Higa ohne befestigte Verbindungsstrasse. Mehrere Kobudō Kata
tragen den Namen Hama Higa und diese gehen höchstwahrscheinlich auf einen
gewissen Hama Higa Pechin zurück.
Chatan Yara und Hama Higa waren beide Pechin, d.h von quasi-militärischem oder
administrativem Rang, wobei die einzelnen Stufen des Pechin vom
Strassenpolizisten bis zum Gesandten reichen konnten. Da die Pechin Titel –
Chikudun, Chikdun Pechin, Satunushi, Satunushi Pechin und Pechin - im Ryūkyū
Rangsystem in der Familie erblich waren, wäre es möglich, über diese Verbindung
etwas mehr über die Familienumstände des Hama Higa Pechin und Chatan Yara zu
erfahren.
Dramaturgischer Szenenwechsel:
Go
碁,
ein Spiel, bei dem es darum geht, Gebiete auf dem Spielbrett zu erobern,
erreichte die Ryūkyūs wahrscheinlich von China aus und war innerhalb der
königlichen Familie, den hohen Beamten und der Priesterschaft als eine der "vier
Fertigkeiten" angesehen, zusammen mit Musik, Kalligraphie und Malerei. 1634 war
einer der berühmten Söhne Okinawas, Tsuhako Genju Pechin, Teil einer
Gesandtschaft der Ryūkyū s nach Edo. In Kyōto spielte und verlor er eine Partie
Go gegen San’etsu, den zweiten Honinbō.
Erklärung: In der Edo Zeit war Honinbō das Oberhaupt der Honinbō-Schule. Unter
den vier traditionellen Go-Schulen war die Honinbō die erfolgreichste. Der
letzte erbliche Honinbō, Shusai, gab seinen Titel an das Nihon Ki-in. Der Titel
wurde nun an Turniersieger vergeben.
Tsuhako erbat weitere Unterweisung, erreichte schließlich die Zertifizierung als
Sandan
三段
(3. Dan) und kehrte in seine Heimat zurück.
Regelmäßig wurden Gesandschaften nach Edo, dem
heutigen Tōkyō geschickt. Bei ihrer Audienz am Kaiserhofe Japans führten die
Gesandten der Ryūkyūs Beispiele ihrer Kultur vor.
Etwa 50 Jahre später war Dosaku (1645-1702), der vierte Honinbō, auf der Höhe
seiner Macht: er war 1678 zum Meijin-Godokoro ernannt worden. Meijin war ein
Titel im Go. Auf Japanisch wird dieser Titel durch die zwei Zeichen 名人
wiedergegeben. Einzeln betrachtet bedeutet 名
(Mei) "Name" oder "Ruf" und 人
(Jin) bedeutet "Person". Zusammen bedeutet dies "Meister, " "Experte" oder
"Virtuose." Godokoro war ein offizieller Rang, geschaffen in der Edo-Zeit.
Dieser Titel konnte ausschließlich von einem Meijin getragen werden.
König Shō Tei der Ryūkyūs hatte von Dosaku gehört. Ein Brief wurde an den Daimyô
Mitsuhisa Shimazu geschrieben, mit der Bitte um Erlaubnis, den besten Spieler
der Ryūkyū s zu einem Spiel gegen Dosaku zu entsenden. Diese Bitte gaben die
Shimazu an die Shōgunatsregierung in Edo weiter. Obwohl Dosaku als
unübertrefflicher Godokoro noch lange nicht gegen jeden spielen musste und
wollte, stimmte das Shōgunat der Bitte der Shimazu Familie zu. Als sich dann
1682 erneut eine Gesandschaft auf die Reise nach Edo machte, befand sich in
ihrem Gefolge der Pechin (Fürst; Verwalter) von Hama Higa, der beste Go-Spieler
der Ryūkyūs.
Am 24. Mai 1682 traf man sich in der Residenz der Shimazu. Dosaku erschien mit
fünf seiner Schüler. In Anwesenheit des Shimazu Daimyô gab Dosaku dem Pechin von
Hama Higa vier Steine Vorsprung, gewann aber trotzdem mit 14 Punkten Vorsprung.
Hama Higa Pechin bat um ein zweites Spiel, wobei es ihm gelang, den großen
Dosaku knapp zu schlagen. Später in Edo studierte Hama Higa die Spielzüge und
Strategien von Dosaku und entwickelte sich weiter. Vor seiner Rückkehr nach
Okinawa bat er um ein Diplom vom Meijin-Godokoro und ließ seine Bitte durch
Mitsuhisa Shimazu an den Godokoro überbringen. Da Dosaku den Hama Higa Pechin
sehr schätzte gewährte er diesem ein Diplom welches ihn als Spieler von einem
derartigen Rang auszeichnete, dass er gegenüber einem Nana Dan
七段
(7. Dan) nicht mehr als zwei Steine Vorsprung gewährt bekommen solle. Der
Shimazu Daimyô war sehr zufrieden und belohnte Dosaku mit 70 Silberstücken, 12
Rollbildern und zwei Fässern Reisschnaps, während Dosaku von Hama Higa Pechin
weitere 10 Silberstücke als Dank erhielt. Mit der Rückkehr des Hama Higa Pechin
auf die Ryūkyūs steigerte sich das Interesse am Go, welches auch vom König
unterstützt wurde.
So kam es, dass eine weitere Gesandtschaft im Jahre 1710 von einem Go-Spieler
namens Yara Satunushi begleitet wurde. Satunushi war ein geringerer Rang ähnlich
dem Herren eines Landgutes. Bei sich hatte der 15jährige Yara die Anfrage an den
Shimazu Daimyô, dass er – wie im Falle von Hama Higa – eine Partie Go gegen ein
Mitglied der Honinbō Familie spielen dürfe. Yara Satunushi war zu dieser Zeit
der konkurrenzlose Go-Spieler der Ryūkyūs. Um ihn auf die Spiele gegen die
Honinbō Familie vorzubereiten wurde ihm von den Shimazu erlaubt mit zwei Profis
zu trainieren, Saito Doreki und Nishimata In’etsu. Yara war ein fleissiger
Student von Dosaku’s Eröffnungen, die er nur von Hama Higa Pechin oder einem
seiner Schüler gelernt haben konnte.
In dieser Zeit war der Titel Godokoro in Japan Inoue Inseki
井上因碩 (Inoue Dosetsu Inseki,
1646-1719) anvertraut, um sozusagen den Platz für den jungen Honinbō Dōchi
道知
warm zu halten. So leitete Fürst Shimazu die Angelegenheit mit Yara Satunushi an
Inoue Inseki weiter. Der Termin wurde auf den 12. Januar 1711 festgelegt. Yara
erhielt zwei Steine Vorsprung. Wieder fand das Spiel in der Residenz der Shimazu
statt. Honinbō Dōchi gewann gegen Yara Satunushi, obwohl letzterer drei Steine
Vorsprung erhielt.
Weitere Spieler von Ryūkyū an diesem Tag waren der Chikudun Pechin von
Nakabaru (Chikudun Pechin war einer der unteren Ryūkyū Titel) und Kodama Kashun.
Unter den Gästen befanden sich der Prinz von Misato und der Prinz von Tomigusuku
豊見城,
sowie enge Gefolgsleute des Shimatsu Daimyô.
Yara Satunushi bat offiziell um ein weiteres Spiel gegen den Honinbō Dōchi.
Obwohl Dōchi selbst wohl zugestimmt hätte, erklärte der erfahrenere und
verantwortliche Inseki, dass Dōchi krank sei und setzte Aihara Kaseki an dessen
Stelle. Obwohl die Shimazu nicht an Dōchi’s Krankheit glaubten, stimmten sie dem
Spiel mit Aihara Kaseki zu und legten den Termin auf den 27. Januar 1711 fest.
Kaseki war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 13 Jahre alt.
Kaseki gewann mit zwei Punkten. Das Ergebnis wurde dem "Kommissar für Schreine
und Tempel" mitgeteilt, Ando Ukyoshin, der wiederum den Shōgun informierte, der
darüber äußerst zufrieden war.
Yara Satunushi kehrte um einige Erfahrung reicher in seine Heimat zurück. Um
jedoch nicht hinter dem Pechin von Hama Higa zurückzustehen, benötigte auch er
ein Diplom. Doch es gab zu der Zeit keinen Meijin-Gokoro. Inseki hielt den Platz
des Godokoro lediglich für Honinbō Dōchi frei, hatte selbst jedoch nicht den
Titel des Meijin inne. So schrieb Inseki ein Diplom, welches Yara’s Fähigkeiten
mit zwei Steinen Vorsprung dem eines "Guoshou" festlegte und unterschrieb: Inoue
Inseki, "Daguoshou" von Japan (Guoshou war ein chinesischer Titel der einen
anerkannten Spitzenklasse-Spieler ausweist. Daguoshou ist eine Steigerung
davon.)
Linkes Schild:
恩謝正使
Oberster Gesandter zur Danksagung. Rechtes Schild:
中山王府
"Chūzan Königs-Amt." (aus dem Ryūkyū Kuni Raiheiki, 1832)
Zurück zum Kobudō
Richard Kim veröffentlichte zwei Bücher:
Kobudō. Okinawan Weapons of Hama Higa, Masters
Martial Arts Supply, 1985
Kobudō. Okinawan Weapons of Matsu Higa, Masters
Martial Arts Supply, 1983
Dies bedeutet, dass er von zwei verschiedenen Personen ausging; eine
Vorstellung, die sicher von einem Großteil der Fachwelt übernommen wurde.
Hama Higa Kobudō Kata
Die Hama Higa no Tunfa wurde von Yabiku Mōden
überliefert. Woher er sie hatte, ist unklar. Die Kata gelangte ins Ryūkyū
Kobudō von Taira Shinken
平信賢,
und wird auch in anderen Stilrichtungen geübt, bspw. im Matayoshi Ryū. Die
Versionen unterscheiden sich zum Teil.
Die Hama Higa no Sai wurde von Kenwa Mabuni und Kamiya Jinsei überliefert;
wiederum ist nicht klar, woher sie sie hatten.
Hama Higa Jime ist eine Insel, die im direkten Umfeld der Insel Okinawa liegt.
Sells wies jedoch darauf hin, dass es eine Person mit dem Namen Hama Higa gab:
"Die Insel Hama Higa war Verwaltungsgebiet und Familienerbe von Hama Higa
peichin." Pechin (oder Peichin) war ein offzieller Rang innerhalb des
Klassensyetms des Ryûkyu Königreiches.
Es wurde von verschiedenen Autoren darauf hingewiesen, dass die Hama Higa no
Tunfa von der älteren Matsu Higa no Tunfa abgeleitet wurde.
Für Matsu Higa werden verschiedene Lebensdaten gegeben: Sells schrieb, dass er
um 1700 auf der Insel Hama Higa lebte, weitere Daten sind 1663-1738 und 1790-1870.
Matsu Higa soll dem Kobujutsu eine Sai- und eine Tunfa-Kata beigesteuert haben;
zum Teil finden sich auch Hinweise auf eine Matsu Higa no Kun. Er soll derjenige
gewesen sein, der die Tunfa als Waffe auf die Ryūkyūs brachte. Deshalb müsste
die Matsu Higa no Tunfa bereits existiert haben, bevor die Hama Higa no Tunfa
entwickelt wurde.
Es gibt verschiedene Berichte über einen Mann namens Hama Higa, einen Adeligen,
einen Pechin der Ryūkyūs, dem die gleichnamige Insel Hama Higa Jime
浜比嘉島
als Verwaltungsbezirk unterstand.
Jiifa, die Haarnadel, war eines der Utensilien,
über die durch Material und Gestaltung der Rang nach außen hin angezeigt wurde. Ryūkyū
Kuni Raiheiki, 1832.
Wie bereits beschrieben sandte König Shō Tei
尚貞
(1669-1709) von den Ryūkyūs im Jahre 1682 eine Tributmission in das über 1.000
Kilometer entfernte Edo
江戸,
das heutige Tōkyō
東京.
Im Gefolge befand sich der Pechin von Hama Higa
Laut einem gegeben Datum soll Matsu Higa um 1700 – mit einiger Toleranz – auf
der Insel Hama Higa gelebt haben. Unsere jetzt auch historisch geprüfte Figur
des Hama Higa Pechin spielte eine Partie Go im Jahre 1682 und war Verwalter der
Insel Hama Higa. So wäre es bei diesem Wissenstand durchaus denkbar, dass es
zwischen diesen beiden Männern eine Verbindung gab.
Matsu Higa’s guter Ruf als Kampfkünstler führte vielleicht bereits zu seiner
Bekanntschaft mit Takahara Pechin, der wiederum der erste Lehrer von Sakugawa
Kanga war. Da beide genannten – Takahara und Sakugawa – zur Klasse der Pechin
gehörten, hatte Matsu Higa offensichtlich Zugang zu den höheren Kreisen dieser
Pechin-Klasse, und da er zumindest zeitweise auf der Insel Hama Higa gelebt hat,
kannte Hama Higa Pechin ihn sehr wahrscheinlich.
Prüfen wir weitere vorhandenen Daten der Karate- und Kobudōliteratur, finden wir
den Knackpunkt dieser historischen Verwirrung. In der von Inoue Kishō
überarbeiteten Version von Taira Shinken‘s Ryūkyū Kobudō Taikan wird auch der
Go-spielende Hama Higa Pechin von 1682 erwähnt. Doch nicht nur Go wurde
erwähnte, sondern auch der gesuchte Hinweis, dass Hama Higa Pechin in Edo vor
dem 5. Tokugawa Shōgun - Tokugawa Tsunayoshi
徳川綱吉
(1646-1709) - Tōde (Karate) und Saijutsu vorführte.
Hama Higa Pechin kannte also bereits 1682 eine Methode des Umgangs mit den Sai
und Tōde, und da er dies vor dem Shōgun vorführen durfte, bedeutet, dass er ein
Experte war. Da Matsu Higa die Tunfa auf die Ryūkyūs brachte und zumindest
zeitweise auf der Insel Hama Higa lebte, und der Pechin von Hama Higa eine
eigene Tunfa Kata entwickelte, scheint es offensichtlich, dass Matsu Higa dem
Hama Higa Pechin den Umgang mit den Tunfa beigebracht hat und beide etwa zur
selben Zeit lebten.
Hama Higa Pechin scheint ein Leben geführt zu haben, welches ein Beispiel für
Bunbu-ryōdō
文武両道
ist – den zweifachen Weg des Schwerts und des Pinsels – da er nicht nur ein
hochrangiger Pechin und ausgezeichneter Go-Spieler war, sondern auch ein Experte
in den Kampfkünsten. Die Sai waren Waffen die typischerweise nur von
Sicherheitspersonal oder Beamten der Ryūkyūs benutzt wurden. Dass dieser Hama
Higa Pechin auch die Tunfa als Waffe aufnahm – welche oft fälschlicherweise als
Bauernwaffe beschrieben wird – ist ein frühes Beispiel dafür, wie die höheren
Ryūkyū-Ränge neben den offiziellen Sai auch Waffen benutzten, die nicht direkt
als solche erkennbar waren. In diesem Sinnen sind die Ryūkyū Kobudō Waffen
tatsächlich eine besondere Form der Kakushi Buki
隠し武器,
oder versteckte Waffen.
John Sells datiert die Geburt des angenommen Gründers der Hama Higa Kata etwa
140 Jahre später als das oben erwähnte Ereignis des Go-spielenden Hama Higa
Pechin. Nach Sells’ Analyse müsste der Kata-Gründer Hama Higa ein Nachfahre des
Go-spielenden Hama Higa Pechin gewesen sein. Tatsächlich handelte es sich bei
diesem späteren Hama Higa Pechin um einen Offiziellen, der dem Shōgun in Edo
über den "Indian Oak"-Vorfall von 1839 berichtete. Das
HIER zu findende bekannte Bild zeigt diesen Hama Higa Pechin, der hier auch
als Machu Hija (Matsu Higa) gegeben wird, und zwar mit den zu den weiter oben
genannten Lebendaten Matsu Higa’s mit 1790–1870. (Dies war letztendlich das
entscheidende Puzzleteilchen. Sells führte in seinem Unante (1996) noch aus,
dass dieses Bild nicht Matsu Higa sein könne, da die Lebensdaten eine
Photographie unmöglich machen. Andere Autoren waren selbst davon weit entfernt.)
Da der Pechin Rang in der Familie vererblich war, ist der frühere Hama Higa
Pechin (1663–1738) wohl ein Vorfahre des späteren Hama Higa Pechin (1790–1870)
gewesen, von dem wir wissen, dass sein richtiger oder sein Spitzname Matsu Higa
war.
Deshalb muß gefolgert werden, dass es nie zwei Personen - Matsu Higa und Hama
Higa – gab, sondern dass es nicht nur (mindestens) zwei Hama Higa Pechin gab,
sondern dass beide auch den Namen Matsu Higa trugen. Ob der frühere Hama Higa
Pechin (1663–1738) den Namen Matsu Higa lediglich durch die Verwirrung mit dem
späteren Hama Higa Pechin (1790–1870) erhielt, ist unklar, aber irrelevant.